Als römische Architektur bezeichnet man die Baukunst der Römer zur Zeit der römischen Republik und der Kaiserzeit. Die römische Architekturgeschichte umfasst damit einen Zeitraum von etwa neun Jahrhunderten (500 v. Chr. – 400 n. Chr.). Die Epochen der römischen Architektur werden nach einzelnen Herrschern, Dynastien oder retrospektiv formulierten historischen Zeitabschnitten benannt. Die seitens der Klassischen Archäologie geprägten Epochen- oder Stilbegriffe finden sich nicht in der schriftlichen antiken Überlieferung, entsprechen also nicht antiker Wahrnehmung und Einteilung.Neue Belser Stilgeschichte. Band 2, S. 181.

Einführung Die Römer waren zeitlich gesehen das letzte Volk, das in der Antike im Mittelmeerraum eine bedeutende Rolle gespielt hat. Sie trafen bei ihrem Auftreten auf die heterogene, von italischen, griechischen und orientalischen Einflüssen geprägte Kunst der Etrusker, die sich südlich von Rom in der Landschaft Kampanien ganz anders entwickelt hatte als die Kunst im mittleren und nördlichen Teil der Apenninhalbinsel.Neue Belser Stilgeschichte. Band 2, S. 177. So ist den Etruskern zum Beispiel die erste von den griechischen Vorgaben abweichende italische Häuseranlage zuzuschreiben. An die Stelle des offenen Säulenhofs, um den sich in dem griechischen Haus die Gemächer aneinanderreihen, trat hier ein mehr geschlossener Raum, das Atrium, der nach oben hin zwar auch gegen den Himmel geöffnet ist, bei dem aber diese Öffnung (Compluvium) eine verhältnismäßig geringe Ausdehnung hat. Sie diente im Übrigen dazu, das von den Dachflächen gesammelte Regenwasser in eine Zisterne weiterzuleiten. Auch der etruskische Tempelbau zeigt gegenüber dem griechischen eine im Wesen andere funktionale und gestalterische Auffassung, war frontal statt allansichtig, bildet daher nur Frontsäulen aus, so dass die Grundlagen einer ausgesprochenen Fassadenwirkung geschaffen wurden.

In der Auseinandersetzung mit den Römern ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. verloren die Etrusker nach und nach ihre politische Macht und gingen, wie auch ihre Kunst, im Römischen Reich auf. So lehnen sich die wesentlichen Bauwerke, die in Rom in den ersten Jahrhunderten des Staates errichtet wurden, an die etruskische Architektur an. Neben den allenthalben feststellbaren latinischen Einflüssen nahm ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. der Einfluss griechischer Kultur zu. Viele griechische Kunstwerke und Bauteile fanden infolge siegreicher militärischer Konflikte ihren Weg aus Griechenland und Kleinasien nach Rom. Durch die Übernahme der drei griechischen Säulenordnungen (dorisch, ionisch, korinthisch) änderte sich das Erscheinungsbild der zuvor von der toskanischen Ordnung bestimmten römischen Architektur grundlegend.

Die Römer passten die übernommenen Bauformen ihren eigenen Bedürfnissen an und entwickelten sie weiter, so dass ein eigener architektonischer Stil entstand. Zugleich wurde der zunehmend römisch dominierte Mittelmeerraum um zahlreiche Bautypen bereichert: Außer dem geschlossenen Forum gehörten dazu Basiliken, Thermen, Amphitheater, römische Theater, Triumphbögen und typische Formen des Ingenieurbaus wie Straßen, Brücken und Wasserleitungen. Dabei stellten die Römer den Zweckbau und die Bewältigung natürlicher Gegebenheiten als architektonische Herausforderung in ihrer Wertschätzung auf die gleiche Stufe mit Aufgaben der Sakral- und Repräsentationsarchitektur. Ab augusteischer Zeit ging die griechisch-hellenistische Architektur in weiten Teilen des Reiches zunehmend in der sich etablierenden römischen Architektur auf.

