Als Pica oder Pica-Syndrom (nach „Elster“) wird eine seltene Essstörung bezeichnet, bei der Menschen Dinge zu sich nehmen, die allgemein als ungenießbar oder auch ekelerregend angesehen werden. Die ebenfalls übliche Bezeichnung Picazismus bzw. Pikazismus wurde früher für ungewöhnliche Essgelüste Schwangerer verwendet. Auch der Ausdruck Allotriophagie (von griechisch allotrios ‚fremd‘ und phagein ‚essen‘) ist eine Bezeichnung für dieses Syndrom.
Beim Pica-Syndrom handelt es sich im Gegensatz zu Anorexie und Bulimie um keine „quantitative“, sondern um eine „qualitative“ Essstörung.
Symptome und Beschwerden mini|Geborgener Mageninhalt mit gegessenen Fremdkörpern wie Nägeln u. a. Es werden Dinge gegessen, die nicht primär dem menschlichen Verzehr dienen, wie etwa Erde, Asche, Kalk, Lehm, Sand, Steine, Papier, Farbschnipsel oder Pflanzenteile. Die drei häufigsten Substanzen sind Erde, Stärke (sowohl Speisestärke als auch Wäschestärke) und (Wasser-)Eis. Manchmal werden auch Dinge verzehrt, die im Allgemeinen als ekelerregend gelten, wie etwa Exkremente, Staub und Abfall. Der Schausteller und Rekordhalter Michel Lotito (* 15. Juni 1950 in Grenoble; † 17. April 2006) litt am Pica-Syndrom, ohne gesundheitlichen Schaden zu erleiden.
Diagnostik
ICD-11 Die seit 2022 gültige ICD-11 ordnet die „Pica“ den „Fütter- und Essstörungen“ zu. Die Kriterien lauten:
Regelmäßiger Konsum von nicht-nahrhaften Substanzen, wie z. B. Nicht-Lebensmitteln und Materialien (z. B. Ton, Erde, Kreide, Gips, Kunststoff, Metall und Papier) oder rohen Lebensmittelzutaten (z. B. große Mengen Salz oder Maismehl).
Die Einnahme von nicht-nahrhaften Substanzen ist so hartnäckig oder schwerwiegend, dass eine klinische Behandlung erforderlich ist. Das heißt, das Verhalten verursacht aufgrund der Häufigkeit, Menge oder Art der aufgenommenen Substanzen oder Gegenstände Schäden oder erhebliche Gesundheitsrisiken oder Funktionsbeeinträchtigungen. Aufgrund des Alters und des intellektuellen Entwicklungsstands wäre zu erwarten, dass die Person zwischen essbaren und nicht essbaren Substanzen unterscheiden kann. Bei einer typischen Entwicklung ist dies etwa im Alter von 2 Jahren der Fall. Die Symptome oder Verhaltensweisen sind keine Manifestation einer anderen Erkrankung (z. B. eines Nährstoffmangels).
Nicht um eine Pica handelt es sich, wenn beispielsweise spitze oder andere Gegenstände von Gefangenen alleine zum Zweck geschluckt werden, eine Behandlung und damit die Verlegung aus einer Strafvollzugsanstalt zu erzwingen (siehe dazu Selbstverletzung und Suizid).
DSM-5-TR Das 2022 veröffentlichte DSM-5-TR, welches die „Pica“ ebenfalls den „Fütter- und Essstörungen“ zuordnet, verwendet folgende Kriterien:
A. Anhaltendes Essen von nicht nahrhaften Substanzen über mindestens einen Monat. B. Das Essen von nicht nahrhaften, nicht essbaren Substanzen ist für den Entwicklungsstand der Person unangemessen. C. Das Essverhalten ist nicht Teil einer kulturell akzeptierten oder sozial normativen Praxis. D. Wenn das Essverhalten im Zusammenhang mit einer anderen psychischen Störung oder einer medizinischen Erkrankung (einschließlich Schwangerschaft) auftritt, ist es so schwerwiegend, dass zusätzliche klinische Aufmerksamkeit erforderlich ist.
Für die Diagnose einer Pica wird nach DSM-5-TR ein Mindestalter von 2 Jahren empfohlen, um das entwicklungsbedingte normale In-den-Mund-Nehmen von Gegenständen durch Kleinkinder, das zur Verschluckung führt, auszuschließen.
Ursachen Als Ursache für das Pica-Syndrom wird eine neuropathologische Grundlage vermutet. Es betrifft relativ häufig geistig behinderte Menschen, Schizophrene, Schwangere und ansonsten gesunde Kinder. Demente, Autisten, Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen und Verwahrloste leiden ebenfalls überdurchschnittlich oft unter dieser Essstörung.
