mini|hochkant|Plastikmüllsack in Paris Eine Plastiktüte (auch Plastiktragetasche oder Kunststofftüte; in Österreich: Sackerl, Plastiksackerl oder Nylonsackerl,Nylonsackerl im Wörterbuch auf ostarrichi.org in der Schweiz (Plastik-)Säckli, in Ostdeutschland häufig Plastetüte oder Plastebeutel, in Süddeutschland Plastikbeutel oder Plastikgug) ist eine Tüte oder ein Beutel aus Kunststofffolie, meist aus Polyethylen oder Polypropylen.

Plastik-Tragetaschen wiegen ca. 20 g und erfordern zur Herstellung 40 g Erdöl. Sie können auch aus recyceltem Material oder mit höherem Aufwand aus bio-basierten Kunststoffen gefertigt werden.

Plastiktüten werden vor allem zum Transport von Einkäufen und zur Aufbewahrung sowie zum Transport von Hausmüll verwendet. Bedruckte Einkaufstüten aus Plastik dienen dem Handel und der Konsumgüterindustrie als Werbeträger. In Europa kamen laut EU-Kommission im Jahr 2010 rund 95 Milliarden Plastik-Tragetaschen in Umlauf. 17. September 2013; abgerufen am 12. Dezember 2013.

Geschichte

1853 stellte der Papierfabrikant Gumpert Bodenheim in Bad Sooden-Allendorf die erste industriell gefertigte Papiertüte her.Heinz Schmidt-Bachem: 150 Jahre industrielle Papier-, Pappe- und Folienverarbeitung: „Papierwaaren“ & Cartonagen (PDF). In: Magazin Kultur & Technik 3/2003, Deutsches Museum 1961 gab das Kaufhaus Horten in Neuss die ersten Plastiktüten aus. Sie wurden Hemdchentüten genannt, weil die Träger wie die eines Unterhemds aussahen.Frank Wichert: Plastiktüten praktisch aber umweltbelastend. rset.org, 2013; abgerufen am 6. Mai 2015 1965 folgte schließlich die Reiterbandtragetasche, welche basierend auf den Erfahrungen der papierverarbeitenden Industrie entwickelt wurde und als erste richtige Plastiktragetasche gilt. StadtRevue, Ausgabe Oktober 2003; abgerufen am 10. Mai 2015Beiträge zur Industriegeschichte der Papier-, Pappe- und Folien-Verarbeitung in Deutschland, S. 350, Publikation der Universität Tübingen, abgerufen am 7. Mai 2015Heinz Schmidt-Bachem: Aus Papier: Eine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland. 1. Auflage (2011), S. 752 u. 960

Vor- und Nachteile Kunststofftüten zeichnen sich durch hohe Festigkeit bei geringem Gewicht und niedrige Herstellungskosten aus. Die Folien-Halbzeuge lassen sich schweißen und sind entsprechend leicht zu verarbeiten. Für die Herstellung werden nur wenige Chemikalien benötigt, die Produktion ist wenig energieintensiv und emissionsarm. Sie sind wasser- und chemikalienbeständig. Kunststofftüten können mehrfach verwendet und anschließend recycelt werden.

Verwendung finden Kunststofftüten hauptsächlich bei der Verpackung und beim Transport von Einkäufen sowie bei der Entsorgung von Hausmüll, als Müllsäcke und Gelbe Säcke für recycelbare Kunststoffverpackungen (Duales System). Sie stellen hierbei eine der effizientesten Verpackungen dar (Verhältnis Eigenmasse zu Inhalt). Die kurze Verwendungsdauer führt dennoch zu einem hohen Müllaufkommen, die Recyclingquote von Plastikmüll ist mit 14 % gering. Da die Tüten einen ähnlich hohen Heizwert haben wie Öl, ist ihre energetische Verwertung im Rahmen der Müllverbrennung nützlich und die Deponierung ist Energieverschwendung.

Kunststofftüten werden häufig als Werbeträger genutzt. In Deutschland sind sie sodann mit farbigen Aufdrucken versehen, meistens den Firmenlogos der entsprechenden Händler oder Produzenten. Als Symbole der Konsumgesellschaft werden Kunststofftüten gelegentlich auch bewusst als Accessoires verwendet.

Umweltproblematik mini|Tragetasche mit I’m green aus Zuckerrohr

mini|Plastikmüll verschandelt in wilden Müllkippen die Landschaft Als Einwegartikel wird eine Kunststofftüte im Durchschnitt nur 25 Minuten lang benutzt. Im Vergleich zu anderem Plastikabfall gelangen Plastiktüten und andere dünne Plastikfolien besonders leicht durch Verwehung unbeabsichtigt in die Umwelt und machen auf dem Festland wahrscheinlich den Hauptanteil des Plastikabfalls in der Umwelt aus.

