mini|Ngaio Marsh, ca. 1935 Dame Edith Ngaio Marsh DBE (* 23. April 1895 in Merivale, Christchurch; † 18. Februar 1982 in Christchurch, Neuseeland) war eine neuseeländische Schriftstellerin, Schauspielerin und Theaterregisseurin.

Marsh gilt als eine der bedeutenderen Verfasserinnen der klassischen Detektivgeschichten, wie sie vor allem von britischen Autoren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verfasst wurden. Marsh schrieb zwischen 1934 und 1982 32 Detektivromane. Viele davon spielen im Theatermilieu, häufig drehen sie sich um Shakespeare’sche Dramen. Serienheld von Ngaio Marsh ist Roderick Alleyn, wie der Prototyp vieler englischer Autoren von adeliger Abstammung, zugleich aber Inspektor bei Scotland Yard. Die Mystery Writers of America (MWA) nominierten Marsh zwei Mal für den Edgar Allan Poe Award. 1978 erhielt Marsh die höchste Auszeichnung der MWA, den Grand Master Award, für ihre Leistung für die Kriminalliteratur.

Marsh persönlich war ihre Arbeit als Theaterregisseurin und Mentorin von Schauspielern wichtiger als ihre schriftstellerische Laufbahn. Sie setzte sich über mehrere Jahrzehnte dafür ein, in Neuseeland eine feste Schauspielgruppe zu etablieren. Eines der ersten festen Theaterhäuser in Christchurch wurde nach ihr Dame Ngaio Marsh Theatre benannt.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 246. 1966 wurde Marsh „für ihre Leistungen auf dem Theatersektor“ von Königin Elisabeth II. als Dame Commander of the Order of the British Empire geadelt.

Leben Familie und Kindheit mini|hochkant|Ngaio Marsh mit zwei Puppen, ca. 1905 mini|hochkant|Ngaio Marsh als Vertrauensschülerin in der Uniform des St. Margaret's College, etwa zwischen 1910 und 1914 Marshs Vater Henry Edmund Marsh entstammte einer britischen Familie, die ihre Herkunft sowohl auf die Familie de Marisco, eine der Piraterie nachgehende Familie der Insel Lundy, als auch auf Richard Stephen March, einen Höfling aus der Zeit Charles’ II., zurückführte. Die Familie war verarmt; ihr Vater hatte in London eine Banklehre absolviert und war 1888 nach Neuseeland emigriert. Seine berufliche Laufbahn war allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Er blieb zeitlebens einer der unteren Angestellten der Bank of New Zealand.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 227.

Ngaio Marshs Großvater mütterlicherseits Edward Seager hatte verschiedene öffentliche Ämter in Christchurch wahrgenommen, Rose Elizabeth Seager – die Mutter von Ngaio Marsh – war das fünfte von insgesamt elf Geschwistern und hatte als junge Frau auf der Bühne gestanden. Ihre Bühnenkarriere gab sie auf, als sie 1894 Henry Marsh heiratete.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 229.

Marsh lernte mit etwa vier Jahren Lesen und besuchte ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr eine private Grundschule, die sie 1907 abschloss. Danach engagierten ihre Eltern eine Gouvernante für ihre einzige Tochter, die sie unter anderem mit Shakespeare bekannt machte. Sie wurde außerdem im Klavierspielen unterrichtet und erhielt Zeichen- und Malunterricht. Als sie 1910 im St. Margaret's College, einer weiterführenden Schule, eingeschrieben wurde, geschah dies auch mit der Erwartung, dass Ngaio Marsh eine künstlerische Karriere verfolgen würde.

