Die gaußsche Osterformel von Carl Friedrich Gauß erlaubt die Berechnung des Osterdatums für ein gegebenes Jahr. In dieser ist der komplette Algorithmus der Osterrechnung formuliert.Gauß selbst sprach von „einfachsten Rechnungs-Operationen“, siehe Gauß: Berechnung des Osterfestes, 1800, S. 121–122 Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird die Formel jedoch als Satz von Gleichungen notiert, die nacheinander zu berechnen sind.

Dieser Gleichungssatz gilt allgemein für den Gregorianischen Kalender, liefert aber nach Ersatz zweier variabler Zwischengrößen durch konstante Werte auch das Osterdatum im Julianischen Kalender.

Die bei der Gregorianischen Kalenderreform aufgestellte Zusatzbestimmung, dass der letzte mögliche Ostersonntag wie bisher der 25. April ist, arbeitete Gauß nicht in die Osterformel ein. Die Formel liefert in seltenen Fällen den 26. April als Ostersonntag. Gauß drückte die entsprechenden Ausnahmeregeln bezüglich seiner Formel – wenn auch mit eigenen Worten – ebenfalls nur verbal aus.

Hintergrund Seit den Beschlüssen des ersten Konzils von Nicäa 325 und aufgrund der im Jahr 525 im Auftrag von Papst Johannes I. begonnenen Arbeiten durch Dionysius Exiguus wird das Osterfest am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond, dem Ostersonntag, gefeiert.

Tag des Frühlingsanfangs ist nach Beschluss der 21. März. Ein am 21. März stattfindender Vollmond gilt bereits als frühestmöglicher Frühlingsvollmond. Der 22. März ist deshalb der früheste Kalendertag, auf den Ostern fallen kann. Im Julianischen Kalender fällt der letzte mögliche Ostersonntag auf den 25. April. Diese Begrenzung wurde im Gregorianischen Kalender in einer Zusatzbestimmung beibehalten. Somit gibt es in beiden Kalendern 35 verschiedene Ostertermine. Ostern hat den Charakter eines beweglichen Feiertages. Das Osterfest spielt eine zentrale Rolle im Kirchenjahr, da von ihm fast alle beweglichen christlichen Feiertage wie Aschermittwoch, Christi Himmelfahrt oder Pfingsten abhängen.

Traditionelle Osterrechnung Der von Dionysius 525 zur Osterrechnung angewendete Algorithmus ist bis heute unverändert. Er wurde nur anlässlich der Gregorianischen Kalenderreform 1582 erweitert. Gauß stellte ihn mittels Gleichungen dar. Vorher wurde die Osterrechnung „von Hand“ mit Hilfe von Tabellen durchgeführt und als Computus paschalis,Arno Borst: Computus – Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, Wagenbach, 2004, ISBN 3-8031-2492-1, S. 34 kurz Computus, bezeichnet. Osterrechner wie bereits Dionysius konnten mit dem eindeutigen Algorithmus Ostertermine für beliebig viele zukünftige Jahre berechnen. Das war erst im Jahre 1582 nach erfolgter Kalenderreform wieder nötig. Gauß arbeitete zwar um 1800 eleganter als seine oft als ComputistenArno Borst: Computus – Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, Wagenbach, 2004, ISBN 3-8031-2492-1, S. 41 bezeichneten Vorgänger, er stellte sich aber in die lange Reihe von seit Dionysius tätigen Osterrechnern, die sich eine erledigte Arbeit immer erneut vornahmen. Im späten Mittelalter war der Computus zeitweise das einzige Kapitel Mathematik der Universitätsausbildung.Heinz Zemanek: Kalender und Chronologie, München, 1990, ISBN 3-486-20927-2, S. 35 und S. 45

Originalfassungen von Gauß div steht für eine ganzzahlige Division (Nachkommastellen werden abgeschnitten).

mod steht für den Divisionsrest bei einer ganzzahligen Division.

Fassung aus dem Jahre 1800 Seine Osterformel veröffentlichte Carl Friedrich Gauß erstmals im Jahre 1800.Gauß: Berechnung des Osterfestes, 1800 In der Einleitung schrieb er:

Er ging damals davon aus, dass die Mondgleichung regelmäßig alle 300 Jahre anzuwenden sei.

Julianischer Kalender Gregorianischer Kalender a = Jahr mod 19  b = Jahr mod 4   c = Jahr mod 7   k = Jahr div 100 p = k div 3 q = k div 4 M = 15M = (15 + k − p − q) mod 30 d = (19a + M) mod 30 N = 6 N = (4 + k − q) mod 7 e = (2b + 4c + 6d + N) mod 7 Ostern = (22 + d + e)ter März(Der 32. März ist der 1. April usf.) Ausnahmen: Falls d=29 und e=6, dann Ostern=50 (19. April) Falls d=28 und e=6 und (11M + 11) mod 30 < 19, dann Ostern=49 (18. April)

