Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer (1778) ist ein Werk von Gotthold Ephraim Lessing. Das Werk besteht aus fünf Gesprächen zwischen den fiktiven Freunden Ernst und Falk über das Wesen der Freimaurerei, wobei es nicht um die Logenarbeit geht, sondern um die eigentlichen Prinzipien einer idealen Freimaurerei. Zugleich ist es eine am Aufklärungsdiskurs orientierte öffentliche Auseinandersetzung mit der Strikten Observanz und anderen Systemen der Hochgrad-Maurerei.

Entstehung und Veröffentlichung Die Entstehungsgeschichte von Ernst und Falk umfasst einen Zeitraum von elf Jahren zwischen 1767 und 1778. Entstehungskontext ist Lessings Bewerbung und Aufnahme in die 1770 in Hamburg gegründete Freimaurerloge „Zu den drei Rosen“, die mit einer intensiven Auseinandersetzung über Statuten und Programm der Freimaurerei einherging. Zugleich werden in Ernst und Falk Standpunkte weiterentwickelt, die Lessing bereits im Fragmentenstreit dargelegt hatte.

Es wird angenommen, dass Lessing in den Jahren 1774 und 1775 die Arbeit am Manuskript von Ernst und Falk intensiviert hat, wobei er sich zunächst mit der Etymologie des Wortes Freimaurerei beschäftigte.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 183 In den Jahren 1775 und 1776 erweiterte er den Text vor allem um historische Aspekt der Freimaurerei. Das Manuskript Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer lag Ende 1777 fertig vor.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 185. Lessing sandte es zusammen mit einem Begleitschreiben Ende Juli 1778 an seinen Landesherren und Förderer Herzog Ferdinand von Braunschweig. Dessen wohlwollende Aufnahme führte im Weiteren zu einer Abschrift der Gespräche.

Was Lessing zur Veröffentlichung veranlasst hat, ist nicht bekannt. Die Erstausgabe erschien anonym 1778 in Göttingen bei Johann Christian Dieterich und umfasste nur die ersten drei Gespräche.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 187 In einem Brief vom 19. Oktober 1778 an Herzog Ferdinand entschuldigte sich Lessing, ihm die Schrift öffentlich gewidmet zu haben, ohne um dessen vorherige Erlaubnis zu bitten.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 188 Im Spätherbst 1780 erschien ohne Lessings Wissen „die einzige reine Abschrift“ des vierten und fünften Gesprächs in Frankfurt am Main im Druck.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 194

Christian Friedrich Voß Die Entstehungsgeschichte von Lessings Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer ist mit Lessings Verhältnis zum Freimaurerbund verbunden. Durch seinen Verleger Christian Friedrich Voß kam Lessing zum ersten Mal in Berührung mit dem Freimaurertum, woraufhin er selbst den Entschluss fasste, Freimaurer zu werden.

Johann Joachim Christoph Bode Von der Bekanntschaft mit Johann Joachim Christoph Bode, der auch als Freimaurer tätig war, erhoffte sich Lessing, näher an die Quelle der „freimaurerischen Ideen“ zu gelangen.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 167 Durch ihn bekam er verschiedene freimaurerische Schriften zu lesen. Jedoch scheiterte 1767 Lessings Bemühen, sich durch Bode in eine Freimaurerloge aufnehmen zu lassen.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 168 Laut Bodes Bericht, den er sieben Jahre nach Lessings Tod veröffentlichte, entstand bereits 1767 ein erster gedanklicher Entwurf über das „Geheimnis der Freimaurerei“, den Lessing nach seinem Dienstantritt als Bibliothekar des Herzogs Karl I. von Braunschweig, (Anfang 1771) zu Papier brachte. In der Bibliothek des Herzogs fand er umfangreiche Literatur zur Freimaurerei.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 169 f.

