Globale Risiken sind Risiken, die in ihrer Art und Wirkung global sind, d. h. mit Auswirkungen, die über Weltregionen und Kontinente hinausgehen, und damit eine globale Bedrohung darstellen.
Die globalen (neuen) Risiken, die nach Ulrich Beck globale Katastrophen in Gang setzen können, erschüttern die institutionellen und politischen Grundlagen moderner Gesellschaften.Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
Globale Risiken sind in die Kategorien zu unterscheiden:N. Bostrom, Existential Risks – Analyzing Human Extinction Scenarios and Related Hazards, Journal of Evolution and Technology Vol. 9 – March 2002. online (PDF; 83 kB), Existenzielle Risiken, die die Existenz der Menschheit bedrohen. Globale – regenerative – Risiken, nationale Katastrophen, wie große industrielle Unfälle (Tschernobyl, Fukushima), Erdbeben, Vulkanausbrüche, Seuchen, Kriege (Erster und Zweiter Weltkrieg). Katastrophen, der Art globaler – regenerative – Risiken, haben viele Male stattgefunden und den Menschen eine kulturelle Einstellung gegenüber diesen Risiken und deren Bewältigung gegeben („trial-and-error“). Gegenüber den existenziellen Risiken fehlt jede Erfahrung, diesen zu begegnen.
Globale naturbedingte Risiken Globale naturbedingte Risiken (z. B. durch Seebeben ausgelöste Tsunamis, der Impakt eines Himmelskörpers) sind in ihrer Entstehung durch den Menschen nicht beeinflussbar, ihre Häufigkeiten und Auswirkungen sind jedoch anhand historischer Aufzeichnungen bestimmbar.
Zu den – die menschliche Zivilisation bedrohende – Risiken zählen, z. B. der Einschlag eines Asteroiden, ein massiver Vulkanausbruch oder ein globaler Atomkrieg. Der Impakt eines ca. 2 km Durchmesser großen Asteroiden oder ähnlichen Objektes, dessen Häufigkeit mit 1E-6 pro Jahr geschätzt wird, besitzt ein solches Vernichtungspotential.Chapman, Clark R., Impacts on the Earth by asteroids and comets: assessing the hazard, Nature, Volume 367. David Morrison, Defending the Earth Against Asteroids: The Case for a Global Response, Science and Global Security, 13:87–103, 2005. online (PDF; 102 kB)
Ein großer Vulkanausbruch, der einen katastrophalen Klimawandel zu verursachen kann, ähnlich dem Toba-Vulkanausbruch, wird mit einer Häufigkeit von 2E-5 pro Jahr geschätzt.Rampino, M.R. and Ambrose, S.H., Super eruptions as a threat to civilizations on Earth-like planets, Icarus, 2002.
Die Global Risk Data PlatformGlobal Risk Data Platform. stellt Informationen und Daten über die globalen Risiken von Naturkatastrophen aufgrund historischer Aufzeichnungen online zur Verfügung, wie tropische Wirbelstürme, Dürre, Erdbeben, Brände, Überschwemmungen, Erdrutsche, Tsunamis und Vulkanausbrüche. Durch Visualisierung der Ereignisse (die Orte ihrer Entstehungen) werden die globalen Risiken sichtbarer gemacht und durch Zoomfunktionen lassen sich unterschiedliche Risikobereiche darstellen (z. B. die historischen Tsunami-Ereignisse vor der japanischen Küste).
Eine Besonderheit bei der zukünftigen Entwicklung klimabedingter Extremereignisse ergibt sich aus dem Umstand, dass durch Dürren, Hitzewellen und Stürme die Aufnahmefähigkeit der Böden (Desertifikation, fortschreitende Wüstenbildung) und die der Pflanzen an Kohlendioxid stark zurückgeht und infolgedessen die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre ansteigt und damit auch die globale Erwärmung. Damit entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt auf die Kohlenstoffbilanz der Atmosphäre, dessen Einfluss heute Gegenstand intensiver Forschung ist.Max Planck Institute for Biogeochemistry: (englisch). Wetterextreme heizen Klimawandel an – Die Erderwärmung könnte sich durch meteorologische Extremereignisse selbst verstärken, 14. August 2013. Durch den von Menschen verursachten massiven Ausstoß von Treibhausgasen ist das Katastrophenrisiko durch Klimaerwärmung auch den zivilisatorischen Risiken zuzuordnen, mit den entsprechenden Konsequenzen (siehe Klimapolitik).
