Als Chemiestudium wird in Deutschland die Ausbildung zum Chemiker in einem Bachelor-, Master- oder Lehramtsstudiengang der Chemie an einer Universität oder Hochschule bezeichnet. In Deutschland waren bis etwa zum Jahr 2010 Diplomstudiengänge in der Chemie die normale Ausbildungsmöglichkeit, die weitestgehend durch die Bachelor- und Masterstudiengänge abgelöst wurde.
Geschichtliches zum Chemiestudium Das wissenschaftliche Chemiestudium entwickelte sich erst unter den Lehrern Justus Liebig (Theoretiker der Düngelehre) und Karl Wilhelm Gottlob Kastner um 1844 aus gewerblich-handwerklichen Disziplinen bzw. aus chemischen Unterbereichen des Medizinstudiums zu einem reinen Chemiestudium mit Laboratoriumsunterricht an Universitäten.Otto Krätz: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, 1972, ISBN 3-527-25518-4, S. 263.
Zwischen 1848 und 1854 traten schwere Missernten in der Landwirtschaft in Deutschland auf; die Regierungen meinten, dass die revolutionären Stimmungen, die in der Revolution von 1848/49 zum Ausdruck kamen, in der Bevölkerung durch die Verschlechterung der landwirtschaftlichen Erträge mit ausgelöst worden seien. Darauf erfolgte eine stetige Unterstützung der Hochschulchemie nach den Ideen von Justus Liebig.Otto Krätz: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, 1972, ISBN 3-527-25518-4, S. 264.
Für die ersten Hochschullehrer war der innere Drang zur Wahrheitsfindung für eine Befähigung zu einem Chemiestudium ausschlaggebend. Eine innovative Einstellung, die auf wissenschaftlichem Arbeiten und Beobachten sowie logischem Ableiten und Hypothesenbildungen basierte, war Grundvoraussetzung für den Zugang zum Chemiestudium. Die Vorstellung durch eine Entdeckung oder Erfindung viel Geld zu verdienen, war zwar ausgeprägt, jedoch nicht alleiniges Ziel der Studenten.
Justus von Liebig kritisierte die Gedanken von Francis Bacon, die Wissenschaft nur als nutzorientiert, zum wirtschaftlichen Vorteil zu betrachten:
Andere Chemiker, wie beispielsweise Friedrich Bergius, hatten jedoch durchaus eine wirtschaftliche Sicht zur Chemie und Wissenschaft.
Zwischen 1870 und 1900 gab es Diskussionen um die Inhalte des Chemiestudiums. Industrievertreter wünschten eine praxisnahe Ausbildung und vergleichbare Abschlüsse. Hochschullehrer wie Adolf von Baeyer oder Wilhelm Ostwald wünschten sich die Bewahrung der Freiheit in der Forschung.
Der Physikochemiker Paul Günther schrieb 1963: „Erkennen gilt als der edelste und menschlichste Akt, sofern dabei Gehalte erfaßt werden, in denen sich der Mensch entfaltet und an denen er sich innerlich bereichert.“Hans-Werner Schütt: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, 1972, ISBN 3-527-25518-4, S. 308.
Bis zum heutigen Tage schult das anorganisch-analytische Praktikum logisches Denken und exaktes wissenschaftliches Arbeiten und ist damit der erste große praktische Befähigungsnachweis für ein Chemiestudium.
In der Frühphase des reinen Chemiestudiums (nach 1872) waren die Berufsaussichten für Chemiker noch keineswegs günstig, viele ausgebildete Chemiker waren arbeitslos und das Fach war als Wissenschaft noch keineswegs anerkannt. So lebte Friedrich August Kekulé als Privatdozent bei Bunsen in Heidelberg völlig vom eigenen Geld und bezahlte seine Forschungen und die Miete für das Labor aus eigenen Mitteln. Von 1888 bis 1914 stieg die Zahl der Chemiestudenten drastisch an. Die Chemiestudenten kamen fast ausnahmslos aus dem Bürgertum, Söhne aus dem Adel oder der Arbeiterschaft gab es kaum. Ein zehnsemestriges Studium kostete 1913 mit Prüfungsgebühren etwa 10.000 Mark. mini|Chemisches Labor der Universität Leipzig, 1898
Im Jahr 1888 gab es in Deutschland 20 Universitäten mit einem Chemiefachbereich und 9 Technische Hochschulen. Zwischen den mehr wissenschaftlich orientierten Universitäten und den stärker praxisorientierten Technischen Hochschulen – insbesondere bei der Einführung des Lehrfaches Technische Chemie – entzündete sich damals ein Disput über die Vorzüge der Hochschultypen.Hans-Werner Schütt: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, 1972, ISBN 3-527-25518-4, S. 288. An den Technischen Hochschulen wurde zusätzlich auch Maschinenlehre, Baukonstruktion und Maschinenzeichnen unterrichtet.
