mini|Von der Roten Armee erbeutet und von 1945 bis 1955 in Moskau: Raffaels Sixtinische Madonna aus der Dresdner Galerie der Alten Meister Beutekunst sind während des Zweiten Weltkriegs „kriegsbedingt verbrachte und verlagerte Kulturgüter“. Gemeint sind vor allem die durch deutsche Stellen im Zuge der militärischen Vorstöße der Wehrmacht außerhalb des Reichsgebiets als Kriegsbeute konfiszierten Kunstobjekte.Jonathan Petropoulos: Kunstraub und Sammelwahn. Kunst und Politik im Dritten Reich. Übersetzt von Eric D. Lombert. Propyläen, 1999, S. 15.Beutekunst. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Ausarbeitung vom 5. Februar 2013, S. 4.

„NS-Raubkunst“ bezeichnet dagegen alle Kunstobjekte und Immobilien, die bereits vor Kriegsausbruch unrechtmäßig oder auf moralisch fragwürdige Weise von den Nationalsozialisten erworben wurden („dienstlich“ oder „privat“) und deren Vorbesitzer zumeist jüdische Verfolgte des NS-Regimes waren („NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter“).

NS-Beutekunst Von 1939 bis 1944 plünderten nationalsozialistische Organisationen Schlösser, Bibliotheken, Museen und Privatsammlungen in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Insbesondere der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, unter Alfred Rosenberg, das Sonderkommando Künsberg und die Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe, die Heinrich Himmler unterstand, konkurrierten beim Aufspüren und Abtransport von Kunstwerken und Archiven.

Die erbeuteten Kunstgegenstände sollten zum Teil in einem zu gründenden „Führermuseum“ in Linz ausgestellt, die geraubten Bibliotheken der weltanschaulichen Forschung und Lehre zugeführt werden. Zur Devisenbeschaffung wurden Teile der Beutekunst auf dem internationalen Kunstmarkt, insbesondere über die Schweiz, angeboten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil wertvoller Kunstwerke fand den Weg in die Privatsammlung von Hermann Göring.

In den Jahren 1943 bis 1948 befanden sich wesentliche Teile der von nationalsozialistischen Organisationen geraubten Beutekunst aus ganz Europa in dem Bergungsort Salzbergwerk Altaussee bei Altaussee im Bezirk Liezen in der Steiermark. Sie wurden ab 1945 von den Alliierten in Lastwagen zu der zentralen Sammelstelle (Central Collecting Point) in München gebracht, die sich im Führerbau und im Verwaltungsbau der NSDAP befand.

Große Teile der Privatsammlung von Hermann Göring blieben bis kurz vor Kriegsende in den Repräsentationsräumen seiner Residenz Carinhall in der Schorfheide nordwestlich von Berlin. Im Januar 1945 ließ Göring die Kunstsammlung in Sonderzügen nach Berchtesgaden bringen und dort in Stollen unterstellen. Die Kunstschätze wurden danach ausgeladen und in Luftschutzbunker gebracht; ein Teil der Gemälde und Tapisserien wurde in den letzten Kriegstagen aus den Zügen von Plünderern gestohlen.

Frankreich Nach der Kapitulation Frankreichs gab Adolf Hitler am 30. Juni 1940 den Befehl, Kunstwerke des französischen Staates und von Privatpersonen, insbesondere von Juden, sicherzustellen. Drei Institutionen wurden diesbezüglich aktiv: der Kunstschutz der Wehrmacht, vom Kunsthistoriker Franz Wolff-Metternich (1893–1978) geleitet, die deutsche Botschaft in Paris, namentlich der Botschafter Otto Abetz, der durch Außenminister Joachim von Ribbentrop beauftragt war, und der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR). So kam es bei den weitreichenden und umfangreichen Beschlagnahmen in Frankreich zu Konkurrenzen zwischen den verschiedenen Verantwortlichen. Wolff-Metternich, der seine Aufgabe des Kunstschutzes ernst nahm, wies mehrfach darauf hin, dass die Konfiskation gegen die Haager Konvention verstoße. Er wurde 1942 von Hitler beurlaubt und im Oktober 1943 entlassen. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg wies die Gültigkeit der Haager Landkriegsordnung von 1907, nach der das Privateigentum geschützt ist, mit der Begründung zurück, dass dies nicht für Juden und ihre Güter gelte.

