miniatur|hochkant|Ernst Peter Pick
Ernst Peter Pick (* 18. Mai 1872 in Jaroměř in Österreich-Ungarn; † 15. Januar 1960 in New York City) war ein österreichischer Arzt, Immunologe und Pharmakologe. Sein Vorname wird auch Ernest geschrieben, der zweite Vorname Peter oft abgekürzt (Ernest P. Pick).
Leben Bis zur Lehrkanzel in Wien Pick war eines von fünf Kindern des Kaufmanns David Pick und dessen Frau Eleonore geb. Schick. Nach dem Schulbesuch in Jaroměř und Prag studierte er an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag Medizin und wurde dort 1896 zum Dr. med. promoviert. Er arbeitete dann drei Jahre bei Franz Hofmeister am Physiologisch-chemischen Institut der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg und elf Jahre bei Rudolf Paltauf (1858–1924) am Serotherapeutischen Institut der Universität Wien. Dort habilitierte er sich 1904 für angewandte medizinische Chemie. 1911 wechselte er an das Pharmakologische Institut zu Hans Horst Meyer. 1919 wurde seine Venia legendi auf das Gebiet der Pharmakologie, Toxikologie und Rezeptierkunde ausgedehnt. 1927 heiratete er Margarethe Janssen. Das Paar zog in das Haus in der Weimarer Straße in Döbling, das auch der verwitwete Meyer bewohnte. Rufe auf Lehrstühle nach Belgrad, Frankfurt am Main und Utrecht lehnte Pick ab. Nach Meyers Emeritierung 1934 wurde er dessen Nachfolger. Da drohten die Nationalsozialisten bereits aus Deutschland nach Österreich überzugreifen.
Vertreibung „Judah verrecke – hinaus mit den Juden und den Roten“ schrieen Gruppen von Studenten 1929 und 1930 bei Vorlesungen des jüdischen Anatomieprofessors Julius Tandler.Lehr 2000, S. 42. Als Pick 1932 zum Dekan gewählt wurde, schrieb die Deutsche Studentenschaft:Michael Hubenstorf: Medizinische Fakultät 1938–1945. In: Gernot Heiß, Siegfried Mattl, Sebastian Meissl, Edith Saurer und Karl Stuhlpfarrer (Hrsg.): Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945. Wien, Verlag für Gesellschaftskritik 1989, ISBN 3-85115-107-0, S. 233–282. „Offener Brief der Leitung der Deutschen Studentenschaft an Herrn Prof. Dr. Pick! Die Deutsche Studentenschaft nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß Sie wider Erwarten Ihre Wahl zum Dekan der medizinischen Fakultät angenommen haben. Nach wie vor steht die D. St. auf ihrem 1923 kundgetanen Standpunkt, daß Professoren jüdischer Volkszugehörigkeit akademische Würdenstellen nicht bekleiden dürfen. Wollen Sie bedenken, daß Sie sich an einer deutschen Hochschule befinden und daß die deutschen Studenten als ihre Führer nur deutsche Lehrer anerkennen! Schon im Interesse eines ordnungsgemäßen Lehrbetriebes hoffen wir auf Ihre Einsicht.“ miniatur|Mitarbeiter des Pharmakologischen Instituts Wien 1925 Von den zur Zeit von Picks Eintritt 1911 oder später im Institut tätigen Wissenschaftlern emigrierten, weil sie Nicht-Arier waren, die folgenden (in der Reihenfolge des Eintritts ins Institut):K. Löffelholz, U. Trendelenburg: Verfolgte deutschsprachige Pharmakologen. 2008. Alfred Fröhlich (1871–1953), 1906 ins Institut eingetreten, 1910 Habilitation, 1939 Emigration in die USA; Hans Mautner (1886–1963), 1911 ins Institut eingetreten, 1938 Emigration in die USA; Leo Pollak (1878–1946), in den 1920er oder 1930er Jahren ins Institut eingetreten, 1939 Emigration nach England; Hans Molitor (1895–1970), 1922 ins Institut eingetreten, 1927 Habilitation, 1932 Emigration in die USA, 1938 Aberkennung der Habilitation; Susi Glaubach (1893–1964), 1925 ins Institut eingetreten, 1938 Emigration in die USA; Hans Sigmund Heller (1905–1974), 1931 ins Institut eingetreten, 1934 Emigration nach England; Klaus Robert Walter Unna (1908–1987), 1933 bereits aus dem Deutschen Reich nach Österreich emigriert und ins Institut eingetreten, 1937 Emigration in die USA; David Lehr (1910–2010), 1934 ins Institut eingetreten, 1938 Emigration nach Schweden und 1939 weiter in die USA. Lehr hat ein Buch über die Geschehnisse in Wien in den 1930er Jahren geschrieben (s. Literatur). (PDF-Datei; 7,87 MB) Abgerufen am 4. Februar 2013.
