Ioannis Melissanidis (griechisch Ιωάννης Μελισσανίδης, * 27. März 1977 in Dachau bei München) ist ein griechischer Kunstturner und Schauspieler, zudem Offizier der griechischen Luftwaffe. Sein größter sportlicher Erfolg war der Olympiasieg 1996 im Bodenturnen als jüngster Kunstturner, der jemals eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewann. Für Griechenland war es überdies die erste Medaille in dieser Disziplin seit 100 Jahren. 1993 und 1994 wurde Melissanidis Junioren-Europameister am Boden, 1998 Europameister im Sprung. 1994 errang er die Vize-Weltmeisterschaft am Boden und war damit der erste griechische Turner überhaupt, der bei einer Weltmeisterschaft eine Medaille gewann. Zwei Sprünge im Code de Pointage des internationalen Turnverbandes FIG (Fédération Internationale de Gymnastique) tragen offiziell seinen Namen.

Kindheit und frühe Jahre Melissanidis wurde als Kind griechischer Eltern in Dachau bei München geboren. Er hat zwei ältere Geschwister. Als er zwei Jahre alt war, kehrte die Familie nach Thessaloniki (Griechenland) zurück. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für das Kunstturnen und trat mit acht Jahren in den örtlichen Sportverein Spartakos ein. Die Zustimmung seiner Eltern dazu erhielt er allerdings erst nach einem zweitägigen Hungerstreik. Zeitgleich begann er mit Ballettunterricht.Mavis Manus: Ioannis Melissanidis: Hard work makes dreams come true. In: Odyssey, September/Oktober 2005, S. 28.Εικόνες (Beilage zur Tageszeitung Το Έθνος), 17. August 2002, S. 38 (Interview).

Sein Trainer Athanassios Kapnidis, der Melissanidis’ Laufbahn in den folgenden Jahren prägend begleiten sollte, erkannte schnell dessen Ausnahmetalent und bereitete ihn von Beginn an auf Wettkämpfe vor. Bereits nach anderthalb Jahren gewann Melissanidis bei seiner ersten Griechischen Junioren-Meisterschaft im Kunstturnen 1987 in Athen alle sieben Goldmedaillen.Peter Schäfermeier: Ein Olympiasieger, geboren in Dachau. In: Süddeutsche Zeitung, 8. Juli 1997, S. 3 (Ausgabe Dachau). Diesen Erfolg konnte er bei den Griechischen Meisterschaften der folgenden Jahre in allen Altersstufen stetig wiederholen.

Internationale Karriere Auch international schrieb Melissanidis rasch Sportgeschichte. Schon früh zeichnete sich ab, dass er dem Kunstturnen einen ganz besonderen Stempel aufdrücken würde, indem er technische Perfektion und künstlerischen Ausdruck zu einer Einheit zusammenführte. Von Bruno Grandi, dem Präsidenten der FIG und Mitglied des IOK (Internationales Olympisches Komitee), stammt die Bemerkung, dass Melissanidis seinem Sport die Kunst eingehaucht habe.Άρης Βασιλειάδης: Ιωάννης Μελισσανίδης. Τώρα θέλει το μετάλλιο της υποκριτικής. In: Ταχυδρόμος 336, 5. August 2006, S. 32. Er begnügte sich nämlich nie allein mit der technisch anspruchsvollen Ausführung seiner oft von einem hohen Schwierigkeitsgrad geprägten Übungen, sondern maß immer auch deren künstlerischer Umsetzung eine herausragende Bedeutung bei. So hob man bald schon Melissanidis’ Nähe zum klassischen Ballett hervor, und selbst die Parallele zum Jahrhunderttänzer Rudolf Nurejew wurde gezogen.So beispielsweise vom Sportjournalisten Barney Spender. Website des Journalisten. Abgerufen am 21. Januar 2013.

Nachdem Melissanidis im Alter von zwölf Jahren Mitglied der griechischen Nationalmannschaft geworden war, beeindruckte er bereits bei seinem ersten internationalen Wettkampf in Moskau 1989 (Moscow News) durch seine Leistung und wurde als jüngster Teilnehmer mit einem Preis ausgezeichnet. Ein Jahr später nahm er an der Balkan-Meisterschaft in Rijeka teil, wo er die Silbermedaillen im Sprung und am Boden gewann sowie am Barren das Finale erreichte. Mit seiner Mannschaft kam er auf den 3. Platz. Bei der darauffolgenden Balkan-Meisterschaft 1991 in Istanbul errang er mit der Mannschaft wiederum die gleiche Platzierung, während er im Sprung und am Boden erneut die Silbermedaillen erhielt.

