mini|Pater Athanasius Kircher (vor 1664)
Athanasius Kircher (latinisiert auch: Athanasius Kircherus (Fuldensis); * 2. Mai 1602 in Geisa, Rhön, im Hochstift Fulda; † 27. November 1680 in Rom) war ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter. Er war unter anderem Professor der Theologie und Philosophie.
Er lehrte und forschte die meiste Zeit seines Lebens am Collegium Romanum in Rom. Kircher veröffentlichte eine große Zahl ausführlicher Monografien über ein weites Spektrum von Themen unter anderem der Ägyptologie, Geologie, Medizin, Mathematik und Musiktheorie. Mehr als 150 Jahre vor Jean-François Champollion versuchte er, ägyptische Hieroglyphen zu entziffern.
Friedrich Kittler bezeichnet Kircher als Tatsächlich war Kircher seiner Zeit voraus, was insbesondere an seinem Einfluss auf die Akustik, Astronomie, Mechanik und Farbenlehre abzulesen ist. So vermutete er als einer der ersten den Einfluss von „kleinen Wesen“ auf die Verbreitung der Pest.
Kirchers Motto lautete In uno omnia (In Einem alles).
Leben Kircher wurde am 2. Mai 1602 in Geisa, einer zum Hochstift Fulda gehörenden Stadt in der nördlichen Rhön, geboren. Sein Vater Johann Kircher stammte aus Mainz und war Amtmann des Fürstabts Balthasar von Dernbach, seine Mutter Anna war eine geborene Gansek aus Fulda. Von 1614 bis 1618 besuchte er das Jesuiten-Kollegium in Fulda. Am 2. Oktober 1618 trat er in Paderborn dem Jesuitenorden bei. An der Academia Theodoriana studierte er Philosophie und Theologie, musste aber 1622 auf abenteuerliche Weise nach Köln fliehen, um einrückenden protestantischen Truppen unter Herzog Christian von Braunschweig-Lüneburg zu entgehen. Auf der Reise entging er knapp dem Tod, nachdem er bei der Überquerung des zugefrorenen Rheins ins Eis eingebrochen war. Später war er in Heiligenstadt als Lehrer tätig und unterrichtete Mathematik, Hebräisch und Syrisch.
1628 wurde er Priester und im selben Jahr Professor für Mathematik und Ethik an der Universität Würzburg. 1631 veröffentlichte er sein erstes Buch (Ars Magnesia). Im selben Jahr zwang ihn der Dreißigjährige Krieg, seine Arbeiten an der Päpstlichen Universität von Avignon in Frankreich fortzusetzen. 1633 berief ihn Ferdinand II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, zum Nachfolger Johannes Keplers als Mathematiker an den Habsburger Hof nach Wien.
Diese Berufung wurde allerdings auf Betreiben von Nicolas-Claude Fabri de Peiresc widerrufen. Dieser sorgte stattdessen für eine Berufung nach Rom an das Collegium Romanum, da sein Freund Kircher dort mehr Zeit für seine Forschungen haben würde – unter anderem für die Arbeit an der Entzifferung der Hieroglyphen. 1637/1638 unternahm er eine Forschungsreise, die ihn nach Malta, nach Sizilien und auf die Liparischen Inseln mit Besteigung des Ätna und des Stromboli führte. Nachdem er das Erdbeben von Kalabrien am 27. März 1638 miterlebt hatte, ging er in Neapel an Land, bestieg den Vesuv und seilte sich in den Krater ab. Von 1638 an lehrte Kircher Mathematik, Physik und orientalische Sprachen am Collegium Romanum (Gregoriana).
1645 wurde er von dieser Tätigkeit freigestellt, um sich ganz seinen Forschungen widmen zu können. Er erforschte Krankheiten wie Malaria und die Pest und schuf eine bedeutende Sammlung von Antiquitäten, die er zusammen mit seinen eigenen Erfindungen im eigens dazu eingerichteten Museum Kircherianum ausstellte. 1661 entdeckte Kircher die Ruinen einer Kirche in Guadagnolo östlich von Palestrina, die angeblich von Konstantin dem Großen an der Stelle errichtet wurde, an der sich eine Jesuserscheinung zugetragen haben soll. Er sammelte Geld für den Wiederaufbau dieser Kirche und verfügte die Beisetzung seines Herzens an ebendiesem Ort. Das Kloster Santuário della Mentorella auf dem „Eustachiusberg“ beherbergt seit 1857 eine Niederlassung der polnischen „Resurrektionisten“ (Priester von der Auferstehung).
Athanasius Kircher starb 1680 in Rom.
