mini|350px|Akute Uveitis mit Hornhautödem und komplett getrübter Linse bei einem Islandpferd Die Equine rezidivierende Uveitis (zusammengesetzt aus equus = lat. „Pferd“, recidere = lat. „zurückfallen“ und Uveitis), abgekürzt ERU, umgangssprachlich auch als Mondblindheit oder Periodische Augenentzündung bezeichnet, ist eine entzündliche Erkrankung der mittleren Augenhaut (Uvea) des Auges bei Pferden. Sie kann ein- oder beidseitig vorkommen und tritt – im Unterschied zu einer einmalig auftretenden Uveitis – typischerweise in unterschiedlichen Intervallen rezidivierend, also wiederkehrend, oder chronisch schleichend auf. Die Funktion des Auges wird im Verlauf der ERU immer mehr durch Schädigungen innerer Augenstrukturen beeinträchtigt. Vor allem bei Nichtbehandlung der Erkrankung kann sie innerhalb kurzer Zeit zur vollständigen Erblindung führen. Eine Heilung der ERU ist nicht möglich. Aktuelle Therapieansätze zielen deshalb auf den bestmöglichen Erhalt der Sehkraft des befallenen Auges und auf eine Verminderung der Entzündungsprozesse im Auge ab.

Obwohl bei vielen Fällen der ERU ein Befall des Auges mit Bakterien der Gattung Leptospira, also eine Leptospirose feststellbar ist, nimmt man mittlerweile an, dass ERU nicht direkt oder zumindest nur teilweise auf diese Infektion zurückzuführen ist. Aktuelle Forschungsergebnisse führten zu der heute wissenschaftlich akzeptierten Hypothese, dass es sich bei der ERU um eine immunassoziierte Erkrankung verschiedenster Ursachen handelt.

Die ERU gehört zu den wichtigsten Erkrankungen des Pferdes und hat eine hohe veterinärmedizinische Bedeutung als häufigste Augenerkrankung bei Pferden. Etwa 8 bis 12 % der Pferde des weltweiten, von Menschen genutzten, Pferdebestandes (bestehend aus Hauspferd, Freizeitpferd, Arbeitspferd und Sportpferd) erkranken. Die wirtschaftliche und rechtliche Bedeutung der ERU ist immer noch sehr hoch. Unter der Bezeichnung „Periodische Augenentzündung“ gehörte die ERU bis zur Reform des Schuldrechts des BGB am 1. Januar 2002 zu den in der Kaiserlichen Viehmängelverordnung von 1899 definierten Hauptgewährsmängeln beim Pferd.

Veterinärmedizinische Bedeutung Die frühere und auch heutige veterinärmedizinische Forschung und die daraus folgenden Publikationen zu der ERU konzentrieren sich in der Regel auf domestizierte Pferde. In früheren Zeiten hatte das Pferd als Nutz- und Arbeitstier, welches in weitaus größerer Anzahl als heute vorhanden war, eine hohe sozioökonomische BedeutungBernhard M. Spiess: Equine recurrent uveitis: the European viewpoint. S. 50, die es heute allenfalls noch bei professionellen Sportpferden gibt.Brian C. Gilger: Equine recurrent uveitis: The viewpoint from the USA. Trotz der durch die Industrialisierung stark zurückgegangenen Zahl an Nutzpferden ist die Bedeutung des Wirtschaftsfaktors Pferd (horse industry) immer noch hoch und dementsprechend sind Pferde Gegenstand intensiver veterinärmedizinischer Forschung.

Die ERU ist weltweit verbreitet und die vorherrschende Ursache für eine krankhaft erworbene Blindheit bei Pferden.R. E. Halliwell, M. T. Hines: Studies on equine recurrent uveitis. I: Levels of immunoglobulin and albumin in the aqueous humor of horses with and without intraocular disease. Current Eye Research, 4 1985 Schätzungen der Befallsquote reichen dabei von circa 7,6 % bis 12 % der weltweiten Pferdebestände.Bernhard Spiess: Equine recurrent uveitis. Schweizer Archiv für Tierheilkunde, 139, 1997 Gilger und Michau gehen bei dem gesamten Pferdebestand der Vereinigten Staaten von einer Befallsquote von 8 % aus.Brian C. Gilger, Tammy Miller Michau: Equine recurrent uveitis: new methods of management. S. 417 Nach einer Studie zeigen sich bei rund 8 % des in Westdeutschland gehaltenen Pferdebestands symptomatische Veränderungen, die auf eine ERU zurückzuführen sind.Hartmut Gerhards, Bettina Wollanke: Equine rezidivierende Uveitis. S. 775 Andere Quellen schätzen die Befallsquote auf bis zu 12 % der Pferdebestände.Jószef Tóth, Josef Hollerieder und Péter Sótonyi: Augenheilkunde beim Pferd. Lehrbuch und Atlas. S. 180

