mini|Silius Italicus, Punica 9,1–15, mit Randbemerkungen von Domizio Calderini in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts. Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Ottob. lat. 1258, fol. 102v Tiberius Catius Asconius Silius Italicus (* um 25 n. Chr.; † um 100 n. Chr.) war ein römischer Politiker und Dichter. Er verfasste die „Punica“, ein Epos über den zweiten Punischen Krieg, das in 17 Büchern über 12.000 Verse umfasst. Sein Werk ist nicht nur eines der bedeutendsten Epen der nachklassischen Lateinischen Literatur, sondern auch das umfangreichste lateinische Epos, das aus der Antike überliefert ist.

Gegen die Punica erhoben neuzeitliche Altphilologen lange den pauschalen Vorwurf, dass sie stilistisch nicht zu den Glanzstücken ihrer Zeit zählte und teilweise epigonale Züge gegenüber den Augusteischen Dichtern Vergil und Ovid zeige, die Silius verehrte. Daher sind Silius Italicus und sein Werk erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gegenstand umfassender sprachlicher Analysen und Würdigungen in der neueren Forschung geworden.Michael von Albrecht: Silius Italicus. Freiheit und Gebundenheit römischer Epik. Amsterdam 1964, S. 9ff.

Leben Silius’ Geburtsort ist unbekannt. Aus seinem Beinamen Italicus wurde geschlossen, dass er aus Italica in Hispanien stamme,Vgl. Vita Silii Italici, in: Tiberius Catius Asconius, Silius Italicus. De secundo bello Punico Leipzig 1504, S. 6. doch Römische Namenskonventionen würden hier die Form Italicensis erfordern. Martial, der Silius mehrere Epigramme widmete, zählte ihn nicht zu den literarischen Berühmtheiten Hispaniens der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts. Die Vermutung, Silius sei aus Italica, der Hauptstadt der italischen Föderation aus dem Bundesgenossenkrieg, ist ebenfalls unbelegt. Wahrscheinlich waren seine Vorfahren Mitglieder einer italischen Gemeinschaft, wie sie in Inschriften auf Sizilien und anderen Orten auftauchen, und der Beiname Italicus wäre in diesem Fall als Titel anzusehen.

In jungen Jahren machte sich Silius als Redner vor dem Gericht der Centumviri einen Namen.Martial, Epigramme 7,63,7f. später war er Politiker im Senat, jedoch ohne großen Ehrgeiz für seinen Stand. Den Kaisern, unter denen er lebte, erschien er wenig anstößig, was darauf hindeutet, dass er seinen Schutz und Aufstieg unter Kaiser Nero durch seine rednerischen Fähigkeiten in gerichtlichen Schauprozessen sicherte, die oft den Angeklagten, die beim Kaiser in Ungnade gefallen waren, zum Verhängnis wurden. Im Jahr 68 wurde Silius zusammen mit Publius Galerius Trachalus ordentlicher Konsul. In diesem Jahr entzog Nero den Konsuln vorzeitig ihr Amt und übernahm selbst allein das Konsulat.Sueton, Nero 43,2. Tacitus nennt Silius als einen von zwei Zeugen (neben Cluvius Rufus) der Unterredung im Dezember 69 zwischen Titus Flavius Sabinus, dem älteren Bruder Vespasians, und Kaiser Vitellius. Sabinus versuchte in diesem Gespräch, Vitellius zur Aufgabe seiner Herrschaft zu überreden, da Vespasians Truppen bereits aus der Provinz Moesia auf Rom marschierten.Tacitus, Historien 3,65,2.

miniatur|Silius Italicus studiert am Grab Vergils in Neapel (Joseph Wright of Derby, Öl auf Leinwand 1779) Unter Nero beschädigte Silius seinen Ruf, da man glaubte, er habe freiwillig Anklagen erhoben, doch in der Freundschaft mit Vitellius verhielt er sich klug und umsichtig.Plinius, Epistulae 3,7,3. Nach seiner Zeit als Konsul arrangierte er sich mit dem luxusliebenden Kaiser Vitellius und wurde um das Jahr 77 Prokonsul der Provinz Asia, aus welchem Amt er großen Ruhm erlangte.Plinius, Epistulae 3,7,3. Nach seiner Statthalterschaft in Asien zog sich Silius noch unter der flavischen Dynastie ins Privatleben zurück und widmete sich in seinem otium der Schriftstellerei.Plinius, Epistulae 3,7,3. Martial beschreibt diesen Übergang vom politischen negotium („Geschäftlichkeit“) in der Stadt zum otium auf dem Land als eine Verlagerung seiner Tätigkeit ins Private, was den Einfluss der ciceronianischen Rhetorik auf sein späteres Werk, insbesondere sein Epos „Punica“, erklärt.Martial, Epigramme 4,14; 7,73,11. Dieses Gedicht, das er mit größerer Sorgfalt als Begabung verfasste,Martial, Epigramme 7,63,1f. enthält nur zwei Passagen über die Flavier, in denen Domitian als Krieger und in einer als Sänger gefeiert wird, dessen Leier süßer als die des Orpheus klingt.

Er war ein passionierter Sammler und verehrte zwei große Römer seiner Vergangenheit, Cicero und Vergil, in einer geradezu kultischen Weise. Er besaß ihre Landgüter in Tusculum und Neapel und verbrachte sein Alter an der kampanischen Küste in der Nähe von Vergils Grab, dem er als Anhänger huldigte. Mit dem Philosophen Epiktet tauschte er sich aus, und Lucius Annaeus Cornutus widmete ihm Bücher über Vergil. Als Patron des Martial wurde er von diesem in mehreren Epigrammen gelobt.

Auf Anraten seiner Freunde zog sich Silius schließlich aus Rom zurück und ließ sich in Kampanien nieder, ohne sich durch die Ankunft eines neuen Kaisers davon abbringen zu lassen.Plinius, Epistulae 3,7,6. In dieser Ruhe verbrachte er seine Tage mit gelehrten Gesprächen, wenn er nicht schrieb, und galt als einer der angesehensten Männer des Staates, ohne Machtstreben oder Neid zu erregen.Plinius, Epistulae 3,7,4. Um das Jahr 101 starb er in seinem Anwesen in Neapel im Alter von etwa 75 Jahren, eher durch körperliche Schwäche als durch Krankheit. Er war der letzte von Neros Konsuln, der starb.Plinius, Epistulae 3,7,9. Silius beendete sein Leben durch freiwilligen Hungertod, da er an einem unheilbaren Geschwulst litt, dessen Überdruss ihn mit stoischer Entschlossenheit zum Tod führte. Diese Form der Selbsttötung war typisch für einen Anhänger der stoischen Philosophie, da die Beendigung eines nicht lebenswerten Lebens aus stoischer Sicht als Ausdruck höchster Tugend galt. Bis zu seinem letzten Tag blieb Silius glücklich und zufrieden.Plinius, Epistulae 3,7,1.

Werk Das historische Epos Ob Silius sich verpflichtet sah, seine philosophischen Dialoge aufzuschreiben oder nicht, ist nicht bekannt. Zufällig ist sein Epos Punica in 17 Büchern mit etwa 12.000 Zeilen erhalten geblieben. Das epische Gedicht hat den historischen Stoff des Zweiten Punischen Krieges zum Thema. Das historische Epos hatte in Rom eine lange Vorgeschichte. Seit dem altlateinischen Dichter Gnaeus Naevius erfuhren große militärische Auseinandersetzungen der Römer oft die Behandlung in einer solchen Form der Dichtung. Silius und Lucan sind zwei Vertreter des historischen Epos aus der Neronischen Zeit.

In einer bekannten Passage beschreibt Titus Petronius demonstrativ die Schwierigkeiten bei diesem historischen Motiv. Ein Dichter, sagt er, der das weite Thema „Bürgerkriege“ schultere, bräche, bis er alles Wissen zusammen habe, unter der Last zusammen, da er nicht nur die Fakten berichten, was die Historiker deutlich besser könnten, sondern für die Abschweifungen, für die Einführung göttlicher Wesen in die Szenerie, und für die mythologische Einfärbung des Themas einen in alle Richtungen freien Geist besitzen müsse. Die lateinischen Gesetze des historischen Epos wurden durch Quintus Ennius festgelegt und waren noch gültig, als Claudian schrieb. Sie wurden niemals ernsthaft verletzt, außer durch Lucan, der die dei ex machina seiner Vorgänger durch den weiten, düsteren und eindrucksvollen stoischen Gedanken des Schicksals ersetzte.

Silius war einer von vielen Römern des frühen Prinzipats, der sich mutig zu den Ansichten des Stoizismus bekannte. Anders als bei Lucan ist dieses Gedankengut jedoch weniger in sein Werk eingeflossen. Silius lehnte sich in seinem Werk an zwei Vorbilder an: Einerseits übernahm er Bilder und Gedanken von Epiktet, den er als einen der größten Philosophen ansah, andererseits folgte er den Lehren des Stoikers, Rhetorikers und Grammatikers Cornutus, dem er sogar einen Vergil-Kommentar widmete.

Mit seinem umfangreichen Wissen hatte Silius exzellente Voraussetzungen für jeden einzelnen Bestandteil des konventionellen historischen Epos. Und obwohl er nicht von Quintilian beim Namen genannt wird, ist er vermutlich bei der Erwähnung der Gruppe von Dichtern mit gemeint, die schrieben, um ihr Wissen zu demonstrieren. Er betonte auch unwichtige Momente in der Geschichte, sofern sie malerisch zu schildern waren. Dagegen überging er wichtige Ereignisse, wenn sie sich nicht für heldenhafte Darstellungen eigneten. Seine Helden waren wie bei Homer den Leidenschaften und Launen der Götter unterworfen. Silius wandelte Ereignisse und Gleichnisse aus der Mythologie oder Geschichte Roms und Griechenlands leicht ab und fügte sie in sein Epos ein, auch wenn es dem Thema nicht angemessen war. Er tat dies mit einer für seine Zeit ungewohnten Einfachheit, aber auch mit kultivierter Anmut und Geschmack.

Zwei starre Vorgaben für ein antikes Epos waren: reichlich Gleichnisse und viele Zweikämpfe. Aber weil die dabei geschilderten Heldentaten längst ohne große Variationen ausgearbeitet waren, brachten die Wiederholungen wenig Neues. Silius hatte jedoch perfektes dichterische Bewusstsein, gepaart mit knappen Spuren poetischer Kreativität. Kein Schriftsteller wurde korrekter und einheitlicher durch Zeitgenossen und Nachfolger gleichermaßen beurteilt. Nur Martial schmeichelte ihm, indem er seinen Freund auf Augenhöhe mit Vergil sah. Der jüngere Plinius sagte höflich, dass Silius seine Gedichte mit mehr Fleiß als Talent schrieb, und dass er, wenn er sie nach der Mode der Zeit vor Freunden rezitierte, gelegentlich entdeckte, was man wirklich von ihnen dachte.Vgl. Plin epist. 3,7,4: Scribebat carmina maiore cura, quam ingenio. Es ist daher erstaunlich, dass das Gedicht erhalten geblieben ist. Silius wird nach Plinius von keinem antiken Schriftsteller außer Sidonius Apollinaris mehr erwähnt.

Die Punica