M ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Film noir von Joseph Losey aus dem Jahr 1951. Es handelt sich um eine Neuverfilmung des deutschen Kriminalfilms M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) von Fritz Lang. Wie in Langs Original schildert der Film die Hetzjagd der organisierten Unterwelt auf einen gesuchten Kindermörder, verlegt aber die Handlung vom Berlin der Weltwirtschaftskrise in das Los Angeles der Nachkriegszeit. Beide Versionen wurden von Seymour Nebenzahl produziert.

Handlung Ein Kindermörder versetzt Los Angeles in Angst und Schrecken. Alle Opfer wurden getötet, ohne sexuell missbraucht zu werden. Eine im Fernsehen ausgestrahlte Aufklärungskampagne der Polizei führt zu wiederholten Übergriffen gegen Unschuldige, aber nicht zur Ergreifung des Täters. Der um seine Popularität besorgte Bürgermeister übt Druck auf Polizeichef Regan und Inspektor Carney aus, so bald wie möglich den Schuldigen zu präsentieren. Die Polizei lädt in einer groß angelegten Aktion einschlägig Vorbestrafte vor und führt Razzien in von der Halb- und Unterwelt frequentierten Lokalitäten durch.

Gangsterboss Marshall sieht durch die polizeilichen Aktivitäten seine Geschäfte gefährdet und befiehlt, den gesuchten Kindermörder in einer von organisierten Kriminellen, Jugendbanden und Informanten gemeinsam durchgeführten Aktion ausfindig zu machen. Das Vorhaben gelingt; bei dem Versuch, ein junges Mädchen zu entführen, wird der Serientäter Martin Harrow erkannt und von einem Jugendlichen mit einem „M“ (für „murderer“, dt. „Mörder“) auf der Kleidung kenntlich gemacht. Harrow flüchtet sich mit dem Kind in das Bradbury Building. In einem rücksichtslos durchgeführten Manöver – so misshandeln die Verfolger unter anderem einen Wachmann des Gebäudes – können die Gangster Harrow aufspüren und vor ein Femegericht stellen. Marshall lädt einen hochrangigen Pressevertreter ein, da er sich der Öffentlichkeit als treusorgender Bürger präsentieren möchte. Er zwingt den alkoholkranken Anwalt Langley, Harrows „Verteidigung“ in dem „Prozess“ zu übernehmen. Als Langley während seines Plädoyers stattdessen Marshall und seine Spießgesellen anklagt, erschießt Marshall ihn. Kurz bevor Harrow, der seine Taten mit der Gewalttätigkeit der ihn umgebenden Welt zu erklären versucht, dem lynchwütigen Mob zum Opfer fällt, wird er von der eintreffenden Polizei gerettet, um vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden.

Hintergrund Original und Neuverfilmung Der Produzent Seymour Nebenzahl hatte die Idee eines Remakes von M – Eine Stadt sucht einen Mörder an Fritz Lang herangetragen. Lang, der das letzte Mal 1933 mit Nebenzahl in Das Testament des Dr. Mabuse gearbeitet hatte, lehnte eine Neuverfilmung mit Nachdruck ab. Daraufhin betraute Nebenzahl Joseph Losey mit der Neuverfilmung, ein Umstand, der zum dauerhaften Bruch zwischen Nebenzahl und Lang führte.David Kalat: The Strange Case Of Dr. Mabuse: A Study Of The Twelve Films And Five Novels. McFarland & Co., Jefferson (North Carolina) 2001, S. 110. Die Rechte hatte Nebenzahl – laut Aussage Langs – kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bei Langs Ex-Frau Thea von Harbou erworben. Lang bestand auch darauf, das Remake nie gesehen zu haben.Lang in einem Interview mit Gretchen Berg, in: Barry Keith Grant (Hrsg.): Fritz Lang. Interviews. University Press of Mississippi, 2003, S. 55. Die öffentlich ausgetragene Fehde zwischen den beiden Männern veranlasste Nebenzahl, seine Gründe für eine Neuverfilmung in einem Zeitungsartikel zu erklären. So gab er an, dass die psychologische Herangehensweise des Originals „antiquiert“ sei und die Problematik des Sexualstraftäters und seiner „Bedrohung für die Gesellschaft“ aktueller denn je.Artikel von Ezra Goodman, Los Angeles Daily News vom 28. Juni 1950, zitiert in: Edward Dimendberg: Film Noir and the Spaces of Modernity. Harvard University Press, Cambridge (MA)/London 2004, S. 226. Die Fassung von 1951 betont allerdings, dass der Täter seine Opfer nicht sexuell misshandelt, lediglich die erotisch besetzte Fixierung des Täters auf die Schuhe und Schnürsenkel der Kinder wird angedeutet.