Vor dem Krieg befand sich ein großer Teil des französischen Kunstbesitzes in Sammlungen und Kunsthandlungen jüdischer Familien, wie der Rothschilds und der Brüder Bernheim-Jeune, Levy de Benzion (1873–1943), Alphonse Kann, David David-Weill, Marguerite SternMichael J. Kurtz: America and the return of nazi contraband. The recovery of europe’s cultural treasures, page 26, Alphonse Schloss, Georges Wildenstein und Paul Rosenberg. Viele von ihnen waren vor dem Einmarsch der Deutschen geflohen, mussten aber ihre Sammlungen zurücklassen. Von Juli bis September 1940 konfiszierte der Botschafter Abetz vor allem die Kunstschätze des französischen Staates und der Museen, aber auch von jüdischen Bürgern. Ab November 1940 wurden die Galerien, Wohnungen, Lagerhäuser und Kunstdepots „begüterter französischer Juden“ vom Einsatzstab Rosenberg systematisch durchsucht. Insgesamt beschlagnahmte der Einsatzstab in Frankreich über 21.000 Kunstobjekte.Hanns Christian Löhr: Kunst als Waffe. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. Berlin 2018, S. 114.

Dank des persönlichen Einsatzes von Rose Valland wurden die gestohlenen Objekte inventarisiert. Darum war im Falle von Frankreich die Beschlagnahme von 21.902 Kunstobjekten aus 203 Kunstsammlungen rekonstruierbar. Der Wert der bis zum März 1941 zusammengetragenen Kunstwerke wurde von der Berliner Leitung des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg auf mehr als eine Milliarde Reichsmark geschätzt. Zwischen April 1941 und Juli 1944 wurden durch den Einsatzstab Rosenberg 4.174 Kisten Kulturgüter in 29 Sendungen nach Deutschland geschickt. Darüber hinaus wurden in einer „Aktion M“ aus vormals jüdischem Besitz Möbel und Hausrat geplündert: so wurden aus 71.619 Wohnungen mehr als eine Million Kubikmeter Güter in 29.436 Eisenbahnwagen von Frankreich nach Deutschland geschafft.Thomas Buomberger: Raubkunst-Kunstraub. Zürich 1998, S. 27 ff.

Nach einem Führerbefehl vom 18. November 1940 standen die konfiszierten Kunstwerke Hitler für dessen Sonderauftrag Linz zur Verfügung.Birgit Schwarz: Sonderauftrag Linz und „Führermuseum“, in: Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Hrsg. v. Inka Bertz und Michael Dorrmann, Göttingen, Wallstein Verlag 2008, ISBN 978-3-8353-0361-4. Sie wurden in den Schlössern Neuschwanstein, Chiemsee, Buxheim (Bayern), Kogl im Attergau und Seisenegg (Österreich) und Nikolsburg (Tschechoslowakei) deponiert.

Götz Aly beschreibt 2013 eine andere Variante des Kunstraubs am Beispiel von Walter Bornheim, München. Dabei wurden Kunstwerke mit französischen Devisen „erworben“, die durch Buchungstricks der Reichsbank über die Reichskreditkasse Paris direkt dem besetzten Staat in Rechnung gestellt wurden.Götz Aly: Hitlers willige Kunsthändler. In Die Zeit, 21. Nov. 2013 Nr. 48, S. 57. Er zieht daraus Konsequenzen für den aktuellen Kunstfund in München.

Raub polnischer Kulturgüter während des Zweiten Weltkriegs

Die deutsche Besatzung Polens ab 1939 war von einer gezielten, systematischen Plünderung des polnischen Kulturerbes begleitet. Diese Raubzüge verfolgten nicht nur wirtschaftliche oder sammlerische Zwecke, sondern waren Teil einer umfassenden Strategie zur Zerstörung der polnischen nationalen Identität.Jan Pruszyński: Poland: The War Losses, Cultural Heritage, and Cultural Legitimacy. In: Elizabeth Simpson (Hrsg.): The Spoils of War: World War II and Its Aftermath. Abrams, New York 1997, S. 221–229.

Unmittelbar nach dem Überfall auf Polen begannen deutsche Spezialkommandos wie der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), das Sonderkommando Mühlmann oder das Kommando Paulsen mit der Konfiszierung von Kulturgütern. Beschlagnahmt wurden Kunstwerke, Manuskripte, Bücher, Archivbestände und liturgische Objekte aus Museen, Kirchen, Bibliotheken sowie aus privaten Sammlungen.Czesław Madajczyk: Polityka III Rzeszy w okupowanej Polsce, Bd. II. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warszawa 1970, S. 203–211.

Die Aktion betraf sowohl die von Deutschland annektierten Gebiete als auch das Generalgouvernement. Eine zentrale Rolle spielte dabei Kajetan Mühlmann, der im Auftrag Hermann Görings den Kunstraub koordinierte.Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego: Wartime Losses of Polish Cultural Property. Online: https://www.gov.pl/web/kultura/straty-wojenne---dziela-sztuki (abgerufen am 2. Mai 2025).