Globale zivilisatorische Risiken Das maximale – durch den Menschen geschaffene – Vernichtungspotential besteht in den Atomwaffenarsenalen der Atommächte, dessen Gefährdungspotential (und Einsatzfähigkeit) nach wie vor existent ist. Während der – nunmehr 50 Jahre zurückliegenden – Kubakrise (von 1962) schätzte John F. Kennedy die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Krieges auf 33 % bis 50 %.Noam Chomsky, Im Schatten von Hiroshima, AG Friedensforschung, 2. August 2012. onlineGraham Allison, The Cuban Missile Crisis at 50 – Lessons for U.S. Foreign Policy Today, 2012.
Bei den zivilisatorischen Risiken (z. B. des globalen Finanzsystems) stehen die systemischen Risiken im Vordergrund: Ein systemisches Risiko ist der potentielle Verlust oder Schaden eines gesamten Systems, im Unterschied zum Verlust zu einer Einheit dieses Systems.Global Risks 2010 (PDF; 3,9 MB)
Die Besonderheit systemischer Risiken besteht darin, dass sie durch plötzliche Ereignisse ausgelöst werden, wobei sich im Laufe der Zeit ein Potential mit großen und katastrophalen Auswirkungen aufgebaut hat.
Mechanismen systemischer Risiken Mit zunehmender Globalisierung in allen Bereichen der Wirtschaft, Technik, Umwelt und Kultur steigen auch die Risiken mit globalen Auswirkungen.OECD – Reviews of Risk Management Policies – Future Global Shocks – IMPROVING RISK GOVERNANCE, 2011.OECD – Global Modelling of Natural Hazard Risks, September 2012. (PDF; 6,6 MB) Durch das Streben nach immer größerer Effektivität und höherem Gewinn findet in der globalen Wirtschaft eine immer intensivere Vernetzung und Bündelung der Wirtschafts- und Kommunikationsprozesse statt, die bislang unbekannte weltweite Abhängigkeiten und Risiken zur Folge haben. Wie die Finanzkrise von 2008 gezeigt hat, konnten sich über die ganze Welt kaskadenartig Schocks verbreiten.
Nach Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew durchläuft die Weltwirtschaft immer wiederkehrende Zyklen, die jeweils durch schwere wirtschaftliche Turbulenzen beendet werden. Die grundlegenden Mechanismen für das Kollabieren komplexer System, sei es nun in der Finanzwirtschaft oder einer komplexen Industrieanlage, sind immer dieselben. Charakteristisch für diese Systeme ist, dass sie aus einer praktisch nicht mehr überschaubaren Anzahl von Komponenten bzw. Funktionseinheiten bestehen und über vielschichtige Wirkungsstrukturen das gemeinsame Systemergebnis erzielen (vgl. Charles Perrow, „Normal Accidents“).Charles Perrow: Normal Accidents, Living with High Risk Technologies, Basic Books, USA, 1984.
Die Ursachen globaler Schocks liegen nach CastiJohn Casti: (PDF; 140 kB), 2012. in der Komplexität der Systeme, welche wiederum aus zwei oder mehreren ineinander greifenden komplexen Systemen bestehen. Die Komplexität entwickelt sich schleichend bis zu einem kritischen Zustand, der in einen Systemzusammenbruch (dem „X-Ereignis“) münden kann. Die Finanzkrise von 2008 zeichnete sich beispielsweise durch globale, undurchschaubare Abhängigkeiten zwischen den Finanzinstituten, hochkomplexe Finanzprodukte und eine unwirksame Finanzkontrolle aus (getragen von der Auffassung, der Markt regelt in einem ausreichenden Maß die Prozesse). Der Reaktorunfall von Fukushima von 2011 offenbarte Lücken im hoch komplexen Sicherheitssystem sowie Schwachstellen in der Wirksamkeit seiner Überwachung durch eine enge Verbindung zwischen der Politik und dem Kraftwerksbetreiber. Für – durch den Menschen dominierte – Systeme gibt es nach praktisch keine Daten und vertrauenswürdige Modelle, um solche Entwicklungen vorherzusagen. Wir bewegen uns hier unwissend im Unbekannten (“unknown unknowns”). Lediglich der Grad an Komplexität – wie auch immer messbar – kann hier ein Indikator für die Instabilität des Systems sein.