Lessings etymologische Erörterung des Begriffs „Freimaurer-Gesellschaft“ in den Skizzen von 1771 lässt vermuten, dass er ein 1768 in London erschienenes Pamphlet entweder im englischen Original oder in der deutschen Übersetzung bereits kannte. Ende August 1771 unternahm Lessing eine Reise nach Hamburg, auf der er den Eintritt in eine Freimaurerloge beschloss.

Georg Johann Freiherr von Rosenberg Die für Lessing relevante Loge wurde von Johann Georg Rosenberg im Januar 1770 in Hamburg gegründet und trug den Namen Zu den drei [goldenen] Rosen,Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 174 die damals sehr hohe Logenbeiträge und hohe Beitrittsvergütung verlangte, durch die der Gründer der Loge seinen Lebensunterhalt finanzierte. Ende 1770 trat Rosenberg der von Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf im gleichen Jahr gegründeten Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland bei. Im September 1771 erfuhr Rosenberg von Lessings Manuskript und schrieb in einem Brief vom 7. September an seinen Landesgroßmeister Zinnendorf nach Berlin, dass es gut wäre, „unseren berühmten Lessing im Orden zu haben“.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 175 Als Lessings Antrag, von Bode in die Loge aufgenommen zu werden, erneut abgelehnt wurde, reiste er am 17. September mit dem Ehepaar Knorre nach Berlin. Das legt die Vermutung nahe, dass der Münzmeister Otto Heinrich Knorre Lessing dazu überredet hat, in Rosenbergs Hamburger Loge einzutreten.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 176

Am 14. Oktober 1771 wurde Lessing in Anwesenheit von Zinnendorf und Knorre in Rosenbergs Wohnung in die Loge aufgenommen und im Anschluss auch gleich zum Gesellen und Meister promoviert, was nach den Statuten eigentlich unzulässig war. Zudem war die Loge an dem Abend nicht gesetzlich vertreten, da weder die Aufseher, noch die restlichen Beamten vor Ort waren.Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 177 Am darauffolgenden Tag erhielt Lessing einen „Logenpass“, in dem seine Mitgliedschaft und Promotion bestätigt wurden. Rosenberg berichtete seinem Landesgroßmeister Zinnendorf über die erfolgreiche Aufnahme Lessings und kündigte an, dass Lessing ihm sofort nach seiner Rückkehr nach Braunschweig seinen Aufsatz über die Freimaurerei zuschicken werde. Zinnendorf sandte in einem Brief vom 19. Oktober 1771 an Lessing eine „Mahnung zur Klugheit und eine Warnung zur Vorsicht vor einer Veröffentlichung leicht missverstandener Ansichten.“Heinrich Schneider: Lessing. Zwölf biographische Studien. Das Bergland-Buch Verlag, Salzburg 1950, S. 179 f. An der Logenarbeit hat Lessing aber nie teilgenommen.

Johann Karl Brönner Bei der Frage, warum die restlichen zwei Gespräche gedruckt wurden, wird angenommen, dass Lessing zunächst intensiver an dem restlichen Text gearbeitet hat. Einige Freunde bekamen im Sommer 1779 „die einzige reine Abschrift“ als Leihgabe in die Hände und behielten sie eine lange Zeit. In der Veröffentlichung des vierten und fünften Dialogs, der im Spätherbst 1780 erschien, wurde H[einrich] L[udwig] Brönner in Frankfurt am Main als „Kommissionär“ genannt. Die Brönnersche Buchdruckerei hatte nach dessen Tod 1769 sein Sohn Johann Karl Brönner übernommen. Schneider vermutet deshalb, dass er der Herausgeber des vierten und fünften Dialogs war. Dass er selbst Freimaurer der Strikten Observanz war, könnte eine Erklärung für die drei Sterne im Text anstatt des Wortes „Tempelherr“ liefern. Albert Meier vermutet dagegen, dass die beiden letzten Teile durch Adolph Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge zum Druck gegeben wurden, der auch der Strikten Observanz angehörte.

