mini|Ahmad Schah Massoud als Gast des Europäischen Parlaments im April 2001 Ahmad Schah Massoud (, auch Ahmed Schah Massud, englische Umschrift Ahmad Shah Massoud; * 1. September 1953 in Pandschschir; † 9. September 2001 in Tachar) war ein afghanischer Mudschaheddin-Kämpfer. Er war der Anführer des afghanischen Widerstands gegen die Taliban. Ende 2001 wurde er zum „Nationalhelden der afghanischen Nation“ ernannt, Kritiker lasteten ihm hingegen Menschenrechtsverletzungen an.Emran Feroz: In: Zenith-Magazin. 17. August 2012.Afghanistan: Kriegsverbrecher müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Human Rights Watch, 7. Juli 2005, abgerufen am 28. September 2005.
Massoud, der der Volksgruppe der Tadschiken angehörte, war ein tiefgläubiger Muslim und überzeugter Gegner extremistischer (u. a. wahabitischer) Interpretationen des Islams, wie sie die Taliban, al-Qaida oder das saudische Königshaus verfolgen.Latham, Judith (March 12, 2008). , Voice of America News. Massoud, ein Sunnit, trug stets ein Buch des al-Ghazālī bei sich.Marcela Grad: Massoud – Portrait of the Legendary Afghan Leader; Webster University Press; 2009 Für seine Anhänger war er nicht nur militärischer Anführer, sondern auch Lehrer und religiöses Vorbild. Sie nennen ihn auch Āmer Sāheb-e Schahīd (freie deutsche Übersetzung: „[Unser] geliebter Befehlshaber [und] Märtyrer“).
Massoud spielte eine Hauptrolle beim militärischen Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan, was ihm den legendären Namen „Löwe von Pandschschir“ einbrachte. Das Wall Street Journal nannte ihn auf seinem Titelblatt: „Der Afghane, der den Kalten Krieg gewann“. Nach dem Abzug der Sowjetarmee und dem Fall des kommunistischen Regimes 1992 wurde Massoud durch die Peschawar-Abkommen, einen Friedensvertrag verschiedener afghanischer politischer Parteien, zum Verteidigungsminister in der Regierung von Präsident Burhānuddin Rabbāni ernannt. Der Milizenführer Gulbuddin Hekmatyār, der unter der Kontrolle des pakistanischen Geheimdienstes ISI stand und nach diktatorischer Macht strebte, startete jedoch mit Hilfe Pakistans einen jahrelangen Krieg in der Hauptstadt Kabul. Da Hekmatyār erfolglos blieb, wandte sich Pakistan 1994 den Taliban zu, die Anfang 1995 eine militärische Offensive starteten und Kabul nach mehrmonatiger Belagerung im September 1996 eroberten.Roy Gutman: How We Missed the Story: Osama Bin Laden, the Taliban and the Hijacking of Afghanistan, Endowment of the United States Institute of Peace, 1st ed., Washington D.C 2008.Amin Saikal: Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival. I.B. Tauris & Co Ltd., London/New York 2004. Massoud zog sich in den Norden Afghanistans zurück. Unter seiner Führung wurde die Vereinte Front zu einer nationalen militärisch-politischen Widerstandsbewegung gegen die Taliban, der Vertreter aller Ethnien Afghanistans (Tadschiken, Paschtunen, Usbeken, Hazara, Turkmenen und andere) angehörten. Zwischen 400.000 und 1.000.000 afghanischer Zivilisten flohen vor den Taliban in die von ihm kontrollierten Gebiete.National Geographic: Inside the Taliban. Kurz nach dem tödlichen Attentat auf Massoud, der die Demokratie als die einzige Staatsform ansah, um Afghanistan dauerhaft Frieden bringen zu können, stürzte die Vereinte Front schließlich Ende 2001 mit amerikanischer Luftunterstützung das Talibanregime in Kabul und errichtete eine Übergangsregierung, die bis zu den demokratischen Wahlen im Jahr 2004 regierte.
Biographie Kindheit und Jugend Massoud war der drittälteste von sechs Söhnen eines tadschikischen Armeeoffiziers und wuchs auch im Pandschirtal auf. 1974 begann er sein Studium in Kabul.Sebastian Junger: Ahmed Schah Massud. Der Kampf des Löwen vom Pandschir. (Übersetzung durch Brigitte Jakobeit). In: Geo-Magazin Juli 2001, S. 46–64. Anfang der 1970er Jahre herrschte dort eine Umbruchstimmung, da die Menschen mit dem als korrupt geltenden König unzufrieden waren. Massoud, damals noch ein Student am „Kabuler Polytechnischen Institut für Ingenieurwesen und Architektur“, schloss sich – wenn auch nicht ganz aus Überzeugung, sondern mangels Alternativen – der islamistischen und antikommunistischen Bewegung an. Zunächst in einer Jugendorganisation engagiert, trat er 1976 schließlich auch offiziell der politischen Partei Dschamiat-i Islāmi von Burhānuddin Rabbāni bei.