Einer Studie des Departements für Pferde der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich zufolge ist die ERU mit 32 % die insgesamt am häufigsten diagnostizierte Augenerkrankung bei Pferden. Die initiale, ERU auslösende, Uveitis kann bei Tieren jeden Alters auftreten. Statistische Daten einer Untersuchung an insgesamt 68 Tieren in den Vereinigten Staaten und Kanada wiesen auf eine besondere Häufung der Ersterkrankung von Pferden im Alter von 4 bis 6 Jahren hin.M. Nelson: Equine recurrent uveitis, a report of 68 horses in the United States and Canada. ERU Network 1995. Nach Gilger ist die Rasse ein wichtiger prädisponierender Faktor. So sind je nach Rasse 2 bis 25 % der Tiere betroffen. Als besonders anfällige Pferderassen gelten Appaloosa.Brian C. Gilger, Tammy Miller Michau: Equine recurrent uveitis: new methods of management. S. 426

Geschichte ERU-typische Erkrankungssymptome werden für Pferde schon seit der Antike beschrieben.eyevet.ch: Mondblindheit/Periodische Augenentzündung/rezidivierende Uveitis. Abgerufen am 20. Januar 2025 Eine vermutlich erste Erwähnung der Krankheit wird Plinius dem Älteren in seiner Naturalis historia zugeschriebenD. Braun: Die Geschichte der Erforschung und Behandlung der „Periodischen Augenentzündung“ des Pferdes im deutschsprachigen Raum von 1750–1950.: „quo turpior homini inscientia est fatenti praecipue iumentorum quorundam in oculis morbos cum luna increscere ac minui.“ In spätrömischer Zeit wird in dem veterinärmedizinischen Werk Digesta Artis Mulomedicinae des Flavius Vegetius Renatus erstmals der Begriff oculus lunaticus für die Krankheit geprägt. Man vermutete Einflüsse des Mondzyklus und sah einen Zusammenhang zwischen der abnehmenden Mondphase und der periodisch wiederkehrenden Entzündung, die letztendlich in den meisten Fällen zur „Mondblindheit“ führte. Gängige Behandlungsmethoden waren damals lokale Aderlässe und Umschläge.

Auch im Mittelalter wandte man mangels besseren Wissens in der Regel nur verschiedene Formen des Blutentzugs an, wie beispielsweise das Augstallschneiden oder das Mäußeln, bei denen verschiedene Muskelstränge im Augenbereich durchtrennt wurden und Blut entzogen wurde. Mit den allgemeinen technischen und wissenschaftlichen Fortschritten im 18. Jahrhundert wurden auch das etablierte Wissen und die Behandlungsmethoden zur ERU zunehmend in Frage gestellt. Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts erschienen erstmals Werke zur Augenheilkunde beim PferdC. W Ammons: Abhandlung über die Natur und Heilung der Augenentzündung bei Pferden. 1807 und F. Toggias: Von den Ursachen der Blindheit bei Pferden. 1821., welche die bisherige Untersuchung und Behandlung der ERU zum Teil in Frage stellten. Mit der Entdeckung der Wirkung von Belladonnaextrakt als pupillenerweiterndes Medikament (Mydriaticum, 1800) und des 1851 von Hermann von Helmholtz erfundenen Augenspiegels, deren Anwendung in der Veterinärmedizin allerdings erst Jahrzehnte später etabliert wurden, standen erstmals Instrumente für eine genauere Untersuchung der ERU zur Verfügung.

