Eine lange Nacht ist der Titel eines 2000 publizierten Romans des deutschen Schriftstellers Martin Mosebach. mini|hochkant=1.2|Ludwig träumt vom Palmengarten als dem „irdischen Paradies“,Mosebach, Martin: Eine lange Nacht. Deutscher Taschenbuch Verlag München. 2009, S. 63. ISBN 978-3-423-13738-6. Nach dieser Ausgabe wird im Folgenden zitiert. dem „Land seiner Kindheit […] [und] Höhepunkt seines Kinderglücks“:Mosebach, S. 17. „[A]lle Erscheinungsformen des Lebens haben sich damals aus dem Palmengarten heraus entwickelt“, bis hier der Garten Eden entstand, in dem der „einzige Mensch der Welt […] Beschäftigung und Unterhaltung mit den Tieren des Parks“Mosebach, S. 77. hatte und „am Rand des Palmengartenweihers […] sein Spiegelbild [betrachtete]“.Mosebach, S. 80.
Handlungsverlauf Der in Frankfurt spielende Roman erzählt die Beziehungsgeschichte von Ludwig Drais und Bella Lopez und entfaltet ein Bild des erodierten Bildungsbürgertums nach den 1960er-Jahren im Spannungsfeld der Generationen zwischen Lebensträumen und Pragmatismus.
Erstes Kapitel: Gründerzeit Der 27-jährige Ludwig Drais hat sein Juristen-Examen nicht bestanden und sucht nun nach einer beruflichen Tätigkeit. Das, allerdings unsignierte, Gemälde Liebermanns „Strand bei Zingst“Mosebach, S. 12. gibt den Anstoß, es einmal als Kunsthändler zu versuchen. Bisher war niemand am Kauf interessiert, weil, wie seine Zimmerwirtin Frau von Schenkendorff ihm erzählt, dem Maler sein noch nicht vollendetes Werk in den Sand gefallen sei und dieser sich an einigen Stellen in die frische Ölfarbe eingedrückt habe. In dem Bild komme „[d]ie ganze Vergeblichkeit, im Freien zu malen […] zum Ausdruck“.Mosebach, S. 7. Deshalb will sie es ihrem Mieter für 2000 Mark überlassen. Drais sieht darin die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, und sucht sogleich zum Aufbau des Geschäfts eine Sekretärin.
Die Unverkäuflichkeit des Bildes muss er bei zwei Versuchen erleben. Er besucht das mit seiner Mutter bekannte Ehepaar van Twillebeeckx. Der Mann ist Jurist und unternahm gerade im Auftrag der Industrie- und Handelskammer im Rahmen eines Projekts »Begegnung mit den europäischen, amerikanischen und asiatischen Partnern«Mosebach, S. 23. eine Reise nach Pakistan. Dem Baumwollhändler Mr. Khan gegenüber ist er in der Pflicht, ihm „einen Mann in Deutschland, der sein Geschäft […] ankurbelt[]“Mosebach, S. 25. zu vermitteln. Da van Twillebeeckx dies als „hoffnungsloses Unterfangen“ einschätzt und die Sache schnell abschließen will, drängt er diese Aufgabe dem unerfahrenen Besucher auf und organisiert für ihn einen Kontakt. Am Liebermann ist er dagegen nicht interessiert.
Ludwigs zweite Bemühung bei einem in einer Villa im Holzhausenviertel wohnenden Rechtsanwalt, der ihm einmal angeboten hat, er könne nach dem Examen für ihn arbeiten, verläuft ähnlich. Anstelle über das Bild zu verhandeln erzählt er ihm die groteske Geschichte seiner Ehe. Seine zu Hause unzufriedene Gemahlin findet inzwischen ihre Erfüllung als Lokomotivführerin eines Bähnchens im Palmengarten. Nach dem Tod des Bootsverleihers, in dessen Schweizer Haus sie während der Dienstreisen ihres verständnisvollen Mannes gelegentlich übernachtete, übernimmt sie auch dessen Aufgaben, wobei sie der Rechtsanwalt unterstützt.
Zweites Kapitel: Ein Tag von sechsunddreißig Stunden mini|Ludwig besucht Frau Rüsing, eine Bekannte seiner Mutter, in ihrer Wohnung in einem kahlen Mietshaus in der Nähe des Holzhausenschlösschens, das „Hans Thoma [im Mai 1883] aus dem Fenster [seiner Wohnung] in der Lersnerstraße gemalt“Mosebach, S. 130. hat. Ludwig gibt nach diesen Erfahrungen sein Vorhaben auf, Kunsthändler zu werden, und akzeptiert Twillebeeckx’ Vorschlag. Für Mr. Khan führt er die Firma »Nephew & Nephew Europe« Mit seiner Sekretärin Bella Lopez und deren Mann Fidi richtet er im Keller eines Bürohauses am zersiedelten Rand der Großstadt ein Büro mit Lager für billige Textilien ein.
