Das sogenannte Umschulungslager Sandhof befand sich zur NS-Zeit von 1939 bis 1943 im Gutshof Sandhof in Windhag bei Waidhofen an der Ybbs. Ursprünglich proklamiert, um jüdische „Auswanderer“ aus Wien auf ihr Leben in ihrem Zielland vorzubereiten, glich es mehr einem Arbeitslager, in dem KZ-ähnliche Zustände herrschten. Diese zeigten sich vor allem in Misshandlungen und Unterernährung und dadurch, dass die – teils freiwillig gekommenen – jüdischen Arbeiter in völliger Rechtsunsicherheit lebten. Ein ähnliches Lager befand sich in Doppl bei Altenfelden. Namentlich konnten am Sandhof 226 Lagerinsassen nachgewiesen werden; deren Anzahl war vermutlich höher, denn es konnten bisher lediglich für 27 der 44 Monate, die das Lager bestanden hatte, Unterlagen gefunden werden. Der jüdische „Partieführer“ Rudolf Flussmann, der drei Jahre am Sandhof verbrachte, zählte während seiner Zeit 421 Juden.

mini|hochkant=1.4|Der Sandhof bei Windhag im Jahr 2012 Vorgeschichte Hachschara in Österreich 1917 wurde die zionistisch orientierte, weltweite Dachorganisation Hechaluz gegründet, deren Ziel es war, Juden aus den Ländern der Diaspora in Palästina anzusiedeln. Wegen der durch Berufsverbote entstandenen „typisch jüdischen Berufsstruktur“ sollten sie sich mit handwerklichen, vorwiegend landwirtschaftlichen Tätigkeiten vertraut machen und ideologisch geschult werden. So entstand die Hachschara als Vorbereitung für die Alija, die Besiedlung Palästinas. Das Arbeiterzertifikat der Hachschara war Bedingung für die Einreise und die Aufnahme in ein Kibbuz. Im Altreich hatte die Hechaluz bereits 1934 rund 15.000 Mitglieder, 3500 Menschen waren zu diesem Zeitpunkt in Ausbildung. In Österreich hatte die Organisation zunächst kaum eine Bedeutung. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung war assimiliert, ein Teil glaubte daran, sich auch hier genügend Rechte erkämpfen zu können. Nur wenige, vorwiegend über die Jugend-Alija organisierte Jugendliche und junge Erwachsene machten bei jüdischen Gutsbesitzern eine landwirtschaftliche Ausbildung in Form bezahlter Saisonarbeit.

Vom Austrofaschismus zum Anschluss Nach bereits im austrofaschistischen Ständestaat vorangegangenen Denunziationen und Berufsverboten gegenüber der jüdischen Bevölkerung verloren die meisten der 170 000 in Wien lebenden Juden im März 1938 mit dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich ihren Arbeitsplatz. Die im Altreich während fünf Jahren nach und nach eingeführten Nürnberger Gesetze und die Reichsfluchtsteuer galten in Österreich quasi über Nacht. Die Selbstmordrate unter der jüdischen Bevölkerung stieg von fünf bzw. vier im Jänner und Februar auf 79 im März und 62 im April 1938. Der im Rahmen der Aktion Gildemeester gegründete Auswanderungsfonds Wien wurde in die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien eingegliedert. Um die Flucht ohne Vermögensabgabe zu verhindern, wurden die Grenzdienststellen angewiesen, österreichische Juden ohne Ausreisegenehmigungsvermerk festzunehmen.

Ab 1. April 1938 wurden die ersten, zum Teil bereits ab dem 11. März verhafteten österreichischen Juden in kleineren Aktionen und im Juni in der groß angelegten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ in das KZ Dachau eingeliefert. Dies betraf insgesamt rund 1800 vorwiegend wegen ihres offenen Auftretens gegen den Nationalsozialismus als „asozial und kriminell“ eingestufte Juden, wie etwa Jura Soyfer, der als Kommunist und Jude gegen den Nationalsozialismus eintrat.

