mini|hochkant|Abu Bakr und Mohammed verbergen sich vor der Hidschra in der Höhle am Berge Thaur (Darstellung aus dem Siyer-i Nebi, 1595 abgeschlossen) Abū Bakr ibn Abī Quhāfa as-Siddīq (; geb. um 571 in Mekka; gest. 21. August 634 in Medina) war einer der ersten Anhänger des Propheten Mohammed und als Vater von Aischa bint Abi Bakr sein Schwiegervater. Nach Mohammeds Tod im Juni 632 herrschte er als dessen „Nachfolger“ bzw. „Stellvertreter“ (Kalif) bis zu seinem Tod über die Gemeinschaft der Muslime.

Die Muslime entzweiten sich über die Frage, wer berechtigt war, die Nachfolge Mohammeds nach dessen Tod anzutreten: Für die Schiiten ist ʿAlī ibn Abī Tālib, Vetter und Schwiegersohn des Propheten, der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds, die Sunniten dagegen meinen, dass Abū Bakr, der die Nachfolge antrat, auch größeren Anspruch darauf hatte.

Abstammung, Name und Geburt Abū Bakr gehörte zu den Taim, einem eher unbedeutenden Clan des Stammes Quraisch. Sein Vater war Abū Quhāfa ʿUthmān ibn ʿĀmir, seine Mutter Umm al-Chair Salmā bint Sachr gehörte demselben Clan an.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1890, Bd. I, S. 2133. – Engl. Übers. Blankinship S. 139–140.

Abū Bakr war eigentlich nur ein Kunya-Name. Über die Frage, was sein Ism war, bestand Uneinigkeit. Die überwiegende Mehrheit der Überlieferer war der Auffassung, dass er ʿAbdallāh war, doch gab es auch die Ansicht, dass er eigentlich ʿAtīq hieß.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1890, Bd. I, S. 2133–2134. – Engl. Übers. Blankinship S. 139–140.

Nach at-Tabarī wurde Abū Bakr drei Jahre nach dem Jahr des Elefanten geboren. Da er zur Zeit seines Todes nach übereinstimmenden Berichten 63 Jahre alt war,aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1890, Bd. I, S. 2128. – Engl. Übers. Blankinship S. 131. muss er um 571 geboren sein.

Rolle zu Lebzeiten Mohammeds Frühes Leben in Mekka Abū Bakr kam in Mekka als Stoffhändler zu Reichtum. Mit seinem Kapital von ca. 40.000 Dirham verfügte er in seinem Clan über einigen Einfluss.Watt: „Abū Bakr“. 1960, S. 109b. Nachdem sich Abū Bakr Mohammed angeschlossen hatte, wurde er zu einem seiner wichtigsten Helfer. Ibn Hischām nennt in seiner Prophetenbiographie fünf Personen, die aufgrund der Werbung Abū Bakrs den Islam annahmen und besonders fest im Glauben waren: ʿUthmān ibn ʿAffān, az-Zubair ibn al-ʿAuwām, ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf, Saʿd ibn Abī Waqqās, Talha ibn ʿUbaidallāh.Vgl. sein Kitāb Sīrat Rasūl Allāh Aus d. Hs. zu Berlin, Leipzig, Gotha u. Leyden hrsg. von Ferdinand Wüstenfeld. 2 Bde. Göttingen 1858–59. S. 162. Online verfügbar: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk Auch Abū Bakrs Töchter ʿĀ'ischa und Asmā' schlossen sich sehr bald der neuen Religion an. Während viele andere Prophetengefährten um 615 nach Äthiopien emigrierten, blieb Abū Bakr mit Mohammed in Mekka.

Hidschra mini|Eingang zu der Höhle am Berge Thaur, in der sich Mohammed und Abū Bakr verborgen haben sollen, mit dem Text von Sure 9:40. Die Höhle gehört bis heute zu den heiligen Orten von Mekka. Abū Bakr war der einzige Begleiter Mohammeds bei dessen Auswanderung (Hidschra) nach Yathrib (später Medina). Nach der islamischen Überlieferung verbargen sich die beiden vor der Auswanderung drei Tage lang in einer Höhle am Berge Thaur am unteren Ende von Mekka,Vgl. Ibn Hischām: Kitāb Sīrat Rasūl Allāh Aus d. Hs. zu Berlin, Leipzig, Gotha u. Leyden hrsg. von Ferdinand Wüstenfeld. 2 Bde. Göttingen 1858–59. S. 162. Online verfügbar: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk ein Ereignis, auf das Sure 9:40Sure 9:40 auf corpuscoranicum.de anspielen soll: „Gott hat ihm geholfen, als die, die ungläubig waren, ihn vertrieben hatten, den zweiten von zweien (ṯānī al-iṯnain), als die beiden in der Höhle waren.“

In Yathrib/Medina In Medina stellte Abū Bakr Mohammed Geld für den Kauf eines Grundstücks zur Verfügung, auf dem er hernach seine Moschee erbaute.Vgl. Al-Balādhurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. Ed. Michael Jan de Goeje. Brill, Leiden, 1866. S. 6. – Deutsche Übers. Oskar Rescher. S. 100–105. Digitalisat Er selbst bezog ein Haus in dem Bezirk Sunh, der im oberen Teil der Stadt lag.Watt: „Abū Bakr“. 1960, S. 110a.

