mini|Ignacio Zuloaga: Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild, 1927 Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild, geb. von Friedlaender-Fuld, gesch. Mitford, gesch. von Kühlmann (* 17. Januar 1892 in Berlin; † 30. November 1973 in Paris) war die Tochter von Friedrich Victor von Friedlaender-Fuld und dessen Ehefrau Milly Antonie Fuld. Sie führte von 1914 bis 1918 einen Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke, den sie 1956 in französischer Übersetzung unter dem Pseudonym Marianne Gilbert herausgab.Marianne Gilbert: Le Tiroir entr'ouvert. 8 dessins de l'auteur Précédé d'une introd. de Marcel Brion. Avec 31 lettres inédites de R.-M. Rilke. Trad. par Blaise Briod, Verlag Grasset, Paris 1956. ; Vgl. Storck 1982. Als Kunstsammlerin trug sie bedeutende Werke des 19. und 20. Jahrhunderts zusammen.

Leben Jugend in Berlin und in Schloss Lanke Die Eltern lebten nach der Hochzeit zunächst in Berlin. Dort erwarb der Vater 1895 das bebaute Grundstück am Pariser Platz Nr. 5a neben der französischen Botschaft (Nr. 5). Anschließend ließ er das Gebäude nach Entwürfen des Architekten Ernst von Ihne im Stil eines Pariser Stadtpalais umgestalten.Sander 1998, S. 104 ff.; Demps 1995. Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild ließ im Palais 1926 für sich eine zweistöckige Stadtwohnung durch den Architekten Alfred Breslauer umbauen.Breslauer 1927, S. 61 f.

Im Jahr 1894 hatte Fritz Friedlaender Schloss und Domäne Lanke bei Bernau von Graf Wilhelm Redern gepachtet,Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Rep. 37 Lanke, 55, 56, 50, 51, 52, 53. wo er wohl auch ganzjährig lebte, wenn er nicht in Oberschlesien seinen Geschäften nachging, deren Zentralverwaltung in Berlin lag. Die Gutsherrschaft Lanke, eine mit 2500 ha der größeren Begüterungen in Brandenburg und als Unternehmen Teil seiner Berliner Zentralverwaltung, diente dem Industriellen für den Ausbau einer modernen Landwirtschaft, nicht zuletzt um die chemischen Produkte seiner Unternehmen zu testen (Düngemittel). In Lanke wurde Marie-Anne von Privatlehrern und einer englischen Gouvernante unterrichtet. Natur und Landschaft bestimmten zeitlebens ihre Gefühle und waren für sie ein prägender Gegenpol zum städtischen Gesellschaftsleben. Das im historistischen Stil des 18. Jahrhunderts eingerichtete Haus am Pariser Platz war Treffpunkt von Gästen unterschiedlichen gesellschaftlichen Rangs.

Marie-Anne Mitford Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild war dreimal verheiratet. Am 5. Januar 1914 heiratete sie den britischen Lord John Mitford (1884–1963).Landesverwaltungsamt Berlin, Entschädigungsbehörde, Reg.Nr. 53.660; Vossische Zeitung, 5. Januar 1914. Diese Ehe wurde im Dezember des gleichen Jahres für nichtig erklärt.LAB A PR. Br. Rep. 030 Nr. 9940 Polizeipräsidium. Die umlaufenden Gerüchte zur Trennung der Ehe waren bösartig und antisemitisch.LAB A PR. Br. Rep. 030 Nr. 9940 Polizeipräsidium mit Zeitungsausschnitt aus Die Wahrheit 13. Juni 1914. Am 5. Januar stellte sie, die mit der Heirat die englische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, den Antrag, wieder deutsche Staatsbürgerin zu werden.LAB A PR. Br. Rep. 030 Nr. 9940 Polizeipräsidium.

Ende 1914 waren im leerstehenden Haus in der Bendlerstraße 6, dem Hochzeitsgeschenk des Vaters, nicht nur ostpreußische Flüchtlinge untergebracht, sondern hier verbrachte auch Rainer Maria Rilke mit Lou Albert-Lasard die Weihnachtsfeiertage.Rilke an Marie Taxis vom 5. Januar 1915; Rilke an Koenig, 4. Januar 1915. Im November 1914 hatte Rilke Marianne Mitford anlässlich des Todes des Schriftstellers und Sammlers Alfred Walter Heymel kennengelernt. Ein Jahr später, im Dezember 1915, trug Rilke auf ihren Wunsch hin zwei Gedichte in ein Heft ein: Der Tod Moses und Der Tod.Rilke, Gedichte, 1996, Bd. 2, S. 126 ff., 134 f., FN S. 528 und S. 534.

Im Herbst 1914 war im Palais am Pariser Platz eine Schutzwache einquartiert. 1919 war Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild Mitunterzeichnerin des Programms des Arbeitsrats für Kunst und spendete die ansehnliche Summe von 5000 Mark.Arbeitsrat für Kunst Berlin 1918–1919. Ausstellung und Dokumentation. Akademie der Künste Berlin, 1980, S. 16, 117; der Arbeitsrat war nach Vorbesprechungen mit der französischen Gruppe La Clarté entstanden.

Aufbau einer Kunstsammlung Ab etwa 1914 begann Marie-Anne von Friedlaender-Fuld mit dem Aufbau einer eigenen Kunstsammlung. Sie wurde dabei beraten von dem Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe und zu Beginn auch von Alfred Walter Heymel.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 3. Im April 1914 erwarb Marianne Mitford aus dem Besitz von Carl und Thea Sternheim das Gemälde L’Arlesienne (1888) von Vincent van Gogh, das sie kurz zuvor in einer Ausstellung der Berliner Galerie Cassirer gesehen hatte. Finanzielle Gründe hatten die Sternheims zu diesem für sie lukrativen Verkauf bewogen.Sternheim Briefe II, 1988, S. 164, 360, FN 552: gekauft 1910 für 13.000 Mark; Sternheim: Tagebücher, 1995, S. 138 f., Eintrag vom 9. Juni 1914: verkauft für 125.000 Mark; Sternheim: Erinnerungen, 1995, S. 207. Die Arlesienne wurde im Palais am Pariser Platz auf einer goldfarbenen Tapete präsentiert, deren Entwurf vom Pariser Modeschöpfer und Gestalter Paul Poiret stammte.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 3.

Weiterhin besaß sie das Doppelbild mit der Gouache Mutter und Kind (Gaukler) und dem rückseitigen Ölgemälde Sitzende Frau mit Kapuze (Kauernde) von Pablo Picasso, das sie aber bereits 1916 wieder verkaufte (heute Staatsgalerie Stuttgart).Christian Geelhaar: Picasso: Wegbereiter und Förderer seines Aufstiegs, 1899-1939. Palladion, Zürich 1993, ISBN 3-85504-149-0, S. 73. Hinzu kam von Pierre-Auguste Renoir ein Liegender weiblicher Akt (Gabrielle) (heute Ungarische Nationalgalerie, Budapest).Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 5. Über Rainer Maria Rilke lernte sie in Paris den spanischen Maler Ignacio Zuloaga kennen, der 1927 ihr Porträt malte.Anna-Carolin Augustin: Reforkunst für eine Geistesaristrokatin: Marie-Anne von Friedlaender Fuld in Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 268. Im selben Jahr erwarb sie in der Pariser Galerie Paul Rosenberg das Bild Die Brücke von Grenelle von Henri Rousseau (Privatsammlung).Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 5.

In ihrer Sammlung, die sie nach 1933 überwiegend in ihrem Haus in der Pariser Rue de la Faisanderie Nr. 33 aufbewahrte, befanden sich zudem drei Gemälde von Paul Cézanne. Neben dem Stillleben Boîte et citron (Cincinnati Art Museum) besaß die Sammlerin die Landschaften Bosquet au Jas de Bouffan und Bords de Marne (beide Privatbesitz).Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 8. Weiterhin besaß sie das Cézanne-Gemälde Le Moulin brûlé à Maisons-Alfort (heute Israel-Museum, Jerusalem).Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 17. Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild sammelte darüber hinaus Werke von Édouard Manet. Dazu gehörten die Werke Knabe mit Hund, Stierkampf und Unter Bäumen. Das Motiv Stierkampf überließen ihre Erben 1976 zum Ausgleich von Erbschaftssteuern dem französischen Staat (heute Musée d’Orsay), während sich die anderen Bilder weiterhin in Privatbesitz befinden.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 17. Weitere Werke der Sammlung waren eine Strandszene von Eugène Boudin (Privatsammlung)Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 26., Der Kuss von Henri de Toulouse-Lautrec, Mau Taporo – La ceuillette des citrons von Paul Gauguin und Stillleben mit Teeservice von Claude Monet (alle Privatbesitz).Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 14–15. Hinzu kamen Zeichnungen von Auguste Rodin.Gilbert 1956, S. 18. und Briefe von van Gogh.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 7.

Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild hatte zu Beginn des Zweiten Weltkrieges im Oktober 1939 zunächst Manets Knabe mit Hund und Stierkampf sowie Cézannes Le Moulin brûlé à Maisons-Alfort dem Louvre übergeben, der die Bilder zusammen mit den eigenen Beständen ins Schloss Chambord auslagerte. Im Mai 1940 holte sie ihre Gemälde im Schloss Chambord wieder ab und transportierte die Werke mit dem Rest ihrer Sammlung im eigenen Auto nach Hossegor in Südfrankreich. Sie reiste danach nach Lissabon weiter, die Bilder wurden ihr aufgerollt in einem Holzzylinder per Bahn nachgesandt. Anschließend konnte sie mit dem Dampfschiff Quanza nach Mexiko und später per Flugzeug in die Vereinigten Staaten reisen. Dort und in Kanada wurden während des Krieges Werke ihrer Sammlung in Ausstellungen gezeigt, etwa Cézannes Bosquet au Jas de Bouffan im Metropolitan Museum of Art, van Goghs L’Arlesienne und Manets Knabe mit Hund im Musée des beaux-arts de Montréal und Rousseaus Brücke von Grenelle im Museum of Modern Art.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 13. Zur Hochzeit ihrer Tochter verkaufte sie in New York das in ihrem Besitz befindliche Picasso-Gemälde Junge mit der blauen Vase (heute The Hyde Collection, Glen Falls) an die Kunsthandlung Seligmann.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 14. Nach der Befreiung von Paris am 25. August 1944 schenkte sie van Goghs L’Arlesienne das Bild dem Louvre.Christel H. Force: Rolled Canvases Across Borders: The Collection of Marianne de Goldschmidt-Rothschild, S. 16. Die Geschichte der Ausfuhr der Arlesienne wie auch der übrigen Kunstwerke bei ihrer Emigration 1940 aus Frankreich nach Übersee schilderte Marie-Anne von Goldschmidt-Rothschild in ihrem Rilke-Buch von 1956.online

Die Erbin Am 16. Juli 1917 starb der Vater in Lanke an Nierenkrebs.Gilbert 1956, S. 20. Die Tochter wurde die alleinige Erbin, denn mit der Mutter Milly war bereits vor Jahren ein Ehevertrag geschlossen worden. Die Friedfuld Vermögensverwaltung GmbH wurde von den testamentarisch eingesetzten Vermögensverwaltern, dem Rechtsanwalt Franz OppenheimerLAB B Rep. 025-06, Nr. WGA 3467/50: Der Jurist Franz Oppenheimer (1. August 1871–26. April 1950 New York) war seit 1902 in leitender Stellung in der Fa. Emanuel Friedlaender & Co. tätig. und langjähriger Gesellschafter, dem Kaufmann Robert Friedlaender-Prechtl, Neffe und Geschäftspartner, sowie dem Geheimen Oberfinanzrat Ernst SpringerErnst Springer (1860–1944), Sohn des Verlagsgründers Julius S., kam am 30. April 1944 im KZ Theresienstadt um. verwaltet. Zu den Aufgaben der Nachlassverwaltung gehörte auch die vom Vater verfügte Stiftung, die drei Millionen Mark in ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohlenforschung in Breslau einbrachte. Mutter und Tochter hatten darauf bestanden, dass dieses Institut entgegen den Regelungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), deren Gründungsmitglied (1911) der Industrielle gewesen war, den Namen des Stifters trug: Friedlaender-Fuldsches Kohlenforschungsinstitut, 1922 umbenannt in Kohlenforschungsinstitut der KWG (begründet von der Fritz von Friedländer-Fuld-Stiftung). Spätestens 1925 verschwand der Eigenname und es hieß künftig Schlesisches Kohlenforschungsinstitut der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, nachdem die drei Millionen in der Inflation verloren gegangen waren; zweimal zuvor hatte die Erbin noch das Haushaltsdefizit des Instituts ausgeglichen.Rasch 1996, S. 173–209.