In Ländern, in denen es keine Verwertungssysteme für Abfall und Wertstoffe gibt, gelangen die Plastiktüten nach ihrem Gebrauch unkontrolliert in die Umwelt. Der Zersetzungsprozess dauert je nach Kunststoffsorte und Ort Schätzungen zufolge hunderte bis tausende Jahre, in arktischen Gewässern und der Tiefsee wahrscheinlich noch länger.

Plastikmüll im Meer Ein etwa drei Millionen Tonnen schwerer Müllstrudel hat sich zwischen Kalifornien und Hawaii gebildet. Angetrieben durch Wind und Strömungen dreht sich diese schwimmende Müllhalde in einem riesigen Wirbel auf dem Ozean. Dieser Wirbel ist etwa so groß wie Mitteleuropa. Auf ein Kilogramm Plankton kommen hier sechs Kilogramm Plastik. In mehreren weiteren Wirbeln im Südpazifik, im Atlantischen und im Indischen Ozean gibt es Plastikteppiche dieser Art, wenn auch mit geringeren Mengen. Auch im Roten Meer sind viele Regionen mit Plastikmüll belastet.

Umweltbilanz: Papiertüte oder Plastiktüte? Papiertüten sind leichter zu entsorgen als Plastiktüten, vor allem, weil Papiertüten leichter verrotten. Außerdem kann das Papierrecycling auf eine ausgereifte Infrastruktur zurückgreifen. Allerdings belastet die Herstellung einer Papiertüte die Umwelt stärker als die Produktion einer Plastiktüte, denn diese verbraucht weniger Wasser, weniger Rohstoffe und erzeugt weniger Kohlendioxid. Eine Papiertüte sollte daher dreimal so oft verwendet werden wie eine aus Plastik, um diesen Nachteil auszugleichen. Relevant für die ökologische Gesamtbilanz ist die Art des verwendeten Kunststoffs bei der Produktion der Plastiktüte. Es gibt Quellen, die eine Polypropylen-Tüte besser als eine Polyethylen-Tüte einschätzen. Die Weiterverarbeitung des dort verglichenen PP-Granulats zu Folie ist aber energieintensiv und benötigt je nach Prozess viel Kühlwasser.

Langlebige Mehrwegsysteme können den Einwegverpackungen aus Plastik und Papier deutlich überlegen sein.

Tierschutz mini|Plastiktüte in einem Storchennest Meeresschildkröten verwechseln die Kunststofftüten oft mit Quallen und fressen sie. Vögel verschlucken unverdauliche Plastikteile oder füttern ihre Jungen damit. Jedes Jahr sterben zehntausende Wale, Robben und Haie. Abgesunkene Kunststofftüten verfangen sich an Korallen, nehmen ihnen das Licht, den Zugang zur Nahrung und töten sie dadurch ab.

Auch für Tiere auf dem Festland stellen Plastiktüten eine Gefahr dar. Fetzen von Plastiktüten in Vogelnestern können zu Einschnürungen und Verstümmelungen an Beinen führen. Störche bauen in ihre Nester Plastiktüten ein, so dass gelegentlich Regenwasser nicht abfließt und Jungstörche ertrinken. Wildtiere auf Futtersuche können an Plastiktüten und anderen Abfällen ersticken.

Alternativen mini|Müllbeutel aus Biokunststoffen mini|hochkant|Einkaufsnetz

Alternativen zu Kunststofftüten sind Einkaufsnetze, Tüten aus bio-basierten Kunststoffen, Papiertüten, Stofftaschen oder Einkaufskörbe. Der Ersatz von Kunststofftüten durch diese Alternativen wurde von der Umweltbewegung propagiert, die die Kunststofftüte zu einem Symbol der Wegwerfgesellschaft machte. Bekannt geworden ist insbesondere der Slogan „Jute statt Plastik!“. Bei gleichen Gebrauchseigenschaften haben Papiertüten den Vorteil gegenüber Kunststofftüten, dass sie nach Gebrauch biologisch abgebaut werden können. Bislang sind vor allem Papier-Abfallbeutel für Bioabfall auf dem Markt.

Seit einigen Jahren gibt es Plaste-Tüten aus nachwachsenden Rohstoffen, in der Regel Mais- oder Kartoffelstärke oder Polymilchsäuren. Jedoch haben auch diese Nachteile (Energieaufwand bei der Herstellung, Verdrängung von Lebensmittelanbauflächen zur Gewinnung der benötigten Rohstoffe DailyGreen.de). Die Kompostierung von Bioplaste ist in Deutschland nicht gestattet.Bio-Basierte Kunststoffe – Klimaretter oder nur eine Verlagerung des Problems?, Mitteilung der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, abgerufen am 2. Jan, 2022 Entsprechend ist die Verwendung von langlebigen Taschen aus Gewebe oder Gewebeverbund zurzeit die sinnvollste Alternative für Plaste-Einkaufs-Tragetaschen.

