mini|Selbstporträt, um 1635, Öl auf Leinwand, 48,5 × 37,0 cm, Uffizien, Florenz Guido Reni, genannt il Guido oder il divino GuidoGuido Reni, Artikel in: Oxford Reference (urspr. in: Ian Chilvers: The Oxford Dictionary of Art and Artists, 4. edition, Oxford University Press, 2009 (englisch; vollständiger Abruf nur mit Abonnement)) („der göttliche Guido“; * 4. November 1575 in Bologna; † 18. August 1642 ebenda) war ein italienischer Maler, Freskant und Radierer der Bologneser Schule und einer der berühmtesten und bedeutendsten Künstler des 17. Jahrhunderts. Er wirkte vor allem in seiner Heimatstadt und in Rom und war der Hauptvertreter eines barocken Klassizismus in der Malerei.

Leben mini|Die Einheit von Disegno und Malerei, 1620–25, Öl auf Leinwand, 81 × 86 cm, Louvre, Paris mini|Das Grab von Guido Reni und Elisabetta Sirani in der Kirche San Domenico in Bologna Reni wurde in Bologna geboren, in manchen Quellen taucht als Geburtsort auch Calvenzano, ein Ortsteil von Vergato südwestlich von Bologna, auf.Reni, Guido, in: Wolf Stadler u. a. (Hrsg.): Lexikon der Kunst, Bd. 10, Karl Müller Verlag, Erlangen, 1994, S. 45 Sein Vater Daniele Reni war Musiker in städtischen Diensten und in der Kapelle der Kirche San Giacomo de’ Carbonesi (nicht von San Petronio, wie einige spätere Autoren behaupten), und auch die Mutter Ginevra Pozzi stammte aus musikalischem Elternhaus. So erstaunt es nicht, dass Guido Reni als Kind auch eine musikalische Ausbildung bekam, sein Leben lang die Musik mehr als die Literatur liebte und beim Malen auch oft gesungen haben soll (laut Malvasia und Giovanni Battista Passeri). Dies entsprach außerdem der kunsttheoretischen Maxime „ut musica pictura“, die Kunst und Musik in enger fruchtbarer Verbindung sah und unter anderem von den Carracci vertreten wurde.

Guido Reni studierte von etwa 1584 bis 1593 in Bologna bei dem Flamen Denys Calvaert und ging danach in die Accademia degli Incamminati der Carracci. Dort begann er nach lebenden Modellen zu malen, erlernte die Technik des Kupferstichs und Modelle aus Terracotta herzustellen. Besonders beeinflusst wurde er von Lodovico Carracci, mit dem er an einigen Dekorations-Projekten zusammenarbeitete.

Guidos früheste dokumentierte eigene Werke sind ein Fresko mit der Hl. Familie und dem Johannesknaben, die er in der Villa des Malers Cesare Aretusi malte (heute in Privatsammlung, Bologna) und eine Marienkrönung mit vier Heiligen, die er um 1595 für die Olivetaner der Kirche San Bernardo in Bologna schuf (heute in der Pinacoteca Nazionale di Bologna). Im Palazzo Zani (heute: Rossi) schuf er 1596–97 ein Fresko mit dem Sturz des Phaeton.Andrea Emiliani: Guido Reni, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 1997, S. 48

Anlässlich des Besuchs von Papst Clemens VIII. in Bologna im Jahr 1598 wurde der 23-jährige Guido Reni mit der Bemalung der Fassade des Palazzo del Reggimento beauftragt (nicht erhalten); dabei hatte er neben anderen Mitbewerbern auch seinen eigenen Lehrer Ludovico Carracci aus dem Rennen geschlagen. Im darauffolgenden Jahr wurde Reni in den Rat der Maler-Kongregation von Bologna gewählt.

mini|links|hochkant=0.75|Nessos und Dejanira, 1617–21, Öl auf Leinwand, 193 × 239 cm, Louvre, Paris Er machte sich außerdem einen gewissen Ruf für gute Kopien nach Bildern von Raffael, und im Auftrag von Kardinal Paolo Emilio Sfondrati malte er eine Kopie von Raffaels Ekstase der hl. Caecilia für die römische Kirche Santa Cecilia in Trastevere. In der Folge ging Reni wahrscheinlich im Jahr 1600 zusammen mit Francesco Albani nach Rom, wo er für denselben Auftraggeber und dieselbe Kirche zwei weitere Bilder malte: das Martyrium der hl. Caecilia und einen Tondo mit der Krönung der Hl. Caecilia und Valeriano.

