mini|Hans Grimm in Der Bücherwurm 18.1933, S. 156 mini|Hans Grimm (1935) Hans Emil Wilhelm Grimm (* 22. März 1875 in Wiesbaden; † 27. September 1959 in Lippoldsberg an der Weser) war ein deutscher Schriftsteller und Publizist. Sein Buchtitel Volk ohne Raum wurde das Motto der nationalsozialistischen Expansionspolitik.

Leben Kindheit und Jugend Sein Vater, der Rechtshistoriker und Hochschullehrer Julius Grimm (1821–1911), war Landtagsabgeordneter der Nationalliberalen Partei und 1882 an der Gründung des Deutschen Kolonialvereins beteiligt. Der Jurist und Reichstagsabgeordnete Karl Grimm (1826–1893) war ein Bruder seines Vaters.

Als Kind war Grimm scheu und träumerisch. Er lebte zurückgezogen, da er durch einen Unfall stark sehbehindert war und außerdem unter Allergien litt. Bereits früh zeigte er schriftstellerisches Talent: So verfasste er im Alter von zwölf Jahren ein Drama über Robin Hood. Nach dem Abitur 1894 begann er, in Lausanne Literaturwissenschaft zu studieren, brach das Studium jedoch auf Druck seines Vaters bereits nach einem Jahr wieder ab.

Ab 1895 durchlief er in London eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann. Nach deren Abschluss 1897 wurde Grimm von einem deutschen Handelsunternehmen in Port Elizabeth (Kapkolonie, heute Südafrika) eingestellt. Ab 1901 war er selbständiger Kaufmann und Hafenagent in East London und bewirtschaftete zusätzlich eine Farm. 1908 kam er für kurze Zeit nach Deutschland.

Karriere als Publizist und Schriftsteller 1910 kehrte er im Auftrag der in Berlin verlegten Täglichen RundschauDaniel Berndt: . auf www.mww-forschung.de nach Afrika zurück und verfasste Presseberichte aus der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. In seinen Texten aus dieser Zeit taucht erstmals das Schlagwort der „Lebensraumpolitik“ auf, mit dem er später in weiten Kreisen bekannt wurde. In den 1920er Jahren kehrte er besuchsweise privat nach Südwestafrika zurück und brachte aus dieser Region Fotos unterschiedlichster Motive zurück, die in seinem Nachlass nach aktuellen Forschungen am Deutschen Literaturarchiv Marbach einigen seiner literarischen Arbeiten zugeordnet werden können.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland begann er 1911 ein Studium der Staatswissenschaften in München (1914–1915) und in Hamburg. Daneben betätigte er sich als freier Schriftsteller. 1913 erschienen die Südafrikanischen Novellen, in denen er seine Eindrücke aus Deutsch-Südwestafrika verarbeitete und eine rassistische Einstellung gegenüber den afrikanischen Einwohnern artikulierte.

Im Ersten Weltkrieg diente Grimm zunächst als Soldat an der Westfront, später als Dolmetscher. 1917 schrieb er im Auftrag der Obersten Heeresleitung Der Ölsucher von Duala. Das Buch erschien aufgrund von Papiermangel erst 1918. Darin kolportierte er den angeblichen Verrat der Duala um Rudolf Manga Bell gegen die Deutschen und die seines Erachtens ungebührliche Behandlung deutscher Kolonialisten durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs.Hans-Christoph Graf von Nayhauss: Der Traum vom deutschen Edel-Menschen in der Kolonialliteratur am Beispiel von Hans Grimms Roman und sogenannten Kriegstagebuch Der Ölsucher von Duala. In: Friederike Heinz, Simplice Agossavi, Akila Ahouli, Ursula Logossou und Gesine Lenore Schiewer (Hrsg.): Afrika im deutschsprachigen Kommunikationsraum. Neue Perspektiven interkultureller Sprach- und Literaturforschung. transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8394-6162-4, S. 197–209, hier: S. 202 (Open Access). Nach Einschätzung von Uwe-Karsten Ketelsen oblag ihm, „die kolonialen Ambitionen des Deutschen Reiches und seiner Führungsschichten“ zu propagieren. Das Buch wurde 1933 neu verlegt. Es diente dem Langen Müller Verlag nach Eigenaussage zur „Profilierung im nationalsozialistischen Deutschland“. In der nationalsozialistischen Literaturgeschichtsschreibung firmierte es als „Notbuch der weißen Rasse überhaupt“ (Hellmuth Langenbucher). Nach Abschluss des Romans wurde Grimm in der Obersten Heeresleitung als Militärpropagandist beschäftigt. Seine Aufgabe war es, vor allem der Presse des neutralen Auslands „die deutsche Unschuld am Krieg [zu] erklären“.Alle Angaben in diesem Absatz nach: Thomas Vordermayer: Bildungsbürgertum und völkische Ideologie. Boston/Berlin 2016, S. 35f.

