mini|Reginald „Reggie“ Kray (zweiter von links) im Jahr 1968 Die Zwillingsbrüder Reginald „Reggie“ Kray (* 24. Oktober 1933 in Hoxton, London; † 1. Oktober 2000 in Norwich) und Ronald „Ronnie“ Kray (* 24. Oktober 1933 in Hoxton, London; † 17. März 1995 in Crowthorne, Berkshire) waren britische Verbrecher, die in den 1950er und 1960er Jahren die organisierte Kriminalität im Londoner East End beherrschten. Mit ihrer Bande The Firm waren die Krays an bewaffneten Raubüberfällen, Brandstiftung und Schutzgelderpressung beteiligt. Im kriminellen Milieu waren sie gefürchtet, da sie Konkurrenten und Zeugen mit Drohungen einschüchterten oder ermordeten.
Als Nachtclubbesitzer pflegten die Zwillinge gesellschaftliche Kontakte zu Politikern und anderen Prominenten wie Diana Dors, Frank Sinatra und Judy Garland. In den 1960er Jahren erlangten sie selbst eine gewisse Berühmtheit, da der Fotograf David Bailey sie porträtierte und sie im Fernsehen interviewt wurden. Ihr krimineller Hintergrund wurde verharmlost und die polizeilichen Ermittlungen aufgrund ihrer Beziehungen zu einflussreichen Politikern behindert.
Am 9. Mai 1968 verhaftete Scotland Yard die Kray-Zwillinge, die schließlich 1969 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Ronnie Kray starb im Jahr 1995 im Broadmoor Hospital, einer geschlossenen Psychiatrie. Reggie Kray wurde im August 2000 schwer erkrankt acht Wochen vor seinem Tod aus der Haft entlassen.
Frühe Jahre Ronnie und Reggie Kray kamen mit einem zeitlichen Abstand von zehn Minuten als eineiige Zwillingssöhne des Goldankäufers und Trödlers Charlie Kray (1907–1983) und dessen Frau Violet Lee (1909–1982) zur Welt. Zum engsten Familienkreis gehörten der ältere Bruder Charlie junior (1926–2000) und eine 1929 geborene Schwester namens Violet, die bereits im Kleinkindalter starb. Die Krays waren eine klassische Londoner Arbeiterfamilie sogenannter „Cockneys“:Michael J. Wood: Ancestry of the Kray twins auf wargs.com, abgerufen am 5. Februar 2012 (englisch)
Die beiden Zwillingsbrüder wuchsen wegen der häufigen Abwesenheit des Vaters vorwiegend in der Obhut ihrer Mutter, Großmutter und Tanten auf. Im Alter von drei Jahren überlebten beide eine Diphtherie-Erkrankung, auf die möglicherweise Auffälligkeiten in späteren Lebensjahren zurückzuführen sind. Ronnie wäre 1942 beinahe an einer Kopfverletzung gestorben, die ihm sein Zwillingsbruder im Kampf zugefügt hatte, woraufhin Violet Kray ihren Söhnen das Versprechen abnahm, nie wieder gegeneinander zu kämpfen. Die Zwillingsbrüder galten seither als unzertrennlich, entwickelten jedoch unterschiedliche Charakterzüge. Während sich Reggie Kray gern in Gesellschaft aufhielt, war sein Bruder Ronnie eher ein Einzelgänger. Beide besaßen ein aufbrausendes Temperament, und ihre Wutausbrüche waren zugleich legendär wie gefürchtet. Bei Ronnie, der auch ein begeisterter Waffensammler war, kamen später eine psychische Erkrankung sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch hinzu.
1938 zog die Familie Kray von Hoxton in einen anderen Londoner Stadtbezirk nach Bethnal Green. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entzog sich der Vater der Kray-Zwillinge der Einberufung. Der Großvater mütterlicherseits, Jimmy „Cannonball“ Lee, führte beide Jungen an das Boxen heran. Nach einer Zeit als erfolgreiche Amateurboxer begannen beide im Alter von 19 Jahren mit einer Profikarriere.Reggie Kray with his grandfather, 1964, auf telegraph.co.uk abgerufen am 5. Februar 2013 (englisch)Fashion and portrait photographer Brian Duffy dies aged 76 v. 5. Juni 2010 auf telegraph.co.uk, abgerufen am 5. Februar 2013 (englisch)
Im Militärdienst Auf lokaler Ebene waren die Kray-Zwillinge bald für die kriminellen Aktivitäten einer von ihnen angeführten Bande berüchtigt. Mehrere Male konnten sie es knapp vermeiden, inhaftiert zu werden. 1952 wurden sie zum zweijährigen Militärdienst bei den Royal Fusiliers einberufen. Diese zwei Jahre verbrachten sie entweder auf Fahnenflucht oder im Militärgefängnis; so schlugen sie den ausbildenden Sergeant zusammen. Da sie bei der Einberufung im Tower of London fahnenflüchtig wurden, wurden sie dort inhaftiert und zählen somit zu den letzten Gefangenen des Tower. Neun Monate waren sie im Militärgefängnis Cornhill in Shepton Mallet inhaftiert, wo sie durch fortgesetztes aufrührerisches Verhalten auffielen, indem sie etwa ihre Betten in Brand setzten, einen Wärter mit heißem Tee verbrühten oder einen weiteren Wärter mit Handschellen an den Gittern festketteten. 1954 wurden sie unehrenhaft entlassen.