Schon um 1900 umfasste das Chemiestudium die klassische Laborarbeit mit qualitativen und quantitativen anorganischen Analysen und organisch-präparativen Praktika. Auch Physik, Biologie, Mathematik und später auch verstärkt physikalische Chemie wurden gelehrt. Nach durchschnittlich zwei Jahren wurde das mündliche Vordiplom absolviert, nach einem oder zwei weiteren Jahren wurde die Diplomarbeit abgeschlossen. Der Regelabschluss des Chemiestudiums war die Promotion zum Doctor philosophiae (Dr. phil.) oder zum Doctor rerum naturalium (Dr. rer. nat.), wozu man 8–10 Semester benötigte.
Im Jahr 1913 waren 3240 Chemiestudenten an den deutschen Universitäten immatrikuliert. Jährlich verließen etwa 320 Chemiker die Universitäten. Nach dem Rückgang der Zahl der Chemiestudenten im Ersten Weltkrieg stieg sie schnell an und erreichte im Jahr 1922 mit 7325 Studenten und 1923 mit 1000 Chemieabsolventen einen Höhepunkt. 1927 verdüsterten sich die Aussichten für junge Chemiker, 2000 Chemiker waren arbeitslos – auch wenn Industriechemiker wie Carl Bosch betonten, dass Chemiker auch in schlechten Wirtschaftsjahren eingestellt und sie mitunter für eine Weile „auf Eis gelegt“ würden.
Von 1950 bis 1985 war die Arbeitslosigkeit bei Chemikern sehr gering. 1969 gab es in den alten Bundesländern über 8800 Chemiker, die eine Anstellung in der Chemieindustrie gefunden hatten. Weitere 8000 hatten eine Anstellung an den Universitäten im Bereich Forschung und Lehre. Auch in anderen Bereichen der Wirtschaft sowie in staatlichen und kommunalen Untersuchungsämtern fanden Chemiker Beschäftigung. Die Gesamtzahl der Chemiker lag damals – in den alten Bundesländern – bei 20.000.Hans-Wolfgang Fritzsche: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, 1972, ISBN 3-527-25518-4, S. 334–336.
In den alten Bundesländern studierten mehr Männer als Frauen, auch in der Chemieindustrie wurden männliche Bewerber bevorzugt. In den sechziger und siebziger Jahren lag der prozentuale Anteil der Chemiestudentinnen bei nur ca. 10 %. Noch im Jahr 1989 gab es nur 17,5 % Doktorandinnen in Chemie. In der DDR (bzw. den neuen Bundesländern) war die Zahl der männlichen Studenten (1325) und weiblichen Studentinnen (1350) in der Chemie im Jahr 1990 ausgeglichen; die Studentenzahl war jedoch planerisch festgelegt worden. In den alten Bundesländern lag die Zahl der Chemiestudenten im gleichen Jahr 1990 – auch bedingt durch die geburtenstarken Jahrgänge – bereits bei 36.400 (etwa ein Faktor 15 im Vergleich zu den neuen Bundesländern).
Seit Mitte der achtziger Jahre hatten sich die Arbeitsmarktchancen für Chemiker in den alten Bundesländern verschlechtert. 1983 lag die Zahl der Promotionen noch um 1000 pro Jahr, 1992 schon bei über 2200 pro Jahr. Die jährliche Umfrage der GDCh an den Hochschulen (siehe unten) ergab Anfang der neunziger Jahre, dass über 20 % der gemeldeten Chemieabsolventen stellungssuchend waren.Homepage GDCh: „Chemiestudiengänge in Deutschland“, Statistische Daten 2006, S. 11. Die Zahl der suchenden Absolventen war vermutlich noch höher, da viele in befristeten Stellen „parkten“. Im Jahr 1993, der schwersten Arbeitsmarktkrise für Deutschlands Chemiker seit 1929, gab es eine Diskussionsrunde bei der GDCh über „Berufsperspektiven und Studienanfänger“. Der Tenor der Diskussion war, dass die Neueinstellungen der Chemieindustrie auf 50 % gesenkt werden müssten, neue Tätigkeitsfelder für Chemiker erschlossen werden sollten (zum Beispiel bei Banken und Versicherungen), vorab eine stärkere Selektion und der „Mut zum Studienwechsel“ für weniger talentierte Chemiestudenten gestärkt werden sollte.
