Die Stiftung Familienunternehmen ist eine 2002 gegründete Lobbyorganisation. Die Stiftung wird getragen von rund 600 großen Unternehmen, die sich unter maßgeblicher Kontrolle von Privatpersonen befinden (Familienunternehmen).
2021 wurde die rechtlich unabhängige Stiftung Stiftung Familienunternehmen und Politik (nicht gemeinnützig) ausgegründet. Die Stiftung Familienunternehmen wird als gemeinnützig anerkannte Stiftung weitergeführt.
Die Stiftung Familienunternehmen ist in Stuttgart eingetragen und hat ihren Hauptsitz in München.
Geschichte
Gründung 2002 und erste Projekte 2002 gründete Brun-Hagen Hennerkes die Stiftung Familienunternehmen.
Vor dem Hintergrund der Debatte um die Reform der Besteuerung von Erbschaften und Vermögen setzte sich die Stiftung Familienunternehmen gegen eine Erbschaftsteuer ein. Die Wiedereinführung einer Vermögensteuer lehnte sie ab. Das Thema ist ein zentraler Punkt ihrer Aktivitäten.
Zu den ersten Projekten der Stiftung Familienunternehmen zählte ebenfalls eine Veranstaltungsreihe, in der man den Generationenwechsel als strukturelles Problem für familiengeführte Unternehmen darstellte. Um die Bedingungen des Standorts Deutschland für Familienunternehmen zu verbessern, gab die Stiftung erste Studien beim Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und dem Bonner Institut für Mittelstandsforschung in Auftrag. Sie befasste sich aber auch mit anderen Fragen, etwa der Kapitalrendite und Eigenkapitalquote börsennotierter Familienunternehmen sowie dem Einfluss der Unternehmerfamilien auf die Unternehmenskultur.
2012 eröffnete die Stiftung Familienunternehmen am Pariser Platz in Berlin das „Haus des Familienunternehmens“. Aufgrund der Nähe zum Bundestag und zur Bundesregierung rückte sie in den Fokus ihrer Kritiker. Seit 2022 unterhält die Stiftung Familienunternehmen und Politik eine Repräsentanz in Brüssel.
Gründung der Stiftung Familienunternehmen und Politik Im Juni 2021 gab die Stiftung Familienunternehmen die Gründung der „Stiftung Familienunternehmen und Politik“ bekannt. Diese ist nicht gemeinnützig und übernimmt die Funktion des Lobbyismus sowie den Sitz im „Haus des Familienunternehmens“. Der Zweck dieser Lobbyorganisation ist satzungsgemäß die Förderung des Familienunternehmertums, die Bildung von Netzwerken und der Diskurs politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Themen, soweit diese das Familienunternehmertum nachhaltig beeinflussen. Die „Stiftung Familienunternehmen und Politik“ nimmt an Sachverständigenanhörungen im Deutschen Bundestag teil. Sie hat zehn Mitarbeiter (Stand April 2025). Die Vorsitzenden beider Stiftungen sind identisch.
Mit der Gründung reagierte die Stiftung Familienunternehmen auf das Urteil des Bundesfinanzhofs aus dem Jahr 2019, in dem Netzwerk Attac Deutschland die Gemeinnützigkeit abgesprochen wurde. Das Handelsblatt sah die Aufteilung als „einen geschickten Schachzug, um sich stärker politisch engagieren zu können“.
Die „Stiftung Familienunternehmen und Politik“ gab laut Lobbyregister im Jahr 2024 mehr als 2,2 Millionen Euro für Lobbyarbeit im Umfeld der Bundesregierung aus. Laut dem Transparenzregister der EU wurden im Jahr 2024 zwischen 400 und 500 Tausend Euro für Lobbyarbeit in Brüssel aufgewendet.
Senkung von Unternehmenssteuern, Abschaffung der Wegzugsbesteuerung 2021 forderte die Stiftung Familienunternehmen vor dem Hintergrund der Bundestagswahl 2021 und der COVID-19-Pandemie Steuersenkungen. Das Handelsblatt merkte dazu an, dass der Effekt von Steuersenkungen auf Investitionen unter Ökonomen umstritten und in Studien unklar sei; ein Race to the bottom sei außerdem die Folge.