Nach einem missglückten Putschversuch der Islamisten gegen die Regierung war Massoud gezwungen, Afghanistan zu verlassen und kurzfristig in Pakistan unterzutauchen, wo er eine militärische Ausbildung absolvierte. Zurück in Afghanistan trat er jedoch fortan neben Rabbāni für einen friedlicheren Umbruch in Afghanistan ein. Dies führte dazu, dass zwei pakistanische Agenten und der Führer der radikalen Kräfte der islamistischen Bewegung, Gulbuddin Hekmatyār, im Jahre 1975 einen ersten Mordanschlag auf Massoud verübten, den er abwehrte.
Widerstand gegen die Sowjetarmee mini|Widerstandsgruppen gegen die sowjetischen Truppen 1985; Armee-grün zeigt Positionen der Jamiat-i Islami, zu der Massoud gehörte. Die von Massoud ab 1984 geführte Shura-e Nazar beinhaltete viele Jamiat-Positionen, aber auch die anderer Gruppierungen und kontrollierte die von den sowjetischen Truppen benötigten Versorgungsrouten durch den Hindukusch und an der Grenze zur Sowjetunion. 1978 waren es schließlich die afghanischen Kommunisten der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, die in einem gewaltsamen1979. Der Afghanistan-Krieg verändert die Welt. Gulya Mirzoeva, 2014. Putsch die Macht an sich rissen. Sie verfolgten in der von ihnen gegründeten Demokratischen Republik Afghanistan strenge Reformvorhaben (darunter die Stärkung individueller Rechte und Freiheiten), aber ebenso eine Gewaltherrschaft. Human Rights Watch schätzt, dass zwischen dem April 1978 bis zur Invasion der Sowjetunion im Dezember 1979 alleine auf dem Land bis zu 100.000 Menschen ermordet wurden.Human Rights Watch (2001): Afghanistan, Crisis of Impunity, The Role of Pakistan, Russia, and Iran in Fueling the Civil War
1979 marschierten Truppen der Sowjetunion in Afghanistan ein, nachdem Ministerpräsident Hafizullah Amin den Präsidenten Nur Muhammad Taraki hatte ermorden lassen und der Bürgerkrieg eskaliert war. Ziel des Einmarsches war, Amin, von dem man den Seitenwechsel zu den USA fürchtete, zu beseitigen. Die Aufstände hatten zu diesem Zeitpunkt 24 von 28 Provinzen des Landes erreicht. Ein Teil der afghanischen Armee desertierte. Schon vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen war Massoud zu seinem Geburtsort, dem Pandschschir-Tal am Hindukusch, zurückgekehrt. Vom Tal ausgehend spielte er fortan eine zentrale Rolle im afghanischen Widerstandskampf. Sein Guerilla-Kampf und sein militärisches Können führten zu zentralen Niederlagen der sowjetischen Truppen. Neun Großoffensiven der Sowjetarmee mit zehntausenden von Soldaten scheiterten in Pandschschir, welches Massoud angeblich mit nur 3000 Kämpfern verteidigte.
Robert D. Kaplan schrieb dazu:
Der ihm zugesprochene militärisch brillante Widerstand brachte Massoud schon bald den Namen „Löwe von Pandschschir“ ein. Massoud verteidigte Pandschschir erfolgreich bis zum Rückzug der Sowjetarmee. Ahmad Schah Massoud wird eine sehr zentrale Rolle bei der Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan zugesprochen.
Krieg in Kabul Wie auch die anderen Mudschaheddin opponierte Massoud nach dem Abzug der Sowjets gegen die weiterhin kommunistische Regierung Nadschibullāh. Nach deren endgültigem Fall im Jahre 1992 war es Massoud, der von den Rebellen zur Machtübernahme gedrängt wurde, jedoch selbst die höchste Führungsrolle ablehnte, da er fürchtete, eine Regierung unter ihm würde zur Spaltung des Landes führen. Er ließ allerdings auch Kabul abriegeln, um das Eindringen bewaffneter Milizen und deren Machtübernahme ohne die eigene Beteiligung zu verhindern. In dem Machtkampf um Kabul im April 1992 kam es dennoch zu Plünderungen durch Truppen aller beteiligten Warlords. Zugleich wurde in Pakistan das Peschawar-Abkommen zwischen den wichtigsten Mudschaheddin (mit Ausnahme von Gulbuddin Hekmatyār) geschlossen. Massoud, der starke Mann rund um Kabul, wurde darin zum Verteidigungsminister bestellt.
