Das Ghadamsi ist die in der Oase Ghadames am westlichen Rand Libyens gesprochene Berbersprache. Der Ort heißt auf Berberisch und auf Arabisch . Die berberische Eigenbezeichnung der Sprache lautet . In europäischen Sprachen kann man sie als „Ghadamsi“ bezeichnen (nach dem arabischen Adjektiv für ‚zu Ghadames gehörig‘). Die Sprache weicht von den meisten anderen Berbersprachen stark ab und wird für besonders archaisch gehalten.

Lautsystem Konsonanten Im Ghadamsi gibt es folgende Konsonanten: Labiale Dentale emphatischeDentale Palatale Velare Postvelare Pharyngale Glottale stimmlose Plosive t ṭ k q stimmhafte Plosive b d ḍ ǵ g stimmlose Frikative f s (ṣ) š (x) (ḥ) (h) stimmhafte Frikative β z ẓ (ž) ɣ ʕ Nasale m n

Dazu kommen r, l, w, y. Gelegentlich kommen auch andere emphatische Laute vor wie ḷ oder ṛ.

Die eingeklammerten Laute sind eher selten und kommen vor allem in arabischen Fremdwörtern vor.

Im Vergleich zu anderen Berbersprachen fällt auf: Bewahrung eines Lautes β, der in fast allen anderen Berbersprachen verloren gegangen ist. So lautet das Wort für „Nacht“ eβăḍ, während es in den meisten anderen Berbersprachen zu iḍ (u. ä.) verkürzt wurde. ʕ steht oft, wo die anderen Sprachen ɣ haben. Trotzdem besitzt das Ghadamsi ebenfalls ein ɣ.

Vokale Für Vokale ist dasselbe Vokalsystem wie für das Tuareg anzusetzen, nämlich ein System von sieben Vokalen bestehend aus fünf Vollvokalen (a, e, i, o, u), die etwa mittellang zu sprechen sind, und zwei reduzierten Vokalen (ə, ă), die demgegenüber kürzer zu sprechen sind. Dies ist die Umschrift durch M. Kossmann,M. Kossmann, Artikel Berber. In: Z. Frajzyngier, E. Shay (Hrsg.): The Afroasiatic languages. 2012, S. 28. während in der Dokumentation von Lanfry ein älteres Umschriftsystem verwendet wird.Lanfry schreibt e statt ă, ị statt e, ụ statt o. Er versieht die Vollvokale (a, ị, i, ụ, u) manchmal mit Längenmarkierungen, aber in unsystematischer Weise.

Das Ghadamsi geht hier mit dem Tuareg zusammen und unterscheidet sich von den meisten anderen Berbersprachen, die das urberberische Vokalsystem stärker reduziert haben.

Akzent Der Wortakzent ist in der Dokumentation nur inkonsequent notiert und kann hier nicht berücksichtigt werden. Wahrscheinlich kann er auf eine der beiden letzten Silben des Wortes fallen. Der Akzent ist mindestens in einigen Fällen offenbar distinktiv (siehe unten im Abschnitt Lokativ). Ein näherungsweises Minimalpaar ist auch gegenüber .Siehe Lanfry (1973: 414).

Personalpronomen Die Personalpronomina des Ghadamsi sind stärker differenziert als die des Deutschen und unterscheiden das Genus in der 2. und 3. Person im Singular und Plural.

selbständig Suffix Possessivsuffix Akkusativsuffix Dativsuffix 1. sg. „ich“ năšš -i -ənnuk -i -i 2. sg. mask. „du“ šăǵǵ -ək -ənnăk -šək -ak 2. sg. fem. „du“ šămm -əm -ənnăm -kăm -am 3. sg. mask. „er“ nitto -əs -ənnăs -t -as 3. sg. fem. „sie“ nittat -əs -ənnăs -tăt -as 1. pl. „wir“ năkkănen -năʕ -ənnanăʕ -anăʕ -anăʕ 2. pl. mask. „ihr“ šəkwen -wən -ənnawən -kum -awən 2. pl. fem. „ihr“ šəkmaten -əkmăt -ənnăkmăt -kmăt -akmăt 3. pl. mask. „sie“ əntănen -săn -ənnasăn -tăn -asăn 3. pl. fem. „sie“ əntnaten -əsnăt -ənnăsnăt -tənăt -asnăt

Die kurzen Suffixe werden nach Präpositionen verwendet.