2022 gab die Organisation als Teil einer Kampagne gegen die Wegzugsbesteuerung eine Studie in Auftrag. Diese würde „radikal in das Schicksal von Familien eingreif[en]“. FragDenStaat berichtete 2026 von Treffen zwischen Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Vertretern der Stiftung Familienunternehmen zum Thema. Laut FragDenStaat gab Reiche „strategische Tipps und versprach Unterstützung“. Die Lobbyarbeit für das Thema Wegzugsbesteuerung sei durch die Stiftung Familienunternehmen nicht im Lobbyregister angeben worden.
2024 erarbeitete und veröffentlichte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen eine Studie mit dem Titel „Standortfaktor Körperschaftsteuer“. Ziel der Studie war es laut Handelsblatt „massiv den Druck auf die Bundesregierung“ aufzubauen, um während der Konjunkturschwäche die Steuern für Unternehmen zu senken. Ein Steuersenkungspaket über 46 Milliarden Euro für Unternehmen wurde 2025 beschlossen.
Stiftungsstruktur
Struktur und Organisation Die Stiftung Familienunternehmen ist eine rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie wurde nach den Vorschriften des Stiftungsgesetzes für Baden-Württemberg errichtet. Ihr Zweck erstreckt sich laut Satzung auf die „Förderung, Information, Bildung und Erziehung“ sowie auf den „wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet des Familienunternehmertums in Europa“, etwa durch Maßnahmen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Die Stiftung verfolgt steuerbegünstigte Zwecke im Sinne der Abgabenordnung.
Der Vorstand hat die Stellung eines gesetzlichen Vertreters und besteht aus mindestens zwei und maximal vier Mitgliedern. Ihre Amtszeit beträgt fünf Jahre.
Das Kuratorium überwacht die Arbeit der Stiftung. Es hat mindestens fünf Mitglieder, deren Amtszeit ebenfalls fünf Jahre beträgt. Das Kuratorium erweitert sich selbst durch Zuwahl. Im Juni 2024 bestand es aus 57 Personen. Mehr als zwei Drittel der Mitglieder vertreten Großunternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Auch Vermögensverwalter sind vertreten.
Das Kuratorium der Stiftung Familienunternehmen wird durch einen wissenschaftlichen Beirat ergänzt.
Netzwerk der Stiftung Familienunternehmen und Finanzierung Die Stiftung Familienunternehmen wird von rund 600 Firmen aus dem Kreis größerer Familienunternehmen getragen bzw. finanziert. Nach eigenen Angaben gibt es keine Einzelspenden, die mehr als zehn Prozent der gesamten Jahreseinnahmen ausmachen. Laut Recherchen von Greenpeace erhebt die Stiftung von ihren Förderern jährliche Beiträge ab rund 13 000 Euro; die Schwesterorganisation Stiftung Familienunternehmen und Politik (SFUP) schließt mit Unternehmen Dienstleistungsverträge in ähnlicher Höhe ab.
Im September 2025 veröffentlichte das ARD-Magazin Panorama erstmals eine Liste bedeutender Förderer der Stiftung. Danach zählen u. a. die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), Bertelsmann, Würth, Rossmann und Deichmann zu den Unterstützern. Von 123 identifizierten Förderern hatten lediglich zwei einen Jahresumsatz unter 50 Millionen Euro; 98 Prozent sind demnach Großunternehmen.
Laut einer parallel veröffentlichten Netzwerkanalyse der Umweltorganisation Greenpeace sind 258 Unternehmen dem Netzwerk zuzuordnen, von denen 98 Prozent mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz erzielen; über 60 Prozent erwirtschaften mehr als 500 Millionen Euro und über 40 Prozent mehr als eine Milliarde Euro. Mindestens 82 der zugeordneten Eigentümerfamilien gelten als Milliardärsdynastien.
Kritik und Kontroversen
Der Politikwissenschaftler Dieter Plehwe (Wissenschaftszentrum Berlin) bezeichnete die fehlende Offenlegung der kompletten Fördererliste als „Verschleierung“ und forderte größere Transparenz.
Der Schwerpunkt des erweiterten Netzwerkes der Stiftung liegt auf Branchen mit besonders hoher Klimabelastung. Die gleiche Studie weist darauf hin, dass rund 90 Prozent der identifizierten Unternehmen besonders emissionsintensiven Branchen angehören und 67 Prozent als „äußerst klimaschädlich“ bewertet werden.
