Der Livländische Krieg von 1558 bis 1583, auch als Erster Nordischer Krieg bezeichnet, war der erste einer Reihe kriegerischer Konflikte zwischen Schweden, Polen-Litauen, Dänemark und dem Zarentum Russland um die Vorherrschaft im Ostseeraum.
Vorgeschichte mini|links|Livländische Konföderation Von 1237 bis 1561 war Alt-Livland (ab 1346 das sog. Marienland Livland) Teil des Deutschen Ordens. Immer wieder kam es zu Streitigkeiten mit den benachbarten russischen Republiken Pskow und Nowgorod, die sowohl religiöse (Nordische Kreuzzüge) als auch wirtschaftliche Gründe hatten. Über Livland verliefen wichtige Handelsrouten zwischen Westeuropa und Russland, was die Livländische Konföderation politisch und ökonomisch ausnutzte. Konflikte um die Ostseeherrschaft hatte es bereits früher zwischen Nowgorod, dem Deutschen Orden und Schweden gegeben. So erbte das Großfürstentum Moskau infolge der Eroberung Nowgorods 1478 auch die Konflikte mit dessen Nachbarn. Bereits im Russisch-Livländischen Krieg 1480–1481 unterstützte Iwan III. die Republik Pskow gegen Livland und verwüstete Gebiete von Dorpat bis Riga. 1492 gründete er gegenüber der Ordensfestung Narwa die Festung Iwangorod, die auch gegen Schweden gerichtet war, von dem Iwan III. Teile Kareliens forderte. Die Schweden schleiften jedoch nach russischen Angriffen 1496 Iwangorod, bevor im folgenden Jahr ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde. Zwischen Livland und Russland kam es von 1501 bis 1503 zu einem erneuten Krieg. 1502 konnte Landesmeister Wolter von Plettenberg den Angriff Russlands unter Iwan III. ein letztes Mal zurückdrängen.
Im Jahre 1523 begann in Livland die Reformation, die sich zunächst hauptsächlich in den Städten verbreitete. In Alt-Livland, das ohnehin schon zersplittert war, rief die Reformation weitere Spannungen hervor. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatten sich die bisherigen Kräfteverhältnisse im Ostseegebiet verschoben. Russland war erstarkt und suchte den Weg nach Europa. Auch Polen-Litauen, Dänemark und Schweden beanspruchten einen Teil des alt-livländischen Erbes für sich.
Mit der Eroberung der Khanate von Kasan (1552) und Astrachan (1556) schien es dem jungen Zaren Iwan IV. endgültig gelungen zu sein, Russland vom Tatarenjoch zu befreien, und viele hofften, dass er sich nach diesen Siegen nun gegen das Khanat der Krim wenden würde. Doch Iwan suchte sich stattdessen einen schwächeren Gegner: Ein Sieg gegen den Ordensritterstaat in Livland versprach freien Zugang zur Ostsee. Livland war durch die erst 1557 beigelegte livländische Koadjutorfehde geschwächt.Ernst Laubach: Ferdinand I. als Kaiser. Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V. Aschendorff, Münster 2001, ISBN 3-402-05165-6, S. 681–683. Digitalisat
Kriegsverlauf Zerfall Alt-Livlands mini|Belagerung von Narwa 1558 mini|Schwarzhäupter-Epitaph in Tallinn zur Erinnerung an 10 in einem Scharmützel im September 1560 gefallene Mitglieder der Bruderschaft
Der Livländische Krieg begann 1558 mit dem Einmarsch russischer Truppen in Livland. Als Anlass für den Überfall diente Iwan die Verweigerung der von seinem Großvater über das Stift Dorpat verhängten Tributzahlung durch den Orden.Reinhard Wittram: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918. Oldenbourg, München 1954, S. 66. Der geforderten Nachzahlung konnten die sich seit dem Zweiten Thorner Frieden von 1466 unter polnischer Oberhoheit befindlichen Ritter nicht mehr nachkommen. Narwa fiel am 11. Mai 1558; Neuhausen am 29. Juni; Dorpat am 18. Juli 1558. Der Norden der Konföderation wurde rasch besetzt. Mit der Eroberung Narwas gewann Russland vorübergehend (bis 1581) einen unmittelbaren Zugang zur Ostsee. Nachdem die russischen Truppen im Herbst bis vor Reval vorgedrungen waren, sich dann aber nach Narva und Dorpat zurückgezogen hatten, brachen sie im Januar 1559 ein drittes Mal in Livland ein, jetzt in die erzstiftischen Gebiete mit Stoßrichtung Riga. Den Augsburger Reichstag ersuchte der Komtur Georg Sieberg von Wischlingen im Auftrag des Hochmeisters Wolfgang Schutzbar im April 1559 um Hilfe.Ernst Laubach: Ferdinand I. als Kaiser. Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V. Aschendorff, Münster 2001, S. 343. Obwohl Livland Teil des Reiches war, kam es nicht zu einem „gewaltigen gegenzug“, da ein Ausschuss des Reichsfürstenrates zu dem Schluss kam, dass kurzfristig kein Heer aufgestellt werden könne.Ernst Laubach: Ferdinand I. als Kaiser. Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V. Aschendorff, Münster 2001, S. 344.
