mini|hochkant=1.2|Dorfkirche Russow mini|hochkant=1.2|Dorfkirche Russow
Die Dorfkirche Russow ist ein mittelalterlicher Backsteinbau in Russow, einem Ortsteil von Rerik im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern. Die Kirchgemeinde gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.
Geschichte Das Dorf Russow ist erstmals am 28. November 1305 urkundlich als to Rossow erwähnt worden.MUB V. (1869) Nr. 3039. Doch schon am 16. Mai 1245 wurde in einer Urkunde ein Pfarrer Theodericus de Rossowe genannt.MUB I. (1863) Nr. 570. 1308 wurden durch Fürst Heinrich von Mecklenburg Russow, Rakow und Altbukow für 1360 Mark Lübisch Pfennig an das Heiligen-Geist-Hospital zu Lübeck verkauft.Georg Wilhelm Dittmer: Ueber den Ursprung und den Umfang der Lieferung von Pachtgerste aus Russow. MJB VIII. (1843) S. 177–182. 1318 kam das Dorf zusammen mit der Insel Poel und anderen Dörfern unter die Oberherrlichkeit derer von Plessen, von Preen und von Stralendorf.MUB VI. (1870) Nr. 4025. Fürst Heinrich von Mecklenburg verkaufte am 22. November 1318 in Wismar den Rittern Helmold von Plessen, Berthold und Gottschalk von Preen und Friedrich von Stralendorff das Eigentum der ganzen Insel Poel und mehrere Dörfer, darunter auch Russow. 1344 erwarb der Rathmann Johann von Kröpelin zu Wismar von Reimar von Plessen Besitzungen in Russow, womit er eine Vikarie in St. Marien in Wismar bewidmete.MUB IX. (1875) Nr. 6374, 6375. Am 28. Juni 1345 wurde ein Hermann von Oertzen van Rogghowe in Verbindung mit Dobberaner Klosterangelegenheiten genannt.MUB IX. (1875) Nr. 6546. Seit 1466, möglicherweise auch schon früher, wurde die Geschichte von Russow und der Dorfkirche durch das jahrhundertelange Patronat der Familie von Oertzen mitgeprägt, die ihren Stammsitz im Nachbarort Roggow hat.Günther Martin Göttsche: Die Dorfkirche in Russow/Mecklenburg. 2012, S. 3.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Russow. 1896, S. 503. Russow war zu dieser Zeit ein kleines Dorf mit einer kleinen Kirche, neun Bauernstellen und dem Gut Vorwerk. 1568 und 1594 widersetzte sich Jaspar II. von Oertzen auf Roggow der Kirchenvisitation in Russow.Bento Körner: Dorfkirche Russow. 2008, S. 32.
Während des Dreißigjährigen Krieges waren auch im Dorf Russow von neun Bauernhöfen vier fast verwüstet und alle von den Bauern verlassen worden. Erst nach 1645 gelang es Jasper von Oertzen, dort eine Meierei zu errichten. Am 23. Juni 1649 starb Jasper von Oertzen.
Der Landrat Helmuth Friedrich von Oertzen auf Roggow befand sich ab 1900 sieben Jahre im Rechtsstreit mit der Kirche zu Russow um die Herausgabe von Pfarracker.LKAS, OKR Schwerin, Specialia, Abt. 4 Russsow, Nr. 014. Am 8. Januar 1909 verstarb der Patron im Alter von 75 Jahren. Seine Schwiegermutter Frau Rat Therese Tretow vom Hof Zweedorf gab der 1893 gegründeten Siechenstiftung ein Kapital von 25000 Mark.Bento Körner: Dorfkirche Russow. 2008, S. 74–75.
Baugeschichte Wann die Russower Dorfkirche genau errichtet wurde, ist nicht bekannt. Es wird der Zeitraum Ende des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts angenommen.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Russow. 1899, S. 504.Georg Dehio: Russow, Gemeinde Roggow, Lkr. Doberan. 2000, S. 503. Friedrich Lisch schätzt als Baujahr der Kirche etwa 1275, hält das Kirchenschiff aber für 100 Jahre jünger.Friedrich Lisch: Die Kirche zu Russow. MJB 41 (1876), S. 200.
An der Nordseite der Kirche befindet sich eine zugemauerte Grabkapelle mit Särgen.
1655 brannte durch Zufall das Pfarrhaus ab, während Pastor Joachim Möring sich in der Kirche befand. In seiner Amtszeit wurde das Pfarrhaus wieder aufgebaut.