Fassung aus dem Jahre 1816 Es gibt einen handschriftlichen Nachtrag unbekannten Datums (nach 1807), worin Gauß die von ihm vorher übersehene, von den Reformern vorgenommene Änderung der Mondgleichung berücksichtigte.Bär: Der Nachtrag zur Osterformel von C. F. Gauss in Die Osterformel von C. F. Gauss Die Korrektur wurde 1816 veröffentlicht und betrifft ausschließlich die Variable p.Gauß: Berichtigung zu dem Aufsatze: Berechnung des Osterfestes, 1816

Julianischer Kalender Gregorianischer Kalender a = Jahr mod 19 b = Jahr mod 4 c = Jahr mod 7 k = Jahr div 100 p = (8k + 13) div 25 q = k div 4 M = 15M = (15 + k − p − q) mod 30 d = (19a + M) mod 30 N = 6 N = (4 + k − q) mod 7 e = (2b + 4c + 6d + N) mod 7 Ostern = (22 + d + e)ter März(Der 32. März ist der 1. April usf.) Ausnahmen: Falls d=29 und e=6, dann Ostern=50 (19. April) Falls d=28 und e=6 und a>10, dann Ostern=49 (18. April)

Gültigkeit Die Gaußsche Osterformel gilt für beliebige Kalenderjahre nach dem Julianischen und dem Gregorianischen Kalender, solange die kirchlichen Regeln für die Festlegung des Osterdatums nicht geändert werden, auch wenn in manchen Darstellungen durch begrenzte Tabellen der Eindruck erweckt wird oder entstehen kann, die Gültigkeit sei auf bestimmte Jahre beschränkt. Allerdings ändern sich die Variablen M und N alle 100 Jahre; aktuell gilt: M = 24 und N = 5.

Eine ergänzte Osterformel Obwohl die Gaußsche Osterformel den Oster-Algorithmus elegant kurz darstellt, wird die in zwei Ausnahmeregeln enthaltene Festlegung des spätesten Ostersonntags auf den 25. April von der Formel selbst nicht erfasst. Eine entsprechende Ergänzung wurde im 19. Jahrhundert von Hermann KinkelinKinkelin: Die Berechnung des christlichen Osterfestes, 1870 angegeben, Christian Zeller schrieb dazu: „Übrigens lässt sich diese Ausnahme auch in die Formel selbst einführen […]“.Zeller: Kalender-Formeln, 1887 Die kompakte Zusammenfassung der gesamten Kalkulation gewann erst im Zeitalter des PC an Interesse, als die dadurch wieder etwas aufwendigere Berechnung, die man nun nicht mehr selbst ausführen musste, eine kleinere Rolle spielte als die übersichtlichere Eingabe in Form eines Programms.

Eine solche Zusammenfassung wurde erneut 1997 von Heiner Lichtenberg vorgestellt, der die Formel außerdem wieder begrifflich gliederte, die Gauß demonstrativ als „eine von jenen Hülfsbegriffen unabhängige […] rein analytische Auflösung“ vorgestellt hatte.Lichtenberg: Zur Interpretation der Gaußschen Osterformel und ihrer Ausnahmeregeln, 1997sie wird zum Beispiel von der PTB angewendet, siehe Wann ist Ostern?Gauß: Berechnung des Osterfestes, 1800, S. 121–122 Sie wird im Folgenden dargestellt.

Zur Bestimmung des Osterdatums für das Jahr X berechne man der Reihe nach folgende Größen:

Schritt Bedeutung Formel 1. die Säkularzahl K(X) = X div 100 2. die säkulare Mondschaltung M(K) = 15 + (3K + 3) div 4 − (8K + 13) div 25 3. die säkulare Sonnenschaltung S(K) = 2 − (3K + 3) div 4 4. den Mondparameter A(X) = X mod 19 5. den Keim für den ersten Vollmond im Frühling D(A,M) = (19A + M) mod 30 6. die kalendarische Korrekturgröße R(D,A) = (D + A div 11) div 29vereinfachte Form nach Kinkelin; bei Lichtenberg: R(D,A) = D div 29 + (D div 28 − D div 29) (A div 11) 7. die Ostergrenze OG(D,R) = 21 + D − R 8. den ersten Sonntag im März SZ(X,S) = 7 − (X + X div 4 + S) mod 7 9. die Entfernung des Ostersonntags von der Ostergrenze(Osterentfernung in Tagen) OE(OG,SZ) = 7 − (OG − SZ) mod 7 10. das Datum des Ostersonntags als Märzdatum(32. März = 1. April usw.) OS = OG + OE

Der vorstehende Algorithmus gilt für den Gregorianischen Kalender.

Für den Julianischen Kalender setzt man M = 15 und S = 0 und erhält auch als Ergebnis ein Datum im Julianischen Kalender. Dieses Datum kann nach folgender Formel in den heute verwendeten Gregorianischen Kalender umgerechnet werden. Man erhält das Datum des Osterfests der Ostkirchen, wie es beispielsweise in Griechenland Verwendung findet:

OS_Ost = OS + (X div 100) − (X div 400) − 2 für wäre dies der .