Der griechische Einfluss

mini|hochkant=1.4|Etruskische und römische Baukunst Ein erster Aufschwung der römischen Baukunst setzte mit Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. ein. In diese Zeit fiel der Bau großer Heerstraßen wie der Via Appia und von Wasserleitungen; Appius Claudius Caecus erbaute 312 v. Chr. den ersten Aquädukt Roms, die Aqua Appia. Auch das Forum Romanum erhielt eine repräsentativere Ausgestaltung, indem es mit Basiliken, die dem öffentlichen Handelsverkehr und der Rechtspflege dienten, umgeben wurde. Erhalten ist von den Monumenten dieses ersten Aufschwunges nur ein kleineres dekoratives Werk vom Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr., der Sarkophag des Lucius Cornelius Scipio Barbatus, der sich heute in den Vatikanischen Museen befindet.

Säulenbau Ab 200 v. Chr. dehnte Rom seine Herrschaft auf Griechenland und Kleinasien aus. Ab Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. machte sich der Einfluss der griechischen Kultur auf die römische Architektur bemerkbar: Griechischer Säulenbau (Säulenordnung und Säulenform) und der von den Etruskern perfektionierte Gewölbebau begannen in dieser Zeit zusammenzufließen. Dabei war die Architektur jedoch freier ausgestaltet, hin zu einer eigenständigen Bogen- und Gewölbekonstruktion mit Rundbögen, etruskischen Tonnengewölben bzw. Kreuzgratgewölben sowie gewaltigen Kuppeln.

Neben den Bogen und Kuppeln behielt man wegen der dekorativen Wirkung die griechischen Säulen, Gebälke und Giebel bei, bildete jedoch das Alte um, erweiterte es und schuf ohne Rücksicht auf die stilistische Geschlossenheit neue Elemente wie zum Beispiel das Kompositkapitell, eine Spielart des korinthischen Kapitells mit ionischen Elementen: Akanthusranken bzw. -blätter mit unterschiedlichem dekorativem Beiwerk darüber. Auch das Gebälk wurde mannigfaltiger gegliedert und reicher geschmückt.

Der Säulenbau übernahm eine integrierende und zugleich belebende Funktion und milderte die formale Erscheinung der Gewölbe. Unter den griechischen Säulenordnungen erfuhr die korinthische Ordnung, deren volles Blätterkapitell dem Streben nach Pracht und Glanz besser entsprach, eine besondere Wertschätzung. Erst in der römischen Architektur wurde die korinthische Ordnung zu einer geschlossenen eigenständigen und kanonischen Ordnung entwickelt. In der flavischen Zeit wird mit der Kompositordnung, wie sie am Titusbogen zu sehen ist, zudem eine eigene römische Variante der Säulenordnungen eingeführt.

Hausform Besonders bezeichnend für den griechischen Einfluss sind die Veränderungen der alten Hausform für eine Familie. Die ursprüngliche domus Italica mit der üblichen axialen Abfolge von Eingang, nach oben offenem Atrium, Tablinum und umgebenden Wohnräumen, erhielt im Verlauf des 2. Jahrhunderts v. Chr. zusätzlich einen von Säulenhallen umgebenen Hof (Peristyl) oder auch eine Abfolge solcher Höfe. Weiterhin kamen Exedren, Loggien und etliche andere Dekorationselemente (z. B. Plastiken, Brunnen, Steintische, Wandmalereien, Gartenbepflanzungen) hinzu, sodass das Innere der Häuser erstmals in der Antike eine durchgestaltete Komposition ergab. Bei Villen und Palästen befriedigten bauliche und optische Verbindungen in die umgebende Landschaft das Verlangen nach räumlicher Weite. Stadtwohnungen besonders wohlhabender Familien konnten – wie die Casa del Fauno in Pompeii aus dem frühen 2. Jahrhundert v. Chr. – einen ganzen Block einnehmen.

Bautechnik mini|hochkant=0.7|Pont du Gard Vom Mörtel zum Beton Den Bau mit behauenen Steinen hatten die Römer von den Griechen übernommen und durch die Technik des Mörtelbaus ergänzt. Der römische Kalkmörtel schuf gleichzeitig die Voraussetzung für die Weiterentwicklung der von den Etruskern übernommenen Bogen- und Gewölbekonstruktionen, die später in aller Welt für technische Einrichtungen sowie für Brücken, Aquädukte und Fassadengalerien verwendet wurden.