Während der Kämpfe gegen die heidnischen Quraisch von Mekka fiel er durch seine Milde auf. Während zum Beispiel nach dem Sieg von Badr ʿUmar ibn al-Chattāb die Hinrichtung der mekkanischen Gefangenen forderte, verwandte sich Abū Bakr für sie beim Propheten, der sie schließlich für ein Lösegeld freisetzte.Vgl. al-Wāqidī: Kitāb al-Maġāzī. 1882, S. 69. Aus Abū Bakrs eigener Familie standen zu jener Zeit noch mehrere Personen dem Islam ablehnend gegenüber und verblieben im heidnischen Mekka. Sein Vater Abū Quhāfa zum Beispiel nahm erst im Jahre 630 den Islam an, nachdem die muslimischen Truppen die Stadt eingenommen hatten.Vgl. Ibn Saʿd: Biographien Muhammeds, seiner Gefährten und der späteren Träger des Islams bis zum Jahre 230 der Flucht. Leiden 1904–40. Bd. V, S. 333f. Digitalisat

Im Jahr 631 stellte Mohammed Abū Bakr an die Spitze eines Zuges von 300 muslimischen Pilgern, die von Medina aus die Wallfahrt nach Mekka unternahmen.Al-Wāqidī: Kitāb al-Maġāzī. 1882, S. 416–417. Als Mohammed im Sterben lag, führte Abū Bakr das Gebet der Gemeinde an. Daraus ergab sich für ihn ein gewisser Nimbus.

Rolle nach dem Tod Mohammeds Erhebung zum Befehlshaber Als Mohammed am Mittag des 8. Juni 632 starb, befand sich nach der islamischen Überlieferung Abū Bakr gerade bei seiner Familie in Sunh. Auf die Nachricht vom Tode des Propheten eilte er zurück zu dessen Haus im Zentrum und betrat die Kammer seiner Tochter ʿĀʾischa, die den Leichnam Mohammeds noch in den Armen hielt. Abū Bakr küsste sein Gesicht und trat dann heraus in den Hof und sprach zu der Menge der versammelten Gläubigen: „Wer immer Mohammed verehrt, möge wissen, dass Mohammed tot ist. Wer immer aber Gott verehrt, möge wissen, dass Gott lebt und nicht stirbt.“Vgl. Muir: The Caliphate, its rise, decline and fall. 1924, S. 2. In diese Versammlung im Hof des Prophetenhauses stürzte ein Bote, der berichtete, dass sich die Ansār versammelt hätten, um sich einen eigenen Befehlshaber zu wählen. Abū Bakr eilte daraufhin mit ʿUmar ibn al-Chattāb und Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh zu dem Versammlungsplatz (Saqīfa) des Saʿd ibn ʿUbāda, um das Auseinanderbrechen der muslimischen Gemeinschaft zu verhindern. Als sie die Versammlung betraten, war bereits Saʿd ibn ʿUbāda, der zu jener Zeit die Führung der Chazradsch innehatte, aber selbst an einem Fieber erkrankt war, als neuer Befehlshaber von Medina vorgeschlagen worden, allerdings hatte man ihn noch nicht gewählt.Vgl. Muir: The Caliphate, its rise, decline and fall. 1924, S. 2f.

mini|hochkant|Osmanisch-türkische Miniatur aus dem Siyer-i Nebi, 1596: Die Propheten­gefährten schwören Abū Bakr den Treueid, rechts neben ihm Umar. Nach einem Bericht, den Muhammad ibn Saʿd anführt, schlug der Prophetengefährte Hubāb ibn Mundhir vor, dass sich die Muhādschirūn und die Ansār jeweils einen eigenen Führer wählen sollten. Abū Bakr betonte in der Versammlung den Vorranganspruch des Stammes Quraisch. Wörtlich soll er gesagt haben: „Wir sind die Befehlshaber, und ihr seid die Wesire“ (Naḥnu al-umarāʾ wa-antum al-wuzarāʾ).Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1904, Bd. III/1, S. 129, Zeile 10. Vor allem ʿUmar trat strikt gegen jede Teilung der Gemeinschaft ein. Abū Bakr trat daraufhin hervor und schlug vor, die Ansār sollten entweder ʿUmar oder Abū ʿUbaida den Treueid leisten. Diese wiesen das zurück, forderten ihrerseits Abū Bakr auf, die Hand auszustrecken, und leisteten ihm den Treueid.Muir: The Caliphate, its rise, decline and fall. 1924, S. 3f. Abū ʿUbaida wird in diesem Zusammenhang mit der Aussage zitiert, er könne keinen Treueid von einer Gemeinschaft entgegennehmen, in der sich noch Abū Bakr, der „Zweite von den Zweien“ (eine Anspielung auf Sure 9:40, siehe oben) befinde.Vgl. al-Balādhurī: Ansāb al-ašrāf. Ed. Muḥammad Ḥamīdullāh. Kairo 1959. S. 579. Entscheidend für den weiteren Verlauf der Versammlung war die Ankunft der Banū Aslam, eines Clans aus der Umgebung von Medina, der für seine besondere Loyalität gegenüber dem Propheten bekannt war. Sie stießen in großer Zahl zu der Versammlung und huldigten Abū Bakr.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 34.