Kriminelle Karriere Die Krays als Nachtclub-Besitzer Nach ihrer Entlassung aus der Armee kauften die Kray-Zwillinge einen heruntergekommenen Billard-Club in Bethnal Green, von wo aus sie mit Schutzgelderpressungen begannen. Bis Ende der 1950er Jahre waren die Krays an zahlreichen Delikten wie Entführungen, Raubüberfällen und Brandstiftungen beteiligt. Der dadurch erzielte Profit wurde von ihnen in weitere Clubs und Immobilien investiert.
1960 wurde Ronnie Kray, der inzwischen den Spitznamen The Colonel bekommen hatte, für 18 Monate inhaftiert. Während dieser Haft erkannten die Ärzte erstmals bei ihm eine schwere psychische Störung.Thomas L. Jones: The Kray Twins: Brothers In Arms, S. 5: In and Out in der Crime Library, abgerufen am 5. Februar 2013 (englisch) Sein Bruder Reggie half ihm während eines Besuchs, aus der Haft zu entkommen, indem sie die Rollen tauschten. Während Ronnie sich versteckte, entwickelte er einen Verfolgungswahn, der so schlimm wurde, dass die Familie die Polizei kontaktierte, die ihn wieder verhaftete und ihn in einem Krankenhaus unterbrachte.Thomas L. Jones: The Kray Twins: Brothers In Arms, S. 6: He's my brother in der Crime Library, abgerufen am 5. Februar 2013 (englisch)
In dieser Zeit kam Reggie Kray als Resultat von Schutzgelderpressungen in den Besitz des Nacht- und Spielclubs Esmeralda’s Barn in Knightsbridge, in dem Prominente verkehrten, wodurch die Krays ihren Einfluss vergrößern konnten.Metropolitan Police: The Krays, abgerufen am 5. Februar 2013 (englisch) Im Laufe der 1960er Jahre wurden die Krays allgemein als wohlhabende und charmante Nachtclub-Besitzer und Teil von Swinging London angesehen. Ihr Ruf beruhte auch auf ihren nicht-kriminellen Aktivitäten und ihren Beziehungen zum Adel, Parlamentsmitgliedern und berühmten Künstlern.
Freunde und Feinde mini|hochkant|Der Pub The Blind Beggar, in dem Ronnie Kray am 9. März 1966 den Gangster George Cornell erschoss 1964 veröffentlichte die Boulevard-Zeitung Sunday Mirror einen Artikel, in dem von Ermittlungen von Scotland Yard wegen einer damals strafrechtlich illegalen homosexuellen Beziehung zwischen einem Mann der Londoner Unterwelt und einem konservativen Parlamentsabgeordneten berichtet wurde.David Barrett: Letters shed new light on Kray twins scandal auf telegraph.co.uk v. 26. Juli 2009, abgerufen am 5. Februar 2013 (englisch) Gerüchten zufolge handelte es sich dabei um Ronnie Kray und Lord Robert Boothby. Eine Woche später erschien der Artikel im Stern mit namentlicher Nennung der Beteiligten.Lord Boothby auf spartacus.schoolnet.co.uk
Obwohl der Sunday Mirror öffentlich keine Namen nannte, bedrohten die Zwillinge die beteiligten Journalisten, und Boothby drohte mit einer gerichtlichen Klage. Daraufhin zog die Zeitung die Geschichte zurück und druckte eine Entschuldigung. Der Chefredakteur der Zeitung wurde entlassen, und Boothby erhielt £ 40.000 Entschädigung im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleiches. In der Folge vermieden es andere Zeitungen, über die Beziehungen der Krays und deren kriminelle Aktivitäten zu berichten.Im Juli 2009 wurden Briefe zwischen Ronnie Kray und Lord Boothby auf einer Auktion versteigert, aus denen hervorging, dass zwischen den beiden Männern tatsächlich eine engere Beziehung bestanden hatte. The Telegraph v. 26. Juli 2009 (englisch) Es gab aber Gerüchte, Ronnie Kray habe auch eine sexuelle Beziehung zum Parlamentsabgeordneten Tom Driberg von der Labour Party."Lords of The Underground", Channel 4 TV, 23 June 1997 + The Spectator, 28. Juni 1997
Diese Beziehungen und die Angst von Zeugen, gegen die Krays auszusagen, behinderten maßgeblich die polizeilichen Ermittlungen. Mitunter nutzten die Zwillinge auch ihre äußerliche Ähnlichkeit dazu, sich gegenseitig Alibis zu verschaffen.
