mini|hochkant=1.4|Dorfkirche Woosten (2015) mini|hochkant=1.4|Westgiebel mit Fachwerkturm (2015) Die Dorfkirche Woosten ist eine frühgotische Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert im Ortsteil Woosten der Stadt Goldberg im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern.
Baugeschichte Im Verzeichnis der Pfarrlehen und Kirchen des Schweriner Stiftssprengels wurde Wutzen schon 1234 zum Archidiakonat des Benediktinerklosters Dobbertin gehörig erwähnt.MUB I. (1863) Nr. 425. Weitere urkundliche Erwähnung, auch im Rostocker Stadtbuch, findet Woosten 1269 durch das Testament des Gärtners Johann Friese, der dort der Kirche in Woceten einen Beitrag von vier Solidas hinterlässt.MUB II. (1864) Nr. 1153. Demnach muss die Kirche als ritterschaftliche Gründung der Familie von Woosten schon 1269 im Bau gewesen sein. Von 1296 gehörte Woosten mit den umliegenden Dorfschaften zu den Besitzungen des pommerschen Zisterzienserkloster Neuenkamp, wo es bis 1455 verblieb.MUB XV. (1890) Nr. 8924. Danach kam das Archidiakonat wieder zum Kloster Dobbertin mit seinem Propst Nicolaus Behringer.LHAS 1.5-4/3 Urkunden Kloster Dobbertin. Regesten Nr. 152, 163–167, 169. Die Bauherrschaft der Pfarre und Kirche Woosten war eine ritterschaftliche Gründung der Familie von Woosten.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014 S. 224. Die Familie hatte dort ihren Stammsitz und deckte mit ihrem Sprengel ihre Besitztümer ab.Fred Ruchhöft: Die Entwicklung der Kulturlandschaft im Raum Plau-Goldberg im Mittelalter. 2001 S. 151. Schon 1307 wurde ein Geistlicher Johann von Woosten als Kirchherr zu Woosten genannt.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Woosten. 1993 S. 397.
Am Dachwerk des Kirchenschiffes wurden Ende des 14. Jahrhunderts die erste größeren Reparaturen vorgenommen. Die dendrochronologische Datierung der Balkenlage im Schiffdachwerk ergab eine Erneuerung der gesamten Balkenlage 1398.Ralf Gesatzky: Die Kirche zu Woosten. 2018, S. 8, 19.
Mitte des 16. Jahrhunderts halten sich die von Grabow weiter in Woosten auf und hatten das Kirchenpatronat. Nachdem Elar von Grabow 1607 verstorben war, musste 1649 Johann von Grabow seine Güter in Woosten, Finkenwerder und Klein Poserin aufgeben. Mit der Verpfändung des Grabow’schen Familienbesitzes Ende des Dreißigjährigen Krieges ging auch das Kirchenpatronat 1649 an den Kommandanten Major Christoph Trappmann und Anna Sophia, die Witwe Jürgen von Linstow. Im Kirchenvisitationsprotokoll von 1649 wird die Kirche so beschrieben: „Die Kirche ist wohl gebauet, und ein gutes Gebeude, das Chor gewelbet, und sonsten des übrige mit einem guten brettern Boden übergeleget, auf dem Thurmb eine schöne lange Spitz mit Spohn gedeckt, der Predigtstuel, Altar und Taufstein sind guth, das Kirchen Tach aber wetwas unduchtig und wollen es die Patroni reparieren lassen.“ Auch 1662 wird im Visitationsprotokoll die Kirche als „im ziemlichen Stande, das Chor gewelbet, das übrige mit Brettern zugelegt“ beschrieben. Das Kirchendach war immer noch undicht, der Turm mit Holzschindeln gedeckt und das gesamte Gestühl im Kriege verbrannt.
Im 17. und 18. Jahrhundert gab es mehrfach Ausbesserungen in der Dachkonstruktion und am Turm. So 1667 am Dachwerk des Chores. 1719 wurden zur Verstärkung der Dachkonstruktion sogar zwei neue Deckenbalken eingebaut. Der jetzige zweistöckige Fachwerkturm, der aus dem Dach herausragt, wurde erst 1774 errichtet. Die zum Andreaskreuz ausgebildeten Streben aus Eiche wurden im Winter 1773/74 gefällt.Ralf Gesatzky: Die Kirche zu Woosten. 2018, S. 9–10. Deutlich älter aber ist der Glockenstuhl. Die Eichenständer der Unterkonstruktion stammen nach Dendroproben von 1590 ±10.Ralf Gesatzky: Die Kirche zu Woosten. 2018, S. 10.