Nach konservativen Schätzungen verlor Polen infolge der deutschen Besatzung über 516.000 Kunst- und Kulturobjekte, darunter etwa 11.000 Werke polnischer Künstler, 2.800 Gemälde europäischer Meister, über 1.400 Skulpturen, rund 75.000 Manuskripte, 25.000 Karten sowie Millionen Bücher, Inkunabeln und historische Dokumente.Karol Estreicher jr.: Cultural Losses of Poland: Index of Polish Cultural Losses during the German Occupation 1939–1944. Neuauflage, Kraków 2003.Dariusz Matelski: Polityka Niemiec wobec polskich dóbr kultury w XX wieku. Wydawnictwo Adam Marszałek, Toruń 2005, S. 92–101.

Zu den prominentesten Fällen zählt der Raub des Altars von Veit Stoß aus der Krakauer Marienkirche, Leonardo da Vincis „Dame mit dem Hermelin“ sowie Raffaels „Porträt eines Jünglings“.Witold Tomkiewicz: Catalogue of Paintings Removed from Poland by the German Occupation Authorities during the years 1939–1945, Bd. I–II. Ministerstwo Kultury i Sztuki, Warschau 1950/1953.

Auch Bibliotheken wurden systematisch zerstört oder geplündert: Allein die Nationalbibliothek in Warschau verlor etwa 800.000 Bände, darunter Tausende unersetzliche Handschriften.A. Mężyński, U. Paszkiewicz, B. Bieńkowska: Straty bibliotek w czasie II wojny światowej…, Warszawa 1994.

Nach dem Krieg veröffentlichte das polnische Kulturministerium Kataloge mit Verlusten und erstellte später eine Online-Datenbank, um geraubte Objekte aufzuspüren und Rückgabeverfahren zu initiieren.Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego: Baza Strat Wojennych. Online: https://dzielautracone.gov.pl (abgerufen am 2. Mai 2025). Trotz intensiver Bemühungen gelten viele der verschollenen Kulturgüter bis heute als nicht zurückgegeben oder ungeklärt.

Rückführungen nach Kriegsende

Von 1945 an wurde die Beutekunst von den Alliierten aus den Bergungsorten zu verschiedenen zentralen Sammelstellen („Central Collecting Point“) in München, Wiesbaden und Marburg gebracht, fotografiert, katalogisiert, auf ihre Herkunft überprüft und an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. 1949 stellte der Collecting Point seine Tätigkeit ein und übertrug seine Aufgaben dem Deutschen Restitutionsausschuss. 1952 wurde dieser von der Deutschen Treuhandverwaltung für Kulturgut, die dem Auswärtigen Amt angegliedert war, abgelöst.

Am 1. Januar 1963 übernahm die Oberfinanzdirektion München sämtliche Unterlagen und die noch vorhandenen Kunstgegenstände. Nach Abs. 1 GG wird die Bundesrepublik Eigentümerin der restlichen 3.500 Inventarnummern, die aber eine weitaus größere Zahl von Objekten erfassen. Unterlagen und Akten, die über die Herkunft der Kunstwerke Auskunft geben können, befinden sich im Bundesarchiv in Koblenz.

In deutschen Archiven, Kultureinrichtungen und Museen befinden sich noch immer unrechtmäßig während der NS-Zeit angeeignete Kulturgüter, vor allem aus vormals jüdischem Besitz. Nach Schätzung des Beutekunst-Forschers Günter Wermusch wurden von den Nationalsozialisten drei bis fünf Millionen Kunstgegenstände in den eroberten Gebieten entwendet. Bis Mitte der 1960er Jahre wurden etwa 80 Prozent der Kunstwerke zurückgegeben. Danach kam es nur noch zu vereinzelten Rückgaben. Wenn man von den unteren Zahlen ausgeht, bedeutet dies, dass 500.000 Kunstwerke (noch) nicht an die Eigentümer beziehungsweise deren Erben zurückgegeben worden sind.Günter Wermusch: Tatumstände (un)bekannt. Kunstraub unter den Augen der Alliierten, Braunschweig 1991 Diese Zahlen betreffen die Konfiszierungen aus den besetzten Gebieten. Hinzu kommt die Zahl der nunmehr unter Raubkunst subsumierten innerdeutschen „Arisierung“ jüdischen Besitzes sowie die Beschlagnahme aus Öffentlichen Sammlungen im Verlauf der Aktion „Entartete Kunst“.