Werk Kircher veröffentlichte eine große Anzahl grundlegender Werke mit einem sehr breiten Themenspektrum. Er beschäftigte sich mit Mathematik, Physik, Chemie, Geographie, Geologie, Astronomie, Biologie, Medizin, Musik, Sprachen, Philologie und Geschichte.
Er verfolgte einen synkretistischen oder universalwissenschaftlichen Ansatz und legte keinen Wert auf die im Entstehen begriffene Ausbildung verschiedener Disziplinen, wie wir sie heute im Wissenschaftsbetrieb kennen. Typisch für seine Monographien ist, dass sie über das eigentliche Thema hinausgehen und verwandte Fragestellungen und Meta-Diskussionen einschließen. So behandelt sein Buch Magnes (1641), das sich vornehmlich mit Magnetismus beschäftigt, auch andere Formen der Anziehung wie Gravitation und Liebe (Zitat: „Alles ist durch geheime Knoten miteinander verbunden“). In der Ars magna lucis et umbrae von 1646 findet sich eine kaum zu überblickende Anzahl verschiedener Themen, zu denen die Botanik, Zoologie, Farbenlehre, Strahlungslehre, Lichtbrechung, Parabolspiegel, Astrologie, Medizin, Sonnenuhren, Stundenlinien und Astronomie gehören. Die theoretischen Erklärungen werden durch anschauliche Skizzen unterbrochen und erläutert.Ralf Kern: Wissenschaftliche Instrumente in ihrer Zeit. Band 2, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2010, ISBN 978-3-86560-772-0, S. 266.
Kirchers heute vielleicht bekanntestes Werk ist der Œdipus Ægyptiacus (1652), eine breit angelegte Studie zur Ägyptologie und zur vergleichenden Religionswissenschaft. Seine in Latein verfassten Werke fanden zu seiner Zeit weite Verbreitung und machten die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit einem weiten Kreis von Lesern bekannt.
Ägyptologie mini|Das koptische Alphabet(Auszug aus Prodromus coptus, 1636)
Kirchers Interesse an der Ägyptologie wurde geweckt, als er 1628 in der Bibliothek von Speyer auf eine Hieroglyphensammlung stieß. Vermittelt durch Nicolas-Claude Fabri de Peiresc kam er später in den Besitz mehrerer Manuskripte, die der Forschungsreisende Pietro della Valle aus Ägypten mitgebracht hatte; diese waren in Bohairisch, einem Dialekt der koptischen Sprache verfasst und eigentlich für den Linguisten Thomas Obicini gedacht gewesen. Nach dessen Tod schien der berühmte Gelehrte Kircher der richtige Mann, sie zu bearbeiten. 1633 an das Collegium Romanum berufen, begann er mit der Arbeit, lernte Koptisch und veröffentlichte 1636 die erste Grammatik dieser Sprache (Prodromus Coptus sive Aegyptiacus).Athanasius Kircher: Prodromus coptus sive aegyptiacus Ad Eminentiss S. R. E. Cardinalem Franciscum Barberinum. in quo cum linguae Coptae, sive Aegyptiacae, quondam Pharaonicae, origo, aetas, vicissitudo, inclinatio, tum hieroglyphicae literaturae instauratio uti per varia variarum eruditionum, interpretationumque difficillimarum specimina, ita noua quoque et insolita methodo exhibentur. Rom 1636. Online bei ECHO In seinem Werk Lingua Aegyptiaca restituta von 1643 argumentiert er korrekt, dass Koptisch keine separate Sprache sei, sondern die letzte Ausbaustufe der antiken ägyptischen Sprache. Er erkannte auch die Beziehung zwischen hieratischen Schriftzeichen und den Hieroglyphen.Horst Beinlich: Athanasius Kircher und die Kenntnis vom Alten Ägypten. In: Horst Beinlich, Christoph Daxelmüller (Hrsg.): Magie des Wissens: Athanasius Kircher, 1602–1680. Universalgelehrter, Sammler, Visionär (= Katalog zur Ausstellung im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg, 1. Oktober – 14. Dezember 2002.) Röll, Dettelbach 2002, ISBN 978-3-89754-211-2. S. 85–98.