Verkauf statt kostenloser Zugabe In deutschen Lebensmittel-Supermärkten war es früher üblich, dass jedem Käufer ohne Nachfrage eine oder mehrere Tüten zum Einkauf beigegeben wurden. Inzwischen sind die Kunststofftüten oft kostenpflichtig, und der Verbrauch ist stark zurückgegangen. Dennoch ist es in Frankreich, Spanien und Polen immer noch üblich, zu einem Lebensmittelkauf kostenlos Kunststofftüten zu bekommen. In den USA sind vielerorts henkellose Papiertüten im Gebrauch.

2016 entschied der Deutsche Einzelhandelsverband in einer Selbstverpflichtung mit dem Bundesumweltministerium, kostenlose Plastiktüten aus allen Geschäften seiner Mitglieder zu verbannen.Plastiktüten: DUH fordert Abgabepflicht für Händler In: bio-markt.info, 20. Juni 2018, abgerufen am 4. November 2018. Plastiktüten sollen zwar weiter erhältlich sein, jedoch genau wie Papiertüten und Mehrweg-Tragetaschen kostenpflichtig angeboten werden. Allerdings bleiben Beutel aus sehr dünner Klarsichtfolie zum Verpacken und Anfassen von losen Lebensmitteln, wie Backwaren, Obst und Gemüse kostenlos. Die drei großen Drogeriefachmärkte DM, Rossmann und Müller entfernten bereits die kleinen, kostenfreien Tragetaschen aus den Filialen. Jedoch gilt diese Regelung nur für Geschäfte des Einzelhandels, andere Verkaufsstellen wie Tankstellen und Kioske, an welchen viele Kunden nach Plastiktüten fragen, dürfen nach wie vor kostenfreie Plastiktüten an der Kasse ausgeben. Anstelle der freiwilligen Vereinbarung fordert die Deutsche Umwelthilfe hingegen eine bundesweite Abgabepflicht. mini|hochkant|Maschine zum Eintüten in einem Kaufhaus

Seit April 2018 erhebt die Supermarktkette Netto auf der dänischen Insel Fünen ein Pfand von rund 13 Cent. Dieser Betrag wird bei der Rückgabe der Plastiktüte wieder ausbezahlt. Das Pfand-Geld von Plastiktüten, die nicht mehr zurückgebracht werden, kommt dem WWF zugute. In: zdf.de (dpa), 16. April 2018.

Verbrauch Pro Jahr und Kopf wurden 2010 in Deutschland statistisch 64 Einkaufstüten erzeugt und verwendet. Der durchschnittliche Verbrauch mit 76 Tüten pro Einwohner und Jahr lag 2014 deutlich unter dem EU-weiten Durchschnitt von 198 Plastiktüten. 2015 wurde der aktuelle Verbrauch von Plastiktüten pro Kopf und Jahr in Deutschland mit 71 angegeben.Bernhard Walker: Plastiktüte nicht mehr umsonst. Badische-zeitung.de, 24. Oktober 2015; abgerufen am 25. Oktober 2015 Durch das Verbot der kostenlose Abgabe sank der Verbrauch von größeren Plastiktüten innerhalb eines Jahres von 45 (2016) auf 29 (2017) Stück; im gleichen Zeitraum stieg der Verbrauch der nach wie vor kostenlosen, dünneren Obsttüten von 36 auf 39 Stück.Newstime vom 10. Mai 2019

Handhabung in verschiedenen Staaten

Deutschland mini|hochkant|Plastiktüte eines deutschen Discounters

Am 26. November 2020 verabschiedete der Bundestag im Rahmen einer Novelle des Verpackungsgesetzes ein gesetzliches Verbot von Plastiktüten mit einer Wandstärke von 15 bis 50 Mikrometern, das am 1. Januar 2022 in Kraft trat.Bundestag.de: Regierung will leichte Plastiktüten verbieten, 26. November 2020 Im Lebensmitteleinzelhandel werden sogenannte „Hemdchenbeutel“ oder „-tüten“, die wegen ihrer geringen Wandstärke nicht unter das Verbot fallen, zum Abpacken lose präsentierten Obsts und Gemüses sowie zur Verpackung lose verkaufter Backwaren (dort zusehends durch Papiertüten ersetzt) angeboten.

Bis 2021 wurde in Bekleidungsgeschäften die Ware an der Kasse häufig in Plastiktüten mit Werbeaufdruck verpackt. Bei den Lebensmittelketten kosteten Kunststofftragetaschen zwischen 0,10 Euro und 0,30 Euro.