Gegenüberstellung: Originalformel – ergänzte Formel Gegenübergestellt sind die beiden Voll-Versionen (Gauß und Lichtenberg, siehe oben) für den Gregorianischen Kalender. Die Variable X ist das Kalenderjahr.

Originalformel ergänzte Formel Gaußsche Zykluszahl a = X mod 19A(X) = X mod 19 4. b = X mod 4   c = X mod 7   k = X div 100 K(X) = X div 100 1. p = (8k + 13) div 25   q = k div 4   Korr.: So- u. Mo-Gleichung: M = (15 + k - p - q) mod 30 M(K) = 15 + (3K + 3) div 4 - (8K + 13) div 25 2. Korr.: Sonnengleichung N = (4 + k - q) mod 7 Mondentfernung: d = (19a + M) mod 30 D(A,M) = (19A + M) mod 30 5.   S(K) = 2 - (3K + 3) div 4 3.   R(D,A) = (D + A div 11) div 29 6.   OG(D,R) = 21 + D - R 7.   SZ(X,S) = 7 - (X + X div 4 + S) mod 7 8. Osterentfernung: e = (2b + 4c + 6d + N) mod 7 OE(OG,SZ) = 7 - (OG - SZ) mod 7 9. Ostersonntag: = (22 + d + e) ter März OS = (OG + OE) ter März 10. Der 32. März ist der 1. April usf. OS = 32 ist der 1. April usf.

Ausnahmen Rechenergebnisse in Ausnahmejahren Ausnahmeregeln Jahr 1981 - Ausnahme I Jahr 1954 - Ausnahme II original ergänzt original ergänzt a = 5 A = 5 a = 16 A = 16 b = 1 b = 2 c = 0 c = 1 k = 19 K = 19 k = 19 K = 19 p = 6 p = 6 q = 4 q = 4 M = 24 M = 24 M = 24 M = 24 N = 5 N = 5 d = 29 D = 29 d = 28 D = 28 S =-13 S =-13 R = 1 R = 1 OG = 49 OG = 48 SZ = 1 SZ = 7 e = 6 OE = 1 e = 6 OE = 1 Ostersonntag= 57. März= 26. April Ostersonntag= 50. März= 19. April Ostersonntag= 56. März= 25. April Ostersonntag= 49. März= 18. April

Äußerungen von Gauß zu den Ausnahmen Gauß hat sich viermal schriftlich über seine Methode der Osterbestimmung geäußert, dreimal davon über die Handhabung der Ausnahmen: 1800: „Gibt die Rechnung Ostern auf den 26 April, so wird dafür allemahl der 19 April genommen. […] Gibt die Rechnung d=28, e=6, und kommt noch die Bedingung hinzu, dass 11M+11 mit 30 dividiert [sic] einen Rest gibt, der kleiner als 19 ist, so fällt Ostern […] auf den 18 April“.Gauß: Berechnung des Osterfestes, 1800, S. 129 1807: „nur dann wenn der erste Rest [Anm.: das Jahr mod 19] nicht unter 11 war“Gauß: Noch Etwas über die Bestimmung des Osterfestes, 1807, Ende von Sp. 594 Die zweite Ausnahme ist anders formuliert als 1800, die Auswirkung ist gegenüber der älteren Formulierung aber unverändert. 1811: „Wenn im gregor. Calender die Rechnung Ostern am 26st. April giebt, setzt man allemal den 19t. und wenn sie den 25st. bringt, den 18t.“Gauß: Eine leichte Methode, den Ostersonntag zu finden, 1811, Fußnote auf S. 274 Jetzt ist die zweite Ausnahme unzulässig verkürzt dargestellt. In der Gesamtausgabe ist eine Bemerkung von Alfred Loewy zu diesem Fehler enthalten.Gauß: Werke. Band 11.1, 1927, S. 200 1816: Gauß gab die wesentliche Korrektur wegen der ursprünglich falsch angenommenen Mondgleichung bekannt, äußerte sich aber nicht mehr zu den Ausnahmen.

Siehe auch Gaußsche Pessach-Formel Spencers Osterformel Osterparadoxon zeigt wichtige Ausnahmen und Jahre auf, auf die eine Implementierung im Quelltext geprüft werden sollte

Literatur Carl Friedrich Gauß: Berechnung des Osterfestes, Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde 2, August 1800, S. 121–130 (auch in Gauß: Werke. Band 6, 1874, S. 73–79, im Internet-Archiv) Carl Friedrich Gauß: Berechnung des jüdischen Osterfestes, Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmels-Kunde 5, Mai 1802, S. 435–437 (auch in Gauß: Werke. Band 6, 1874, S. 80–81, im Internet-Archiv) Carl Friedrich Gauß: Noch Etwas über die Bestimmung des Osterfestes, Braunschweigisches Magazin 20, 12. September 1807, Sp. 589–596 (in der Digitalen Bibliothek Braunschweig: 1 2 3 4; auch in Gauß: Werke. Band 6, 1874, S. 82–86, im Internet-Archiv)