Eye Movement Desensitization and Reprocessing (kurz EMDR, auf Deutsch etwa „Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen“) ist eine von der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin und Psychologin Francine Shapiro entwickelte Behandlungsmethode der Posttraumatischen Belastungsstörung. EMDR ist eine traumafokussierte Intervention, die nach einem strukturierten Fokussierungsprozess die Erinnerung aktiviert, während gleichzeitig bilaterale Stimulation, meist durch mit der Hand geführte Augenbewegungen, durchgeführt werden. In der Regel folgt dann ein assoziativer Prozess, in dem die psychische Belastung des Patienten bzw. der Patientin deutlich abnimmt und die fokussierte Erinnerung verarbeitet wird. (Hofmann, 2024).
Theorie zu Traumaerleben und Lösungsansatz aus EMDR Nach einem Trauma kann es zum sogenannten „Sprachlosen Entsetzen“ (speechless terror) kommen. Das heißt, dass in Teilen des Gehirns Erlebnisse in einer belastenden Art und Weise gespeichert und so vom Patienten innerlich erlebt werden (oder er dissoziiert), während das Sprachzentrum aktiv unterdrückt sein kann. Der Patient kann das Geschehene kaum in Worte fassen, wodurch nachfolgend eine Verarbeitung des Erlebten erschwert wird.
Zum Wirkmechanismus der EMDR-Therapie gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen und Theorien. So wurde angenommen, dass durch die bilaterale Stimulation mittels bestimmter Augenbewegungen (oder auch akustischer oder taktiler Reize) eine Synchronisation unter den Gehirnhälften bzw. eine innere Reorganisation der dysfunktional wirkenden Traumaerfahrung ermöglicht wird.Fischer & Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. Ernst Reinhardt Verlag, München 2009, S. 251. Ferner wird erklärend Bezug genommen auf die REM-Phasen während des Schlafes, in denen starke Augenbewegungen stattfinden und dies relevant für einen erhöhten Verarbeitungsmodus des im Alltag Erlebten sein könnte. Einige Untersuchungen weisen auch auf eine Einbeziehung des Arbeitsgedächtnisses während des EMDR-Prozesses hin.
Während die günstige Wirkungsweise von EMDR wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, konnte der Erklärungsansatz bzw. der spezifische Teil „heilender“ Augenbewegungen nicht nachgewiesen werden und wurde inzwischen mehrfach widerlegt. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass neben horizontalen auch vertikale Augenbewegungen wirksam waren, ebenso wie andere Ablenkaufgaben (siehe auch Abschnitt Forschung und wissenschaftliche Rezeption).
Krankheitstheorie der EMDR-Therapie – Adaptive Information Processing Model (AIP) Zentral für die EMDR-Therapie sind die neurobiologischen Besonderheiten von sehr stark belastender und traumatischer Erfahrungen, die zu Stressreaktionen sowie zum Teil schwer beeinflussbaren Veränderungen des sogenannten Angstgedächtnisses gehören. Das bedeutet, dass in Teilen des Gehirns Erlebnisse in einer belastenden Art und Weise als fragmentierte, krankmachende (pathogene) Erinnerung gespeichert werden und so vom Patienten immer wieder innerlich erlebt werden – oder zu einer Dissoziation führen (Hase, 2013).
Die derartig veränderten, pathogenen Erinnerungen, werden durch die Fokussierung und Stimulation der EMDR-Therapie in einen adaptiven Zustand gebracht, indem die Patienten sie noch erinnern, sie aber meist nicht mehr belastend sind. Francine Shapiro hat diesen Prozess in ihrem Modell der adaptiven Informationsverarbeitung, in dem die Stimulation von EMDR ein adaptives Selbstheilungssystem aktiviert, beschrieben – dem AIP Model (Shapiro, 2018).
Entstehung und Einführung Entstehung Francine Shapiro hatte die Idee zur Erprobung und Untersuchung dieser Methode zufällig beim Spazierengehen im Park. Sie bewegte die Augen hin und her und erlebte eine deutliche Entlastung von Ängsten und depressiven Gedanken.