Abū Bakr hielt am folgenden Tag eine Antrittsrede,Shoufany: Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia. 1973, S. 50. doch weigerten sich viele Muhādschirūn und Ansār, ihm zu huldigen. Die Banū Hāschim unter Führung von al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib protestierten dagegen, dass sie trotz ihrer verwandtschaftlichen Nähe zum Propheten bei der Regelung der Nachfolge übergangen worden waren.al-Yaʿqūbī: Tārīḫ. 2 Bde. Beirut 1960. S. 125f. Abū Sufyān ibn Harb, das damalige Oberhaupt der Umayyaden, pochte in dieser Situation auf die politischen Vorrechte der Nachkommen des ʿAbd Manāf ibn Qusaiy, zu denen sowohl sein Clan als auch die Banū Hāschim gehörten.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 40f. Er soll die Herrschaft Abū Bakrs mit den Worten in Frage gestellt haben: „Ihr Nachkommen von ʿAbd Manāf, könnt ihr damit zufrieden sein, dass ein Mann von dem Clan Taim Eure Angelegenheiten übernimmt?“.Vgl. al-Ǧāḥiẓ: al-ʿUṯmānīya. Ed. A.M. Hārūn. Kairo 1955. S. 60: Raḍītum maʿšara Banī ʿAbd Manāf an yaliya umūra-kum raǧulun min Banī Taim? Ein weiterer scharfer Gegner Abū Bakrs war Chālid ibn Saʿīd, wie Abū Sufyān Umayyade, im Gegensatz zu ihm aber einer der frühesten Anhänger Mohammeds. Al-Yaʿqūbī berichtet, dass sowohl er als auch Abū Sufyān in dieser Situation ihre Bereitschaft bekundeten, ʿAlī ibn Abī Tālib den Treueid zu leisten. ʿAlī hatte offensichtlich auch die Unterstützung einiger Ansār.al-Yaʿqūbī: Tārīḫ. 126. Von entscheidender Bedeutung in dieser Situation war, dass sich Mekkaner aus anderen Clanen der Quraisch auf Abū Bakrs Seite stellten, so ʿUmar aus dem Clan ʿAdī ibn Kaʿb, Chālid ibn al-Walīd von den Machzūm und ʿAmr ibn al-ʿĀs von den Sahm.Shoufany: Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia. 1973, S. 59f Es war schließlich ʿUmar, der mit Unterstützung der Banū Aslam dafür sorgte, dass fast alle Bewohner Medinas Abū Bakr den Treueid leisteten.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 43.

Auseinandersetzung um das Landgut von Fadak Lediglich ʿAlī und seine Frau, die Prophetentochter Fatima bint Mohammed, hielten noch den Treueid zurück. Zu einer Konfrontation zwischen Abū Bakr, ʿUmar und ihnen führte wenig später der Streit um das von Juden bewirtschaftete Landgut des Propheten in Fadak im nördlichen Hedschas. Als Fātima Ansprüche auf dieses Landgut geltend machte, hielten die beiden ihr entgegen, dass der Prophet sein gesamtes Eigentum als Sadaqa der Gemeinschaft der Muslime vermacht habe. Da Fātima nicht genügend Zeugen dafür beibringen konnte, dass der Prophet ihr das Landgut schon zu Lebzeiten geschenkt hatte, zog Abū Bakr es ein. Fātima brach daraufhin den Kontakt zu Abū Bakr vollständig ab. Sechs Monate später starb sie. Erst nach ihrem Tode leistete auch ʿAlī dem Kalifen den Treueid.Vgl. Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 50–53.

Annahme des Kalifentitels Abū Bakr nahm als Herrscher den Titel ḫalīfat rasūl Allāh („Nachfolger des Gesandten Gottes“) an.Madelung: The Succession to Muḥammad. 1997, S. 46. Nach at-Tabarī verwendete er diesen Titel auch in Briefen an die arabischen Stämme.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 1881. Eine populäre Tradition, wonach er den Titel ḫalīfat Allāh („Stellvertreter Gottes“) explizit abgelehnt hat, ist aber mit ziemlicher Sicherheit erfunden.Patricia Crone und Martin Hinds: God's Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam. Cambridge University Press, Cambridge u. a., 1986. S. 19f.