Rom blieb bis 1614 seine hauptsächliche Wohn- und Wirkstätte, wenn auch mit Unterbrechungen. So kehrte er beispielsweise nach dem Tode von Agostino Carracci im Zeitraum 1602–1603 nach Bologna zurück, um an dessen feierlichen Begräbniszeremonien teilzunehmen, die er auch durch eine Folge von Radierungen dokumentierte. Er arbeitete auch mit Ludovico Carracci an (schlecht erhaltenen) Dekorationen im Kreuzgang von San Michele in Bosco.

Wieder zurück in Rom versuchte er zunächst bei Annibale Carracci unterzukommen, trat aber stattdessen laut Malvasia in die Werkstatt von Cavalier d’Arpino ein. Zu dieser Zeit setzte sich Reni vorübergehend mit dem neuen tenebristischen und naturalistischen Stil von Caravaggio auseinander, wie man beispielsweise an der 1604 für Kardinal Pietro Aldobrandini entstandenen Kreuzigung des hl. Petrus (Pinacoteca Vaticana, Rom) oder an dem Gemälde David mit dem Haupt des Goliath (Louvre, Paris) erkennen kann. Dies war jedoch nur eine vorübergehende Phase, obwohl er später noch in Einzelfällen und passend je nach Thematik den Tenebrismus wiederaufnahm.

mini|hochkant|Kindermord in Betlehem, 1611–1612, Öl auf Leinwand, 268 × 170 cm, Pinacoteca Nazionale, Bologna Ab 1608 folgten mehrere extrem prestigereiche Arbeiten für die mächtige und kunstbegeisterte Familie Borghese, zuerst für Deckenfresken in zwei Sälen des Vatikanpalastes im Auftrag von Papst Paul V. Borghese. Für den Kardinalnepoten Scipione Borghese malte Reni das Fresko Der hl. Andreas, zum Martyrium geführt in der Kirche San Gregorio al Celio – in einer Art künstlerischem Wettbewerb mit Domenichino, der ungefähr gleichzeitig und am selben Ort die Geißelung des hl. Andreas malte. Weiterhin für die Borghese dekorierte Guido Reni im Quirinalspalast die gesamte Cappella dell’Annunciata, unter Mitwirkung von Mitgliedern der Carracci-Werkstatt, namentlich Giovanni Lanfranco, Francesco Albani und Antonio Carracci; das Hauptaltarbild der Verkündigung in Öl malte Reni allein.1610 wurde ihm ebenfalls von den Borghese die Dekoration von Teilen der Cappella Paolina in Santa Maria Maggiore anvertraut, allerdings unter der künstlerischen Oberleitung von Cavalier d’Arpino; Reni geriet jedoch in Streit mit dem Schatzmeister der Kirche, brach das Projekt ab und reiste kurzerhand nach Bologna.

Dort soll er die Malerei beinahe aufgegeben haben und sich zunächst als Kunsthändler versucht haben, wurde aber von seinen Kollegen einschließlich seinem Ex-Lehrer Calvaert überzeugt, mit dem Malen weiterzumachen. Während dieser Zeit in Bologna schuf er unter anderem einige Fresken im Palazzo Marescalchi (später: Orlandini) und im Kloster der Serviten, sowie den Bethlehemitischen Kindermord für eine Kapelle in der Kirche San Domenico (heute in der Pinacoteca nazionale di Bologna; siehe Abb.).

mini|hochkant=1.8|Aurora leitet den Sonnenwagen des Apoll, begleitet von den Horen (1614), Fresko, 280 × 700 cm, Palazzo Pallavicini Rospigliosi, Rom 1612 kehrte er nach Rom zurück, wo er die Arbeiten in der Cappella Paolina zu Ende brachte und wiederum für Scipione Borghese in leuchtenden Farben das vielbewunderte Deckenfresko der Aurora, die den Sonnenwagen des Apoll leitet (1614) im Casino des heutigen Palazzo Pallavicini Rospigliosi malte, das zu seinen berühmtesten Meisterwerken zählt und bereits seinen barocken Klassizismus in voller Ausprägung zeigt.Andrea Emiliani: Guido Reni, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 1997, S. 13 Bevor Reni nach Bologna zurückreiste, machte er nachweislich einen Abstecher nach Neapel, ohne dass man wüsste, was er dort unternahm.