Erfolg war Melissanidis auch bei der Junioren-Europameisterschaft 1991 in Athen beschieden. So erreichte er im Sprung das Finale, am Boden hingegen erkämpfte er sich die Bronzemedaille.Ergebnisse der Junioren-Europameisterschaft 1991. Website GYMN-Forum. Abgerufen am 21. Januar 2013. Erstmals war es damit einem griechischen Athleten gelungen, bei einer Europameisterschaft in dieser Disziplin eine Medaille zu gewinnen. Bereits zwei Jahre später konnte Melissanidis seinen Erfolg nochmals steigern und wurde 1993 in Genf als erster Grieche Junioren-Europameister am Boden. Überdies errang er die Bronzemedaille im Sprung.Ergebnisse der Junioren-Europameisterschaft 1993. Website GYMN-Forum. Abgerufen am 21. Januar 2013.

Ebenfalls 1993 nahm er erstmals auch an einer Weltmeisterschaft der Männer teil, obwohl er selbst noch zur Altersgruppe der Junioren gehörte. Der Wettkampf wurde in Birmingham ausgetragen, und wenngleich er auch keine Medaille gewann, wurde spätestens hier doch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass Melissanidis einen besonderen, unverwechselbaren Stil in das Kunstturnen einbrachte.Dwight Normile: Carrying the Torch. In: International GYMNAST, Juni/Juli 1996, S. 56.

Bei der Balkan-Meisterschaft desselben Jahres in Ploiești siegte er am Boden und erreichte bei der Mittelmeer-Meisterschaft in Montpellier das Finale am Boden und am Reck, im Sprung erhielt er die Bronzemedaille.

1994 trat Melissanidis bei der Weltmeisterschaft im australischen Brisbane an und konnte sich jetzt die Silbermedaille am Boden sichernErgebnisse der Weltmeisterschaft 1994. Website GYMN-Forum. Abgerufen am 21. Januar 2013. Wiederum überzeugte er mit seiner ganz eigenen, persönlichen Ausführung, und die für das Kunstturnen legendäre Nadia Comăneci betonte ausdrücklich die Außergewöhnlichkeit seiner athletisch-künstlerischen Leistung.Αντώνης Α. Αντωνόπουλος: Ιωάννης Μελισσανίδης. Ο Πρόδρομος της Γυμναστικής. In: Σύλλογος Ελλήνων Ολυμπιονικών (Hrsg.), Ολυμπιονίκης 2, August 1999, S. 13–14. Für den griechischen Leistungssport war Melissanidis mit seinem Erfolg in Brisbane eine erneute Sensation gelungen, denn niemals zuvor hatte ein griechischer Kunstturner bei einer Weltmeisterschaft eine Medaille erringen können.

Die Silbermedaille in Brisbane war nicht der einzige Erfolg, den Melissanidis 1994 zu verzeichnen hatte. So gewann er zudem bei einem internationalen Turnier in Sankt Petersburg die Goldmedaille am Boden und die Silbermedaille im Sprung. Besonderes Aufsehen aber rief seine Teilnahme an der Junioren-Europameisterschaft in Prag hervor. Trotz einer schweren Knieverletzung erkämpfte er dort die Goldmedaille am BodenErgebnisse der Junioren-Europameisterschaft 1994. Website GYMN-Forum. Abgerufen am 21. Januar 2013., um sie den Eltern des befreundeten türkischen Kunstturners Murat Canbaş überlassen zu können.Karen Gray: Greek Athlete Makes Centennial History / Un gymnaste grec entre dans l'histoire des Jeux. In: Daily Olympian, 2. August 1996, S. 2; Valerio Piccioni: Ioannis, per l'amico e per la Grecia. In: La Gazzetta dello Sport, 31. Juli 1996, S. 15.Ιωάννης Μελισσανίδης. In: Status 142, Januar 2000, S. 322. Canbaş hatte selbst als einer der Favoriten auf die Medaille gegolten, war jedoch kurz vor dem Wettkampf bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seine Geste trug Melissanidis große Hochachtung in der Türkei ein.Celal Demirbilek: İoannis'e Türk çeyizi. In: Spor, 5. September, 1994, S. 1; Celal Demirbilek: Karamanlis ile Erdoğan'ın dostluğu çok iyi sonuçlar doğuracak. In: Hürriyet, 17. Juli 2004, S. 3. Abgerufen am 21. Januar 2013; Ioannis Melissanidis. Eintrag vom 18. Dezember 2012 auf der Homepage von Atilla Örsel, ehemals Präsident des türkischen Turnverbandes. Abgerufen am 21. Januar 2013. Er wurde mit dem Abdi-İpekçi-Preis für Frieden und Freundschaft ausgezeichnet, und der damalige Bürgermeister von Istanbul sowie spätere türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan überreichte ihm die Goldene Medaille seiner Stadt. Das Türkische Olympische Komitee verlieh ihm einen Fairplay-Preis, und auch der Verband der türkischen Sportjournalisten ehrte ihn.