Erste Erfolge als Regisseurin und Autorin St. Margaret's war eine neue und teure Privatschule für Mädchen, die von Nonnen einer anglikanischen Ordensgemeinschaft geführt wurde. Marsh erkannte erst später das finanzielle Opfer, das ihre Eltern brachten, als sie ihr einziges Kind an dieser Schule anmeldeten, die für ihre Ausbildung berühmt war.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 231. Marsh reüssierte an dieser Schule: Ihre Faszination mit Shakespeare wurde weiter verfestigt, sie wurde Ko-Herausgeberin des Literaturmagazins der Schule, wurde in einem nationalen Essay-Wettbewerb ausgezeichnet und zur Vertrauensschülerin gewählt. Die Schule förderte außerdem ihre Begeisterung für das Theater. Ngaio schrieb ein kurzes Theaterstück für die unteren Klassen und führte Regie, als es aufgeführt wurde. The Moon Princess, ein Stück, das ebenfalls von ihr geschrieben und im Freundeskreis aufgeführt wurde, erhielt sogar Besprechungen in der lokalen Zeitung. Als Anerkennung erhielt Marsh von ihrem Großvater unter anderem ein Samt-Jacket, das angeblich dem großen Shakespeare-Mimen Edmund Kean gehört haben sollte. Viele Jahre später überreichte Marsh dieses Jacket Sir Laurence Olivier anlässlich der Aufführung seines Richards III. in Christchurch.

Nachdem sie die Oberstufe von St. Margaret's erfolgreich abgeschlossen hatte, schrieb sie sich 1913 an der neuseeländischen Kunstakademie ein. Die Ausbildung der Studenten folgte einem Lehrplan, der eng an die britische Royal Academy of Arts angelehnt war. Die Ausrichtung an traditionellen und europäischen Kunstvorstellungen entsprach Marshs künstlerischen Vorstellungen. Sie gewann mehrere Auszeichnungen und Stipendien, die ihr das Studium ermöglichten. 1919 schloss sie ihr Studium ab und lebte zunächst wieder bei ihren Eltern. Während des Studiums hatte sie gelegentlich durch Nachhilfe und einige kleinere journalistische Arbeiten Geld verdient.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 233. Die Aufführungen der „Allan Wilkie Shakespeare Company“, einer Tourneetheatergruppe, die in Christchurch gastierte und die unter anderem die Shakespeare-Stücke Hamlet, Ein Sommernachtstraum, Wie es euch gefällt und Was ihr wollt aufführte, inspirierte sie, ein melodramatisches Stück mit dem Titel The Medaillon zu verfassen, das sie dem Intendanten Allan Wilkie zusandte. Dieser bat sie daraufhin um ein Treffen. Wenige Wochen später bot Wilkie ihr an, in seinem Ensemble kleinere Rollen zu übernehmen, wenn die Theatergruppe nach Neuseeland zurückkehren würde, um modernere Stücke zu zeigen.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 234.

Schauspielerin Marsh hatte ihr Bühnendebüt als professionelle Schauspielerin im April 1920. Gemeinsam mit der Theatergruppe bereiste sie ganz Neuseeland und spielte in zahlreichen Stadthallen. In den folgenden Monaten lernte sie viel über Theaterarbeit: wie Schauspieler kooperieren, wie sie auf einen Höhepunkt hinarbeiten, wie sie Pausen einsetzen, aber auch wie eine eng zusammenlebende Gruppe miteinander auskommt. Der Kriminalroman Champagner-Mord (Vintage Murder), den Marsh 18 Jahre später veröffentlichte, ist dem Ehepaar Wilkie gewidmet, dem sie und ihre Eltern über lange Jahre freundschaftlich verbunden blieben.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 235.

Nach ihrer Zusammenarbeit mit der Wilkie-Theatergruppe konzentrierte sich Marsh überwiegend auf das Malen. Sie stellte gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden aus ihren Akademietagen aus, schrieb daneben Artikel für Zeitungen, versuchte sich an Kurzgeschichten und begann einen Roman. Daneben spielte sie in Amateurstücken mit oder arbeitete als Regisseurin mit Laienschauspielgruppen zusammen.