Danach lebte er für den Rest seines Lebens mit wenigen kurzen Unterbrechungen in seiner Heimatstadt, wo er spätestens ab dem Tode Ludovico Carraccis (1619) der führende Künstler war, eine große Werkstatt leitete und die wichtigsten Aufträge von kirchlichen und privaten Kunden bekam. Gleich nach seiner Rückkehr schuf er das Deckenfresko mit der Glorie des hl. Dominikus (1615) in einer Kapelle der Kirche San Domenico. Zu den bedeutendsten Werken dieser Zeit gehören außerdem die sogenannte Pietà der Bettler (Pietà dei Mendicanti) und das Kruzifix der Kapuziner (heute: Pinacoteca nazionale di Bologna) sowie die ganz barock empfundene und auch von Tizian inspirierte Himmelfahrt Mariä (1616) für die Chiesa del Gesù in Genua.

mini|hochkant=0.9|Mariä Himmelfahrt, 1616, Öl auf Leinwand, 442 × 287 cm, Chiesa del Gesù, Genua 1616 vollendete er das Deckenfresko der Sakramentskapelle im Dom zu Ravenna, zusammen mit seinen Mitarbeitern Francesco Gessi, Giovanni Giacomo Sementi und Bartolomeo Marescotti. 1617 wollte ihn Herzog Ferdinando Gonzaga nach Mantua holen, aber Reni lehnte mit der Begründung ab, dass ihn die Arbeit an Fresken „todkrank“ mache; er war aber bereit, einen vierteiligen Herkules-Zyklus in Öl zu malen und nach Mantua zu senden (heute im Louvre, Paris).Andrea Emiliani: Guido Reni, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 1997, S. 49 Für andere Privatkunden malte er ebenfalls mythologische Szenen, oft in mehreren Versionen, wie Atalanta und Ippomene (in Neapel und Madrid) oder den Kindlichen Bacchus (in Dresden und Florenz).

1619 begannen die Verhandlungen für die Dekoration der Cappella del Tesoro di San Gennaro im Dom von Neapel, wo Reni von April bis Mai 1622 mit den Arbeiten beginnen wollte; aber nach einem Mordanschlag auf seinen Diener reiste er zur Enttäuschung seiner neapolitanischen Auftraggeber unverzüglich wieder ab. Während dieser Zeit entstanden vermutlich einige Bilder für die neapolitanische Kirche San Filippo Neri, die sich heute in der Bildergalerie der Girolamini befinden.

Er erhielt weiterhin viele Aufträge für Altarbilder aus ganz Europa, wie beispielsweise eine Maria Immaculata für Sevilla (heute: Metropolitan Museum, New York) oder eine Verkündigung für die französische Königin Maria de’ Medici (heute: Louvre, Paris).

Die heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindliche Taufe Christi (1622–23; siehe Abb. unten in Galerie) malte Reni ursprünglich für den in Bologna ansässigen flämischen Silberschmied oder Juwelier Jan Jacobs, der ein Freund seines Lehrers Calvaert war.

1625 schuf er im Auftrag von Kardinal Ludovico Ludovisi das große Altarretabel der Kirche Santissima Trinità dei Pellegrini in Rom mit einer Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit. Zwei Jahre später ging er noch einmal nach Rom, um für Kardinal Barberini im Petersdom einen Freskenzyklus über das Leben des Attila zu malen – es kam jedoch nicht dazu, weil Reni aufgrund von Unstimmigkeiten nach kurzer Zeit wieder abreiste. Es wird auch vermutet, dass Reni die Freskomalerei aufgab, weil es ihm mittlerweile zu gefährlich und anstrengend war, auf hohen Gerüsten zu arbeiten.

mini|links|Entführung der Helena, 1626–31, Öl auf Leinwand, 253 × 265 cm, Louvre, Paris

Guido Reni war befreundet mit den Bologneser Schriftstellern Cesare Rinaldi, Gaspare Bombaci und Andrea Barbazza, die seinen Ruhm durch ihre Werke verbreiteten. Zuvor hatte schon Giovan Battista Marino den Maler in seiner Galleria (1620) mit schmeichelhaften Zeilen bedacht. Renis ursprünglich für den König von Spanien Philipp IV. gemalteLawrence Gowing: Die Gemäldegalerie des Louvre, Monte/Dumont, Köln, 1988/2001, S. 310 Entführung der Helena (Louvre, Paris) wurde nicht zuletzt deshalb eins der berühmtesten Bilder seiner Zeit, weil es von mehreren Dichtern besungen wurde. Von dem Bild fertigte Reni zusammen mit seiner Werkstatt auch eine halb-autographe Replik für Kardinal Bernardino Spada, den er auch porträtierte – beide Bilder sind heute in der Galleria Spada in Rom zu sehen.

Zu seinen bedeutenden Werken gehört auch die sogenannte Pala del Voto o della peste (Gelöbnis- oder Pest-Altar), eigentlich eine Rosenkranzmadonna mit Schutzheiligen von Bologna, die er nach einer überstandenen Pestepidemie 1631–32 in Öl auf Seide malte und die sich ursprünglich im Palazzo Pubblico von Bologna befand (heute: Pinacoteca nazionale, Bologna).Andrea Emiliani: Guido Reni, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 1997, S. 18