Die Drusen ( sowie ) sind eine arabischsprachige Religionsgemeinschaft im Nahen Osten. Ursprünglich eine Abspaltung vom schiitischen Islam, wird sie wegen Unterschieden in Lehre und Praxis heute nicht mehr zu diesem gezählt. Der Koran wird nicht wörtlich, sondern allegorisch gelesen. Daraus ergibt sich für das Drusentum ein mystisches Verständnis von Gott, der sich in Menschen manifestieren kann. Missionierung ist verboten, andere Religionen werden vom Drusentum toleriert, so auch nicht-abrahamitische geistige und spirituelle Autoritäten wie z. B. Sokrates, Platon oder Buddha.

Angehörige der drusischen Gemeinschaft leben heute vor allem in Syrien (ca. 700.000, etwa 3 % der Bevölkerung),Syria: Situation of the Druze, including whether they are preceived to be loyal to President Assad by the insurgent groups; treatment by the authorities and the insurgent groups (January 2015–November 2015). Refworld, 26. November 2015 im Libanon (ca. 280.000, etwa 4,5 % der Bevölkerung) und in Israel (125.300, 1,6 % der Bevölkerung im Jahr 2004).Statistical abstract of Israel – Population by religion. 2010

miniatur|Drusen im jordanischen Dorf Umm el-Quttein an der Grenze zu Syrien

Geschichte Das Drusentum entstand im frühen 11. Jahrhundert im Fatimidenreich zur Herrschaftszeit von Kalif al-Hākim als Abspaltung der ismailitischen Schia. Begründer der drusischen Lehre war Hamza ibn Ali ibn Ahmad, ein persischer Missionar aus Chorasan, der zu dieser Zeit in der fatimidischen Daʿwa tätig war. Er behauptete im Jahre 1017, die Ära des (eschatologischer Herrscher) sei angebrochen und der regierende fatimidische Kalif al-Ḥākim sei Gott. Auch lehrte er die Abrogation der koranischen Offenbarung und ihrer ismailitischen Deutung; an die Stelle beider sollte das bloße Bekenntnis von Gottes Einzigkeit () treten, das alle gottesdienstlichen Handlungen überflüssig macht. In seinen in den Jahren von 1017 bis 1020 entstandenen Sendschreiben entwickelte Hamza eine neue Theologie – eine Kompilation von ismailitischen, neuplatonischen und extremschiitischen Vorstellungen und Begriffen. Hamza sandte eigene Missionare in die verschiedenen ismailitischen Gemeinden Ägyptens und Syriens. Einer seiner Missionare mit dem Beinamen ad-Darzī entfaltete in Kairo eine so rege Missionstätigkeit, dass die neue Lehre dort nach ihm als benannt wurde; ihre Anhänger wurden als bezeichnet.Vgl. Heinz Halm: Die Schia. Darmstadt 1988. S. 220f.

Der Kalif selbst duldete das Treiben der drusischen Missionare. Sein Verschwinden im Februar 1021 bei einem seiner nächtlichen Ausritte bestärkte die Drusen noch in ihrem Glauben an seine Göttlichkeit. Während Hamza verstummte, weitete sein Stellvertreter al-Muqtanā die Daʿwa auch auf ismailitische Gemeinden außerhalb des Fatimidenreiches aus, in den Irak und den Iran, den Hedschas, den Jemen, Bahrain und Indien. Auf ihn geht wahrscheinlich auch die Sammlung der „Sendschreiben der Weisheit“ () zurück, die bis heute die wichtigste Heilige Schrift der Drusen darstellt. Im Fatimidenreich mussten die Drusen geheim operieren, denn al-Ḥākims Nachfolger az-Zāhir (reg. 1021–1036) verbot in Edikten die drusische Lehre und ließ ihre Anhänger verfolgen. Innere Streitigkeiten führten schließlich dazu, dass die drusische Daʿwa schon im Jahre 1034 eingestellt wurde.Vgl. Halm 1988, 222.

