mini|Bildseite der Bernwardstür Die Bernwardstür (auch: Bernwardtür oder auch Bernwards Tür) ist eine um das Jahr 1015 datierte zweiflügelige Bronzetür im Westportal des Doms zu Hildesheim. Ihr reicher biblischer Figurenschmuck, der Szenen aus dem 1. Buch Mose und dem Leben Jesu Christi einander gegenüberstellt, gilt als erster Bildzyklus der deutschen Plastik. Nach der Restaurierung weisen die Türflügel in einem Vorraum wieder nach außen und stellten so dem Ankommenden die porta salutis, die Tür zum Heil, vor Augen. Aus konservatorischen Gründen werden die Torflügel nur zu feierlichen Anlässen geöffnet. Die Tür, die ihren Namen nach ihrem Auftraggeber, Bischof Bernward von Hildesheim (983–1022), erhielt, gilt als eines der Hauptwerke der ottonischen Kunst.
mini|Das Westwerk des Hildesheimer Domes (Zustand 2005)
Werkgeschichte Die Tür ist zusammen mit der Christussäule Teil der Bemühungen Bischof Bernwards, durch künstlerische Spitzenleistungen seiner Bischofsstadt im Rahmen der von den Sachsenkaisern angestrebten Erneuerung des Römischen Reiches eine kulturelle Vormachtstellung zu verschaffen. Eine lateinische Inschrift auf dem mittleren Querrahmen, die noch zu Bernwards Lebenszeit einziseliert wurde,Drescher 1993, S. 339–342. weist das Jahr 1015 als Terminus ante quem für die Herstellung der Türen auf:
Der in der Inschrift genannte „Engelstempel“ wird von einem Teil der Forscher mit Bernwards Grabeskirche Sankt Michael identifiziert. Diesen zufolge waren die Türflügel ursprünglich dort am südlichen Seitenschiff (möglicherweise getrennt in zwei Portalen) bzw. im Kreuzgang oder in einem nicht mehr vorhandenen Westwerk eingehängt und gelangten erst in den Dom, als Bischof Godehard, seiner von Wolfhere verfassten Lebensbeschreibung (Vita Godehardi) zufolge, 1035 diesem einen Westeingang geschaffen hatte und hier die Tür seines Vorgängers Bernward aufhängen ließ.So erstmals Dibelius 1907, S. 78–80. Eine Zusammenfassung der bisherigen Hypothesen zum ursprünglichen Aufstellungsort Türen liefert Wesenberg 1955, S. 174–181. Zuletzt hat Bernhard Bruns () versucht, durch symbolische Deutungen den einstigen Standort der Tür nach Sankt Michael zu verorten. Neuere kultgeschichtliche Forschungen deuteten „templum angelicum“ als liturgische Formel für ein dezidiertes Michaelspatrozinium,Gallistl 2015. was die These zu unterstützen scheint, dass die Türflügel für Sankt Michael geschaffen wurden. Der Grabungsbefund (Bauforschung) von 2006 scheint jedoch nunmehr auszuschließen, dass Sankt Michael einmal ein Westwerk hatte. Für die Aufstellung der Tür kommt aber ohnehin eher die Südseite in Frage, wo neben dem westlichen Treppenturm Fundamentreste einer Vorhalle ergraben worden sind.Francis J. Tschan: Saint Bernward of Hildesheim. 3. Album. Publications in Mediaeval Studies 13. Notre Dame, Ind.: University of Notre Dame, 1952, Abb. 252–255.