Aufenthalt in Großbritannien mini|Ngaio Marsh mit den Familien Rhodes und Plunket. Nelly Rhodes steht in der Mitte der Gruppe, Ngaio Marsh ist die zweite von rechts Zu den engeren Bekannten der Familie Marsh gehörten Tahu Rhodes, Sohn einer wohlhabenden und bekannten Christchurcher Familie, und seine Frau Helen oder „Nelly“. Das Ehepaar lebte mit seinen fünf lebhaften Kindern auf Meadowbank, einer großen Schaffarm in der Nähe von Christchurch. Ngaio Marsh verbrachte viel Zeit bei den Rhodes und war auch Taufpatin des jüngsten Rhode-Nachwuchses. 1927 verkaufte das Ehepaar allerdings seinen Besitz in Neuseeland und kehrte nach Großbritannien zurück. Sie luden Marsh ein, ihnen dorthin zu folgen. Marsh hatte aus ihrer journalistischen Arbeit und aus dem Verkauf ihrer Gemälde etwas Geld sparen können. Es war ihr außerdem gelungen, einen Auftrag für ein paar Reise-Artikel zu erhalten, die in Neuseeland erscheinen sollten. Ermutigt von ihren Eltern reiste sie im September 1928 an Bord des Frachtschiffes Balkanland nach Großbritannien ab, wo sie 10 Wochen später ankam.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 237. Während der nächsten fünf Jahre lebte Ngaio Marsh im Umfeld der Rhodes. Gemeinsam mit Nelly Rhodes eröffnete sie 1929 einen kleinen kunstgewerblichen Laden in der Londoner Brompton Road, in dem sie unter anderem Lampenschirme, Lacktabletts und Ähnliches verkauften. Marsh arbeitete kurzzeitig sogar als Model für einen britischen Modedesigner. In London fand Ngaio Marsh nicht nur viel Gelegenheit, moderne Theaterstücke wie Luigi Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor zu sehen, sondern auch mehr Zeit ihrem Schreiben zu widmen.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 239.

Der erste Kriminalroman Noch während ihres Aufenthalts in Großbritannien begann Marsh, angeregt von der Lektüre eines Kriminalromans, einen eigenen zu verfassen. Handlungsort ist ein englisches Landhaus. Eine Gruppe von Personen findet sich dort ein, um ein Wochenende gemeinsam zu verbringen. Die Figuren sind von Personen inspiriert, die Marsh durch die Rhodes kennengelernt hatte. Auch wenn Dubose Marshs ersten Kriminalroman Das Todesspiel (A Man Lay Dead) nicht überzeugend nennt, weil die Handlung Unstimmigkeiten aufweist, folgte er doch den Regeln der klassischen Detektivgeschichten, wie sie vor allem von britischen Autoren im Zeitraum 1920 bis 1940 verfasst wurden. Roderick Alleyn, ihr Scotland Yard-Inspektor adeliger Abstammung, ist in diesem Kriminalroman erstmals der Protagonist. Marsh übergab das Manuskript Edmund Cork, der auch Agatha Christie betreute und der es im Verlag Blues platzierte, wo es 1934 erschien.Martha Hailey Dubose: Women of Mystery. 2011, S. 241.

Eine schwere Erkrankung ihrer Mutter veranlasste Marsh im August 1932, nach Christchurch zurückzukehren. Drei Monate später starb ihre Mutter. Während Marsh wieder zu malen begann, erfuhr sie aus Großbritannien, dass ihr Verleger an weiteren Büchern interessiert sei, und sie begann, weitere Romane zu schreiben. Ihre nächsten zwei Bücher, Schuss im Theater (Enter a Murderer) und Mord in der Klinik (The Nursing Home Murder) erschienen 1935. Letzterer Roman war von einer gynäkologischen Operation inspiriert, der sich Marsh unterziehen musste und die es ihr unmöglich machte, schwanger zu werden. 1937, nachdem sie ihren ersten in Neuseeland spielenden Kriminalroman (Der Champagner-Mord, Originaltitel Vintage Murder) abgeschlossen hatte, ging sie für kurze Zeit nach Großbritannien zurück. Unmittelbar zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrte sie nach Neuseeland zurück und unterstützte die Kriegsanstrengungen der Alliierten als Ambulanzfahrerin für das Rote Kreuz.

Theaterregisseurin