Der Schwalbenweih (Elanoides forficatus) ist eine Greifvogelart aus der Unterfamilie der Wespenbussarde (Perninae) und die einzige Art der Gattung Elanoides. Er ist aufgrund seines schwarz-weißen Gefieders und des milanartigen Flugbilds mit dem tief gegabelten Schwanz unverkennbar. Das sehr große Hauptverbreitungsgebiet erstreckt sich über das tropische Südamerika. Zudem kommt die Art in Florida, einigen Nachbarstaaten am Golf von Mexiko und in großen Teilen Zentralamerikas vor.
Beschreibung mini|Typisches Flugbild mini|Zwei Schwalbenweihe haben sich auf einem Baum niedergelassen mini|Schwalbenweih im Suchflug Der Schwalbenweih erreicht mit 52–62 cm Körperlänge und einer Spannweite von 119 bis 136 cm etwa die Größe eines Schwarzmilans; der Schwanz misst 28–37 cm.Ferguson-Lees/Christie (2009), S. 110, siehe Literatur. Das Flugbild mit den langen, spitzen Flügeln und dem sehr tief, über mehr als die Hälfte der Länge gegabelten Schwanz ist innerhalb des Verbreitungsgebiets allenfalls mit dem Prachtfregattvogel verwechselbar.Meyer (1995), Abschnitt Distinguishing Characteristics, siehe Literatur Jedoch wirkt der kleine Kopf mit dem feinen Schnabel und dem fehlenden Orbitalring um das Auge taubenartig. Die Beine und Füße sind zierlich mit kurzem Tibiotarsus. Die Geschlechter unterscheiden sich äußerlich nicht, Weibchen sind aber durchschnittlich 3 %, im Norden der Verbreitung sogar 8 % langflügeliger als Männchen.Ferguson-Lees/Christie (2001), S. 348, siehe Literatur
Der Schnabel ist schwarz, die Wachshaut dunkel blaugrau. Die Iris ist rot. Kopf, Hals, Unterseite, Unterflügeldecken und Achselfedern sind weiß. Rücken, Oberflügeldecken, Schwingen und Steuerfedern sind blauschwarz, wobei die Schulterfedern, die Randdecken und die Kleinen Oberen Armdecken dabei metallisch purpurn, lila, grünlich oder bronzefarben schimmern. Die übrigen schwarzen Partien wirken blaugrau überstäubt. Bei sitzenden Vögeln können aufgrund der überwiegend weißen Oberarmschwingen und der weißen Basen der Armschwingen scheinbar unregelmäßige, weiße Partien auf dem Rücken zu sehen sein. Beine und Füße sind hell blaugrau.
Vögel im Jugendkleid sind adulten Vögeln sehr ähnlich, jedoch kurzschwänziger. Die Iris ist hier rotbraun. Die schwarzen Partien sind matter schwarz oder leicht braunschwarz bzw. grünlicher bei der nördlichen Unterart. Schmale weiße Spitzensäume der Oberflügeldecken, Schwingen und Steuerfedern sind nach sechs bis neun Monaten vollkommen abgetragen. Kopf und Brust können einen gelblich beigen Anstrich haben und von feinen, schwarzen Schaftstrichen durchsetzt sein.
Stimme Der Schwalbenweih ist in der Regel nicht sehr ruffreudig. Nur bei Ausdrucksflügen, am Nest (insbesondere bei Störungen) und bei der abendlichen Versammlung von Schlafgesellschaften ist erhöhte Rufaktivität zu verzeichnen. Die Rufe sind hoch und pfeifend, meist etwas schwächlich klingend, manchmal aber auch durchdringend laut und weit zu hören. Es handelt sich meist um mehrsilbige Reihen. Als AlarmrufSchwalbenweih, Alarmruf Hörbeispiel wird ein lautes klie-klie-klie beschrieben. Ein langgezogenes, aufsteigendes tju-wieh ist bei Balzflügen und bei der Kopulation zu vernehmen. Bei der Übergabe von Nahrung, beim Wechsel der Partner am Nest oder als Bettelruf in verschiedenen Zusammenhängen wird ein einsilbiges oder in längeren Abständen gereihtes ieep vorgebracht. Beim Aufbruch von Schlafgesellschaften am Morgen wurde ein leises Zwitschern festgestellt.Meyer (1995), Abschnitt Sounds, siehe Literatur
Systematik Der Schwalbenweih wurde 1758 von Carl von Linné in dessen Systema Naturæ als Milvus forficatus erstbeschrieben. Louis Pierre Vieillot stellte ihn 1818 in eine monotypische Gattung Elanoides. Der Schwalbenweih gehört zur Unterfamilie der Wespenbussarde (Perninae) und bildet dort das Schwestertaxon der Schopfbussarde (Aviceda), die in den Tropen der Alten Welt leben.Anett Kocum: Phylogenie der Accipitriformes (Greifvögel) anhand verschiedener nuklearer und mitochondrialer DNA-Sequenzen. Dissertation, Universität Greifswald, 2006, S. 109.