Pick selbst wurde 1938 entlassen und in den „dauernden Ruhestand“ versetzt. Aus der Akademie der Wissenschaften in Wien trat er zum Jahresende 1938 aus, nachdem die Akademie unter Druck gesetzt worden war, sich von ihren „nichtarischen“ Mitgliedern zu trennen.Franz Graf-Stuhlhofer: Die Akademie der Wissenschaften in Wien im Dritten Reich. In: Eduard Seidler u. a. (Hrsg.): Die Elite der Nation im Dritten Reich. Das Verhältnis von Akademien und ihrem wissenschaftlichen Umfeld zum Nationalsozialismus (= Acta historica Leopoldina; 22). Halle/Saale 1995, S. 133–159, dort 137. Er musste seine Wohnung aufgeben und wie Meyer in eine Baracke ziehen. „1938 war er, allein seiner jüdischen Herkunft wegen, tiefer seelischer Qual und körperlichen Demütigungen ausgesetzt. Zu den Demütigungen gehörten eine Hausdurchsuchung durch die Geheime Staatspolizei, vorübergehende Festnahme und gewaltsame Zurückhaltung in Österreich. Nur dank energischer Intervention von Frau Pick in Berlin und Wien und der Hilfe österreichischer Freunde erhielt er schließlich eine Ausreisegenehmigung, mit der er zu seinem Bruder in Paris fahren konnte. Frau Pick, die bei dem kranken Hans Horst Meyer blieb, wurde sofort wegen Professor Picks ‚ungenehmigter Ausreise‘ von der Gestapo verhört.“Lehr 1960.
Richard Rössler, der 1924 ins Institut eingetreten war, sich 1931 habilitiert und den Pick selbst vorgeschlagen hatte, wurde zum Nachfolger ernannt.
Pick emigrierte über Paris in die USA und erhielt dort 1945 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Mit Hilfe früherer Studenten erhielt er ein Labor im Mount Sinai Hospital in New York, eine Professur für klinische Pharmakologie an der Columbia University und ein Labor am von Hans Molitor eingerichteten Merck Institute for Therapeutic Research in Rahway, New Jersey. „Die Picks gehörten zu den wenigen Emigranten, die ihr Leben in den USA in einem Heim wieder aufbauen konnten, das wie transplantiert von der Weimarer Straße in Wien in die 98. Straße in New York aussah. ... Das Merck-Institut wurde Picks wissenschaftliche Heimat in den USA. Fast zwanzig Jahre lang fuhr er zweimal wöchentlich von New York dorthin, ob Regen oder Sonne, um an einem ihn interessierenden Projekt zu arbeiten. Er brauchte, um glücklich zu sein, die Atmosphäre eines Labors, ‚seines‘ Labors.“Molitor 1961, S. 212–213.
Forschung Picks Thema vor dem Eintritt in die Pharmakologie war die Proteinchemie, insbesondere die Chemie der Antigen-Antikörper-Reaktion.Wyklicky 1990. Mit dem Internisten Friedrich Obermayer (1861–1925) Abgerufen am 7. Februar 2013. fand er heraus, dass chemische Modifizierung eines Antigens, zum Beispiel durch Iodierung oder Einführung einer Nitrogruppe, die Antikörperbildung veränderte. Antikörper, die Kaninchen gegen iodiertes Serumeiweiß von Rindern bildeten, waren anders als Antikörper gegen das natürliche Serumeiweiß nicht artspezifisch, reagierten also nicht nur mit iodiertem Rinder-Serumeiweiß, sondern auch mit iodierten Serumeiweißen anderer Tierarten. Sie reagierten hingegen nicht mehr mit dem natürlichen Rinder-Serumeiweiß. Kaninchen bildeten sogar Antikörper gegen ihr eigenes Serumeiweiß, wenn es nitriert war. Es war die Chemie der Antigene, die die Spezifität der Antikörper bestimmte.Fr. Obermayer, E. P. Pick: Ueber die chemischen Grundlagen der Arteigenschaften der Eiweisskörper. Bildung von Immunpräzipitinen durch chemisch veränderte Eiweißkörper. In: Wiener klinische Wochenschrift. 19, 1906, S. 327–334. 1912 schloss Pick dies Gebiet mit einer monumentalen Übersicht ab. „Antigene wie Antikörper sind Substanzen von . Mit dieser Feststellung stimmt überein, daß das einzige sichere Charakteristikum in physikalischer Hinsicht, welches wir bisher allen Antigenen zuschreiben können, die Beschaffenheit der Antigenlösungen ist, die im Gegensatz zu den kristalloiden gekennzeichnet ist durch das geringe Diffusionsvermögen und den niedrigen osmotischen Druck. Das zweite, mit dem ersten in innigem Konnex stehende, vorwiegend chemische Charakteristikum, das nach den bisherige Erfahrungen ebenfalls allen echten Antigenen zugesprochen werden muß, ist ihre Eiweißnatur. ... “E. P. Pick: Biochemie der Antigene, mit besonderer Berücksichtigung der chemischen Grundlagen der Antigenspezifizität. In: W. Kolle, A. von Wassermann (Hrsg.): Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Auflage. Band 1. Gustav Fischer Verlag, Leipzig 1912, S. 685–868. Der Satz in Sperrdruck, einige Zeit ein Dogma, gilt nicht ausnahmslos. Etwa ein Jahrzehnt später stellte sich heraus, dass auch Kohlenhydrate antigen sein können. Jedenfalls war die Immunologie in den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts durch „die neue Strukturchemie von Landsteiner und Pick“ geprägt – Karl Landsteiner war der Entdecker des AB0-Blutgruppensystems.Pauline M. H. Mazumdar: Species and Specificity: an Interpretation of the History of Immunology . Cambridge University Press, Melbourne 1995, ISBN 0-521-43172-7.