Bestimmte Zuschlagstoffe ließen den Mörtel wasserbeständig und unter Wasser hart wie Fels werden. Mit Sand und Kies vermischt ergab dieser Mörtel einen ausgezeichneten Beton, der für das im 2. Jahrhundert v. Chr. eingeführte Gussmauerwerk verwendet und zwischen Holzverschalungen oder Mauerwerk vergossen wurde. Diese Technik verschaffte der antiken Baukunst neue Denkansätze und schier unbegrenzte Möglichkeiten nicht nur für Ingenieurbauten. So konnten bisher unerreichbarer Hochbau, Mehrstöckigkeit, beliebige Wandgliederungen sowie weitgespannte Tonnengewölbe und Kuppeln für große Räume ohne Innenstützen realisiert werden.

Beton wird oft als wichtigster römischer Beitrag zur Bautechnik der modernen Welt angesehen, jedoch leben auch viele Stilelemente der römischen Kaiserzeit in den Bögen und Kuppeln von Regierungsgebäuden und Kirchen in Europa und Nordamerika fort.

Bogen Der Bogen stellt wie das Gewölbe eine freitragende Verbindung zwischen Pfeilern oder Wänden her. Die Römer übernahmen den echten Bogen von den Etruskern und entwickelten ihn mit Hilfe neuer Werkstoffe zu einem eigenen konstruktiven Element. Mit Hilfe des Betons wurde es möglich, die Bogen zu gießen. Allerdings waren die Lehrgerüste aus Holz dem Gewicht des feuchten Betonbogen nicht gewachsen. So mauerten die Römer auf dem Gerüst erst einen leichten Ziegelbogen und vergossen darauf den eigentlichen Betonbogen. Ursprünglich war der Bogen ein Abschluss für eine Mauerlücke, also ein Ersatz für den Sturz. Neue Möglichkeiten eröffneten sich, als es im 3. Jahrhundert gelang, den Bogen auf Säulen zu setzen. Der in die Tiefe verlängerte Bogen ergibt das Gewölbe.

Gewölbe In der römischen Baukunst wurde zunächst das Tonnengewölbe als einfachste Gewölbekonstruktion in untergeordneten Gebäudeteilen verwendet. Im Kolosseum wurde es dann erstmals mit leichtem Gussmaterial zwischen gemauerten, unsichtbar im Mauerwerk miteinander verbundenen Backsteinrippen gestreckt. Die damit bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichten Spannweiten betrugen bei der Aula regia 30,5 m und bei dem Atrium Minervae 33 m. Das Kreuzgewölbe, das aus der rechtwinkligen Überschneidung zweier Tonnengewölbe entsteht, wurde vorrangig beim Bau der römischen Thermen verwendet. Bei dieser Gewölbeart verteilt sich die Last nicht mehr wie beim Tonnengewölbe auf Wände, sondern wird über Bögen auf vier Eckpfeiler geleitet.

Neue Bauaufgaben und Bautypen Basilika Die Basilika diente als gedeckte Wandelhalle und war für Gerichtssitzungen und Handelsgeschäfte bestimmt. Die ältesten in Rom erbauten Basiliken – die erste wurde im Jahr 185 v. Chr. errichtet und Basilica Porcia genannt – existieren nicht mehr. Das älteste erhaltene römische Gebäude dieser Art ist die Basilika in Pompeii. Sie entstand in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. und diente für wirtschaftliche Transaktionen sowie für die Justizverwaltung; das Tribunal unter dem Vorsitz der höchsten städtischen Beamten (Duumvir) hatte hier seinen Sitz.

Die Fassade des Eingangs wird von vier prachtvollen, auf Basaltsockeln stehenden ionischen Säulen mit vierseitigen Kapitellen gegliedert, die in eine ebenfalls aus Basalt gebaute Treppe mit vier Stufen eingefügt sind und fünf Eingänge bilden. Das Innere des großen Saals war gekennzeichnet durch einen zweigeschossigen Säulenumgang auf vier Seiten, der aus 28 kannelierten ionischen Säulen bestand, die die Aula in drei Schiffe unterteilten, von denen das Mittelschiff fast doppelt so groß ist wie die beiden seitlichen. Die Seitenwänden wurden von 24 aus Ziegeln gemauerten und mit Stuck überzogenen Halbsäulen gegliedert; ihr Stucküberzug war im Ersten Stil dekoriert. Das Gebäude könnte von einem großen Giebeldach mit einem einheitlichen Dachstuhl bedeckt gewesen sein.

Thermenanlagen