Flucht Direkt nach dem Anschluss ergriffen nur wenige Juden, vorwiegend Intellektuelle wie Künstler und Wissenschaftler oder zionistisch geprägte Juden, die Flucht. Um möglichst viele Juden zur Auswanderung zu bringen, übernahm die SS unter Adolf Eichmann ab Mai 1938 die Kontrolle über die Israelitische Kultusgemeinde (IKG), deren Angestellte nun den Weisungen von SS und SD unterstanden und den Kontakt mit den deutschen jüdischen Organisationen auf den notwendigsten, schriftlichen Verkehr beschränken mussten. Zugleich richtete die SS die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien ein, die sich die Aufgabe der Vertreibung der Juden mit dem SD teilte. Unter dem zunehmenden Druck zur Auswanderung und der plötzlichen Verarmung trat bis Mitte Mai 1939 etwa die Hälfte der insgesamt rund 200 000 österreichischen Juden die Flucht über die Grenze an. Bis zur Schließung der Grenzen im November 1941 stieg die Anzahl der jüdische Flüchtlinge auf etwa 128 500 an. 15 000 von ihnen wurden später in ihren Exilländern vom nationalsozialistischen Regime eingeholt und von dort in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Unter den (sicheren) Zielländern waren u. a. Großbritannien, Mexiko, Schweden und die USA. Die Schweiz, die anfangs die Flüchtlinge bereitwillig aufnahm, sah sich ab dem Tausch visumpflichtiger, österreichischer gegen deutsche Reisepässe dem Flüchtlingsstrom nicht mehr gewachsen und wollte die Visumpflicht auf alle Deutschen ausdehnen. Am 4. Oktober 1938 einigten sich die Vertreter beider Länder auf die Kennzeichnung jüdischer Reisepässe mit dem Buchstaben „P“. In der Folge wurden mehr als 9000 österreichische Juden auf der Flucht an der Schweizer Grenze abgewiesen. Erst ab Juli 1944 war die Schweiz bereit, Juden als politische Flüchtlinge anzuerkennen.

Novemberpogrome und deren Folgen in Wien Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurden allein in Wien 27 Juden ermordet und 80 durch Misshandlungen schwer verletzt. Rund 6000 Juden wurden festgenommen, davon wurden 3760 ins KZ Dachau gebracht. 1950 jüdische Wohnungen wurden beschlagnahmt. Bis auf den Stadttempel wurden sämtliche Bethäuser und Synagogen in Wien niedergebrannt. 4038 Geschäfte von Juden mussten zusperren. Die restlichen jüdischen Betriebe in Wien wurden bis 3. Dezember zwangsweise geschlossen. Ebenso wurden bereits seit dem „Anschluss“ jüdische Vereine und Fürsorgeeinrichtungen der Reihe nach geschlossen und enteignet.

Schließlich klagte die Fürsorge in Wien darüber, dass die in die Armut getriebene, jüdische Bevölkerung zur Belastung für sie wurde. Um sie zu entlasten, schmiedeten die Stadtverwaltung, der Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, Josef Bürckel, die Vermögensverkehrsstelle und die NSDAP in der zweiten Hälfte des Jahres 1938 Pläne, wonach sie für Juden von der übrigen Bevölkerung separierte „Kolonnenarbeit“ finden wollten. Die Stadt Wien sah auch ihren Wohnungsmarkt durch die Unterbringung der „Kolonnen“ in Barackenlagern entlastet. Noch im selben Jahr wurde das erste Versuchslager in Gänserndorf unter der Bezeichnung „Auswanderer-Umschulungslager“ eingerichtet, das jedoch bereits ein reines Arbeitslager war. Aufgrund ihrer von Schikanen und Brutalität geprägten, „effizienten“ Arbeitsweise der Eichmann unterstellten Zentralstelle nahm Reinhard Heydrich dieses „Wiener Modell“ in sein umfassendes Konzept für eine „fundamentale Neuorientierung der Judenverfolgung“ auf.