Die Drusen schlossen sich jetzt nach außen hin ab und zogen sich in entlegenere Gebirgsgegenden zurück, so zum Beispiel in das Chouf-Gebiet im Libanon-Gebirge. Hier trat im 15. Jahrhundert der drusische Moralist ʿAbdallāh at-Tanūchī (1417–1479) auf, der von den Drusen mit dem ehrenden Beinamen bezeichnet wird. Er schrieb einen grundlegenden Kommentar zu den und schuf ein System von moralischen Regeln, das als bekannt ist und bis heute als Elementar-Codex drusischer Lebensführung gilt.Vgl. Kais M. Firro: Art. al-Tanūkhī, Djamāl al-Dīn ʿAbdallāh in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. X, S. 192b. mini|Hauptstadt des Emirats Berglibanon war Deir al-Qamar, zu dessen denkmalgeschütztem Zentrum ein Palast von Fachr ad-Din II., zwei Chéhab-Paläste, eine sunnitische Moschee (im Bild), eine Synagoge (rechts dahinter), zwei drusische Gemeinschaftshäuser, zwei maronitische, eine griechisch-orthodoxe, eine griechisch-katholische Kirche und eine Karawanserei (rechts) gehören. Im Libanongebirge, besonders im Gebirgsabschnitt Chouf, wurde im frühen 16. Jahrhundert ein Emirat als vom Osmanischen Reich abhängiges Regionalreich gegründet, das bis 1697 von der drusischen Maʿn-Dynastie regiert wurde. Ihr wichtigster Emir war Fachr ad-Dīn II. (reg. 1590–1635), der seinen Herrschaftsbereich über Tripoli hinaus nach Nordwestsyrien, über Palmyra nach Zentralsyrien und nach Nordpalästina ausdehnte.Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon. Baden-Baden 1990, S. 75–78 Nach vorübergehendem Exil in der Toskana 1613–1618 strebte Fachr ad-Dīn II. die Unabhängigkeit von den Osmanen an, bis er in osmanischer Gefangenschaft hingerichtet wurde.

In dieser Zeit begannen die drusischen Besiedlungen benachbarter Gebirgsregionen vom Libanongebirge mit dem Chouf ausgehend, so des Hermon-Massivs mit den benachbarten Golanhöhen, des Hauran-Gebiets mit dem Dschabal ad-Duruz (Drusengebirge), des galiläischen Berglandes und des Karmelgebirges, die im 18. Jahrhundert, bzw. einer zweiten Besiedlungswelle des Karmel im 19. Jahrhundert ihren Abschluss fanden.

Im Libanongebirge bildeten sich politische Allianzen mit den dort lebenden und nach dem Mittelalter zahlreicheren maronitischen Christen, deren Notabeln und Großgrundbesitzer ( = „Führer, Anführer“, Plural: zuʿamāʾ) neben den drusischen zuʿamāʾ zur führenden Schicht im Emirat aufstiegen. Im 18./19. Jahrhundert wurde dieses Emirat deshalb nur noch „Emirat Berglibanon“ genannt. Nach dem Aussterben der Maʿn-Dynastie 1697 bestimmten die drusischen und maronitisch-christlichen Notabeln gemeinsam die mit den Maʿn mehrfach verwandte Schihab-Familie (häufigere franz. Umschrift Chéhab) zur Dynastie des Emirats.Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon. Baden-Baden 1990, S. 78–80 Die Schihabs stammten aus der Hermon-Region, die Emire waren aber (mit einer gesicherten Ausnahme) wahrscheinlich allgemein sunnitischer Religion, was sie zu unparteiischen Vermittlern zwischen den drusischen und maronitischen zuʿamāʾ machte und den Kontakt zum sunnitischen Hegemonialreich der Osmanen sicherte. Nebenlinien der Familie konvertierten aber pragmatisch und unkonventionell zur maronitisch-christlichen, seltener drusischen Religion, was ihre Herrschaft festigte; bis heute gibt es Chéhabs verschiedener Religion. mini|Unterteilung des Berglibanon unter direkter osmanischer Herrschaft 1842–1860 in einen maronitischen und drusischen Bezirk mini|hochkant=0.7|links|Landsitz der drusischen Notabeln-Familie Dschumblat in Moukhtara südöstlich von Deir al-Qamar. Stich von 1861. Bis heute Hauptwohnsitz von Walid Dschumblat Die Kooperation wich im späten Osmanischen Reich 1840–1842 und 1858–1860 und erneut im libanesischen Bürgerkrieg 1975–1990 kriegerischen Konflikten. Das drusisch-maronitische Gleichgewicht im Berglibanon geriet ins Wanken, als sich der Gouverneur (wālī) von Ägypten, Muhammad Ali Pascha (reg. 1805–1848) vom Osmanischen Reich löste und mit französischer Unterstützung in die Levante expandierte, woraufhin sich der Emir des Berglibanon, Baschir Schihab II. (reg. 1789–1840) mit Ägypten und Frankreich verbündete, zum maronitischen Christentum konvertierte und seinen Herrschaftsbereich ebenfalls auf Kosten der Osmanen erweiterte. Um diesen Machtzuwachs Frankreichs und seiner Verbündeten zu behindern, knüpfte Großbritannien enge militärische Beziehungen zum Osmanischen Reich und auch zu maßgeblichen drusischen zuʿamāʾ-Geschlechtern, wie den Familien Dschumblat, Yazbak und Arslan. Die Osmanen setzten 1840 den rebellierenden Baschir II. ab, die Rivalitäten zwischen den französisch unterstützten maronitischen und den britisch unterstützten drusischen zuʿamāʾ-Geschlechtern eskalierten aber unter seinem Nachfolger zu Kriegshandlungen z. B. um die Hauptstadt Deir al-Qamar. Daraufhin setzten die Osmanen den letzten Emir Baschir III. (1840–1842) ab und übernahmen direkt die Verwaltung des Berglibanon, den sie in einen nördlichen maronitischen und einen südlichen drusischen Bezirk teilten, obwohl auch im Norden Drusen lebten, im Süden sogar etwas mehr Maroniten als Drusen.Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon. Baden-Baden 1990, S. 80–83