Im Jahr 2005 lag die Arbeitslosigkeit für Chemiker in den alten Bundesländern bei 9,1 %, in den neuen Bundesländern jedoch bei 24,3 %. 2009 lag in Deutschland der Anteil der stellensuchenden promovierten Chemiker laut GDCh bei 8 %,Bericht zum Jahr der Chemie 2009. 2014 bei 13 %.Die GDCh-Statistik der Chemiestudiengänge.
Zulassungsbeschränkungen Bundesweite Zulassungsbeschränkungen existieren nicht. Das Chemiestudium (Diplom, Staatsexamen, Bachelor) ist auch in den letzten 10 Jahren nicht durch Numeri clausi belegt gewesen, allerdings wurde in Bochum aufgrund hoher erwarteter Bewerberzahlen durch das Abitur ab 2013 eine Zulassungsbeschränkung beantragt, welche ab dem Wintersemester 2011/2012 in Kraft trat. (PDF; 15 kB). An der RWTH Aachen gab es seit dem Wintersemester 2009/2010 einen Numerus clausus für den Bachelor-Studiengang.Informationen zum Numerus clausus an der RWTH Aachen. Lebensmittelchemie ist an einigen Hochschulen zugangsbeschränkt. Jedoch wird hier auch ein Großteil der Bewerber zugelassen, da die Bewerberzahl relativ niedrig ist. Studienrichtungen wie Biochemie oder Wirtschaftschemie haben häufig lokale, von der Hochschule festgelegte Zulassungsbeschränkungen. Informationen hierzu sind von der Wunschhochschule (Chemiefakultät, Studienberatung) zu erfahren.
Studiengang Diplom-Chemie Der Studiengang Chemie existiert in Deutschland an Universitäten und Fachhochschulen. Üblicherweise wurde er bis etwa 2010 mit dem akademischen Grad Diplom-Chemiker oder neuerdings an den meisten Universitäten und Fachhochschulen mit dem Bachelor/Master of Science abgeschlossen. Zurzeit (2026) ist die TU Freiberg die einzige Universität, in der man sich in einen Studiengang Diplom-Chemie neu einschreiben kann. Daneben kann man Chemie meist auch als Nebenfach in einem Magisterstudium belegen. Besonders bei Technischen Hochschulen/Universitäten ist auch der Abschluss Diplom-Ingenieur Chemie (in der Regel in Verbindung mit Pflichtvorlesungen und einer Diplomprüfung in Technischer Chemie) möglich.
Das Grundstudium bestand aus Vorlesungen, Seminaren und Praktika. Die Leistungskontrolle erfolgte bei Vorlesungen durch Klausuren und bei Praktika durch Laborprotokolle. wurde in der Regel in 4–5 Semestern mit den Vordiplomsprüfungen abgelegt. Mit Abschluss des Vordiploms erhielt der Student ein Vordiplomzeugnis. Anschließend folgte das Hauptdiplom, welches normalerweise nach weiteren vier bis fünf Semestern absolviert wurde. Im Hauptdiplom konnte sich der Student auf ein Fachgebiet spezialisieren und dort seine Diplomarbeit anfertigen. In der Diplomarbeit musste der Student innerhalb eines halben bis ganzen Jahres seine Fähigkeiten in der Chemie nachweisen.
Studienfächer Die Inhalte im Grund- und Hauptstudium variieren je nach Hochschulort etwas. Manches, was unter Grundstudium wiedergegeben wird, ist an einem anderen Hochschulort Stoff des Hauptstudiums und umgekehrt. Außerdem sind die Pflichtfächer im Hauptstudium unterschiedlich festgelegt. An einigen Universitäten ist in der Regel Technische Chemie ein Pflichtfach oder es gibt besondere fachübergreifende Synthesepraktika. Außerdem ist an manchen Universitäten Theoretische Chemie in die Physikalische Chemie integriert, an anderen ist es eigenständiges (Pflicht)-Fach. Ferner gibt es eine große Fülle an Wahlpflichtfächern, das Angebot an den einzelnen Hochschulorten variiert jedoch sehr stark in Abhängigkeit von den sonst gelehrten Fächern.
Im Grundstudium: Allgemeine Chemie – allgemeine Grundlagen der Chemie Physikalische Chemie – Chemische Thermodynamik, Elektrochemie, Reaktionskinetik, Einführung in die Quantenmechanik Anorganische Chemie – Anorganisch-Qualitative Analytische Chemie, Eigenschaften der Metalle und Nichtmetalle (sog. Stoffchemie) Organische Chemie – Stoffklassen und Funktionelle Gruppen, Reaktionsmechanismen Analytische Chemie – Quantitative Analyse, Strukturanalytik (Experimental-)Physik – allgemeinen Grundlagen der Experimentalphysik (Grundzüge aus Mechanik, Elektrizitätslehre, Magnetismus, Optik, Wärmelehre, Spezieller Relativitätstheorie, Atomphysik)