Um die Kausalzusammenhänge der globalen Bedrohungen besser zu verstehen, sind die sichtbaren Indikatoren, die offenkundigen Schwächen in der Weltwirtschaft, wie wirtschaftliche Ungleichgewichte, stark schwankende Rohstoffpreise und Währungen, kolossale Staatsschulden und Haushaltsdefizite, von den nicht sichtbaren Treibern der dicht gewobenen Verbindungen zwischen den kommerziellen Informations- und Lieferketten der Weltwirtschaft zu unterscheiden.
Die Auswertung der Erfahrungen aus extremen Ereignissen / Naturkatastrophen soll genutzt werden, um die – den Ereignissen zugrunde liegenden – Schadensmechanismen zu erkennen und in internationalen Datenbanken erfasst und allgemein zugänglich gemacht werden, wie z. B. die „OFDA-CRED International Disaster Database“.
Die globalen Schocks haben nach auch eine positive Seite. Sie rütteln eingefahrene, verkrustete Strukturen in der Gesellschaft, den Regierungsinstitutionen und der Industrie auf und eröffnen einen großen Freiheitsraum für ein „neues Denken“, das ohne einen solchen Schock nicht möglich wäre.
Risikomanagement Internationale Institutionen empfehlen zur Gefahrenabwehr durch Umweltkatastrophen auf nationaler Ebene die systematische Anwendung von Risikomanagement (RM). Hierfür soll die multinationale Zusammenarbeit zur Identifikation der Gefahren und Risiken verbessert und intensiviert werden: OECD Reviews of Risk Management Policies – Future Global Shocks: Improving Risk Governance. 2011OECD Reviews of Risk Management Policies – Future Global Shocks – Improving Risk Governance, 4. August 2011. UN – International Strategy for Disaster Reduction (ISDR): A system to support worldwide activities to identify and monitor disaster risks. 1999, 1999. UN – Global Risk Identification Programme (GRIP): National Disaster Observatories and National Risk Information Systems to integrate all existing disaster and risk related information and make it available to all potential users. 2007, 2007. World Bank – Global Facility for Disaster Reduction and Recovery (GFDRR): The principal goal is to reduce human suffering and economic loss caused by natural and man-made disasters. 2006World Bank – Global Facility for Disaster Reduction and Recovery (GFDRR), 2006. EU Commission – Risk Assessment and Mapping Guidelines for Disaster Management: To improve coherence and consistency among the risk assessments undertaken in the Member States at national level. 2010 G20 / OECD – Disaster Risk Assessment and Risk Financing: The value of Disaster Risk Management. 2012G20 / OECD – Disaster Risk Assessment and Risk Financing – A G20 / OECD METHODOLOGICAL FRAMEWORK. (PDF; 2,1 MB)
Mit diesen Programmen sollen insbesondere die Länder mit hohem Katastrophenpotential (wie Erdbeben, Vulkane, Hochwasser, Erdrutsch, Dürre, Waldbrand) in der Anwendung des Risikomanagements unterstützt werden, um die Risiken besser analysieren und verstehen zu können. (Improving disaster risk management capacity in member countries.)
Hierzu zählen insbesondere die Schulung der nationalen Institutionen zum Aufbau nationaler Risikomanagement-Systeme, die Erfassung und Speicherung einheitlicher Daten über naturbedingte und technologische Gefahren, die Entwicklung von Analyse-Werkzeugen, internationale Standards zum RM sowie der Austausch über bewährte Verfahren („Best practice“).
Dieses „neue Wissen“ hat in verschiedenen Ländern bereits auch Eingang in die Schulbücher gefunden und fördert eine Kultur zur Katastrophenvorsorge.
Die wesentlichen Bestandteile des Katastrophen-Risikomanagements sind: Analyse des Katastrophenrisikos durch Identifikation der Gefahren (Bedrohungen) und Ermittlung der Gesamtbreite der möglichen Auswirkungen sowie deren Wahrscheinlichkeiten unter Benennung der – der Analyse zugrunde liegenden – Unsicherheiten. Berücksichtigung des gesamten Spektrums möglicher Katastrophen, ihrer Verursacher (Underlying drivers) unter Verwendung historischer Ereignisse und Trends (wie Klimaveränderung, Terrorismus, industrielle Unfälle).