Einführung in Deutschland EMDR wurde 1991 von Arne Hofmann, dem ersten von Francine Shapiro am EMDR-Institut zertifizierten europäischen Ausbilder, in Deutschland eingeführt. 1995 wurde vom EMDR-Institut Deutschland (Bergisch Gladbach) das erste deutschsprachige Ausbildungsseminar für Psychologen und Ärzte veranstaltet. 1998 wurde in Bielefeld die anerkannte deutsche Fachgesellschaft für EMDR, EMDRIA Deutschland e.V., gegründet. Der Verband engagiert sich für die Verbreitung und weitere Anerkennung von EMDR in Deutschland.
Sowohl in den britischen NICE-Guidelines 2005 als auch in den Australian Guidelines wird empfohlen, allen Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung PTBS eine traumafokussierte Psychotherapie wie kognitive Verhaltenstherapie (CBT) oder EMDR anzubieten. Auch die S3 Leitlinien empfehlen eine traumafokussierte Psychotherapie, setzen dafür jedoch eine ausreichende Stabilität voraus: „Mangelnde Affekttoleranz, akuter Substanzkonsum, instabile psychosoziale und körperliche Situation, komorbide dissoziative Störung, unkontrolliert autoaggressives Verhalten sind als relative Kontraindikation zur Traumakonfrontation anzusehen.“
2014 wurde EMDR vom gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) in die Psychotherapierichtlinie in Deutschland aufgenommen.Sandra Schulz et al. 2015, s. Literaturverzeichnis 2015 wurde EMDR in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen.
Ablauf einer EMDR-Sitzung
Der Ablauf einer EMDR-Sitzung erfolgt typischerweise in acht Phasen:
Phase 1: Zunächst wird die Anamnese (Leidensgeschichte und Ressourcen) des jeweiligen Patienten erhoben.
Phase 2: Anschließend wird der Patient über das genaue Vorgehen bei EMDR informiert und eine positive Erfahrung (wie ein individueller sicherer Ort) innerlich etabliert (Phase 2), um gegebenenfalls während der Behandlung aus einer zu belastenden Traumaerfahrung in den Kontakt mit einer positiven Erfahrung kommen zu können. In dieser Phase sollte auch eine stabile therapeutische Beziehung hergestellt werden.
Phase 3: Hier wird zur späteren Bearbeitung die belastendste Situation innerhalb der Traumaerfahrung in Verbindung mit einem negativen Gedanken (wie z. B. „Ich bin hilflos“) ausgewählt. Anschließend wird ein positiver Zielgedanke (z. B. „Ich kann etwas tun“) formuliert, bei dem der Patient bewertet, wie zutreffend dieser sich anfühlt. Ebenso werden die belastenden Gefühle und Körperwahnehmungen herausgearbeitet und bewertet.
Phase 4: Danach erfolgt die eigentliche Bearbeitung der Erinnerung. Dabei geht der Patient gedanklich und emotional in Kontakt mit dem traumatischen Erlebnis, so wie sie/er es jetzt noch als belastend wahrnimmt (meist ein eingefrorenes Bild aus der Situation) und folgt bei ruhig gehaltenem Kopf mit den Augen den Handbewegungen des Therapeuten. Wichtig ist bei der Verarbeitung einer belastenden Erinnerung die duale Aufmerksamkeit- "ein Fuß in der Gegenwart, ein Fuß in der Vergangenheit"
Phase 5: Durch den damit aktivierten Verarbeitungsprozess tritt in der Regel eine Entlastung ein. Ist die Belastung verschwunden, werden zum Ende der Sitzung der positive Gedanke und das positive Körpergefühl verankert.
Phase 6: Es folgt ein Testen evtl. veränderter Körpererfahrungen (alle Missempfindungen zur erinnerten Situation sollten weniger schwer bzw. die Belastung verringert erlebt werden).
Phase 7: Am Ende jeder Sitzung wird ein abschließendes Gespräch geführt und auf ein mögliches Nachverarbeiten, zum Beispiel in Träumen, hingewiesen. Diese Nachprozessieren kann für den Ablauf der weiteren Behandlung und die Planung weiterer Sitzungen relevant sein.
Phase 8: In der Folgesitzung wird das Behandlungsergebnis der vorhergehenden Sitzung überprüft und das weitere Vorgehen geplant.
