Dr. Bullivant ist eine 1831 erschienene literarisch-biographische Skizze des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne. Sie porträtiert Benjamin Bullivant, einen englischen Apotheker, der es in Neuengland unter der Herrschaft des verhassten Gouverneurs Edmund Andros (1687–1689) in hohe Positionen brachte.
Inhalt Die Skizze beginnt mit einer historisch-theoretischen Einleitung, die die Bewandtnis der Skizze erläutert. Sie nimmt sich demnach gerade Bullivant, eine längst vergessene Randgestalt der Geschichte, zum Gegenstand, um das gängige Bild vom kolonialen Neuengland zurechtzurücken, das vielleicht zu sehr von der Strenge der gottesfürchtigen Puritaner geprägt sei. Andererseits hebt sie gerade hervor, wie Bullivant, der „fröhliche Apotheker,“ durch seine witzige und spöttische Art die Puritaner Bostons in Rage brachte. Das Hauptanliegen der Geschichte sei aber die Darstellung seines Charakters.
Es folgen zwei mehr statische als dramatische Szenen aus dem Leben Bullivants, die aber immer wieder mit allgemeinen Betrachtungen zu Geschichtsschreibung und Literatur durchsetzt sind. In der ersten malt er einen Tag im Jahre 1670 aus, als Bullivant noch in London, genauer in Cornhill, praktizierte. Aus seiner Apothekerküche dringen seltsame Gerüche, die Leute wundern sich über die fremdartigen Bezeichnungen auf den vielen Phiolen, kaufen aber eifrig, und Bullivant gibt zu jedem Präparat noch eine spöttische Bemerkung als Draufgabe. In der zweiten Szene sehen wir Bullivant in seiner Bostoner Gefängniszelle (er wurde 1689 nach dem Bostoner Aufstand gegen Andros in Haft genommen), seine Perücke verrutscht, seine Kleidung verdreckt; immer wieder halten Passanten vor seinem Gitterfenster und rufen ihm Schmähungen zu. Zum Ende wird Bullivants kurz geruhsamer Lebensabend geschildert, als er in Boston wieder als Apotheker praktizierte.
Werkzusammenhang Dr. Bullivant erschien erstmals am 31. Januar in der Salem Gazette und wie alle Werke Hawthornes bis 1837 anonym. Sie zählt mit Sir William Phips, Sir William Pepperell sowie Mrs. Hutchinson zu einer Werkgruppe von vier historisch-biographischen Skizzen, die Hawthorne zwischen 1830 und 1833 veröffentlichte. Sie stehen im engen Zusammenhang zu den historischen Erzählungen der Provincial Tales (entstanden um 1828–1830) und stellen in gewisser Hinsicht deren theoretische Grundlage dar (wenn sie wohl auch erst später entstanden). Hawthorne setzt sich hier mit der Frage des Verhältnisses von Geschichtsschreibung und Literatur und somit mit den Bedingungen und Möglichkeiten historischer Fiktion (Romance) auseinander. Dr. Bullivant steht dabei in besonders engem Zusammenhang mit der Erzählung The Gray Champion (erschienen 1835), in der Bullivant ebenfalls auftritt, hier als einer der weinseligen Berater im Tross von Edmund Andros, die von ihrem hohen Ross herab die Bürger Bostons verspotten.
Im Besonderen wird in dieser frühen Skizze bereits Hawthornes zwiespältiges Verhältnis zu seinen puritanischen Vorfahren deutlich:
Die Puritaner macht er so verantwortlich dafür, dass sie die Entfaltung der Künste, insbesondere der Literatur (unprofitable word), in Amerika unterdrückt hätten, und diese freudlose Geisteshaltung bis heute nachwirke (visible … upon ourselves). Der Neuankömmling Bullivant, der den satirischen Geist des anbrechenden „augustischen“ Zeitalters der englischen Literatur versprüht, steht dabei stellvertretend für eine neue Art von Zuwanderern, die nicht aus religiösen Gründen nach Neuengland kamen, für die Erosion der puritanischen Dominanz und schließlich für einen schleichenden Mentalitätswandel in Neuengland:
Mithin richtet sich Hawthorne hier gegen die seinerzeit in der Geschichtsschreibung oft propagierte Vorstellung, dass der amerikanische Unabhängigkeits- und Freiheitswille, also die Prinzipien der Revolution, ein puritanisches Erbe darstellen; vielmehr seien sie erst durch den Niedergang des Puritanismus möglich geworden. Versinnbildlicht wird die „Degeneration“ der Puritaner in der zweiten Szene, in der es nun sie sind, die sich entgegen ihrer Natur zu profenem Spott gegenüber Bullivant versteigen.
Literatur Ausgaben In der maßgeblichen Werkausgabe, der Centenary Edition of the Works of Nathaniel Hawthorne (Hrsg. von Roy Harvey Pearce, William Charvat et al., Ohio State University Press, Columbus OH 1962ff.), findet sich The Seven Vagabonds im Band XXIII: Miscellaneous Prose and Verse, 1994, S. 75–83. Nur wenige der zahlreichen Sammelbände mit Kurzgeschichten Hawthornes enthalten die Skizze; eine Ausnahme ist die verbreitete, auf der Centenary Edition aufbauende Leseausgabe: Nathaniel Hawthorne: Tales and Sketches. Herausgegeben von Roy Harvey Pearce. Library of America, New York 1982. ISBN 1883011337 Eine deutsche Übersetzung steht noch aus.
Sekundärliteratur Michael J. Colacurcio: The Province of Piety: Moral History in Hawthorne’s Early Tales. Harvard University Press, Cambridge MA 1984. Reprint: Duke University Press, Durham NC 1996. ISBN 0822315726 Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes. „The Story Teller“ und andere frühe Werke. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1973. ISBN 3-5030-0714-8
Kategorie:Werk von Nathaniel Hawthorne Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten)