Der Nationalpark Ichkeul (, französisch Parc national de l'Ichkeul) ist ein 12.600 Hektar großer Nationalpark im Norden Tunesiens, ca. 25 km südwestlich der Stadt Bizerte. International ist er als UNESCO-Weltnaturerbe klassifiziert und ist ein Ramsar-Gebiet. Der Park besteht aus dem Ichkeul-See, seinem Feuchtgebiet und dem 511 Meter hohen Berg Dschebel Ichkeul, einem isolierten Kalkstein-Massiv.
Das den Ichkeul speisende Frischwasser wird auch zur Versorgung der tunesischen Bevölkerung benötigt und vor dem See gestaut.
Hydrologie Die Hydrologie des Nationalparks beruht auf einem empfindlichen Zusammenspiel von saisonalen Süßwasserzuflüssen aus dem Einzugsgebiet, Verdunstung und dem Austausch mit Meerwasser. Wasserstand und Salzgehalt schwanken im Jahresverlauf deutlich. In niederschlagsreichen Perioden dehnen sich See und Sümpfe aus, während in trockenen Phasen der Salzgehalt steigt und sich die Feuchtgebiete zurückziehen können. Für die ökologische Stabilität des Gebiets sind daher sowohl die Zuflüsse aus dem Oberlauf als auch die Steuerung des Wasseraustauschs zwischen See und Meer, insbesondere über den Tindja-Kanal, von zentraler Bedeutung.
Artenvielfalt Der Nationalpark Ichkeul ist Lebensraum für mehr als 200 Vogelarten und über 500 Pflanzenarten. Er zählt zu den wichtigsten Feuchtgebieten des westlichen Mittelmeerraums und ist ein bedeutender Rast- und Überwinterungsplatz für westpaläarktische Wasservögel. In einzelnen Wintern wurden mehr als 300.000 Vögel gezählt. Aktuelle jährliche Bestände liegen bei ca. 130.000 Zugvögeln, etwa halb so viele wie in den 1980er Jahren. Der Park beheimatet 186 verschiedene Wasservogelarten, wobei in Tunesien nur insgesamt 406 Vogelarten dokumentiert sind. Zu den besonders bedeutsamen Wasservogelarten zählen die Weißkopf-Ruderente, die Moorente und die Marmelente. Zudem kommen 24 Säugetierarten vor, von der Waldspitzmaus bis zum Wasserbüffel.
Die Vegetation des Feuchtgebiets besteht vor allem aus Röhrichten, salztoleranten Pflanzen und Wasserpflanzen. Besonders wichtig sind dabei Laichkräuter wie Potamogeton pectinatus sowie Röhricht- und Sumpfpflanzen wie Scirpus maritimus, Phragmites australis, Typha angustifolia und Juncus-Arten, die als Lebensraum und Nahrungsgrundlage für viele Wasservögel dienen.
Schutzstatus Der Nationalpark wurde durch das Präsidialdekret Nr. 1608-80 vom 18. Dezember 1980 eingerichtet, vor allem zum Schutz des Feuchtgebiets Ichkeul und seiner bedrohten Avifauna, und im selben Jahr in die Liste des Weltnaturerbes der UNESCO eingetragen. Als Feuchtgebiet steht er auch unter dem Schutz der Ramsar-Konvention. Ichkeul ist der letzte verbleibende Fluss einer Kette, die sich früher über ganz Nordafrika entlangzog.
Gefährdung Durch die Stauung des Frischwassers in mehreren außerhalb des Nationalparks liegenden Staudämmen wurde die Wasserzufuhr deutlich verringert. Dadurch trockneten Teile der Feuchtgebiete aus, der Salzgehalt im See stieg, und die Bestände zahlreicher überwinternder Wasservögel gingen zeitweise zurück. 1996 wurde der Nationalpark deshalb als gefährdet eingestuft und in die Rote Liste des gefährdeten Welterbes aufgenommen. Zwischen 1996 und 2006 wurden Maßnahmen zur Anpassung der Wasserverteilung und zur Verbesserung des Gewässermanagements umgesetzt. 2006 wurde der Park wieder von der Roten Liste gestrichen, da die biologische Vielfalt und die Funktion als wichtiger Vogelrastplatz erhalten blieben.
Seit 2015 verschärft der Klimawandel die Lage: Niederschläge sanken von durchschnittlich 625 mm auf 350 mm/Jahr. Der Salzgehalt überschreitet das Normalmaß, wodurch aquatische Vegetation auf ca. 3.000 Hektar reduziert wurde. Zusätzlich wurden toxische Cyanobakterien und Schwermetalle (Cadmium, Zink, Blei) im Sediment nachgewiesen, die Sediment-Qualitätsrichtlinien überschreiten.
Im Januar 2020 wurden im Rahmen des internationalen Winterzensus weniger als 6.000 Wasservögel gezählt, im Januar 2021 nur 19.016. Im Vergleich zum Maximum von fast 300.000 Wasservögeln im Jahr 2008 und einem Durchschnitt von 141.000 Vögeln in den Jahren 2008–2017 gilt dies als extrem niedrig und besorgniserregend. Die aktuellen jährlichen Bestände liegen bei ca. 130.000 Zugvögeln, etwa halb so viele wie in den 1980er Jahren. Arten wie die Graugans (Anser anser) und andere Zugvögel verändern ihre Zugrouten, weil die Bedingungen ungeeignet sind.
Die IUCN bewertete den Schutzstatus 2025 mit significant concern („besorgniserregend“) und sieht die größte Bedrohung in der unzureichenden Wasserversorgung durch Staudammkonstruktion sowie im Klimawandel (Niederschlagsrückgang, Verdunstung, Extremwetter).
Weblinks
Datenblatt der UNEP-WCMC (englisch)
Einzelnachweise
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