Als 1673 Hauptmann a. D. Trappman in Wendisch Waren einen Bauern erschoss und flüchtete, übernahm Levin Heinrich von Linstow Woosten. Erst 1681, als die Kirche sehr baufällig war, schien man notdürftige Reparaturen durchzuführen. 1698 soll Georg von Linstow, Braunschweig-lüneburgischer Oberst und Kommandeur der Festung Hamburg Besitzer der Güter in Woosten und Diestelow im Amt Goldberg gewesen sein.LHAS 9.1-1 Reichskammergericht. Nr. 724. 1707 erwarb dann der Goldberger Amtshauptmann Christoph Hans von Grabow Woosten wieder zurück und 1726 war Friedrich Wilhelm von Grabow Erbherr auf Woosten und Patron der Kirche. 1721 ging Woosten an die von Plessen und 1752 vom Kammerherrn Engelke von Plessen an die Herzogliche Kammer.
Am 11. Juni 1781 schrieb Pastor Hane an den Herzog: „Das Dach der hiesige Kirche fängt an, sehr schadhaft zu werden, und wird demselben diesen Sommer nicht abgeholfen, so wird der Schaden noch größer.“ Am 3. August 1781 kam der Zimmerermeister Lufft aus Güstrow zur Besichtigung und stellte dafür eine Rechnung von 4 Taler und 32 Schillinge.LKAS, OKR Schwerin, Akte 30, Reparaturen der Kirche zu Woosten. Dazu fertigte er einen Kostenvoranschlag und eine colorierte Zeichnung. Im März 1782 klagte dann der Pastor über die nicht durchgeführten Reparaturen, die 1783 nochmals genehmigt wurden. Nun war auch die Reparatur der Fenster im Gespräch, doch der Herzog lehnte vorerst eine Finanzierung mit der Begründung ab: „Die Zahl der Fenster sei zu groß angegeben, daß die Absicht dahin zu gehen scheine, die gesamte Kirche mit neuen Fenstern zu verzieren.“
Während der Amtszeit von Pastor Johann Christoph Carl Zander gab es erhebliche Verbesserungen in der Kirche. Nachdem 1838 beide Glocken wieder läuten konnten, kam es von 1841 bis 1843 im Kircheninnern erneut zu Veränderungen bis hin zur Ausmalung und 1859 zur Anschaffung einer Orgel. Die Verschönerungen im Kircheninnern betrafen den Bau von drei neuen Stühlen für den Hof Woosten, für den Holländer und die Kirchenjuraten rechts vom Altar aus. Dazu kamen noch 17 neue Kirchenstühle zu beiden Seiten des Mittelschiffs. 1842 wurden durch starken Wind Mauerziegel aus den Gefachen des Fachwerkturmes gerissen und fielen auf das Kirchendach, deren Schäden erst drei Jahre später nach heftiger Kritik durch Großherzoglicher Kammer an der Goldberger Behörde erledigt wurden. Am 15. April 1850 brannte das Pfarrhaus ab. Von 1878 bis 1880 gab es weitere Reparaturen, da die Kirche inzwischen wieder „einen verfallenen Eindruck machte“. Als der Kirchturm 1912 beim Läuten der Glocken sichtbar schwankte, waren die Reparaturen am Fachwerk doch recht aufwendig.Ralf Berg: Die Kirche in Woosten. 2014 S. 160–161. mini|Nach der Sanierung November (2019) Nachdem Pastor Bosinski die Pfarre Woosten Anfang 1945 in Richtung Güstrow verlassen hatte, war die „herrenlose“ Pfarre nach Kriegsende arm und wüst geworden. „Im Pfarrhaus wohnten nun 12 Familien, darunter sieben Siedler. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, die Dächer undicht und der Wohnraum verschmutzt, alles war verfallen und wimmelte von Vieh, Dunk und Schmutz, nur der Kirchenraum wurde nicht geschändet.“Curt Buchholz: Zur Kirchenchronik von Goldberg in Mecklenburg. 1949 (unveröffentlicht).
In den Jahren 2000 bis 2003 erfolgten notwendige, bisher immer nur kleine Sicherungs- und Sanierungsarbeiten am Dach, dem Fachwerkturm, der Sakristei und den Fassaden. Die Dächer und die Holzkonstruktion vom Turm, Kirchenschiff, Chor und Anbau befanden sich weiter in einem schlechten Zustand. Mit der Planung und Bauleitung wurde das Parchimer Architekturbüro Lemke-Uphaus beauftragt. Das statische Sicherungskonzept erarbeitete Herr Holger Hacker, das Holzschutzgutachten Herr Jörg Baschista und die bauhistorische Untersuchung der gesamten Kirche mit Bauaufnahme und Schadenskartierung Herr Ralf Gastzky, alle aus Schwerin. Die umfangreichen Bauarbeiten am Turm und den Dächern wurden von 2018 bis 2019 durchgeführt. Der Turmhelm wurde am 13. März 2019 mit Kugel und Wetterhahn abgenommen und danachOrtsbesichtigung am 15. März 2019. ebenerdig erneuert.Niels Troelenberg: Helm kommt bald wieder drauf. SVZ Goldberg-Lübz-Plau, 8. März 2019. In diesem Artikel hat der Redakteur die Kirche gleich um 300 Jahre jünger gemacht: „Seit einigen Tagen wird an der 1612 errichteten Kirche in Woosten wieder gesägt, geklebt und vefugt.“ Am 15. April 2019 konnte der sanierte Turmhelm mit Schieferdeckung wieder auf den Turm gesetzt werden.Franziska Gutt: Sanierung der Turmspitze. Kirche wieder komplett. SVZ LÜbz – Goldberg – Plau, 16. April 2019.