Andere Forscher gingen davon aus, dass die Bernwardstür von Anfang an für den Hildesheimer Dom bestimmt war, dessen Westwerk mit Vorhalle allerdings erst im Jahr 1035 von Bischof Godehard angelegt wurde. Es wird vermutet, dass der Westbau des Hildesheimer Doms einst dem Erzengel Michael geweiht war, was auch für eine Vielzahl anderer ottonischer und frühromanischer Westwerke nachweisbar sei. Auf diese Weise wäre die Annahme der bereits ursprünglichen Bestimmung für den Dom mit der Inschrift auf der Tür selbst vereinbar.Vgl. Kahsnitz (1993, S. 503–504). Zu diesem Ergebnis kam auch Kruse, der im Rahmen der bauarchäologischen Untersuchungen von St. Michael im Jahre 2006 auf Grund des Beschaffenheit der dortigen Fundaments keine Hinweise für einen Einbau der Türen gefunden hat (). Ein Michaelspatrozinium in der Westempore des Hildesheimer Doms ist allerdings erst im ausgehenden Mittelalter belegbar. Auch bestand dort eine Westempore erst seit 1035 (Gallistl 2007/2008, S. 75). Sie nehmen an, dass bereits Bernward hier einen Westbau anlegte, dessen Aussehen sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren lässt. Entweder ließ Bernward den bisherigen Westchor und die darunter liegende Krypta abbrechen, um Platz für eine repräsentative Vorhalle zu schaffen, in deren Portal die Bernwardstür eingesetzt werden konnte oder er ließ den Westchor verlängern und die Tür im Portal einer Kapelle, die an die Vorderseite der Apsis angebaut war, aufhängen. Für die Vermutung eines bernwardinischen Westbaus am Dom sprechen allerdings nur wenige Fundamentreste, die auch kaum detaillierte Aussagen über seine genaue Gestalt mehr zulassen. Schriftliche Quellen für Baumaßnahmen Bernwards am Dom fehlen. Ein solcher Standort der Türen im Westbau hätte ohnehin bald wieder geändert werden müssen, da der Dom bereits unter Bernwards Nachfolgern Godehard, Azelin und Hezilo durchgreifend umgebaut wurde. Ein Übriges tat der durchgreifende Umbau der Westteile in den Jahren 1842–1850. Zuletzt wurde das Westwerk nach schweren Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg weitgehend neu errichtet. Der zugrundeliegende, nicht unumstrittene Plan von Wilhelm Fricke orientierte sich allerdings nicht am mutmaßlichen Bauzustand zur Zeit Bernwards, sondern am Westwerk des Mindener Doms sowie dem mutmaßlichen Erscheinungsbild der Hildesheimer Westfront unter Bischof Hezilo (Bauzeit 1054–1061).
Die Türflügel entgingen dem Bombenangriff auf Hildesheim am 22. März 1945 nur, weil sie auf Initiative des Domkapitels bereits knapp drei Jahre zuvor zusammen mit zahlreichen anderen Kunstwerken der Ausstattung ausgelagert worden waren. Die tonnenschweren Türflügel mussten damals, auf den Längsseiten liegend und in ein stabiles Holzgerüst eingespannt, von zwei Pferdegespannen auf einem Rollwagen zum so genannten Kehrwiederwall im Südosten der Altstadt gezogen werden, wo sie in einem unterirdischen Gang den Krieg überdauerten. Im Zuge der umfassenden Sanierung des Domes der Jahre 2010 bis 2014 wurde die Bernwardstür neu positioniert, zurück von der westlichen Außenwand an ihren ursprünglichen Platz in der östlichen Abschlusswand des Westparadieses.dom-hildesheim.de Seitdem tragen die beiden Türflügel sich auch wieder selbst, lassen sich also allein über die historischen Bronzezapfen drehen.schmiedeaachen.de
Herstellung und technische Merkmale Die Türflügel wurden jeweils aus einem Stück gegossen. Angesichts der Maße (links 472,0 × 125,0 cm, rechts 472,0 × 114,5 cm, maximale Stärke ca. 3,5–4,5 cm) und des enormen Gewichts (jeweils etwa 1,85 t) der Türflügel, ist dies für damalige Zeiten eine große handwerkliche Leistung. Als Rohmaterial für das Gießen diente Rotguss, der vorwiegend aus Kupfer (über 80 %) sowie zu etwa gleichen Teilen aus Blei, Zinn und Zink besteht.Drescher 1993, S. 339. Die bisherigen Materialanalysen konnten allerdings nicht klären, aus welcher Erzlagerstätte die verwendeten Metalle stammen; die seinerzeit bereits belegte Hütte am Rammelsberg bei Goslar scheidet jedenfalls aus.Drescher 1993, S. 349.