Geografische Variation Es werden zwei Unterarten anerkannt, die sich anhand der Strukturfarben des Rückengefieders unterscheiden lassen. Die nördliche Unterart glänzt eher purpurn bis violett, die südliche grünlich bis bronzefarben. Zudem ist die nord- und mittelamerikanische Nominatform durchschnittlich langschwänziger.
E. f. forficatus (, 1758)Carl von Linné (1758), S. 89. – Küstengebiete im Südosten der USA bis ins nördliche Mexiko. E. f. yetapa (, 1818)Louis Pierre Vieillot (1818) Band 20, S. 564. – südliches Mexiko mit Ausnahme von Yucatán südwärts durch Zentralamerika bis ins östliche Bolivien, Paraguay und den Nordosten Argentiniens.
Verbreitung mini|Das Verbreitungsgebiet der Schwalbenweih Die Brutverbreitung des Schwalbenweihs erstreckt sich über große Teile der Neotropischen Region und einen kleinen Teil der Nearktis. Noch im 19. Jahrhundert dehnte sich das Areal dort jedoch über große Teile der südöstlichen und mittleren USA aus. Die Art war hier in den Küstenebenen am Golf von Mexiko und über große Teile des Mississippi-Systems nordwärts bis Minnesota verbreitet.
Heute beschränkt sich das Brutvorkommen in den USA überwiegend auf die Florida-Halbinsel und die Küstenebenen in South Carolina und im südöstlichen Georgia. Weitere zerstreute Vorkommen gibt es auf dem Florida Panhandle, im südwestlichen Alabama, im südöstlichen und südlichen Mississippi, im Südosten und in der südlichen Mitte Louisianas und im Osten von Texas. Brutverdacht bestand nach 1970 noch in North Carolina.Meyer (1995), Abschnitt Distribution, siehe Literatur
Abgesehen von sehr spärlichen Brutnachweisen im Osten Mexikos setzt sich das Verbreitungsgebiet erst wieder 1500 km weiter südlich fort. Es reicht von Chiapas im Süden Mexikos über Zentralamerika, wo die Art aber nördlich von Costa Rica selten ist und an der Pazifikküste nahezu fehlt.
Das Hauptverbreitungsgebiet erstreckt sich über die nördlichen zwei Drittel Südamerikas. Die Südgrenze verläuft hier durch Ecuador und den nordöstlichen Teil Perus, schließt den Norden und Osten Boliviens sowie den Westen Paraguays ein und verläuft durch Rio Grande do Sul zum Atlantik. Zudem reicht das Areal im Nordwesten und Nordosten nach Argentinien hinein. Eine südliche Enklave liegt am Río de la Plata in Uruguay und Argentinien. In Kolumbien und Venezuela fehlt die Art in einigen Landesteilen. Relativ häufig ist sie auf Trinidad.
Wanderungen Die Populationen des Schwalbenweihs nördlich von 10° N und südlich des Südlichen Wendekreises sind Zugvögel, die im tropischen Südamerika überwintern. Die dort einheimischen Vögel streifen außerhalb der Brutzeit ebenfalls umher. Brutvögel aus den Gebirgen wandern meist in niedrigere Lagen ab.
Die Brutvögel der USA, Zentralamerikas und Trinidads ziehen zwischen Juli und September südwärts; der Heimzug findet zwischen Januar und März statt. Sie benutzen zwei Routen, von denen die eine über Texas, Mexiko und die zentralamerikanische Atlantikküste führt, die andere über Kuba, Jamaika und das Karibische Meer.