Substantiv Genus Wie andere Berbersprachen besitzt das Ghadamsi die zwei grammatischen Genera Maskulinum und Femininum. Feminine Substantive beginnen fast immer mit einem Präfix t- und enden meist auch auf -t (das auslautende -t kann nach Stamm auf Vokal fehlen).

Numerus Das Ghadamsi unterscheidet die Numeri Singular und Plural. Die Pluralbildung ist ziemlich unregelmäßig.

Ein Großteil der maskulinen Substantive beginnt mit a-, die femininen Substantive entsprechend mit ta-. Das a-Präfix kann man als Singularzeichen auffassen. Im Plural entfällt es in der Regel (fallweise tritt, wo die Aussprache es erfordert, ein ə- ein). Die gängigsten Pluralendungen sind -ăn für Maskulina und -en für Feminina, wobei -en die Endung -t des Feminin Singulars ersetzt. Das gängige Schema ist also folgendes:

Singular Plural maskulin a- -ăn feminin ta-t t-en

Beispiele: awăll „Auge“ – wăllăn „Augen“ taβenawt „Dattelpalme“ – tβenawen „Dattelpalmen“ akawat „Freund“ – kawatăn „Freunde“ aḍar „Fuß“ – ḍarăn „Füße“ aẓăǵǵas „Jahr“ – ẓăǵǵasăn „Jahre“ amakan „Ort“ – makanăn „Orte“ anaẓar „Regen“ – naẓarăn „Regenfälle“ asen „Zahn“ – senăn „Zähne“

Seltener lautet das Singularpräfix o-. Auch dieses entfällt im Plural: oβəǵǵan „Ratte“ – βəǵǵanăn „Ratten“

Ziemlich häufig sind aber auch Substantive, deren Präfix sich nicht ändert. In einem Teil der Wörter ist das a- stabil und bleibt im Plural erhalten. Wenn der Singular mit e-, i-, u- oder Konsonant beginnt, bleibt dieser Anlaut immer im Plural erhalten: aškar „Fingernagel“ – aškarăn „Fingernägel“ tullezt (auch gesprochen: tulless) „Geschichte“ – tullezen „Geschichten“ aẓiḍ „Hahn“ – aẓiḍăn „Hähne“ taẓiṭṭ (für taẓiḍt) „Huhn“ – taẓiḍen „Hühner“ allun „Loch“ – allunăn „Löcher“ wăǵǵid „Mann“ – wăǵǵidăn „Männer“ aǵmar „Pferd“ – aǵmarăn „Pferde“ erəǵ „Stein“ – erəǵăn „Steine“

Wenn der Stamm auf Vokal endet, kann die normale Pluralendung nur schlecht angefügt werden. Im folgenden Beispiel verschmilzt ein -e des Stammes mit dem -en der Pluralendung: takəṭfet „Ameise“ – tkəṭfen „Ameisen“

Häufiger aber finden wir in diesem Fall eine Pluralendung -an (nur bei Maskulina): izi „Fliege“ – izan „Fliegen“ eḍe „Hund“ – eḍan azăle „Lied“ – zălan „Lieder“ iri „Stern“ – iran „Sterne“ aflelo „Zwiebel“ – flelan „Zwiebeln“

Die Endung -an ist auch bei einigen Substantiven mit konsonantischem Stammauslaut zu finden: aẓeḍ „(der) Esel“ – ẓeḍan „(die) Esel“ oǵărf „Rabe“ – ǵărfan „Raben“ aẓur „Wurzel“ – ẓuran „Wurzeln“

Oder zwischen Stammauslaut und Pluralendung wird ein -w- eingeschoben: amisi „(das) Abendessen“ – misiwăn „(die) Abendessen“ aβena „Dattel“ – βenawăn „Datteln“ talta „Frau“ – taltawen „Frauen“ ame „Mund“ – mewăn „Münder“ aməṭṭa „Träne“ – məṭṭawăn „Tränen“ tali „(das) Zimmer“ – taliwen „(die) Zimmer“