Gliederung Die Widmung der Gespräche von Ernst und Falk, die dem Logenmitglied „Sr. Durchlaucht dem Herzoge Ferdinand Durchlauchtigster Herzog“ gilt, enthält mit der kryptischen Formulierung: „Auch ich war an der Quelle der Wahrheit und schöpfe. Wie tief ich geschöpft habe, kann nur der beurteilen, von dem ich die Erlaubnis erwarte, noch tiefer zu schöpfen. Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst“ bereits einen Hinweis auf die gesellschaftspolitische Relevanz freimaurerischen Handelns.Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer. In: Sammlung Insel. Frankfurt a. Main 1968, S. 9 Die wahrscheinlich von Lessing selbst verfasste „Vorrede eines Dritten“ begründet die Thematisierung der Freimaurerei damit, dass bisher eine systematische Auseinandersetzung mit Grundlagen und Zielen des Logenwesens gefehlt habe.Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer. In: Sammlung Insel. Frankfurt a. Main 1968, S. 94f.

Erstes Gespräch Die ersten drei Gespräche finden anlässlich des Besuches von Ernst bei seinem Freund Falk in Bad Pyrmont statt, wo dieser sich zu einer Wasserkur aufhält. Bei dieser Begegnung möchte der jüngere Ernst von dem Logenmitglied Falk etwas zum Thema der Freimaurerei erfahren. Falk antwortet nur indirekt auf die Fragen von Ernst, weil er persönlich nicht von der Logenarbeit der Freimaurer, sondern nur von den eigentlichen Grundsätzen der Idee der Freimaurer überzeugt sei. Nicht die Logenmitgliedschaft, sondern die geistige Haltung eines Menschen gebe Auskunft darüber, ob man Freimaurer sei. Darum wüssten viele Freimaurer trotz ihrer Logenzugehörigkeit nicht, was die „Wesenheit“ der Freimaurerei eigentlich bedeute.

Der Mensch in seinem Wesen solle in sich und durch seine Vernunft zum Freimaurer werden und nicht, weil es in der Gebrauchsanweisung zum Beitritt in eine Freimaurerloge stehe. Der scheinbare Widerspruch zwischen Vernunftidee und Geheimbund bestehe darin, dass die entscheidenden Begriffe, um die Idee der Freimaurerei zu beschreiben, noch nicht gefunden seien. Ernst fragt, wie denn die Logen selbst ihren Einfluss ausweiten könnten, wenn sie nicht in der Lage seien, ihre Idee in Worte zu fassen.

Aber nicht die Anerkennung der guten Taten durch die Gesellschaft seien das Ziel der Freimaureridee, sondern „was man gemeiniglich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen“. Das Handeln eines Einzelnen in der Gesellschaft solle nicht die Ausnahme in Form einer „guten“ Tat sein, sondern eine Regel in Gestalt einer „wahren“ Tat werden, und somit einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten.

Zweites Gespräch Thema des zweiten Gesprächs ist die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Gesellschaft. Die Gesprächspartner kommen im Rousseau’schen SinneUlrich Kronauer: Der kühne Weltweise. Lessing als Leser Rousseaus. In: Herbert Jausmann (Hrsg.): Rousseau in Deutschland, de Gruyter, Berlin / New York 1994, S. 40 überein, dass der Staat für den Menschen da sein müsse und nicht umgekehrt: FALK. […] Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. - Das Totale der einzeln Glückseligkeiten aller Glieder, ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden, und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei.

Jedoch birgt der Gedanke vom idealen Staat die Gefahr, dass er das Gegenteil von dem bewirkt, was er eigentlich sollte: FALK. Nun so ist es denn auch wahr, daß das Mittel, welches die Menschen vereiniget, um sie durch diese Vereinigung ihres Glückes zu versichern, die Menschen zugleich trennet. Daher sei keine Staatsverfassung der Welt in der Lage, die Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Nationen, Stände und Religionen zu verhindern: FALK. […] Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen; nicht trennen, ohne Klüfte zwischen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemauern durch sie hin zu ziehen.