Baubeschreibung Die Kirche zu Woosten gehört zu einer der ältesten Kirchen, die von der Formsprache der Viertelstabgotik in Mecklenburg geprägt wurden.Ralf Gesatky: Die Kirche zu Woosten. 2018, S. 16. In Woosten sind es die als Kantenprofil für die Fenstergewände und für das Priesterportal verwendeten Formsteine.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 111–113, 134. Auch bei der Stadtkirche Goldberg ist die Abfolge zu sehen. Äußeres mini|Deckenbalken Inschrift zum Fachwerkturm (2013) Bei der Kirche handelt es sich um einen schlichten strebepfeilerlosen Backsteinbau mit Feldsteinsockel, der in zwei Bauphasen als einschiffiger Saalbau errichtet wurde. Der rechteckige Chor mit seinem Kreuzrippengewölbe ist mit den dendrochronologisch zwischen 1303/1305 datierten Dachwerk als ältestes Bauteil der Kirche 106 fertiggestellt worden.Tilo Schöfbeck: Dendrodaten aus Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 364.
Das Langhaus wurde 1311 fertiggestellt. Der geplante Weiterbau des Langhauses wurde durch die angelegte Zahnung des Mauerverbandes am Langhausgiebel mit vorbereitet, wie die Baunaht deutlich erkennen lässt. Der West- und Ostgiebel sind mit gekuppelten Zwillingsblenden verziert. Am Ostgiebel sind das Rundbogenblenden. Die Mauerkronen von Chor und Schiff sind außen mit einem einfachen Mauersims aus zweifach gestuften Ziegeln versehen.
Die Satteldächer vom Chor und vom Langhaus sind mit handgefertigten Biberschwanzdachziegeln in Kronendeckung eingedeckt. Die zwei dreibahnigen Spitzbogenfenster mit verbleitem Rautenglas an der Nord- und Südseite des Langhauses sowie je ein Fenster am Chor wurden im gotischen Stil ausgeführt. Die Stufenportale weisen ebenfalls eine Mischform aus gotischen und romanischen Elementen auf. Die Priesterpforte an der später angebauten Vorhalle auf der Südseite des Chores ist mit Rundstabprofilen versehen.
Der Fachwerkturm an der Westseite des Kirchenschiffes gliedert sich in vier Bauteile. Die Unterkonstruktion aus vier mächtigen achteckigen Eichenholzständern, die mittlere Rahmenkonstruktion, die zweistöckige Fachwerkkonstruktionen mit dem Pyramidenhelm und die eigenständige Glockenstuhlkonstruktion.Ralf Gesatzky: Die Kirche zu Woosten. 2018, S. 9. Laut Inschrift in einem Querbalken zwischen den östlichen Ständern stammt die Unterkonstruktion des Turmes von 1618.Abbundzeichen. Inschrift und Datierung am Querbalken zwischen den östlichen Ständern im Fachwerk. Bisher wird angenommen, dass diese Jahreszahl die Fertigstellung der jetzigen Turmkonstruktion angibt. Dendrochronologischen Untersuchungen ergaben, dass der jetzige zweistöckige Fachwerkturm erst 1774 errichtet wurde.Ralf Gesatzky: Die Kirche zu Woosten. 2018, S. 16. Das Zeltdach des Turmhelms hat eine Schieferdeckung.
Inneres Das Dachwerk des Kirchenschiffes und des Chores sind ein kreuzverstrebtes Kehlbalkendach mit Kehl- und Hakenbalken. Der hochstehende Kehlbalken ist ein Zeichen dafür, dass das Kirchenschiff ursprünglich auf Wölbung ausgelegt war. Das Dachwerk aus Eichenholz besteht aus 13 Gebinden und ist mit Symbolabbundzeichen versehen, die in Mecklenburg bis 1330 verwendet wurden.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 303–307. mini|links|Chor mit Altar (2013) Das Kirchenschiff hat eine flache Holzbalkendecke mit Bretterschalung. Die Querbalken liegen auf den Seitenwänden auf und werden zusätzlich durch geschwungene und verzierte Kopfbänder gesichert.