Ludwig sucht nun Geldgeber für sein Firmenstammkapital. Als erste besucht er Frau Rüsing, eine Bekannte seiner Mutter. Sie erzählt ihm weit ausholend ihre Lebensgeschichte und ihre, offenbar nicht uneigennützige, Unterstützung junger Männer, vorwiegend Gehilfen einer Buchhandlung, denen sie Märchennamen wie Prinz Kuckuck gibt. Sein Zuhören lohnt sich, sie leiht ihm am Ende dreitausend Mark. Ebenso viel erhält er von seinem ehemaligen Kommilitonen, dem Rechtsanwalt Bruno Hütte, der nachmittags von der Gaststätte »Zum Purzelbaum« aus die Geschäfte seiner Kanzlei führt.
Bella entfaltet sich als Ideengeberin und Organisatorin. Sie vermittelt Ludwig die neue Verkaufsstrategie für Wegwerfartikel und bereitet die Besprechung mit Mr. Kahn vor, gewissermaßen die erste Bewährungsprobe. Fidi holt den Fabrikanten vom Flughafen ab. „Es [ist] alles so gekommen, wie Ludwig sich das vorgestellt hat[], ohne dass er mit einem einzigen Wort dazu hat[] beitragen müssen.“Mosebach, S. 158. Der misstrauische pakistanische Chef befragt seine Angestellten gezielt über ihre Aktivitäten, er hört sich zwar die Vorschläge an, trifft aber selbst die Entscheidungen, gibt Anweisungen, die auszuführen sind, und kündigt seine nächste Visite an. Dann bringt ihn Bella ins Hotel. Nach ihrer Rückkehr wirft sie Ludwig zornig zwei Taxiquittungen ins Gesicht. Sie beschwert sich über Belästigungen, die sie aus geschäftlichen Rücksichten nicht zurückgewiesen habe.
Drittels Kapitel »Zores« mini|Im Flimmern der Nachmittagshitze entdeckt der Protagonist die Ästhetik der „vom Backofenwind leergefegten“Mosebach, S. 253. Straße. „Der Abschluß der langen hohen Häuserfronten, das Seitenschiff des Hauptbahnhofs mit seinem runden verglasten Sandsteingiebel, hätte jetzt eine südliche Markthalle sein können.[…] Ludwig sah die Münchener Straße auf einmal wie ein Maler“.Mosebach, S. 251 f.
Ludwig bezieht nach erfolgreichen Geschäftsabschlüssen mit Wellerskamp in Aachen, die seine Firma über das erste Jahr retten, seine erste Wohnung in einem Mietshaus im Holzhausenviertel. In seinem Kellerraum dürfen sich Fidi und Bella einquartieren. Neidisch schaut er abends aus seinem Dachzimmer zu ihrem Souterrainfenster mit dem verknoteten roten Vorhang hinunter, der sich schließlich löst und den „traulichen Guckkasten“Mosebach, S. 200. [verbirgt], und träumt sich in die Rolle des Liebhabers hinein.
Im Büro hat seine Mitarbeiterin den Überblick und lässt sich Visitenkarten mit dem Titel „Assistant Director“ drucken.Mosebach, S. 193. „Neuerdings reist[] sie sogar für die Firma“, um das „Kanadische[] Holzfällerhemd“ Herrn Wezcerek in Fürth zu präsentieren.
Wie im zweiten Kapitel verfolgt man an einem Tag Ludwigs Wege durch die Stadt und seine Besuche beim kranken Vater, der jetzt vom arbeitslosen Bruder Hermann gepflegt wird, bei Bellas Mutter und Herrn Koschatzki.
Erna Klobig, Bellas Mutter, wohnt im Bahnhofsviertel. Sie hat Ludwig dringend zu sich bestellt, um sich juristisch beraten zu lassen, denn in allen Aldi-Filialen wurde ihr Hausverbot erteilt, „weil sie zweimal etwas hat[] mitgehen lassen.“Mosebach, S. 249. Sie erzählt dem Chef der Tochter ihre für die 68er Generation nicht untypische wechselhafte Lebensgeschichte als Bohèmien.
Ernst Walter Koschatzki ist einer seiner Gläubiger, der ihm zweitausend Mark für seine geplante Geschäftsreise nach Pakistan geliehen hat. Ludwig kennt den „Zeitkritiker“, „politische[n] Analysator“ und „Deutsche[n] in Nachkriegsdeutschland“Mosebach, S. 277. durch seine Eltern seit seiner Kindheit, als dieser seine Essays in der Rundfunkreihe »Vom Geist der Zeit« vorlas. Nun sorgt er sich um seine Werkausgabe, das Konzentrat vierzigjährigen Schreibens und Denkens, und seinen Nachruhm. Er entwickelt dem jungen Drais seine Lebensphilosophie und lässt sich über dessen nicht stattgefundene Reise berichten. Dies gelingt Ludwig mit phantasievoll ausgeschmückten Informationen aus zweiter Hand. Koschatzki, eine Karikatur des Elfenbeinturm-Feuilletonisten, lobt den Besucher für die Authentizität seiner Schilderung.