Nach Kriegsende erwarb Grimm ein Herrenhaus am ehemaligen Kloster Lippoldsberg und ließ sich hier im Winter 1918 als freier Schriftsteller nieder. Wie viele deutschnationale Politiker und Intellektuelle empfand er die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg – und insbesondere den damit verbundenen Verlust der deutschen Kolonien – als nationale Schmach und stand der konstituierten Weimarer Republik ablehnend gegenüber.

Durchbruch mit Volk ohne Raum Ab 1920 arbeitete Grimm in Lippoldsberg an dem Roman Volk ohne Raum, der ihn bei seinem Erscheinen 1926 schlagartig prominent machte. Darin propagierte er den Erwerb von Lebensraum als Lösungsstrategie für die wirtschaftlichen und politischen Probleme der deutschen Republik. Der Roman war eines der meistverkauften Bücher der Weimarer Republik, sein Titel wurde rasch zu einem geflügelten Wort. Der Slogan Volk ohne Raum bot sich als griffige Formel an, mit der alle sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Republik kausal auf einen vermeintlichen Raummangel zurückgeführt wurden. Grimms Roman wirkte als Resonanzverstärker einer Stimmung, die als „kollektive Klaustrophobie“ bezeichnet werden könnte und wenig später von den Nationalsozialisten in ihren Vorstellungen vom „Lebensraum im Osten“ aufgegriffen und schließlich im sogenannten Generalplan Ost umgesetzt wurde. Grimm war einer der Lieblingsautoren Adolf Hitlers.

Grimm selbst dachte nicht an „Lebensraum im Osten“, sondern – ausgehend vom klassischen Kolonialismus der Kaiserzeit („Der deutsche Mensch [braucht] Raum um sich und Sonne über sich“) – an neuen „Lebensraum“ in Übersee.

Grimms Verhältnis zum Nationalsozialismus Grimm war bereits seit 1923 ein Sympathisant der Nationalsozialisten.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 198. Er setzte sich bei der Reichspräsidentenwahl 1932 offen im Göttinger Tageblatt für die Wahl Hitlers im zweiten Wahlgang ein.

Nach der „Machtergreifung“ 1933 wurde er wie eine Reihe weiterer bei den Nationalsozialisten angesehener Autoren (wie Börries Freiherr von Münchhausen, Ernst Jünger, Erwin Guido Kolbenheyer oder Hans Friedrich Blunck) zum Senator der Deutschen Akademie für Dichtung ernannt. Als einziger lehnte Jünger seine Berufung ab.Josef Wulf: Kultur im Dritten Reich. Literatur und Dichtung. Berlin/Frankfurt am Main 1989, S. 36–38. Von 1933 bis 1935 amtierte Grimm als Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer.Josef Wulf: Kultur im Dritten Reich. Literatur und Dichtung. Berlin/Frankfurt am Main 1989, S. 197. Zudem schrieb er ab 1933 regelmäßig Artikel für die nationale, die Stellung des starken Staates betonende Wochenzeitschrift Deutsche Zukunft.Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880–1945. Ein Repertorium. Walter de Gruyter, 2012, S. 315.

Grimm war, wie andere völkische Intellektuelle dieser Zeit (z. B. Josef Nadler, Eberhard Kranzmayer, Otto Höfler), in sekundären Einzelfragen mit den Nationalsozialisten nicht immer auf einer Linie. Diese Unterschiede dürfen jedoch nicht, wie unmittelbar nach dem Krieg gegenüber den Besatzungsmächten oft versucht, als eine Art von Nazi-Gegnerschaft umgedeutet werden. Im Jahr 1934, z. B., kritisierte Grimm in Briefen an den Reichsinnenminister Wilhelm Frick Wahlmanipulationen in Lippoldsberg und Übergriffe der SS auf einzelne Oppositionelle im Ort. 1935 wurde er aus dem Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer entlassen.Angela Stüber: Grimm, Hans (Emil Wilhelm), in: Hermann Weiß (Hrsg.): Personenlexikon 1933–1945. Tosa Verlag, Wien 2003, ISBN 978-3-85492-756-3, S. 164. Dies änderte jedoch nichts an seiner positiven Grundhaltung zum NS-Regime. 1936 propagierte Grimm in der Zeitschrift Die Neue Literatur gemäß der völkischen Rassentheorie den nordischen Herrenmenschen mit folgenden Worten: „daß eben wir Nordleute mit unseren verschiedenen Völkern mit unserem zutiefst gleichgearteten Wesen zu Vormännern dieser Erde berufen sind“.Zitat bei Ernst Klee: Kulturlexikon, S. 198. 1944 wurde Grimm in der Gottbegnadeten-Liste aufgeführt.