Am 12. Dezember 1966 halfen die Krays Frank Mitchell, einem verurteilten Mörder und ehemaligen Mithäftling von Ronnie Kray, aus dem Gefängnis von Dartmoor zu fliehen.Metropolitan Police: ; s. a. nationalarchives.gov.uk Mitchell, der sich unschuldig verurteilt fühlte, hoffte, mit der Flucht öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, um so eine Neuverhandlung seines Falls zu erwirken. Die Krays versteckten den groß gewachsenen und psychisch gestörten Mann in der Wohnung eines Freundes. Er verschwand spurlos. Freddie Foreman, ein früheres Mitglied der „Firm“, schrieb in seiner Autobiografie, Mitchell sei erschossen und seine Leiche im Meer versenkt worden. Durch seine Unberechenbarkeit sei er zu einer Belastung geworden.
Am 9. März 1966 erschoss Ronnie Kray im Pub The Blind Beggar in Whitechapel George Cornell, ein Mitglied der konkurrierenden Richardson-Bande. Cornell hatte Weihnachten 1965 im Astor Club Ronnie als „fette Schwuchtel“ (fat poof) bezeichnet. Der Grund für den Mord war nach Krays Aussage jedoch nicht diese Beleidigung. Er gab an, Cornell habe ihn und seinen Bruder bedroht. Im Laufe von Auseinandersetzungen zwischen beiden Banden hatte es zuvor mehrere Tote gegeben. Da alle Zeugen eingeschüchtert worden waren, kamen auch dieses Mal die polizeilichen Ermittlungen zu keinem Resultat.Metropolitan Police: The Krays. 28. Oktober 2007. Abgerufen am 16. August 2011
Im Oktober 1967 kam der Verdacht auf, Ronnie Kray habe seinen Bruder dazu angestiftet, Jack The Hat McVitie zu ermorden. McVitie war ein Mitglied der Firm, der einen weiteren Mann gegen eine Zahlung von £ 1500 hatte töten sollen, den Auftrag aber nicht ausgeführt hatte. Nachdem sie McVitie auf einer Party angetroffen hatten, hielt Reggie Kray ihm eine Waffe an den Kopf und betätigte den Abzug zweimal, ohne dass sich Schüsse lösten. Daraufhin nahm Ronnie Kray den Mann in den Schwitzkasten, und Reggie Kray tötete McVitie durch Messerstiche in Gesicht, Bauch und in den Nacken.Leonard Read: Nipper Read. The Man Who Nicked The Krays. Time Warner Paperbacks 2001. S. 291–292. ISBN 0-7515-3175-8 McVities Leiche wurde niemals gefunden.
Verhaftung und Verurteilung Kurz nach dem Verschwinden von McVitie wurde der Polizeibeamte Leonard Read in die Mordkommission von Scotland Yard befördert. Sein erster Auftrag war, den Krays, die sich gerade mehrere Landsitze wegen eines Kaufes anschauten, das Handwerk zu legen. Schon zuvor hatte Read gegen die Krays ermittelt, die Mauer des Schweigens im East End aber nicht durchbrechen können. 1967 jedoch hatte Read zahlreiche Beweise gegen die Zwillinge gesammelt, Zeugenaussagen und andere Beweise, aber es kam zu keiner Anklage.
Anfang 1968 wollten sich die Kray-Brüder Sprengstoff in Glasgow besorgen, um damit eine Autobombe zu bauen. Ihr Gewährsmann, Alan Bruce Cooper, beauftragte Paul Elvey mit dem Kauf. Elvey wurde in Schottland von der Polizei festgenommen, und er gab zu, in drei misslungene Mordversuche verwickelt gewesen zu sein. Cooper gab jedoch an, ein Mitarbeiter des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten zu sein, der Verbindungen zwischen der Mafia und den Krays nachzuweisen versuche. Read versuchte, den Krays mit Hilfe von Cooper eine Falle zu stellen, aber diese hielten sich von ihm fern.