1995 trat Melissanidis zum Turn-Weltcup in Stuttgart an und errang die Silbermedaille am Boden. Bei der Weltmeisterschaft desselben Jahres im japanischen Sabae gelang es ihm, sich für die Olympischen Spiele des folgenden Jahres zu qualifizieren und damit einem Jugendtraum einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.Luciano Montanari: L'arte, la mia vita. In: Il Giannista, Juli 1997, S. 28; Αντώνης Α. Αντωνόπουλος: Ιωάννης Μελισσανίδης. Ο Πρόδρομος της Γυμναστικής. In: Σύλλογος Ελλήνων Ολυμπιονικών (Hrsg.), Ολυμπιονίκης 2, August 1999, S. 13; Εικώνες (Beilage zur Tageszeitung Το Έθνος), 17. August, 2002, S. 43 (Interview).

Tatsächlich führten ihn die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta dann auch auf den triumphalen Höhepunkt seiner Karriere. Mit einer Wertung von 9,85 Punkten konnte Melissanidis sich gegen seine Konkurrenten behaupten und gewann die Goldmedaille am Boden.Ergebnisse im Bodenturnen bei den Olympischen Spielen 1996. Website GYMN-Forum. Abgerufen am 21. Januar 2013. Er war damit nicht nur der jüngste männliche Kunstturner, der jemals eine Goldmedaille errang, sondern auch der erste griechische Medaillengewinner im Kunstturnen seit 100 Jahren.Christopher Clarey: A Full Circle to Gymnastic Glory. In: International Herald Tribune, 30. Juli 1996, S. 1; Christopher Clarey: ATLANTA DAY 10 – GYMNASTICS; Golden Night for Melissanidis and Greece. In: The New York Times, 29. Juli 1996. Abgerufen am 21. Januar 2013; Mike Penner: Gymnastics Returns to Olympic Roots With Melissanidis. In: Los Angeles Times, 29. Juli 1996. Abgerufen am 21. Januar 2013. Seine Medaille nahm er aus der Hand des ehemaligen griechischen Königs und Ehrenmitglieds des IOK Konstantin II. entgegen.Michael Dobie: Flooring the Field. In: Newsday, 29. Juli 1996; . Artikelsammlungen von The Inquirer und Daily News. Abgerufen am 21. Januar 2013. In seiner Heimat Griechenland wurde Melissanidis mit seinem Sieg zum Nationalhelden. bei der Fédération Internationale de Gymnastique (englisch) Die Resonanz in der internationalen Presse war ungewöhnlich groß, und Nadia Comǎneci drückte ihre Hochachtung aus, indem sie Melissanidis um ein Autogramm bat. Auf Anfrage des damaligen IOK-Präsidenten Juan Antonio Samaranch überließ er dem Olympischen Museum in Lausanne ein T-Shirt, das er bei den Spielen in Atlanta getragen hatte.Μανώλης Μαυρομμάτης: Η Φανέλα του στο Μουσείο. In: Ομάδα, 8. November 1996, S. 10. Es fand dort seinen Platz neben den persönlichen Gegenständen anderer, ausgewählter Olympiasieger, wie z. B. Carl Lewis, Michael Johnson oder Katarina Witt.

1996 nahm Melissanidis an der Aristoteles-Universität Thessaloniki schließlich auch das Medizinstudium auf, verfolgte jedoch weiterhin seine sportliche Karriere. So trat er 1998 bei der Europameisterschaft in Sankt Petersburg an und errang im Sprung als erster Grieche überhaupt die Goldmedaille bei einem solchen Wettbewerb. Melissanidis’ Sprung wurde aufgrund seiner Besonderheit in den Code de Pointage der FIG aufgenommen und trägt als Melissanidis I heute offiziell seinen Namen.Άρης Βασιλειάδης: Ιωάννης Μελισσανίδης. Τώρα θέλει το μετάλλιο της υποκριτικής. In: Ταχυδρόμος 336, 5. August 2006, S. 34; . Website Gymnastics Zone. Abgerufen am 21. Januar 2013. Mit dem zusätzlichen Gewinn der Silbermedaille am Boden gelang es ihm zudem, erstmals bei derselben Europameisterschaft zwei Medaillen nach Griechenland zu holen.Ergebnisse der Europameisterschaft 1998. Website GYMN-Forum. Abgerufen am 21. Januar 2013.