Bei manchen Substantiven wird -awăn, -ewăn oder -iwăn als Pluralendung gebraucht: daž „Haus“ – dažiwăn „Häuser“ eɣăf „Kopf“ – eɣăfawăn „Köpfe“ ener „Lampe“ – enerewăn „Lampen“ eβăḍ „Nacht“ – eβăḍawăn „Nächte“ akorm „(der) Rücken“ – kormawăn „(die) Rücken“ elăm „Tierhaut“ – elămawăn „Tierhäute“

Sehr häufig und zugleich schwierig sind ablautende Plurale. Der üblichste Ablauttypus besteht darin, dass im Plural die letzte Stammsilbe den Vokal -a- (oder -o-) erhält: tomărt „Bart“ – tomaren „Bärte“ tawažett „(das) Mädchen“ – twažaten „(die) Mädchen“ aẓomăr „Schafbock“ – ẓomarăn „Schafböcke“ wăššen „Schakal“ – wəššanăn „Schakale“

Meistens entfällt in diesem Fall die Pluralendung: amənzu „Anfang“ – mənzay „Anfänge“ tasadəlt „Ei“ – təsadal „Eier“ azănkəḍ „Gazelle“ – zənkaḍ „Gazellen“ taǵărẓiẓt „Hase“ – təǵərẓaẓ „Hasen“ takaṭṭust „Katze“ – tkuṭṭas „Katzen“ anaful „Sack“ – nufal „Säcke“ tamiḍăzt (gesprochen auch: tamiḍăss) „Schere“ – tmiḍaz „Scheren“ tonest „(der) Schlüssel“ – tniso „(die) Schlüssel“ taββurt „Tür“ – tβuro „Türen“ aǵaḍiḍ „Vogel“ – ǵəḍaḍ „Vögel“

Wahrscheinlich gehören hierher auch die folgenden Beispiele ohne Endung, in denen schon der Singular ein -a- / -o- enthält und daher kein Ablaut sichtbar wird: tafunast „Kuh“ – tfunas „Kühe“ tənzart „Nase“ – tənzar „Nase“ tăẓrot „(der) Spiegel“ – təẓro „(die) Spiegel“

Ein anderer Typ von Ablaut kombiniert eine ə-Vokalisierung des Stammes mit der Pluralendung -an: talălle „Faden“ – tələlwan „Fäden“ tamada „Garten“ – tmədwan „Gärten“ aḍalis „Lippe“ – ḍəlsan „Lippen“ tazara „Seil“ – təzərwan „Seile“

Einige Beispiele für sonstige Ablauttypen: tawaǧe „Brot“ – twəǵǵiwen „Brote“ tanut „(der) Brunnen“ – tunen „(die) Brunnen“ tarwa „Kind“ – tariwen „Kinder“ tamăksa „Melone“ – təməksiwen „Melonen“ asăf „Tag“ – asfiwăn „Tage“ tamanăḥt „(das) Wohnzimmer“ – tmunăḥ „(die) Wohnzimmer“

Gelegentlich ist im Plural das Verschwinden eines -k- zu beobachten: aḍəkkəd „(der) Finger“ – ḍuḍan "(die) Finger tokəlt „Palmblatt“ – tilo „Palmblätter“

Einige Substantive zeigen im Plural eine Konsonantenverdopplung: aɣil „Arm“ – ɣallăn „Arme“ ofəs „Hand“ – făssăn „Hände“ oǵəm „Herz“ – ǵămmăn „Herzen“ aḷăm „Kamel“ – ḷămman „Kamele“ ofəd „(das) Knie“ – făddăn „(die) Knie“ esəm „Ohr“ – sămmăn „Ohren“

Folgende Wörter bilden ihren Plural von einem ganz anderen Stamm: anṭfal „Junge“ – əddrari „Jungen“ awadəm „Mensch“ – mădden „Leute“ teʕaṭ „Ziege“ – wəlle „Ziegen“

Substantive arabischen Ursprungs können gelegentlich ihre arabische Pluralbildung behalten: ălbəḥər „Meer“ – lăbḥurat „Meere“