1938 kam es zu einem Konflikt mit Propagandaminister Joseph Goebbels. Dessen Inhalt ist nicht verifizierbar, da nur Selbstaussagen zur Verfügung stehen. Obwohl Grimm weder der NSDAP beitrat noch vollständig mit der NS-Ideologie übereinstimmte, sah er im „Dritten Reich“ die einzige Möglichkeit, seine kolonial-expansiven, sozialen und nationalistischen Ideen zu verwirklichen.Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-13086-7, S. 164. Er sah sich – so ein Urteil von 2010 – als „Nationalsozialist außerhalb der Partei“.Hans-Martin Pleßke: Ernst Wiecherts Verhältnis zu Schriftstellerkollegen seiner Zeit. In: Leonore Krenzlin, Klaus Weigelt (Hrsg.): Ernst Wiechert im Gespräch: Begegnungen und Einblicke in sein Werk. Berlin / New York 2010, S. 35–58, hier: S. 48. Hitler betrachtete er noch nach 1945 als einen „Reformator“. Während des Zweiten Weltkriegs verschickte er seinen Roman Volk ohne Raum mit handschriftlicher Widmung an verwundete Soldaten aus Lippoldsberg, die im Lazarett lagen.

Carl Zuckmayer schrieb in seinem 1943/44 entstandenen Geheimreport, Grimm sei „vermutlich heute, als Greis, kein Nazi, sondern ein vereinsamter deutschnationaler Eigenbrödler. Sicher hatte er sich die Nationale Erhebung anders gedacht, und soviel ich weiß hat er sich - wie manche, die vorher den aufkommenden Nazismus begünstigt hatten, zum Beispiel Spengler - nach der Machtergreifung ganz zurückgezogen und teilweise kritisch oder ablehnend geäußert.“Carl Zuckmayer: Geheimreport. Wallstein Verlag. Göttingen 2002, ISBN 978-3-89244-599-9, S. 163f.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden seine Schriften Von der bürgerlichen Ehre und bürgerlichen Notwendigkeit, Glaube und Erfahrung, Von der deutschen Not, Englische Rede, Vom deutschen Kampf um den Raum, Der Ölsucher von Duala und Volk ohne Raum auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.polunbi.de 1946; polunbi.de 1948

Grimms kleine, oft nur semantische Differenzen zum Nationalsozialismus hinderten ihn nicht daran, nach 1945 als Verharmloser desselben in Erscheinung zu treten. 1950 konnte er Die Erzbischofsschrift, in der er zwischen Hitler und der „nationalsozialistischen Idee“ unterscheidet und den Nationalsozialismus weiter als „revolutionär“ feiert, im Plesse-Verlag veröffentlichen.Katrin Sello: Der abgebrochene Anfang. In: Die Zeit, Nr. 38/1975. Er verteidigte den „ursprünglichen Nationalsozialismus“ und sprach von ihm als eine notwendige Maßnahme gegen die „Vermassung“ und somit gegen den „Verfall der europäischen Kultur“. Die Alliierten klagte er an, die Schuld an der Eskalation des Kriegs zu tragen. Er rechtfertigte sogar den Holocaust auf Grund eines verzerrenden Hinweises auf 5. Mose 20, V. 13, 16; die Schrift löste in Deutschland und im Ausland heftige Kritik aus.Fritz K. Richter: Zu Hans Grimms Erzbischofschrift. In: German Life and Letters, new series 4 (1951), S. 198–204.Martin Wellmann: Grimm, Hans, 2004, in: www.polunbi.de.

1951 gründete er den „Klosterhaus Verlag“ in Lippoldsberg. Der Verlag vertrieb außer seinen gesammelten Werken (35 Bände, erschienen 1969–1981)Annette Gümbel: “Volk ohne Raum” – Der Schriftsteller Hans Grimm zwischen nationalkonservativem Denken und völkischer Ideologie. Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen, Darmstadt/Marburg 2003, ISBN 978-3-88443-087-3, S. 20. auch Bücher einschlägiger Autoren wie Hans Venatier und Erich Glagau.