In Nordamerika ist die Art als unregelmäßiger Gast noch westwärts bis Colorado und nordwärts bis ins südliche Kanada – teils bis in den November hinein – zu beobachten. Als Irrgast wurde sie auf Fuerteventura festgestellt.Hartmut E. J. Müller, Kathrin Lippert: Schwalbenweih Elanoides forficatus auf Fuerteventura – eine neue Art für die Paläarktis, Limicola – Zeitschrift für Feldornithologie, Band 12, 1998, S. 80–84
Lebensraum Der Schwalbenweih besiedelt verschiedene halboffene Landschaftsformen, Waldrandzonen oder größere Lichtungen. Besonders trockene Gebiete werden gemieden. Wichtiger als bestimmte Vegetationsgesellschaften oder Lebensraumtypen ist die Strukturierung der Landschaft. Neben hohen, frei zugänglichen Bäumen als Nistplatz müssen offene Bereiche für die Flugjagd vorhanden sein, die ein reiches Nahrungsangebot bieten. Typischerweise kommt die Art in Gehölzen oder Waldinseln in der Savanne sowie in lichteren Bereichen oder an den Rändern feuchter Wälder, an die Zypressen- oder Mangrovensümpfe oder Feuchtgrünland angrenzen, vor. Vor allem in den Tropen werden auch dichtere Wälder mit genügend Lichtungen besiedelt. Die Höhenverbreitung liegt meist unter 500 m, bei ausreichend feuchtem Klima siedelt sich der Schwalbenweih aber auch in höheren Lagen an – so in bis zu 1600 m in Mexiko und Zentralamerika oder in bis zu 3500 m in den Anden. Dort ist die Art ausnahmsweise noch in Höhen zwischen 4000 und 5000 m anzutreffen.Meyer (1995), Abschnitt Distinguishing Characteristics, siehe Literatur
Verhalten Der Schwalbenweih verbringt den größten Teil des Tages in der Luft. Lediglich in den Morgen- und Abendstunden und bei Regen lässt er sich nieder. Meist kann man die Art im Segelflug, im Wind stehend oder niedrig über der Vegetation jagend beobachten. Der Flug wird als sehr elegant, wendig und bisweilen gaukelnd beschrieben. Eher selten kommt der tief ausgreifende, träge Schlagflug zum Einsatz. Wenn der Schwalbenweih in der Thermik segelt, erreicht er oft größere Höhen als Neuweltgeier oder Bussarde. Landemanöver wirken oft etwas unbeholfen. Beim Abfliegen verliert der Vogel typischerweise zunächst an Höhe, lässt sich mit halb geöffneten Flügeln gleiten, bis er die nötige Geschwindigkeit hat, und breitet dann die Flügel aus, um aufzusteigen.Meyer (1995), Abschnitt Behaviour, siehe Literatur
Der Schwalbenweih ist sehr gesellig und vor allem außerhalb der Brutzeit bilden sich größere Schlafgesellschaften oder Trupps von 10 bis 50 Vögeln an Orten mit gutem Nahrungsangebot. Die größten Schlafgesellschaften bilden sich vor dem Herbstzug und können mehrere hundert Vögel umfassen. Am bislang größten Massenschlafplatz wurden über 2000 Schwalbenweihe gezählt. Auf dem Zug sind Ansammlungen von 50 Exemplaren oder an Landengen bis zu mehreren hundert Exemplaren zu beobachten. Oft vergesellschaftet sich die Art dann auch mit dem Schwebeweih (Ictinia plumbea).
Von ihren Schlafplätzen brechen Schwalbenweihe oft erst relativ spät auf (bis zu 2 Stunden nach Sonnenaufgang) und kehren kurz vor oder während des Sonnenuntergangs zurück. Vor allem morgens wird einige Zeit der Gefiederpflege gewidmet und nicht selten sonnen sich die Vögel mit ausgebreiteten Flügeln und Steuerfedern. Zur Brutzeit sind sie oft in Nestnähe bei der Gefiederpflege zu beobachten. Aus dem Flug heraus oder beim Abflug vom Nest nach dem Brüten kann es vorkommen, dass ein Vogel sich schüttelnd ein Stück herabfallen lässt, um das Gefieder zu lüften und zu ordnen. Bisweilen berühren fliegende Vögel die Wasseroberfläche, um ihren Bauch zu benetzen. Dies dient vermutlich der Kühlung.
Ernährung Der Schwalbenweih ernährt sich vorrangig von größeren Fluginsekten wie Heuschrecken, Libellen und Käfern, aber auch von kleineren, schwärmenden Arten wie Termiten oder Ameisen. Ergänzend kommen Frösche, kleinere, meist baumlebende Eidechsen und Nattern, Insektenlarven, Vogeleier und Nestlinge hinzu. Weitaus seltener werden kleine Vögel wie Kolibris, Fledermäuse oder kleine Fische erbeutet sowie Früchte gefressen.Meyer (1995), Abschnitt Food Habits, siehe Literatur Die Zusammensetzung des Nahrungsspektrums hängt stark von den lokalen Gegebenheiten ab. Während in Florida die Nahrung zu jeweils großen Teilen aus Insekten, Fröschen und Nestlingen bestand, wurden in Guatemala fast nur Insekten und kaum Frösche als Beute festgestellt. Während in den USA ein Verzehr von Früchten nicht beobachtet wurde, ist dieser in den Tropen nicht unüblich.