Schließlich gibt es die Option, den Plural einfach durch Voranstellung eines Präfixes ənd- vor den Singular zu bilden. Dies ist nicht selten und wird typischerweise bei Substantiven angewendet, die eine ungewöhnliche Form haben (kein normales Präfix) oder entlehnt sind: bab „(der) Besitzer“ – ənd-bab „(die) Besitzer“ ălxəruf „Lamm“ – ənd-ălxəruf „Lämmer“ ălmudu „Moschee“ – ənd-ălmudu „Moscheen“ kara „Sache“ – ənd-kara „Sachen“ alătma „Schwester“ – ənd-alătma „Schwestern“ aqăllal „(der) Töpfer“ – ənd-aqăllal „(die) Töpfer“ aḍo „Wind“ – ənd-aḍo „Winde“

Sonderform nach Präpositionen Eine Entsprechung zu unseren Kasus gibt es im Ghadamsi kaum. Allerdings können Pluralformen (und nur diese) nach Präpositionen ihre Form, genauer ihren Anlaut verändern. Die Veränderung besteht in der Hinzufügung eines Präfixes i-. Dies ist nur nach der Genitivpräposition n wirklich obligatorisch. Beispiele: madden „Leute“ – n-imadden „der Leute“ wăǵǵidăn „Männer“ – ʕur iwăǵǵidăn ~ ʕur wăǵǵidăn „bei den Männern“

Demonstrativsuffixe An das Substantiv kann man Demonstrativsuffixe anfügen, die mit dem Substantiv im Numerus kongruieren:

Singular Plural „dieser (nah)“ -o -i „jener (fern)“ -ănn -inn „dieser (genannte)“ -e -id

Beispiele: anṭfal-o „dieser Junge“ tawažett-o „dieses Mädchen“ əddrari-yi „diese Jungen“ twažaten-i „diese Mädchen“ anṭfal-e „dieser (genannte) Junge; der Junge“ eḍe-ye „dieser (genannte) Hund; der Hund“ talta-ye „diese (genannte) Frau; die Frau“ wăǧǧid-ănn „jener Mann“ talta-yănn „jene Frau“ wăǧǧidăn-inn „jene Männer“

Die Suffixe -e und -id kommen sehr häufig vor und nähern sich in der Funktion unserem bestimmten Artikel.

Possession Die Genitivkonstruktion des Ghadamsi hat die Struktur Possessum – Präposition n – Possessor: bab n-tamada „der Besitzer des Gartens“ (tamada „Garten“) taββurt n-ammas „die Tür der Mitte = die Mitteltür“ arənnəβ n-aman „Hinzufügung von Wasser“ taltawen n-ʕademəs „die Frauen von Ghadames“

Die Verbindung von hal mit folgendem Genitiv (des Plurals oder Singulars) drückt unser „viel“ aus: mădden „Leute“ – hal n-imădden „viele Leute“ (wörtlich etwa: „eine Menge von Leuten“) awal „Wort“ – hal n-awal „viele Worte“

Der pronominale Possessor wird durch die oben genannten Possessivsuffixe ausgedrückt: ofəs „Hand“ – ofəs-ənnuk „meine Hand“ daž „Haus“ – daž-ənnuk „mein Haus“ əddrari „Kinder“ – əddrari-nnăm „deine Kinder“ tadiss „Bauch“ – tadiss-ənnăs „sein Bauch“ dădda „Vater“ (auch: „mein Vater“) – dădda-nnăs „sein Vater“

Hat das Possessum eine Pluralendung -ăn, so kann es optional zu einer Verschleifung kommen: wăllăn „Augen“ – wăllăn-ənnăs „seine Augen“, aber auch: wăllănnăs

Einige wenige Verwandtschaftsbezeichnungen bilden besondere Formen mit verkürzten Suffixen, wobei diejenige mit Possessor der 1.sg. besonders unregelmäßig ist: imma „meine Mutter“ – may-k „deine Mutter“ – may-s „seine Mutter“ – mayə-tnăʕ „unsere Mutter“ – may-twən „eure Mutter“ – may-tsăn „ihre(pl.) Mutter“

Verb Personalaffixe Das Verb wird mit Prä- und Suffixen konjugiert, die das grammatische Subjekt bezeichnen. Die Affixe sind im Prinzip für alle Verben und die meisten Tempora die gleichen. Nur das Futur hat die Besonderheit, dass im Singular keine Suffixe verwendet werden.