In Œdipus Ægyptiacus (1652) argumentiert er, dass die antike ägyptische Sprache von Adam und Eva gesprochen wurde und dass Hermes Trismegistos und Moses ein und dieselbe Person gewesen seien. Die ägyptischen Hieroglyphen seien okkulte Symbole, die nicht wörtlich übersetzt, sondern nur allegorisch (sinnbildlich) ausgelegt werden könnten, da ihre wahren Gehalte dem Eingeweihten vorbehalten seien. Er nahm an der Aufstellung der Obelisken in Rom teil und ist für die Hinzufügung heute als sinnlos bzw. sinnentstellend erkannter Hieroglyphen an einigen derselben verantwortlich; vgl. sein Werk Obeliscus Pamphilius (1650) über den unter Kaiser Domitian aufgestellten Obelisco Agonale.Athanasius Kircher: Obeliscus Pamphilius, hoc est interpretatio nova et hucusque intentata obelisci hieroglyphici Quem non ita pridem ex Veteri Hippodromo Antonini Caracallae Caesaris, in Agonale Forum transtulit, integritati restituit, & in Urbis Aeternae ornamentum erexit Innocentius X. Pont. Max. Online bei ECHO Im Jahre 1666 widmete er dem kurz vorher aufgefundenen und auf dem Rücken von Berninis Elefanten aufgestellten Obelisco della Minerva die Monographie Ad Alexandrum VII. Pont. Max. Obelisci Aegyptiaci nuper inter Isaei Romani rudera effossi interpretatio hieroglyphica.Athanasius Kircher: Ad Alexandrum VII. Pont. Max. Obelisci Aegyptiaci nuper inter Isaei Romani rudera effossi interpretatio hieroglyphica. Online bei ECHO. Noch 1676 befasst er sich in seiner Sphinx MystagogaAthanasius Kircher: Sphinx mystagoga, sive diatribe hieroglyphica de mumiis. Amsterdam 1676. Online bei ECHO (beigebunden zu Turris Babel) mit Mumienbergung und Entschlüsselung der Hieroglyphen.
Obwohl sein Ansatz zur Entzifferung altägyptischer Texte auf fundamentalen Fehlkonzepten beruhte, betrieb er doch bahnbrechende wissenschaftliche Forschungen auf diesem Gebiet. Kircher selbst glaubte an die Möglichkeit, dass die Hieroglyphen ein Alphabet bilden könnten, und setzte sie zum griechischen Alphabet in Beziehung. Seine Ergebnisse wurden später von Jean-François Champollion bei seinen erfolgreichen Bemühungen, diese altägyptische Sprache zu entziffern, verwendet.
Kircher beschäftigte sich auch mit Atlantis, das Platon zufolge auf eine Überlieferung aus Ägypten zurückgeht. Kircher glaubte, Atlantis im Atlantik lokalisieren zu können.
Sinologie mini|Karte des Kaiserreichs China aus Kirchers China illustrata, 1667
Kircher entwickelte früh ein Interesse an der chinesischen Kultur. Schon 1629 übermittelte er seinem geistlichen Mentor, dass er Missionar in diesem Land werden wolle. Sein Werk China monumentis qua sacris qua profanis (…) illustrata („China, illustriert anhand seiner heiligen und weltlichen Denkmäler...“) war eine Enzyklopädie über das Kaiserreich China, die akkurate Kartografie mit mystischen Elementen wie Drachen verband. Es betont die christlichen Elemente der chinesischen Geschichte, sowohl reale als auch imaginäre: Kircher erwähnt die frühe Anwesenheit von Nestorianern, aufgrund des sogenannten Sino-Syrischen Denkmals, der Nestorianischen Stele, die im Jahr 1625 in einer Villa der chinesischen Stadt Sianfu entdeckt worden war. Er betrachtete das Denkmal, welches auch in seinem Buch Prodromus Coptus (1636) behandelt wurde, als einen Beweis dafür, dass in China bereits eintausend Jahre zuvor (also um 600) ein Evangelium verkündet worden sei.
Daneben schrieb er auch, dass die Chinesen Nachkommen von Ham seien und dass die chinesischen Schriftzeichen abgewandelte Hieroglyphen seien, wie er bereits im Oedipus Aegyptiacus (1652–1654) behauptet hatte. Zum Nachweis dieser These konstruierte Kircher unter Berufung auf biblische Erzählungen eine umfangreiche Kolonialisierungsgeschichte der Welt durch Noahs Familie. Nach der Sintflut sei Ham, Noahs zweiter Sohn, nach Persien gekommen, wo er eine Kolonie gegründet habe. Kircher identifizierte ihn als Zoroaster, den König von Baktrien, dessen Grenze bis Indien und an die Mongolei reichte. Das Nachbarland China sei die letzte Erde gewesen, die Ham zu kolonialisieren hatte. Damals hätte der erste chinesische Kaiser Fu Xi vom Kolonialherren Ham die Hieroglyphenschrift übernommen und sie zur chinesischen Schrift entwickelt, behauptete Kircher. Nach seiner Zeitrechnung geschah diese Übernahme 300 Jahre nach der Sintflut.