1814 brannte das Pfarrhaus zum zweiten Mal ab und wurde als eingeschossiges Fachwerkhaus mit einem hohen Krüppelwalmdach nebst Scheune an selber Stelle neu errichtet. Auch das Pferd, die Kuh und die Schafe des Pastors wurden in der Scheune untergebracht und der Kuhhirte hatte seine Schlafkammer. 1817 ließ der Patron Landrat Jasper VI. von Oertzen (1768–1835) zum Reformationsjubiläum aus eigenen Mitteln durch den Maurer an der Kirche außen die Wände und Pfeiler sowie das ganze Dach ausbessern, die inneren Kirchenwände weißen, den Fußboden legen, die Kirchenstühle reparieren, die Fenster an der Nordseite und ein neues Tor an der Westseite machen. Zu Pfingsten 1841 ließ der Kirchenpatron Wilhelm Detlof von Oertzen (1806–1849) auch aus eigenen Mitteln die ganze Kirche innen weißen, die beiden Stühle zwischen Kanzel und Beichtstuhl neu machen und malen, die Orgel und den Altar malen und diesen mit neuen schönen Figuren und goldenen Leisten schmücken, eine neue Einfassung um den Altar machen und sämtliche Kirchenstühle anmalen. Dessen Gemahlin, die Frau Eleonore von Oertzen, geb. von Klitzing schenkte der Kirche rot samten Decken mit goldenen Tresen zur Bekleidung des Altars und der Kanzel. Ihre beiden Wappenabbildungen befinden sich an der Brüstung der Orgelempore. Am 12. Dezember 1863 feierte Pastor Friedrich Ludwig Franz Lechner sein 50-jähriges Amtsjubiläum mit der Auszeichnung als Kirchenrat, er war von 1813 bis 1872 in Russow tätig. Eine böse Überraschung erlebte er am 21. August 1864, als der Kirchturm von einem Blitzschlag getroffen wurde und eine „starke Verkrümmung“ erlitt.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Russow. 1899, S. 505. Im Russower Kirchenbuch vermerkte er: „Am 21. August Abends 9 Uhr traf bei einem heftigen Gewitter ein schrecklicher Wetterschlag den Turm dieser Kirche (welches Schicksal, nach hiesiger Chronik, dasselbe vor 164 Jahren schon einmal erlebte), beschädigte den Glockenstuhl und die Orgel in der Art, dass die große Glocke sowie die Orgel für den Augenblick unbrauchbar geworden sind. Gezündet hatte der Blitz allein in der Turmspitze. Mit den hiesigen Löschwerkzeugen war da nichts auszurichten, ein Teil des Turmes ist verbrannt und eingestürzt.“ In den nächsten vierzig Jahren war er nur provisorisch gesichert worden. Im Juli 1901 schrieb der Landrat Helmut Friedrich von Oertzen als Patron der Kirche Rusow im Kirchenbuch: „Im Jahr 1901 hat meine Frau, die Landrätin Sophie von Oertzen geborene Schröder diesen Turm neu erbauen lassen. Der Bau ist ausgeführt, nach Plänen und unter Leitung des geheimen Hofbaurat Möckel zu Doberan. Am Bau haben mitgewirkt der Zimmermann Rosenkranz und Maurermeister Danehl zu Neubukow und der Hofdachdeckermeister Christen aus Rostock. Prediger ist zur Zeit Präpositus Berger.“Bento Körner: Dorfkirche Russow. 2008, S. 68–69.
Von 1901 bis 1903 wurde die Kirche im Stil der Neugotik nach Plänen des Doberaner Architekten und Hofbaurates Ludwig Möckel umfassend umgebaut und im Kircheninnern umfangreich renoviert.
1949 machte der Bürgermeister Abshagen den Oberkirchenrat in Schwerin auf die Baufälligkeit des Kirchturmes aufmerksam. Die Antwort war, man solle auf bessere Zeiten warten. 1952 erhielt die Kirche eine elektrische Beleuchtung. 1968 wurde die Gefährdung durch den desolaten Zustand des Turmes immer bedrohlicher, dass im Oktober 1969 mit dem Abbau der Turmspitze begonnen wurde.Bento Körner: Dorfkirche Russow. 2008, S. 90–93. Die anschließenden Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten zogen sich bis Mai 1973 hin. Die Fialtürmchen auf den Strebepfeilern des Turmes, des Chores und der Südkapelle mit dem Schornstein wurden entfernt. Die südliche Vorhalle wurde wegen starken Hausschwamm-Befalls im Holz und Mauerwerk 1972 abgebrochen,LKAS, OKR Schwerin, Bauten in Russow 1950–2012.
Durch Beschluss des Rates des Kreises Bad Doberan vom 6. Mai 1976 wurde die Kirche Russow in die Kreisdenkmalliste aufgenommen und am 1. September 1979 unter Denkmalschutz gestellt. Ein neuer Anbau war 1991 vorgesehen, kam aber wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht zur Ausführung.