Viertes Kapitel: In Geschäften mini|Fresco Bathseba begibt sich zu David des italienischen Malers Francesco Salviati aus dem 16. Jahrhundert. Hermann gibt Bella eine ihre eigene Situation spiegelnde Vision zu lesen. Sie handelt von König David, der die badende Bathseba erblickt, in sein Schloss holt und zu seiner Geliebten macht. Er arrangiert den Tod ihres Mannes Urija, den er in der Schlacht vor Rabba in die erste Kampfreihe stellen lässt. Bathseba wird eine der Frauen des Königs. Als Strafe für ihre Handlungen muss das erste Kind der beiden nach der Geburt sterben. In der Parallelhandlung beobachtet Ludwig Bella vor Beginn ihrer Liaison aus seinem Fenster, wünscht Fidis Tod und lässt ihn betrunken mit seinem Auto davonfahren. Bella erzählt ihm von einer Blutung, wodurch sie ihr gemeinsames Kind verloren habe.
Ludwig und Bella haben inzwischen seit einigen Wochen ein Verhältnis und treffen sich in ihrer Wohnung, wenn Fidi unterwegs ist, ohne allerdings diese Situation zu thematisieren. „Ein Wettbewerb eigener Art [ist] zwischen Bella und Ludwig entbrannt: wer früher zu lieben begonnen habe.“Mosebach, S. 299. Über die Zukunft macht sich Drais wenig Gedanken: „Ludwig lebt[] immer von der Hoffnung auf das nächste Mal. Die Vergangenheit [gibt] es nicht, und die Gegenwart [ist] entweder ein nie vollständig erfahrbarer Rausch oder ein quälendes Warten.“Mosebach, S. 315. Bella sieht ihre Dreiecksbeziehung „unwiderleglich sachlich. […] es [kommt] darauf an, Fidi aus dem Haus zu schaffen. Wenn Fidi da [ist], dann [ist] auch das große Hindernis der Liebe da.“Mosebach, S. 301.
Ebenso tagträumerisch, zufällig entwickeln sich Ludwigs Geschäfte. Er trifft Twillebeeckx im Club zum Mittagessen. Dessen Forderung an einer, anstelle einer Vermittlungsprovision, angemessenen Beteiligung am prosperierenden Geschäft kann der in Gedanken auf dem Lager mit Bella weilende Ludwig nicht folgen. Eine Fliege im Lokal erinnert ihn an eine andere, die sich auf der linken Brust der in „die Traumwelten davongeschwommen[en]“,Mosebach, S. 307. schlummernden Geliebten niedergelassen hat. Deshalb antwortet er auf das Angebot mit „blinde[r] Frechheit. Ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden […] Ich sollte das alles in Ruhe lesen.“Mosebach, S. 313. Twillebeeckx zeigt sich von der schnellen Professionalität des jungen Mannes beeindruckt.
Ludwig erlebt, dass Verträge auch ohne seine Anwesenheit abgeschlossen werden. Während er in Brüssel auf Mr. Khan wartet, erfährt er durch ein Telefongespräch, dass der Firmenchef die Termine verwechselt und nun in Frankfurt mit Bella das Geschäftliche besprochen habe. Sie feiern gerade den Verkauf von 350 000 Holzfällerhemden an ein schwedisches Unternehmen. Einerseits glaubt Ludwig beim Anblick der Brüsseler Gusseisenfigur „Vierge de l’Apparation“, dass „[w]ie diese Königin vom Licht […] Bella von ihm abhängig“Mosebach, S. 325. ist, andererseits fürchtet er, ihre Unternehmungen mit Mr. Kahn „würde er von Bella mit Gewissheit niemals erfahren.“Mosebach, S. 352.
Nach Ludwigs Rückkehr aus Brüssel dramatisiert sich sowohl die Krankheit des Vaters wie die bisher eher unbekümmert-romantische Beziehungssituation. Die Lopez haben Raoul Bächle, Werner Le Floh und Rudi Stüvels, zwischen „Universität und Geschäft hin und her balancierende Altstudenten und Jungunternehmer“Mosebach, S. 342. und Mitglieder des »Pariser Nussclubs«, in seine Wohnung zu einem Abend mit Kartenspiel eingeladen. Während sich Ludwig mit Bella im Souterrain vergnügt, verliert Fidi im Spiel 450 Mark, die ihm der Chef als Vorschuss gibt, damit er nicht seine Frau den Gewinnern als Pfand überlassen muss. Ludwig ahnt einige Zusammenhänge durch Bellas Bemerkungen: „Fidi werde ich auch nie loswerden […] Ich werde nie frei sein.“Mosebach, S. 351.