mini|hochkant=1.2|Beginn der Abhandlung De Bono („Über das Gute“) Alberts des Großen, Köln, Dombibliothek, Codex 1024, fol. 1r

Das Gute ist im allgemeinen Sprachgebrauch gewöhnlich eine unscharfe Bezeichnung für den Inbegriff oder die Gesamtheit dessen, was zustimmend beurteilt wird und als erstrebenswert gilt. Im Vordergrund steht dabei die Vorstellung des im ethischen Sinn Guten, auf das man mit guten Taten abzielt.

In der Philosophie hat der Begriff des Guten traditionell sowohl in der Metaphysik als auch in der Ethik eine wichtige Rolle gespielt. Zahlreiche moderne Philosophen bestreiten aber die philosophische Relevanz von Aussagen, in denen etwas als gut bezeichnet wird.

Eine metaphysische Bedeutung erhält das Gute in einer Vielzahl von Modellen, die ethischen Normen und damit auch dem Guten eine objektive Realität zuschreiben. Solche Modelle führen moralische Forderungen auf ein göttliches Gesetz oder auf eine objektive Wertordnung zurück. Demnach legt nicht der Mensch nach seinem Ermessen fest, was gut ist, sondern er erkennt einen objektiven Sachverhalt, wenn er etwas dem Bereich des Guten zuordnet. In diesen Systemen ist das Gute eine Wirklichkeit, die von Natur aus der Welt der Alltagserfahrung übergeordnet ist und ihr bindende Normen setzt. In nichtmetaphysischen ethischen Theorien hingegen wird das Gute als subjektive Setzung des Menschen aufgefasst und nur auf dessen Selbsterhaltung und Wohlergehen bezogen. Nach diesen Theorien ergibt sich, was als „gut“ bewertet wird, aus der menschlichen Natur oder wird gemäß den menschlichen Bedürfnissen festgelegt.

Begriffsbestimmung

Das Adjektiv „gut“ ist in der Form guot im Althochdeutschen schon im 8. Jahrhundert bezeugt. Seine Bedeutungsentwicklung führte von der ursprünglichen Grundbedeutung „passend“, „geeignet“ zu „tauglich“, „wertvoll“, „hochwertig“ und auf Personen bezogen „tüchtig“, „geschickt“, auch den sozialen Rang anzeigend „angesehen“, „vornehm“. In ethischer Verwendung bedeutete es schon im Althochdeutschen „rechtschaffen“, „anständig“.Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Band A–L, 2. Auflage, Berlin 1993, S. 488f.

Während das Adjektiv „gut“ eine Vielzahl von Bedeutungen hat, stammt das Substantiv „das Gute“ aus der philosophischen und theologischen FachspracheDie ältesten Belege sind zusammengestellt bei Rudolf Grosse (Hrsg.): Althochdeutsches Wörterbuch, Bd. 4, Berlin 1986, Sp. 500–504. und wird in einem spezielleren Sinn verwendet, der von der fachsprachlichen Herkunft des Begriffs geprägt ist. Als „gut“ werden unter anderem Gegenstände bezeichnet, wenn sie qualitativ hochwertig und zu einem bestimmten Zweck tauglich sind, oder Leistungen, wenn sie bestimmte Anforderungen erfüllen, oder Verhältnisse und Zustände, wenn sie angenehm und erfreulich sind. Ein Mensch gilt als „gut“, wenn er sozial erwünschte Eigenschaften aufweist.Zahlreiche Beispiele zu den Bedeutungen von „gut“ bietet das Duden-Wörterbuch: Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden, 3. Auflage, Bd. 4, Mannheim 1999, S. 1620f. „Das Gute“ hingegen steht in der Regel für ein höchstrangiges Ziel des Menschen: für das unbedingt Wünschenswerte und als richtig Erachtete, das durch entsprechende Handlungen verwirklicht werden soll. Hier geht es nicht um Tauglichkeit, die etwas Zweckdienliches als gut erscheinen lässt, sondern um das schlechthin Gute als Selbstzweck. Das Gute wird um seiner selbst willen angestrebt. Gegenbegriffe sind das Böse, das Schlechte und das Übel.