Von der Hachschara zur Zwangsarbeit Seit dem Anschluss im März 1938 wurden unter dem zunehmenden Druck zur Auswanderung sowie der plötzlichen Verarmung auch in Österreich Hachschara-Lager der zionistischen Organisationen und der jüdischen Gemeinde in größerem Rahmen, als landwirtschaftliche Lager und städtische Lehrwerkstätten (Haasgasse 10 und Rotensterngasse 12) eingerichtet. Die landwirtschaftlichen Lager befanden sich u. a. in den niederösterreichischen Orten Absdorf, Eichgraben, Fischamend, Kottingbrunn, Moosbrunn, Otterthal, Walpersdorf und St. Andrä-Wördern. Bei den Lokalitäten für die städtischen Ausbildungsstätten und den landwirtschaftlichen Gütern handelte es sich jeweils um „arisierten“ Besitz, der von den jüdischen Organisationen gemietet werden musste. Der ideologische Teil der Ausbildung musste angesichts der Dringlichkeit der Fluchthilfe gänzlich in den Hintergrund treten, die Ausbildung wurde von zwei Jahren auf wenige Wochen verkürzt. Der durch die Verarmung steigenden Bereitschaft auszuwandern, stand eine Welt gegenüber, die nicht daran interessiert war, Massen von mittellosen Flüchtlingen aufzunehmen. Die Vergabe der Flüchtlingszertifikate für Palästina war in der Hand des Palästinaamtes, welches den Anweisungen der Jewish Agency unterstand. Dieses wiederum befand sich unter Kontrolle der britischen Mandatsregierung, für die vor allem Vermögen und gute Ausbildung entscheidend waren. Das Palästinaamt im Altreich misstraute der Eignung der österreichischen Antragsteller ohne zionistische Vorbildung und sah die teilweise schon jahrelang angemeldeten deutschen Juden eher berechtigt; so wurden die Flüchtlingszertifikate zum ständigen Streitthema zwischen der Wiener und der Berliner Organisation. Neben der Hechaluz wurde Mitte 1939 die Mossad le Alija Bet gegründet, die illegale, sehr riskante Transporte nach Palästina organisierte, an welchen viele österreichische Juden teilnahmen. Die Bedingungen für die Aufnahme in einen illegalen Transport waren dieselben wie für das Flüchtlingszertifikat.

Eichmann stockte sein Personal für die Wiener Zentralstelle im Frühherbst 1938 auf, die Posten wurden an „verdiente Parteigenossen“ vergeben. Unter ihnen befanden sich auch die später am Sandhof in leitenden Funktionen eingesetzten SS-Männer, die neben ihrem Einsatz am Sandhof in ganz Europa an der Aushebung und Deportation von Juden mitwirkten. Sie erkannten, dass sich Umschulungslager gut in das System von Ausbeutung und Verfolgung der Juden integrieren ließen.

Die niederösterreichischen Hachschara-Lager wurden nun immer mehr vom organisierten Zwangsarbeitereinsatz beeinflusst, indem sie von den dafür extra geschaffenen Juden-Arbeitsämtern Arbeiten zugewiesen bekamen. Häufig wurden die Arbeitsgruppen von „christlichen“ Vorarbeitern beaufsichtigt und beim Straßen- oder Kraftwerksbau beschäftigt. Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien ging ab Herbst 1938 zur Praxis über, Juden ohne Versicherung und abseits der für Zwangsarbeiter geltenden Tarife zu beschäftigen, was die Gestaltung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen noch mehr einschränkte. Ständige Proteste örtlicher Bauernführer, wonach die in den Hachschara-Lagern untergebrachten Juden ein provozierendes Auftreten hätten, sollen der Grund dafür gewesen sein, dass Eichmann ab Anfang 1939 plante, zwei eigene, dem SD unterstellte Güter in Niederdonau für landwirtschaftliche Umschulungen zu erwerben und dort 1000 bis 2000 Juden unterzubringen.

Gemeinsamkeiten der Lager Doppl und Sandhof Mitte 1939 erwarb der Auswanderungsfonds Wien das Gut Sandhof bei Waidhofen an der Ybbs und eine Pappefabrik in Doppl bei Altenfelden. In beiden Fällen handelt es sich um keine Arisierungen, was jedoch nicht für das Geld gilt, mit dem bezahlt wurde. Beide trugen den Titel „Umschulungslager“ und die zumeist jungen männlichen Insassen wurden großteils aus den Bewerbern für die Umschulungskurse der Jugend-Alijah entzogen, jedoch unterstanden sie dem SD und der SS. Mit den ebenso bezeichneten Einrichtungen der jüdischen Organisationen hatten sie nichts gemeinsam und tauchen auch nicht in den Listen der IKG auf; stattdessen finden sie sich in den Listen der Arbeitsdienstlager. Während jedoch jüdische Zwangsarbeiter außerhalb der Konzentrationslager zumindest schlecht entlohnt wurden, hatten die Insassen von Sandhof und Doppl keinerlei Rechte. Von den geringen Rationen an Lebensmitteln, die den Zwangsarbeitern aufgrund der eigens für Juden bestimmten Lebensmittelkarten zustanden, behielten die SS-Männer noch einen Teil für sich ein. Laut Zeitzeugen wurde den Insassen an Bargeld nur gelegentlich ein geringfügiges „Taschengeld“ ausbezahlt. Dieses wurde aus Zuschüssen der IKG finanziert.