Die EMDR-Behandlung umfasst immer alle 8 Phasen. Jedoch finden nicht immer alle acht Phasen in jeder Sitzung statt. Je nach Belastung der Patienten können die Phasen 1-2 mehrere Sitzungen umfassen.
Entwicklungen Der am besten untersuchte EMDR-Ansatz ist das EMDR-Standardprotokoll, das neben den traumatischen Erinnerungen auch auf belastende traumaassoziierte Auslöser der Gegenwart und mit der Erinnerung verbundene Zukunftsängste fokussiert.
Im Rahmen der EMDR-Therapie haben sich jedoch weitere verschiedene Techniken herausgebildet und etabliert, beispielsweise die Arbeit mit der Affektbrücke nach Watkins („Float-Back“-Technik (Shapiro)), die über den Zugang zu aktuelleren belastenden Situationen einen Zugang zu früheren belastenden Situationen herstellen kann.
Bekannt ist die „Absorptionstechnik“ (Hofmann 2006, nach der „Wedge-Technik“ von A. Leeds & R. Kiessling 1999), die durch das Verbinden von ressourcenreichen Erinnerungen und Empfindungen mit einer belastenden Situation eine einfache Möglichkeit zum Einsatz von Ressourcen bietet.
Ebenfalls aus EMDR heraus wurde Brainspotting von David Grand entwickelt.
Weitere Anwendungsmöglichkeiten Heute werden neben der therapeutischen Intervention nach traumatischen Ereignissen auch andere Anwendungsmöglichkeiten des EMDR erprobt. So zeigt EMDR bei der Behandlung von Depressionen bereits in sieben kontrollierten Studien die mindestens gleiche Effektivität wie bisher übliche Behandlungsmethoden. In den meisten dieser Studien zeigte EMDR zusätzlich einen deutlich erhöhten Anteil von Patienten, die ihre depressive Störung vollständig verloren (komplette Remission). Weiterhin liegt eine Reihe von Studien vor, die eine Wirksamkeit von EMDR in der Behandlung von bestimmten Schmerzstörungen belegen.
Auch bei Angststörungen wird die EMDR eingesetzt, jedoch ergab eine Systematische Übersichtsarbeit der Universität Witten-Herdecke im Auftrag des deutschen IQWiG „keinen Anhaltspunkt“ dafür, dass Patienten mit Angststörungen von der Methode profitieren. Die bisher vorgelegten Studien hätten ein hohes Verzerrungspotential und eine mangelhafte Berichtsqualität, zudem sei die Studiendauer vielfach zu kurz gewesen. Dies gelte u. a. für die untersuchten Endpunkte Angst, Depression, gesundheitsbezogene Lebensqualität und körperliche Symptome.hil: Angststörungen – Qualitätsinstitut sieht keine Belege für einen Nutzen von EMDR. In: Deutsches Ärzteblatt, 6. März 2020, Jahrgang 117, Heft 10, S. A474Kein Anhaltspunkt für einen Nutzen von EMDR bei Angststörungen. IQWiG, Pressemitteilung, 8. Oktober 2019, Link
Kontrollierte wissenschaftliche Studien gibt es über die Wirksamkeit von EMDR zur Behandlung von Rückfällen bei chronisch alkoholkranken PatientenM. Hase, S. Schallmeyer, M. Sack: EMDR Reprocessing of the addiction memory: Pretreatment, posttreatment, and 1 month follow up. In: Journal for EMDR Practice and Research. Vol. 2(3), 2008, S. 170–179. sowie zu traumatisierten pädosexuellen Straftätern.R. Ricci, C. Clayton, F. Shapiro: Some effects of EMDR on previously abused child molesters. In: Journal of Forensic Psychiatry & Psychology, 17 (4), 2006, S. 538–562. Eine systematische Weiterentwicklung des EMDR-Manuals über die Behandlung von Akuttrauma und noch nicht chronifizierte mittelfristige traumatische Prozesse hinaus ist bisher nicht erfolgt.Fischer, Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. Ernst Reinhardt Verlag, München 2009, S. 250
Forschung und wissenschaftliche Rezeption