Im Jahr 1858 begann im Nordbezirk eine maronitische Bauernrevolte unter Tanyus Schahin, die im Kisrawan-Gebiet die maronitischen Notabeln als Großgrundbesitzer enteignete. Als die Revolte 1859 auf den Südbezirk übergriff, konnten drusische Großgrundbesitzer als zuʿamāʾ drusische Bauern gegen sie mobilisieren, indem sie die Revolte als maronitischen Angriff auf die Drusen im Libanongebirge hinstellten und den sozialen Konflikt so zu einem Konflikt zwischen den Religionsgemeinschaften umfunktionierten. Im Laufe des Jahres nahmen gegenseitige drusisch-maronitische Übergriffe zu und mündeten im Mai–Juli 1860 in den offenen Bürgerkrieg im Libanongebirge, der sich unter sunnitischer, schiitischer, griechisch-orthodoxer und griechisch-katholischer Beteiligung als Religionskonflikt bis nach Syrien und Nordpalästina ausdehnte. Der Krieg wurde durch eine Intervention der französischen Armee beendet, die die wieder vereinigte autonome Provinz Mutesarriflik Libanonberg begründen ließ, die zur Keimzelle des späteren Libanon wurde und in den folgenden Jahrzehnten besonders im Küstenstreifen (südlich von Beirut auch drusisch dominiert) ökonomisch aufblühte.Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon. Baden-Baden 1990, S. 84–88

mini|Drusenstaat (blau, 1922–1936) innerhalb des Französischen Völkerbundsmandats für Syrien und Libanon In den 1920ern richtete die französische Mandatsverwaltung im Hauran-Gebiet im Südwesten Syriens mit dem Drusenstaat einen autonomen Teilstaat ein, um den syrischen Widerstand gegen die Kolonialherrschaft zu zersplittern. Nachdem Drusen, wie Sultan Pascha al-Atrasch aus der wichtigsten drusischen zuʿamāʾ-Familie des Hauran, sich jedoch 1925–1927 an die Spitze der Syrischen Revolution gestellt hatten, wurde der Dschebel ad-Duruz dem restlichen Syrien wiedereingegliedert (siehe auch: Geschichte Syriens). Die Drusen leisteten bewaffneten Widerstand. Um diesen zu brechen, richteten die Franzosen ein Massaker an Drusen und Kurden an. Sie stellten die Leichen auf dem Marktplatz von Damaskus zur Schau.

Als im libanesischen Bürgerkrieg die christliche Miliz Forces Libanaises erfolglos 1982–1984 versuchte, die Chouf-Region zu erobern, wobei sie auch drusische Zivilbevölkerung angriff und vertrieb, beantwortete das die „Drusenmiliz“ der PSP mit einer gewaltsamen Vertreibung der christlichen Bevölkerung des Chouf im Februar 1984.Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon. Baden-Baden 1990, S. 354–375 Nach Ende des Bürgerkrieges 1990 kehrte aber die Mehrheit der christlichen Flüchtlinge in die Chouf-Region zurück.

Lehre miniatur|Symbol der Drusen miniatur|Flagge der Drusen Obwohl der Glaube der Drusen stark von der ismailitischen Tradition geprägt ist, sind die Unterschiede so groß (z. B. durch Beimischung von Platonismus und Neuplatonismus, Seelenwanderung), dass man von einer eigenständigen Religion und nicht von einer Richtung des Islam sprechen muss. Die Drusen haben eine allegorische Interpretation des Koran mit einer eigenen Doktrin.