Die Nachbarländer Afghanistans, insbesondere Pakistan, der Iran und Usbekistan, versuchten jedoch, die strategische Vorherrschaft über Afghanistan zu erringen und finanzierten, bewaffneten und leiteten zu diesem Zweck verschiedene kriminelle Elemente und Milizen innerhalb Afghanistans an. Obwohl ihm wiederholt die Position des Ministerpräsidenten angeboten wurde, erhob Gulbuddin Hekmatyār mit Unterstützung Pakistans Alleinherrscheranspruch und legte Kabul durch eine großangelegte langjährige massive Bombenkampagne in Schutt und Asche. Der Afghanistan-Experte und Direktor des Zentrums für Arabische und Islamische Studien der Australian National University, Amin Saikal, kam in Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival zu dem Schluss:
Verschiedene Versuche, Hekmatyār in die Übergangsregierung als Ministerpräsidenten zu integrieren, scheiterten an dessen Unwillen, Kompromisse zu schließen. 1993 forderte Hekmatyār explizit den Rücktritt Massouds, im Gegenzug erklärte er, die Bombardierung Kabuls einstellen zu wollen. Massoud nahm das Angebot an, trat offiziell als Verteidigungsminister zurück und zog sich in einen nördlich der Hauptstadt gelegenen Ort zurück. Massouds Bedingungen waren ein Ende der Bombardierung Kabuls und demokratische Wahlen, die zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden sollten. Hekmatyār, der von Beobachtern wie dem Pulitzer-Preis Gewinner Roy Gutman vom United States Institute of Peace als „Psychopath“ beschrieben wurde, nahm die Bombardierung Kabuls nach einer ersten Kabinettssitzung jedoch wieder auf, da er nicht bereit war, auf demokratische Wahlen hinzuarbeiten oder mit anderen Parteien Kompromisse zu schließen. Nach einer Phase, in der ein Verteidigungsrat die Funktion des Verteidigungsminister eingenommen hatte aber uneffektiv geblieben war, wurde Massoud, der das stärkste militärische Bündnis jener Zeit anführte, als Verteidigungsminister wieder eingesetzt. Sein Ziel war die Verteidigung der Hauptstadt, die Durchsetzung des Peschawar-Abkommen, welches demokratische Wahlen vorsah, sowie die Wiedereinsetzung der liberalen Verfassung von 1964.
Zusätzlich zu den Bombardierungen durch Hekmatyār waren Mitte 1992 Spannungen zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten wahhabitischen Ittihad-i Islami von Abdul Rasul Sayyaf und der vom Iran unterstützten schiitischen Hezb-i Wahdat von Abdul Ali Mazari eskaliert. Die Milizen starteten einen blutigen Krieg gegeneinander. Die Hezb-i Wahdat Miliz ging Ende 1992 eine Allianz mit Hekmatyār ein. Abdul Raschid Dostum und seine Junbish-i Milli Miliz schlossen sich dieser Allianz Anfang 1994 an. Während der intensivsten Phase des Bombardements durch die Allianz Hekmatyārs starben in Kabul über 25.000 Menschen. Auf Grund des schnellen Beginns des Krieges kurz nach der Gründung des Islamischen Staates, gab es keine funktionierende Polizei und kein funktionierendes Rechtssystem, so dass weite Teile Kabuls im Chaos versanken. Einen großen Beitrag zu dem vorherrschenden Chaos leistete der Umstand, dass Gulbuddin Hekmatyār 10.000 gefährliche Kriminelle aus den Gefängnissen in die Stadt entließ.
In den von Hekmatyār, der Ittihad und Wahdat begonnenen Kriegen wurden weite Teile Kabuls zerstört und tausende Zivilisten getötet. Individuen aller Milizen – auch Individuen in den Regierungstruppen Massouds und von Hekmatyār aus den Gefängnissen entlassene Verbrecher, die sich als Mitglieder dieser ausgaben – nutzten das Chaos und die Rechtslosigkeit für Verbrechen gegen Zivilisten aus. Massoud verurteilte stattfindende Verbrechen. Das Afghanistan Justice Project, welches auch als Quelle für Human Rights Watch dient, kam in seiner Untersuchung im Kontext von Übergriffen von bewaffneten Individuen auf Zivilisten zu dem Schluss: