Die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Gördelingerstraße in der Innenstadt Braunschweigs verbindet die nördlich gelegene, quer verlaufende Lange Straße mit dem südlich angrenzenden Altstadtmarkt. Die ehemals durch Fachwerkhäuser und Barockbauten geprägte Straße verlor durch die Zerstörungen während des Zweiten Weltkriegs und nachfolgende Umgestaltungen ihren ursprünglichen Charakter.

Geschichte Die im Weichbild der Altstadt verlaufende Gördelingerstraße wurde 1248 im Zusammenhang mit einem Wicpertus de golingestrate erstmals erwähnt. Die Bezeichnungen Goderingestrate (1268) und Godelingestrate (1298) versuchte Karl Scheller 1816 von gordelinge, Gürtelträgern, abzuleiten. Er bezog dies auf Franziskaner, die in einem zwischen der Lindentwete und dem Jungfernstieg gelegenen Kloster gelebt haben sollen. Hierfür gibt es jedoch keine Beweise. Wahrscheinlich ist der Straßenname auf eine Sippe, die Goderinge oder Godelinge, zurückzuführen. Im Stadtplan von 1606 findet man die Form Godderlingstraße. Nach 1700 entstand die Entstellung Gördelingerstraße, während der Stadtplan von 1731 noch den Namen Görlingerstraße verzeichnet.

Zwischen den Häusern mit den Assekuranznummern 83 und 84 befand sich 1426 die Bartholomäustwete. Diese entstand vermutlich bereits 1373, als der Rat dem Besitzer des Hauses Ass. 84 erlaubte, einen Weg zum Bartholomäusturm anzulegen. Noch zur Zeit des Königreichs Westphalen wurde dem Besitzer dieses Hauses, dem Präfekten Friedrich Henneberg, bescheinigt, dass er das Haus samt dem zu diesem seit undenklichen Zeiten gehörigen über den Bartholomäi Kirchhof durch die Pforte in der Planke nach der Schützenstraße hinausgehenden Gasse seit 1788 im Besitz habe. Im Jahre 1426 wird Cord van Ursleve als Besitzer des Hauses negest sunte Bartolomeus tweten, der Assekuranznummer 83, des späteren Pollschen Hauses, genannt.

Die Gördelingerstraße gehörte zum Messegelände, auf dem seit der Neubegründung der Braunschweiger Messe im Jahre 1681 jährlich zwei Warenmessen abgehalten wurden. Um 1700 wurde der Neue Hof (heute Handelsweg) für Messezwecke gebaut. Voraussetzung für einen gut funktionierenden Messebetrieb waren Postverbindungen für Personen und Nachrichten zu wichtigen Handelsorten. Hierfür wurde durch Hermann Korb zwischen 1710 und 1714 in der Gördelingerstraße ein Posthaus der Fürstlich Braunschweigischen Landespost errichtet. Im 1870 abgerissenen Neuen Hof befand sich im 18. und 19. Jahrhundert die Braunschweiger Niederlage der herzoglichen Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Der Braunschweiger Adressanzeiger des Jahres 1817, S. 242, weist dazu folgenden Eintrag auf: Porcelain-Niederlage (Fürstl. Fürstenberger), alle Sorten Porcellainsachen, die in der Fabrik daselbst gefertiget und hieselbst gemalt und vergoldet werden. Im Neuenhofe No. 13.

Im Eckgebäude Gördelingerstraße/Neue Straße wurde am 25. Mai 1906 Braunschweigs erstes Filmtheater durch Martin Dentler eröffnet.Hartmut Nickel: Filmtheater. In: Braunschweiger Stadtlexikon, Braunschweig 1992, S. 71.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Bauten der Gördelingerstraße zerstört oder stark beschädigt.

Historische Bauten mini|Ausschnitt aus dem Stadtplan von Friedrich Wilhelm Culemann aus dem Jahre 1798. Zu sehen sind Altstadtmarkt, Breite Straße, Gördelingerstraße und Schützenstraße. Wohn- und Messehaus (Gördelingerstraße 7) Der dreigeschossige Massivbau mit der Assekuranznummer 14 wurde zwischen 1715 und 1720 als Messehaus, vermutlich nach einem Entwurf von Hermann Korb, errichtet.Museum im Schloss Wolfenbüttel, Fachgebiet Baugeschichte der TU Braunschweig (Hrsg.): Hermann Korb und seine Zeit. Barockes Bauen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, Appelhans Verlag, Braunschweig 2006, ISBN 978-393766451-4, S. 207. Der Bauherr ist unbekannt. Der Bau mit symmetrischer Fassade war durch elf Fensterachsen und einen dreiachsigen Mittelrisaliten gegliedert.

Im Haus Nr. 7 befand sich Schraders Hotel, wo im April 1875 Richard Wagner und seine Frau Cosima wohnten,Norman-Mathias Pingel: Hotels. In: Braunschweiger Stadtlexikon, Braunschweig 1992, S. 110f. die eine Tannhäuser-Vorstellung in Braunschweig besuchten.

Das während des Zweiten Weltkriegs beschädigte Gebäude wurde in Anlehnung an den barocken Zustand wiederaufgebaut. Das 1857 gegründete Möbelhaus Sander befindet sich heute im südlichen Gebäudeteil (Gördelingerstraße 6–7). Im nördlichen Gebäudeteil befand sich von 1949 bis April 2003 das Kino Regina, im Jahre 1974 umbenannt in Die Lupe. Hier ist seit Oktober 2003 das Privattheater Komödie am Altstadtmarkt zu finden. auf komoedie-am-altstadtmarkt.de

Fachwerkhaus (Gördelingerstraße 38) Das aus dem Jahr 1470 stammende Fachwerkgebäude besaß vier kräftig geschnitzte Figurenknaggen mit weltlich-volkstümlichem Charakter.Karl Steinacker: Die Stadt Braunschweig, bearbeitete Originalausgabe von 1924, Braunschweig 2006, S. 123. Dargestellt waren ein Esel mit Dudelsack, ein Fuchs mit einer Gans und ein Mann mit einer Axt. Das Haus wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört.

Wohnhaus (Gördelingerstraße 42) Das Haus wurde 1571/72 für Heinrich von Adenstedt († 1605) und dessen Ehefrau Margarethe Twedorp († 1612) errichtet. Baumeister war vermutlich der auf einer Inschrift genannte Hans Schrader.Sabine Wehking: DI 56, Nr. 537†, in: Deutsche Inschriften Online Das unten massive und im oberen Teil in Fachwerk errichtete Haus besaß eine KemenateKarl Steinacker: Schematischer Nachweis von Kemenaten in der Stadt Braunschweig. In: Jahrbuch des Braunschweigischen Geschichtsvereins, Bd. 8, Braunschweig 1936, S. 38., die während des Zweiten Weltkriegs, ebenso wie Haupt- und Nebengebäude, zerstört wurde.

Wohnhaus der Familie Strombeck (Gördelingerstraße 43) mini|Renaissanceportal Gördelingerstraße 43 Das im 15. Jahrhundert erbaute Haus wurde 1584 und 1590 für die Patrizierfamilie von Strombeck erweitert.Rudolf Fricke: Das Bürgerhaus in Braunschweig, Tübingen 1975, S. 154. Inwieweit ältere Bestandteile aus dem 14. oder 13. Jahrhundert enthalten waren, ist nicht mehr zu ermitteln. Erste belegbare Bauvorgänge datieren aus dem Jahr 1483.Rudolf Fricke: Das Bürgerhaus in Braunschweig, Tübingen 1975, S. 58. Die erhaltenen steinernen Wappen beziehen sich auf das Besitzerehepaar Hilmar von Strombeck und Katharina Schrader, die Tochter Autor Schraders. Der zweigeschossige massive Unterbau trug ein 30 Spann langes Speichergeschoss aus Fachwerk.

Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Die Ruine wurde erst 1973 abgerissen.Harald Duin: Spenden zur Rettung des Renaissanceportals, Braunschweiger Zeitung, 30. Juni 2009 Lediglich das rundbogige Renaissance-Portal und ein Mauerrest blieben erhalten. Diese wurden Ende Oktober 1975 als Eingang zur neuen Bartholomäustwete wieder aufgestellt. Das Portal ist mit Beschlagwerkornament eingefasst. In den Zwickeln befindet sich links und rechts je eine Engelsfigur, die einen Wappenschild hält. Der Fries über dem Portal trägt die Inschrift:

NISI DOMINVS : FRVSTRA • ANNO 1 • 5 • 84 •

Die Übersetzung lautet: Wenn der Herr nicht (das Haus baut), ist es vergebens (errichtet).Sabine Wehking, DI 56, Nr. 594, in: Deutsche Inschriften Online

Dieser Fries wiederum trägt eine Bekrönung mit zwei Säulen, die ein weiteres Wappen flankieren. Fruchtgehänge und Maskenköpfe schmücken die Flächen links und rechts der beiden Säulen. Auf der Rückseite wurden der Mauer links und rechts neben dem Portal von demselben Gebäude stammende Wappensteine eingesetzt. Der linke Stein trägt die Jahreszahl 1590 links und rechts unter dem Wappenschild, auf dem rechten Stein befindet sich ein Wappenschild und dieselbe Jahreszahl 1590.