Wie ihre Vorgänger in Aachen und Mainz wurde die Bernwardstür im Wachsausschmelzverfahren hergestellt, das höchste Ansprüche an die Arbeiter der Gießwerkstätte stellte, da die Gussform nur einmal verwendet werden konnte. Die einzelnen Szenen des Bilderzyklus wurden von den Modelleuren aus massiven Wachs- oder Talgtafeln herausgeschabt und erst danach, gestützt durch ein Eisengerüst, zusammengesetzt; dadurch entstanden vermutlich auch die leichten Unregelmäßigkeiten in der Bänderung, die die einzelnen Darstellungen unterteilt. Auch die Türzieher in Form von fratzenhaften Löwenköpfen mit Gnadenring wurden nicht nachträglich aufgelötet, sondern waren schon auf der Wachsform vorhanden. Technische Analysen haben gezeigt, dass man die Lehmform auf der Längsseite stehend mit Bronze befüllte, damit sich das flüssige Metall gut verteilen konnte. Nach- bzw. Überfanggüsse an den Türen belegen, dass sich beim Auskühlen Risse im Metall gebildet hatten.Drescher 1993, S. 340–342. Der erkaltete Rohguss der Türflügel war vermutlich noch recht grob, von Metallgraten an der Stelle der Abfluss- bzw. Abluftkanäle in der Lehmform übersät und musste noch in großem Umfang durch Ziselieren nachbearbeitet werden.
Stil und Komposition Gesamtkonzeption Die Bernwardstür hat die Gestalt einer antiken Rahmen-Füllungstür; im Gegensatz zu den römischen Originalen ist diese Formgebung in Hildesheim allerdings nicht konstruktionsbedingt, sondern wohl eher ein an die antike Tradition erinnerndes Zitat.Dibelius 1907, S. 128–129. Zudem sind die Rahmen durch die geringe Breite und das flache Relief zugunsten der Figurenszenen stark in ihrer Wirkung gemindert, so dass sie eher wie die Bildstreifen einer zeitgenössischen Prachthandschrift – wie etwa im Evangeliar von Echternach – wirken.
Komposition der Szenen Die Komposition der einzelnen Szenen ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Im Gegensatz zu szenischen Darstellungen der karolingischen Kunst verzichteten die Künstler auf reich ausgestaltete, Räumlichkeit vortäuschende Hintergründe. Die Szenerien, bestehend aus Pflanzen (hauptsächlich am linken Flügel) und Architekturen (vorwiegend am rechten Flügel), sind im Flachrelief ausgeführt und auf ein Minimum begrenzt. Es gibt sie nur dort, wo sie zum Verständnis der Darstellung oder aus kompositorischen Gründen notwendig sind. Stattdessen bringen große freien Flächen die Umrisse der wenigen Figuren, die sich in ihnen bewegen, besonders gut zur Geltung – Alexander von Reitzenstein bezeichnete die leeren Bildräume daher als „Wirkungsfeld korrespondierender Gebärden“. Durch ihre Bewegungen und ausdrucksstarken Gesten steht jede Person in Beziehung zu einer anderen, kaum eine Figur wäre als Einzelstück ohne ihr Gegenüber denkbar, da sie sonst ihren Sinn verlöre.
Figuren mini|Detail des rechten Türflügels: die Anbetung der Könige Wie in der mittelalterlichen Kunst üblich, haben die Figuren keine individuellen Physiognomien, vielmehr handelt es sich um stilisierte Typen, die sich teilweise wiederholen. Für die ottonische Plastik charakteristisch sind die überproportional großen, ovalen Gesichter. In flachen Augenhöhlen, die an der Stirn durch einen scharfkantigen Brauenbogen abgeschlossen werden, sitzen übergroße, mandelförmige Augen. Die Haare bestehen aus parallelen Strähnen und sind zum Mittelscheitel gekämmt. Trotzdem ist die Mimik zum Teil sehr ausdrucksstark und wirkt kongenial mit den Gesten zusammen. In diesem Zusammenhang besonders auffällig ist die Figur des Kain aus der Brudermordszene, der mit ängstlichen, weit aufgerissenen Augen zu Gottes Hand am Himmel hinaufblickt und sich dabei schützend seinen Umhang vor den Körper hält.
Eine Besonderheit der Figuren an der Bernwardstür ist ihr Reliefstil: Die Figuren treten nicht gleichmäßig aus der Fläche, sondern ‚lehnen‘ sich gleichsam aus ihr heraus, so dass sie in der flachen Seitenansicht beinahe den Eindruck eines „Rosenspaliers mit nickenden Köpfen“ erwecken. Ein besonders aussagekräftiges Beispiel hierfür ist die Figur der Maria mit dem Jesuskind in der Szene der Anbetung der Könige: Während der Unterkörper noch als Flachrelief gearbeitet ist, ragen der Oberkörper und Christus nach oben hin immer weiter hervor; Schulter und Kopf der Maria schließlich sind vollplastisch. Dieser ungewöhnliche Reliefstil ist durchaus gestalterisch gewollt und nicht etwa auf gusstechnische Gründe zurückzuführen.Drescher 1993, S. 340.
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