In einer Pressemitteilung wiesen die Stiftungen von sich, dass sie „allein Interessen von ‚Superreichen‘“ vertreten würden. Der Begriff sei ein „Kampfbegriff“, der den „volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beitrag von mittleren und großen Familienunternehmen“, von denen viele hinter deren Stiftungen stehen würden, diskreditiere.
Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit
Politische Einflussnahme, Parteispenden Die Stiftung setzt sich in verschiedensten Projekten mit der Bedeutung und den Interessen von Familienunternehmen auseinander, also Unternehmen, die maßgeblich von einer Eigentümerfamilie oder einem Familienverbund kontrolliert werden. Hierfür pflegt sie den Kontakt zu Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien, etwa auf Veranstaltungen und Kongressen.
Nach Angaben von Greenpeace flossen aus dem Umfeld der Stiftung zwischen 2021 und 2025 mindestens 4,5 Millionen Euro an deutsche Parteien, davon rund drei Viertel an CDU/CSU, weitere größere Summen an FDP, Bündnis 90/Die Grünen und SPD.
Die Organisation distanziert sich von der AfD und von Die Linke. Beide Parteien betrachtet sie als „extrem“; die jeweilige „Wertebasis“ würde in weiten Teilen nicht zu den Mitgliedsunternehmen passen.
Finanzielle Aufwendungen für Lobbyarbeit Gemäß dem Lobbyregister des Deutschen Bundestags betrugen die finanziellen Aufwendungen der Stiftung Familienunternehmen und Politik für das Lobbying im Geschäftsjahr 2022 rund 1,8 Millionen Euro. Im September 2025 dokumentierte Greenpeace, dass die „Stiftung Familienunternehmen und Politik“ in den Jahren 2022 bis 2024 mehr als 6,2 Millionen Euro für Lobbyarbeit in Deutschland sowie über 1 Million Euro auf EU-Ebene aufwendete und damit zu den finanzstärksten ein Prozent der im Lobbyregister erfassten Organisationen zählt.
Studien Die Stiftung vergibt regelmäßig Studienaufträge an einzelne Wissenschaftler oder Forschungsinstitute, die sich u. a. mit gesellschaftlichen, steuerrechtlichen und volkswirtschaftlichen Fragestellungen befassen sollen. Die Ergebnisse der Studien dienen auch dazu, als Instrumente des Lobbying gegenüber Politik und Öffentlichkeit zur gezielten Diskurslenkung eingesetzt zu werden.
Medien- und Journalistennetzwerke Zur weiteren Verbreitung ihrer Anliegen betätigt sich die Stiftung auch in der Ausbildung von Journalisten. Greenpeace berichtet außerdem von langfristigen Kontakten der Stiftung zu Journalistenschulen, darunter die Kölner Journalistenschule und die Deutsche Journalistenschule, um den Begriff „Familienunternehmen“ im öffentlichen Diskurs zu stärken.
Außerdem unterstützt die Stiftung Einrichtungen wie das Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke, das Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen an der Zeppelin Universität, die Forschungsstelle für Familienunternehmen an der Universität Bayreuth, das Institut für Familienunternehmen Ostwestfalen-Lippe an der Universität Bielefeld sowie das Corvinus Center of Family Business an der Corvinus-Universität Budapest. Die Stiftung ist Mitgründerin des Corvinus Center of Family Business. Ferner fördert die Stiftung Dissertationen und Habilitationen.
Tag des Familienunternehmens Die Stiftung lädt jährlich zum „Tag des Familienunternehmens“. 2025 fand die Veranstaltung im Berliner Hotel Adlon statt, u. a. mit einem Auftritt der CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche.
Rezeption
Medienberichte 2017 berichtete das Online-Magazin Krautreporter über die gezielte Beeinflussung von Politikern durch die Stiftung Familienunternehmen im Rahmen der Novellierung des Erbschaftssteuerrechts. Die Stiftung konnte die mutmaßliche Gefährdung von Arbeitsplätzen durch die Erbschaftssteuer auf Rückfrage nicht konkret belegen. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lothar Binding erklärte 2025, der „größte Erfolg der Stiftung“ sei es gewesen, „ein transparentes, faires Erbschaftsteuerrecht zu verhindern“. Dabei spielte die sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung eine zentrale Rolle, die es ermöglicht, auch sehr große Erbschaften von über 26 Millionen Euro weitgehend steuerfrei zu übertragen.