Baubeschreibung Die Russower Dorfkirche ist ein rechteckiger Backsteinbau, der bis zu einer unterschiedlichen Höhe mit behauenen Feldsteinen begonnen wurde.
Äußeres Das zweijochige Schiff ist ein wenig jünger als der ebenfalls zweijochige, leicht eingezogene Chor. An der Südseite steht ein quadratischer Kapellenanbau, sein Giebel ist auf den Schrägen mit Blenden, Fialen und Krabben geschmückt. Wenig später wurde an der Nordseite eine Sakristei angebaut. Der neugotische Westturm, über quadratischem Grundriss wurde mit seitlichen Anbauten von 1901 bis 1904 nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel errichtet. Der achtseitige Spitzhelm wurde 1969 abgebrochen.
Inneres Im Kirchenschiff, im Anbau und im Chor wurden Kreuzgratgewölbe eingezogen. Die beiden östlichen Joche sind von den beiden westlichen durch einen Triumphbogen abgetrennt. Es sind Wand- und Gewölbemalereien aus der Bauzeit erhalten. Vom 15. bis ins 19. Jahrhundert wurden die Inneneinrichtungen immer wieder ergänzt und verändert, wobei jeweils die verschiedenen Mitglieder der Familie von Oertzen als Patrone für die Finanzierung verantwortlich zeichneten wie bei der zweigeschossigen Patronatsloge im Chor nach 1700.Gunther Martin Göttsche: Die Dorfkirche in Russow/Mecklenburg. 2012, S. 7. Größere Renovierungsarbeiten, insbesondere Malerarbeiten, wurden 1702 und 1703, 1817 und 1813 wurden von den Patronatsfamilien veranlasst. Im Gewölbe sind die Darstellungen des jüngsten Gerichts, verschiedener Heilige und Rankenwerk zu sehen, an der Ostwand ein Bild des Hl. Christophorus. Die Malereien wurden von 1901 bis 1904 aufgedeckt und umfassend ergänzt. Das Gebäude wird seit 2006 umfangreich renoviert; der Fußboden wurde erneuert, die Wände aus Feldstein wurden trockengelegt und das Dach neu eingedeckt.
Altar Der gemauerte Unterbau des Altars blieb bei der Kirchenrenovierung 1901–1904 erhalten. Die auf dem Altartisch erwähnte rote MarmorplatteFriedrich Lisch: Die Kirche zu Russsow. MJB 41 (1876), S. 201. ist nicht mehr zu sehen, denn der Altar ist unter dem Altartuch mit einer Holzplatte bedeckt. Der barocke Altaraufsatz, 1668 von Joachim von Oertzen auf Anordnung seiner Mutter Eva von Pentz in Auftrag gegeben, ist verschollen. Der jetzt vorhandene, neugotische Altaraufsatz wurde vermutlich vom Doberaner Hoftischler Albert Kasch angefertigt. Bei der Neugestaltung der Kirche ab 1901 durch Hofbaurat Ludwig Möckel, der am Doberaner Münster wirkte, kam der aus Eichenholz gearbeitete mit kunstvollen Schnitzereien und einem Kruzifixus versehen und mit einem weißen Corpus gekrönt, in die Kirche. Leider ist der neugotische Altar nicht mehr vollständig erhalten, der Christus-Korpus wurde abgenommen, da er marode war.nach Körner: Dorfkirche Russow. S. 24 war es ca. 1955 und nach Göttsche: Die Dorfkirche in Russow/Mecklenburg. S. 21 war es nach 1972. Den jetzt vorhandenen hölzernen Christus-Korpus schuf 2003 der Chemnitzer Künstler Oliver Lasch. Im Altarbild sind links unten Abel, der Schäfer und rechts unten Isaak, Sohn Abrahams zu sehen. Oben links der Hohepriester Aaron und rechts das Abbild des Melchisedech mit Brot und Wein.Gunther Martin Göttsche: Die Dorfkirche in Russow/Mecklenburg. 2012, S. 22.
Kanzel Die Kanzel soll von 1702 stammen.Georg Dehio: Russow, Gem. Roggow, Lkr. Doberan. 2000, S. 503. Der polygonale Kanzelkorb zeigt farbige Darstellungen der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Die einzelnen Felder sind durch kunstvoll gedrehte kleine Holzsäulen voneinander getrennt. Unterhalb der Evangelisten-Bilder befinden sich kleine Medaillons mit den traditionellen Symbolen der Evangelisten. Der gesamte Kanzelkorb ruht auf einer großen gedrehten Säule.Günther Martin Göttsche: Die Dorfkirche in Russow/Mecklenburg. 2010, S. 12. Im Inventar von 1811 wird noch ein spezielles Prediger-Zubehör aufgeführt: „Zur Rechten steht darauf eine gläserne Sand-Uhr von 4 Minuten“, die nicht mehr vorhanden ist.