Als ein „Gut“ bezeichnet man etwas, was einen materiellen oder geistigen Wert darstellt: ein nützliches Objekt, eine geschätzte Eigenschaft (Tugend) oder Fähigkeit oder ein erstrebtes Ziel. Unter den Gütern wird eine Rangordnung gemäß dem ihnen zugewiesenen Wert aufgestellt. An der Spitze der Güterhierarchie steht in vielen metaphysischen Lehren ein „höchstes Gut“ (), das alles andere Gute in sich enthält. Ein solches höchstes Gut wird als vollkommen und somit in jeder Hinsicht als gut betrachtet und daher mit dem Guten schlechthin gleichgesetzt. Monotheistische und henotheistische Lehren identifizieren Gott bzw. eine oberste Gottheit mit dem Guten oder höchsten Gut. In nichtmetaphysischen Wertordnungen wird die Lust, die Glückseligkeit oder die Ausübung der Tugend als höchstes Gut oder zum höchsten Gut gehörend bestimmt.Robert Spaemann: Gut, höchstes. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 974–976.

Oft wird in modernen philosophischen Texten der fachsprachliche Ausdruck „Gutheit“ verwendet. Dies dient der Abgrenzung von allgemeinsprachlichen Konnotationen des Begriffs „Güte“ („Gütigsein“, „freundlich-nachsichtige Einstellung“), die im philosophischen Kontext nicht mitgemeint sind.

Antike Allgemeiner Sprachgebrauch

In der altgriechischen Sprache dient das Adjektiv agathós ‚gut‘ im allgemeinen Sprachgebrauch zur Bezeichnung des Umstands, dass eine Person oder Sache für eine Aufgabe oder einen Zweck hervorragend tauglich ist. So ist etwa bei Homer ein im Kampf tüchtiger Krieger agathos.Zum Sprachgebrauch Homers siehe Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, Paris 2009, S. 5f. Das Wort bezeichnet eine hohe Qualität, die Wertschätzung findet und eine entsprechende Emotion auslöst. Das Wort spoudaíos ‚tüchtig, vorzüglich, vortrefflich‘ wird oft im selben Sinne wie agathos verwendet. Das substantivierte Neutrum to agathón bedeutet sowohl „das Gute“ als auch „das Gut“.Hans Reiner: Gut, das Gute, das Gut. I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 937–946, hier: 937f.

Ob eine Person gut ist, erkennt man an ihrem „Werk“ (érgon), das heißt an der Qualität ihrer Leistungen oder Produkte. Aus der Sicht anderer ist jemand gut, weil er etwas für sie Nützliches leistet; das Gute ist eng mit dem Nützlichen verbunden. Die Eigenschaft eines Menschen, die bewirkt, dass er als gut bezeichnet werden kann, ist seine „Tüchtigkeit“ (aretḗ). Mit agathos und arete waren ursprünglich nur die Vorstellungen von Tauglichkeit, Leistungsfähigkeit, Erfolg und Nützlichkeit verbunden, eine moralische Qualität gehörte nicht notwendigerweise dazu. So kann beispielsweise auch ein Messer „gut“ sein, weil es saubere Schnitte produziert, oder ein „guter“ Einbrecher das kriminelle Handwerk in einer für ihn günstigen Weise ausüben. Erst unter dem Einfluss der späteren Philosophie wurde aus arete moralische Tugend und erhielt agathos die spezielle Bedeutung „sittlich gut“, wobei die Nützlichkeit als Konnotation erhalten blieb.Beispiele bei Wilhelm Pape: Griechisch-deutsches Handwörterbuch, 3. Auflage, Band 1, Nachdruck Graz 1954, S. 6 und Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon, 9. Auflage, Oxford 1996, S. 4; zur Begriffsgeschichte siehe Hans Reiner: Gut, das Gute, das Gut. I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 937–946, hier: 937–940. Das Gute wurde in einen engen Zusammenhang mit dem Schönen gestellt, die Verbindung beider in einer Person entsprach dem Ideal der Kalokagathia (wörtlich „Schönheit und Gutheit“).

Die Sophisten, die in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. als Vermittler von Bildung hervortraten, gingen von der vorherrschenden Vorstellung über das Gute aus. Sie fassten es als das auf, was allgemein als erstrebenswert gilt und demjenigen, der es erlangt, Befriedigung verschafft. Dabei dachte man gewöhnlich an Erfolg, der sich in Ruhm, Macht und Reichtum zeigt.