Auch ein Mangelzustand kann im Extremfall zu einer Pica führen, zum Beispiel ein ausgeprägter Eisenmangel oder ein Mineralstoffmangel. Die Pica ist somit keine Erkrankung, die zweifelsfrei rein psychisch begründet ist, sondern kann auch somatische Ursachen haben.
Bereits in den 1980er Jahren wurden verschiedene psychosoziale Risikofaktoren für die Entstehung von Pica bei Kindern identifiziert. Dazu gehören Stressoren wie die Trennung der Eltern, Misshandlung (Schlagen) und verschiedene Formen von Vernachlässigung.
Folgen und Komplikationen Pikazismus kann schwerwiegende Folgen haben, zum Beispiel Verstopfung, Beschwerden des Verdauungstrakts (Ileus und andere Erkrankungen) und Vergiftungen durch giftige Pflanzen bzw. Pflanzenteile. Selbst der Verzehr von relativ „harmlosen“ Dingen wie Erde, Lehm oder Asche kann zu Infektionen führen. Lang anhaltender Pikazismus gilt als Fehlernährung und kann durch Unterernährung (etwa beim Erdeessen durch Bindung von Mineralstoffen) zu Eisenmangel und Vitaminmangel führen; dies ist besonders bei Schwangeren und Kindern schwerwiegend.
Behandlung Chirurgische Entfernung von Objekten Die operative Entfernung von verschluckten Objekten kann notwendig sein, da diese zu Schäden im Verdauungstrakt führen können. Wie häufig solche Eingriffe insgesamt sind, ist unklar. Ein forensischer Bericht verweist auf eine Studie von Decker (1993), in der eine Stichprobe von Menschen mit Entwicklungsverzögerung und Pica betrachtet wurde. Drei Viertel der Pica-Episoden machten in dieser speziellen Personengruppe chirurgische Eingriffe erforderlich, 11 % der Betroffenen starben an den Folgen.
Verhaltenstherapie Die Verhaltenstherapie stellt bei Pica eine im Allgemeinen wirksame Behandlungsmöglichkeit dar, wobei verschiedene behaviorale Verfahren zum Einsatz kommen können.
Pharmakologische Behandlung Erfolge mit Psychopharmaka beruhen lediglich auf Einzelfallstudien, systematische Untersuchungen fehlen. Eine Einzelfallstudie berichtet beispielsweise von der Behandlung eines jugendlichen Autisten mit Pica-Syndrom mithilfe von Aripiprazol, einem atypischen Antipsychotikum. Pica bessert sich bei psychotischen Menschen bei entsprechender Behandlung oft gemeinsam mit den psychotischen Symptomen. Allerdings wurden auch Fälle berichtet, in denen Pica erst nach der Einnahme von Antipsychotika (hier: Risperidon und Olanzapin) auftrat oder sich durch sie verschlechterte. Ebenfalls auf Einzelfallstudien beruhen Erfolge mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, ADHS-Medikamenten und Baclofen.
Sonstige Behandlung und Beaufsichtigung Andere psychotherapeutische Maßnahmen können ebenfalls erwogen werden. Diese setzen zum Teil jedoch eine ausreichende Reflexionsfähigkeit des Betroffenen voraus. In einigen Fällen ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Eisenpräparaten indiziert. Ansonsten ist eine entsprechende Beaufsichtigung, bei Gefahr für das eigene Leben eine Unterbringung, notwendig.
Siehe auch Koprophagie Michel Lotito Rapunzelsyndrom
Literatur Leitlinien der AWMF
Sachbücher, Aufsätze T. Knecht: Pica – eine qualitative Appetitstörung. (PDF; 86 kB) In: Schweiz Med Wochenschr., 1999, 129, S. 1287–1292. E. P. Lacey: Broadening the perspective of pica: literature review. In: Public Health Rep., Januar–Februar 1990, 105(1), S. 29–35. Review. PMID 2106702.
Film Swallow, Thriller mit Haley Bennett in der Hauptrolle.
Weblinks
Pica – unabhängiges Informationsangebot des Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Pica-Syndrom. netdoktor.at; abgerufen am 13. April 2019. V. Faust: Pica - krankhafte Essgelüste. (PDF; 176 kB) psychosoziale-gesundheit.net Katharina Gut-Fischer, Daniel K. Reuss, Jürg H. Beer: Störung des Essverhaltens - Pica oder die Lust auf Absonderliches (PDF; 65 kB) rosenfluh.ch Mark Griffiths: Pica boom? A beginner’s guide to pica. drmarkgriffiths.wordpress.com (englisch).
Einzelnachweise
Kategorie:Form der Essstörung