Nach dem Wechsel zur Pharmakologie begann Pick Arbeiten über Hypophysenextrakte.A. Fröhlich, E. P. Pick: Zur Kenntnis der Wirkungen der Hypophysenpräparate. I. Mitteilung: Wirkung auf Lunge und Atmung. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 74, 1913, S. 107–113. doi:10.1007/BF01859234 Deren blutdrucksteigernde Wirkung war 1895 von George Oliver und Edward Albert Schäfer entdeckt worden,G. Oliver, E. A. Schäfer: On the physiological action of extracts of pituitary body and certain other glandular organs. In: The Journal of Physiology. 18, 1895, S. 277–279. die bald diuretische, bald antidiuretische Wirkung, die Wirkungen auf den Uterus und die Milchdrüsen und die Lokalisation in der Neurohypophyse waren bis 1911 hinzugekommen.Gerhard Battendorf: Zur Geschichte der Hypophysenhormone. Georg Thieme-Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-13-104571-X. Aber erst 1928 wurde die Existenz von zwei Hormonen, dem antidiuretischen Hormon oder Vasopressin und dem Oxytocin, gesichert.Oliver Kamm, T. B. Aldrich, I. W. Grote, L. W. Rowe, E. P. Bugbee: The active principles of the posterior lobe of the pituitary gland. I. The demonstration of the presence of two active principles. II. The separation of the two principles and their concentration in the form of potent solid preparations. In: Journal of the American Chemical Society. 50, 1928, S. 573–601. doi:10.1021/ja01389a050. Zu Picks Beiträgen gehörte, 1924 und gemeinsam mit Hans Molitor, die Sicherung der antidiuretischen Wirkung:H. Molitor, E. P. Pick: Zur Kenntnis der Pituitrinwirkung auf die Diurese. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 101, 1924, S. 169–197. doi:10.1007/BF01955456 Pick und Molitor benutzten Hunde mit Blasenfisteln, eine von ihnen ersonnene Versuchsanordnung, beobachteten die Tiere im Gegensatz zu früheren Forschern über längere Zeit und schlossen: Dieser Schluss ist gültig geblieben, während sich Molitor und Picks Ansicht, Pituitrin wirke nicht auf die Nieren, sondern außerhalb derselben,H. Molitor, E. P. Pick: Zur Kenntnis der Diuresehemmung durch Hypophysenpräparate. In: Klinische Wochenschrift. 2, 1924, S. 2242–2243. doi:10.1007/BF01712041 als irrig erwiesen hat.K. Turnheim: Wasser und Elektrolyte. In: K. Aktories, U. Förstermann, F. Hofmann, K. Starke: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage. Elsevier, München 2009, ISBN 978-3-437-42522-6, S. 493–507. Die VersuchsanordnungW. Kestranek, H. Molitor, E. P. Pick: Über die Wirkungsstärke von Hypophysenextrakten gemessen an ihren antidiuretischen Eigenschaften. In: Biochemische Zeitschrift 164, 1925, S. 34–43. wurde der erste verlässliche Test auf antidiuretische Wirkung, auch für therapeutische Hypophysenpräparate.E. Stürmer: Bioassay procedures for neurohypophysial hormones and similar polypeptides. In: B. Berde: Neurohypophysial Hormones and Similar Polypeptides. Handbook of Experimental Pharmacology Band 23. Springer-Verlag, Berlin 1968, S. 175.