In der lateinischen Sprache wurden die Wörter bonus („gut“) und bonum („das Gute“, auch „das Gut“) analog zu den griechischen Wörtern agathos und to agathon verwendet. Auch hier ging es im ursprünglichen und allgemeinen Sprachgebrauch um Tauglichkeit, Nützlichkeit und Tüchtigkeit, in der Philosophie speziell um das sittlich Gute. Die römischen Denker übernahmen zahlreiche Konzepte griechischer Philosophen und wandelten sie bei Bedarf ab. An die Stelle der engen Verbindung des Guten mit dem Schönen, die im griechischen Ideal der Kalokagathia zum Ausdruck kam, trat bei den Römern die von Cicero initiierte Verbindung des Guten mit dem Ehrenhaften (honestum).Hans Reiner: Gut, das Gute, das Gut. I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 937–946, hier: 945f.

Sokrates

Sokrates, der die Sophistik bekämpfte, wandte sich gegen das Verständnis der Sophisten, nach dem das Gute keinen objektiven Inhalt hat, sondern nur durch subjektive Ziele und gesellschaftliche Normen bestimmt wird. Stattdessen forderte er dazu auf, nach einer allgemeingültigen Definition dieses Begriffs zu suchen; er fragte, was das Gute an und für sich ist. Er erhob aber nicht den Anspruch, selbst eine voll befriedigende, unanfechtbare philosophische Definition gefunden zu haben, sondern trug nur die Teilergebnisse vor, die seine Suche erbracht hatte. Da er keine Schriften hinterließ, ist seine Auffassung nicht genau bekannt. Die Ansichten des historischen Sokrates lassen sich nur indirekt aus den Quellen erschließen, vor allem aus den fiktiven, literarisch gestalteten Dialogen seines Schülers Platon. Der dort als Sprecher auftretende „platonische Sokrates“ ist allerdings nur eine literarische Gestalt, deren Verhältnis zum historischen Sokrates unklar ist.Siehe zur Position des Sokrates Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Sophistik, Sokrates, Sokratik, Mathematik, Medizin (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1), Basel 1998, S. 139–364, hier: 158–166; Andreas Patzer: Sokrates als Philosoph. In: Andreas Patzer (Hrsg.): Der historische Sokrates, Darmstadt 1987, S. 434–452, hier: 448f. Vgl. Michael Erler: Platon (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/2), Basel 2007, S. 82–84, 340f.

Platon Ansätze zur Begriffsbestimmung

miniatur|Platon, römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München Mit Platon beginnt die systematische Auseinandersetzung der abendländischen Philosophie mit der Frage nach dem Guten. Er hat sich eingehend mit ihr befasst. Allerdings wird das Verständnis seiner Position durch den Umstand, dass er keine Lehrschriften verfasste, behindert. Als Autor von Dialogen ließ er die Gesprächspartner verschiedene Auffassungen vertreten und verzichtete bewusst darauf, eine eigene Lehrmeinung vorzutragen und als solche zu kennzeichnen. Er überließ das Fazit dem Leser. Dennoch lässt sich den Dialogen indirekt entnehmen, wie er über das Gute dachte. Er verstand darunter zwar, soweit es um menschliches Handeln geht, das moralisch Gute, grenzte dieses aber nicht wie moderne moralphilosophische Ansätze vom Vorteilhaften und von der eigenen Glücksmehrung des Handelnden ab. Eine Pflichtethik, die Handlungen unabhängig von ihren Konsequenzen beurteilt, kannte er nicht.Christoph Horn: Moralphilosophie. In: Christoph Horn u. a. (Hrsg.): Platon-Handbuch, Stuttgart 2009, S. 154–163, hier: 156–158.

In den Dialogen erörtern die Gesprächspartner verschiedene Bestimmungen des Guten. Mehrfach befassen sie sich dabei mit der damals offenbar verbreiteten Meinung, das Gute bestehe in der Lust. Diese Bestimmung wird als widersprüchlich verworfen, da niemand bestreitet, dass es auch schlechte Lüste gibt. Auch als Einsicht lässt sich das Gute nicht definieren, denn damit kann nur eine auf es selbst bezogene Einsicht gemeint sein, wodurch die Definition zirkulär wird.Platon, Politeia 505b–c. Siehe zum Hintergrund Michael Erler: Platon (= Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/2), Basel 2007, S. 436–438.