Nebenzahl produzierte M mit seiner eigens gegründeten Filmproduktionsgesellschaft Superior Films. Losey bekannte später in einem Interview, dass er aufgrund des Klassikerstatus von Langs Film den Regieauftrag nur widerwillig angenommen habe. Ausschlaggebend sei für ihn letztlich gewesen, mit Hauptdarsteller David Wayne drehen zu können, und das Bedürfnis, in Zeiten politischer Repressalien in Hollywood (während der viele linke Filmschaffende ihre Arbeit verloren, siehe Hollywood Ten und McCarthy-Ära) die Gelegenheit zur Arbeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.Edward Dimendberg: Film Noir and the Spaces of Modernity. Harvard University Press, Cambridge (MA)/London 2004, S. 218.

Die Neuverfilmung verlegt das Geschehen von Berlin nach Los Angeles, orientiert sich aber weitestgehend am Original,Laut Losey erklärte sich die Nähe zum Originaldrehbuch durch die Zensurauflage des Breen Office, das die Realisierung eines Films zum Thema Kindesmord nur gestattete, wenn sich dieser eng an der als Klassiker anerkannten Erstverfilmung orientiere. Losey im Gespräch mit John Cutts in: John Howard Reid: America's Best, Britain's Finest: A Survey of Mixed Movies. Lulu Press, 2010, S. 268. Vgl. auch Jim Dawson: Los Angeles's Bunker Hill: Pulp Fiction's Mean Streets and Film Noir's Ground Zero! History Press, Charleston (South Carolina) 2012, S. 56–61. bis hin zu einzelnen Szenen und Motiven wie der Mutter, die verzweifelt rufend auf ihr Kind wartet, und dem verirrten Luftballon, der von dessen Tod kündet. Der im Original ein Lied pfeifende Mörder spielt im Remake auf einer Flöte, um seine Opfer anzulocken, wie ein „pervertierter Rattenfänger von Hameln“ (Foster Hirsch).„[…] a perverted pied piper […]“ – Foster Hirsch: Joseph Losey. Twayne, Boston 1980, S. 44. Zu den Erweiterungen gehören eine Armee von Taxifahrern, die ebenfalls im Auftrag der Unterwelt Ausschau nach dem Mörder hält, und ein Psychologe, den die Polizei konsultiert, um Vorbestrafte zu untersuchen und ein Täterprofil zu erhalten. Auch gibt es Anspielungen auf das aktuelle politische Klima in den USA: Eine Zeugin, die trotz einer gegenteiligen Aussage insistiert, dass ein gesuchtes Kind ein rotes Kleid getragen habe, wird gefragt, ob sie Kommunistin sei, und über dem finalen Tribunal, das in einem Parkhaus abgehalten wird, prangt ein Schild mit der Aufschrift „Keep to Right“ („Rechts halten“).

Produktion und Filmstart Die Dreharbeiten fanden im Frühjahr und Frühsommer 1950 statt. Losey drehte Teile des Films im verfallenden und später komplett modernisierten Stadtteil Bunker Hill von Los Angeles und im nahe gelegenen Bradbury Building, in dem unter anderem auch Szenen zu Opfer der Unterwelt (1950), Chinatown (1974) und Blade Runner (1982) aufgenommen wurden. Regieassistent war Robert Aldrich, damals ein regelmäßiger Mitarbeiter Loseys.Jim Dawson: Los Angeles’s Bunker Hill: Pulp Fiction’s Mean Streets and Film Noir’s Ground Zero! History Press, Charleston (South Carolina) 2012, S. 56–61.Foster Hirsch: The Dark Side of the Screen: Film Noir. Da Capo Press, New York 2001, ISBN 0-306-81039-5, S. 128–129.

M startete 1951 in den USA im Verleih der Columbia PicturesIm Februar laut Jim Dawson, am 10. Juni laut Alain Silver und Elizabeth Ward, vgl. Jim Dawson: Los Angeles’s Bunker Hill: Pulp Fiction’s Mean Streets and Film Noir’s Ground Zero! History Press, Charleston (South Carolina) 2012, S. 56–61; Alain Silver, Elizabeth Ward (Hrsg.): Film Noir. An Encyclopedic Reference to the American Style, Third Edition. Overlook/Duckworth, New York/Woodstock/London 1992, ISBN 978-0-87951-479-2, S. 178. und am 25. April 1952 in der Bundesrepublik Deutschland.. Trotz positiven Echos in der amerikanischen Presse bei der Uraufführung litt M unter Repressionen, die die Aufführung behinderten; so verbot die Zensurbehörde des Bundesstaates Ohio den Film (eine Entscheidung, die später vom Supreme Court aufgehoben wurdeLaura Wittern-Keller: Freedom of the Screen: Legal Challenges to State Film Censorship, 1915–1981. University Press of Kentucky, Lexington 2008, S. 160 ff.), und in Los Angeles bildeten sich Protestzüge vor den Kinos wegen der an der Produktion des Films beteiligten „Known Reds“ („bekannten Roten“).Gregory D. Black: The Catholic Crusade Against the Movies, 1940–1975. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1998, S. 133. Losey und die Darsteller Howard Da Silva, Luther Adler und Karen Morley waren von Kollegen und in der antikommunistischen Publikation Red Channels („Rote Kanäle“) der Nähe zur oder Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei bezichtigt worden.Carlton Jackson: Picking Up the Tab: The Life and Movies of Martin Ritt. Bowling Green State University Popular Press, 1994, S. 28.Nachruf auf Karen Morley in The Guardian vom 21. April 2003, abgerufen am 12. Januar 2013. Da Silva, Morley und Drehbuchautor Waldo Salt wurden vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen, verweigerten die Aussage und fanden lange Jahre keine Beschäftigung mehr in Hollywood.Paul Buhle, Dave Wagner: Hide in Plain Sight: The Hollywood Blacklistees in Film and Television, 1950–2002. Palgrave Macmillan, New York 2003, S. 108. Losey entzog sich der Vorladung durch die Emigration nach Europa.Brian Neve: Film and Politics in America. A Social Tradition. Routledge, Oxon 1992, S. 125–126.

Wegen der Kontroversen, die den Film umgaben, zog Columbia M bald aus den Kinos zurück. In späteren Jahren war M nur selten zu sehen, gewöhnlich im Rahmen eines Festivals wie dem Melbourne International Film Festival 1981 oder der Berlinale 2013. auf der Website des Melbourne International Film Festival, abgerufen am 11. März 2013.M auf der Webseite der Internationalen Filmfestspiele Berlin, abgerufen am 11. März 2013. Nebenzahl produzierte nur noch einen weiteren Film, den in der Bundesrepublik gedrehten Bis zum Ende aller Tage (1961).

Kritik M erhielt bei seinem Kinostart vor allem Lob für die effektvolle Verwendung von Originalschauplätzen in Los Angeles, darunter vom Motion Picture Daily und dem Hollywood Reporter, erntete aber auch Kritik. So bezeichnete Variety den Film als „grausam“,Zitiert nach: David Caute: Joseph Losey: A Revenge on Life. Oxford University Press, 1994, S. 94. die New York Times sprach von einem „entsetzlichen“ und „nur für Erwachsene geeigneten Produkt“.„Harrowing, it should be stressed, is the word for "M". […] "M" is strictly adult fare which may even terrorize impressionable parents.“ – Rezension in der New York Times vom 11. Juni 1952, zitiert nach Cinegraph.de, abgerufen am 15. März 2013. In Frankreich honorierten Raymond Borde und Etienne Chaumeton M in ihrem 1955 erschienenen Standardwerk Panorama du film noir américain 1941–1953 als „würdiges Freudianisches Remake“.Raymond Borde, Etienne Chaumeton: A Panorama of American Film Noir (1941–1953). City Light Books, San Francisco 2002, S. 108; EA Panorama du film noir américain 1941–1953. Les Éditions de Minuit, 1955.