Im Jahre 2009 wurde das Portal aufwendig restauriert.

Ehemaliges Postkontor (Gördelingerstraße 44) mini|Posthaus Gördelingerstraße 44 Zwischen 1710 und 1714 wurde das von Hermann Korb entworfene Haus Ass. 84 für den Agenten und fürstlich-braunschweigischen Postmeister Heinrich Georg Henneberg († 1717) erbaut.Museum im Schloss Wolfenbüttel, Fachgebiet Baugeschichte der TU Braunschweig (Hrsg.): Hermann Korb und seine Zeit. Barockes Bauen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, Appelhans Verlag, Braunschweig 2006, ISBN 978-393766451-4, S. 207. Die Fassade des siebenachsigen, dreigeschossigen Massivbaus war symmetrisch gegliedert. Die Fassadenmitte wurde durch einen einachsigen Risaliten betont.

Das Postkontor entwickelte sich zu einem Nachrichtenbüro. Das Haus befand sich bis 1871 im Besitz der Familie Henneberg. Die Ruine des 1944 stark beschädigten Gebäudes wurde nach Kriegsende abgebrochen.

Messehaus mit Laubengang („Jungfernstieg“) (Gördelingerstraße 45) mini|Die Messegewölbe mit dem „Jungfernstieg“, Gördelingerstraße 45 / Klöpperstraße, heute Neue Straße 20 Zwischen 1709 und 1714 wurde dieses Gebäude nach einem Entwurf von Hermann Korb, vermutlich im Auftrag Herzog Anton Ulrichs, für die Braunschweiger Messe errichtet.Museum im Schloss Wolfenbüttel, Fachgebiet Baugeschichte der TU Braunschweig (Hrsg.): Hermann Korb und seine Zeit. Barockes Bauen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, Appelhans Verlag, Braunschweig 2006, ISBN 978-393766451-4, S. 208. Der zweigeschossige Fachwerkbau nahm die gesamte Nordseite der Neuen Straße, der damaligen Klöpperstraße, zwischen Gördelingerstraße und Schützenstraße ein. Zur Neuen Straße wies die Fassade im Obergeschoss 21 Fensterachsen und einen darunterliegenden Laubengang mit zwölf rechteckigen steinernen Pfeilern auf. Die zur Gördelingerstraße weisende Schmalseite zeigte fünf Achsen. Der als „Jungfernstieg“ bezeichnete Laubengang stellte ein Novum im Städtebau der Stadt Braunschweig dar. Hinter den Lauben waren Messegewölbe zu finden, ein Börsensaal befand sich im Obergeschoss.Historische Fotografien des Messehauses auf Bildindex.de, abgerufen am 23. Februar 2014 Hier begannen im Jahr 1712 mit dem Braunschweiger Kongress die Friedensverhandlungen zur Beendigung des Nordischen Krieges, die 1714 ergebnislos abgebrochen wurden.Tobias Schenk: Reichsjustiz im Spannungsverhältnis von oberstrichterlichem Amt und österreichischen Hausmachtinteressen In: Geld, Handel, Wirtschaft: Höchste Gerichte im Alten Reich als Spruchkörper und Institution. Anja Amend-Traut, Albrecht Cordes, Wolfgang Sellert (Hrsg.), Walter de Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-026136-3, S. 145 fCarl Ludolf Friedrich Lachmann: Geschichte der Stadt Braunschweig, seit ihrer Entstehung bis zum Ende des Jahres 1815, Ludwig Lucius, Braunschweig 1816, S. 247

Eine Erklärung für den auch in Hamburg zu findenden Namen Jungfernstieg gab Emil Ferdinand Vogel im Jahre 1841: An einigen Orten kommen diese Gewerbslauben unter eigenthümlichen Namen vor; wie z. B. in Braunschweig und Hamburg, wo sie ursprünglich den Namen „der Jungfernstieg“ führten: eine Benennung, die zwar sonderbar klingt, aber sich sehr gut erklären läßt, sobald man nur daran denkt, daß bedeckte Schwibbögen, die auch bey Regenwetter einen ungestörten Spaziergang verstatteten, und wo zugleich eine Menge freundlicher, gewandter Verkäufer interessante Gegenstände aller Art feil boten – für junge Mädchen jedes Standes Anziehungskraft genug haben mußten, um zu einem oft wiederholten Besuch einzuladen; ...Emil Ferdinand Vogel: Historisch-juristisches Gutachten über die Beybehaltung der Zunft- und Innungs-Verfassung beym deutschen Handwerksstande, Leipzig 1841, S. 42f.

Handelsweg (Sedanbazar)