Entsprechend der Bedeutung des Pferdes, vor allem in Landwirtschaft und Militär, dem häufigen Auftreten der Krankheit und der erheblichen Nutzungseinschränkung des betroffenen Pferdes fand die Equine rezidivierende Uveitis vor allem im 18. und 19. Jahrhundert Eingang in die Rechtsprechung beim Pferdekauf. So wurde schon nach dem Allgemeinen Preußischen Landrecht, von 1794 bis 1900 gültig, ein 28-Tage-Rückgaberecht bei nach dem Kauf auftretenden Krankheitssymptomen festgeschrieben (dies betraf auch den Remontenankauf des Militärs).Eugen Fröhner: Gerichtliche Tierheilkunde. S. 4, 66. In der kaiserlichen „Verordnung, betreffend die Hauptmängel und Gewährfristen beim Viehhandel“ in der Fassung vom 27. März 1899 wird unter Paragraph 1, I, 5 die Periodische Augenentzündung als Hauptgewährsmangel genannt: „5. periodische Augenentzündung (innere Augenentzündung, Mondblindheit) mit einer Gewährfrist von vierzehn Tagen; als periodische Augenentzündung ist anzusehen die auf inneren Einwirkungen beruhende, entzündliche Veränderung an den inneren Organen des Auges“.Verordnung, betreffend die Hauptmängel und Gewährfristen beim Viehhandel – Volltext bei Wikisource. Zusätzlich waren die Regelungen zu den Hauptgewährsmängeln auch in den Paragraphen 481 bis 492 alter Fassung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) vorhanden, die bis zum 31. Dezember 2001 gültig waren.

Ätiologie Die Vorstellungen von der Krankheitsursache (Ätiologie) der ERU haben sich bis heute mehrfach gewandelt. Als Ursache vermutete man, neben dem Mondeinfluss, auch andere negative Einflüsse externer Faktoren wie Futter, Wasser und Bodenverhältnisse, Wurmgifte, Zahnwechsel oder ungünstige klimatische Bedingungen. Später kamen noch Durchblutungsstörungen im Kopfbereich des Pferdes durch Geschirrdruck und, nach entsprechenden wissenschaftlichen Entdeckungen, auch Vererbungskrankheiten, Infektionen oder Parasitenbefall in Frage.

mini|Aufnahme der Typus-Gattung von Leptospira: L. interrogans mit Rasterelektronenmikroskopie Die anfängliche Vermutung in der modernen Veterinärmedizin nach der Mitte des 20. Jahrhunderts, dass die ERU durch eine Autoimmunreaktion des Pferdes verursacht wird, gilt seit der Wende des 20. zum 21. Jahrhundert als überholt. Frühere Untersuchungen von Otto Gsell aus den 1940er Jahren wiesen erstmals eine Verbindung der Krankheitssymptome mit Bakterien der Gattung Leptospira nach. Die Bakterien aus der Gruppe der Spirochäten werden häufig von Pferden über verdorbenes Futter aufgenommen, in dem Exkremente (vor allem Urin) von Kleintieren wie Mäusen enthalten sind. Ebenfalls häuft sich das Auftreten der Krankheit bei Pferden, die in sumpfigen Gegenden gehalten werden, da dort häufiger Leptospiren vorkommen. Eine Untersuchung an 501 Pferden im europäischen Raum wies im Jahr 2000 bei 32,2 % der untersuchten Tiere Leptospiren nach. Davon konnten 78,2 % Leptospira kirschneri serovar Grippophytosa zugeordnet werden.R. A. Hartskeel, M. G. A. Goris, S. Brem, P. Meyer, H. Kopp, H. Gerhards, B. Wollanke: Classification of Leptospira from the Eyes of Horses Suffering from Recurrent Uveitis.

Wollanke fand bei ihren Untersuchungen ebenfalls von Leptospiren verursachte intraokulare Leptospirose, hier ausschließlich in den Augen von Pferden mit ERU. In 52,8 % der von ihr untersuchten ERU-Fälle ließ sich Leptospira direkt aus dem Auge (Glaskörper und Kammerwasser) isolieren, in 89,7 % der untersuchten Fälle wurden Antikörper gegen Leptospiren nachgewiesen.Bettina Wollanke: Die equine rezidivierende Uveitis (ERU) als intraokulare Leptospirose. Habilitationsschrift, Ludwig-Maximilians-Universität München, 2002 Es wurde deshalb allgemein angenommen, dass es sich bei der ERU um die Folge dieser speziellen bakteriellen Erkrankung, der Leptospirose, handelt beziehungsweise um eine allergische Reaktion auf das Eiweiß der Leptospiren oder auch auf körpereigene Antigene. Somit sah man die ERU letztendlich als eine wahrscheinlich immuninduzierte Erkrankung in Folge einer allergischen Reaktion bei einer persistierenden intraokularen Leptospirose an. Noch 2006 schrieben Gerhards und Wollanke, dass es sich aufgrund der Zusammenhänge zwischen dem nachgewiesenen intraokularen Leptospirenbefall und ERU-Symptomen bei ERU nicht um eine Autoimmunerkrankung, sondern um eine intraokulare Leptospirose handelt.Hartmut Gerhards, Bettina Wollanke: Equine rezidivierende Uveitis. S. 781