Die dänische Gesandtschaft, die in Moskau unter Hinweis auf die dänischen Hoheitsrechte über Estland einen für Livland möglichst günstigen Frieden anstreben sollte, konnte dort zwar nur einen am 11. April vereinbarten Waffenstillstand für sechs Monate (Mai bis Oktober 1559) erreichen; ein Tatareneinfall ließ es dem Zaren angezeigt erscheinen, seine Ambitionen auf Livland vorübergehend zurückzustellen. Bereits im November, gleich nach Ablauf des Waffenstillstands, kam es zu neuen Aktionen russischer Truppen, und im Februar 1560 gelang ihnen die Eroberung der Marienburg, einer Grenzburg des Ordens. Am 2. August 1560 fand die Schlacht bei Ermes statt, wo das vereinte Heer des Ordens, von Polen unterstützt, von den Russen vernichtend geschlagen wurde.Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Weißrusslands. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-36255-2, S. 93. Am 20. August fiel die Stadt Fellin mit der stärksten Ordensburg in Livland. Anfang September drangen gegen Reval und Pernau vorrückende russischen Truppen plündernd in die Wiek ein. Das war das Ende des livländischen Ordenszweigs. Die russischen Truppen zogen sich Ende 1560 nach Wierland und Dorpat zurück und verblieben dort 1561, so dass in dem Jahr die Waffen schwiegen.
Im Jahre 1561 löste sich der Ordensstaat Altlivland auf, und überwiegend deutsch-adelige Vasallenschaften begründeten in diesem Gebiet die Livländische Ritterschaft. Dies und die russischen Erfolge dienten als Anlass für die Internationalisierung des Konfliktes, als sich die umliegenden Mächte einzelne Teile des aufgelösten Livlands aneigneten. Ein Teil der livländischen Stände unterstellte sich 1561 dem König von Polen, so schloss Gotthard Kettler, der letzte Landmeister des Deutschen Ordens in Livland, 1561 mit Sigismund II. Augustus ein Abkommen, durch das aus dem Ordensland das Herzogtum Kurland und Semgallen unter polnischer Lehnshoheit entstand.Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Weißrusslands. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-36255-2, S. 94 Die Stände der Insel Ösel und das Stift Pilten hatten sich schon 1559 der dänischen Krone unterstellt und der dänische Prinz Magnus ging am 16. April 1560 mit 300 Soldaten auf Ösel bei Arensburg an Land. Der festländische Teil des früheren Piltener Stiftsgebietes ging 1563 an Schweden verloren, konnte jedoch wiedergewonnen werden.
1561 unterstellten sich die Stadt Reval und die harrisch-wierische Ritterschaft freiwillig Schweden. Die kleineren Städte im nördlichen Altlivland hingegen eroberte Schweden durch Waffengewalt. Nur die Stadt Riga behauptete noch bis Januar 1581 ihre selbständige (reichsunmittelbare) Stellung. Als offenkundig war, dass sich die Stadt gegenüber den umgebenden Mächten (Polen-Litauen, Schweden, Russland) nicht würde behaupten können, unterstellte sich Riga 1581 dem polnischen König Stephan Báthory und huldigte ihm.Heinz von zur Mühlen: Das Ostbaltikum unter Herrschaft und Einfluß der Nachbarmächte (1561–1710/1795). In: Gert von Pistohlkors (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Baltische Länder. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-214-0, S. 173–264, hier S. 182. Im Gegenzug bestätigte König Stephan durch das Corpus Privilegiorum Stephanorum der Stadt ihre herkömmlichen Freiheiten und Privilegien.Enn Tarvel: Kirche und Bürgerschaft in den baltischen Städten im 16. und 17. Jahrhundert. In: Matthias Asche, Werner Buchholz, Anton Schindling (Hrsg.): Die baltischen Lande im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Livland, Estland, Ösel, Ingermanland und Lettgallen. Stadt, Land und Konfession 1500–1721, Bd. 3, Aschendorff, Münster 2011, S. 17–99, hier S. 59.
Krieg zwischen Russland und Litauen 300px|mini|Karte Polen-Litauens nach der Union von Lublin 1569:
Da die Ereignisse in Livland eine Verlängerung des 1562 auslaufenden Waffenstillstandes zwischen Litauen und Russland nicht mehr zuließen, eröffnete Iwan IV. einen neuen mehrjährigen Waffengang an der seit langem umstrittenen weißrussischen Grenze, und die Polen animierten die Krimtataren zu neuen Einfällen nach Russland. Indem der Krieg an Raum und Teilnehmern zugenommen hatte, zerfiel er zunehmend in kleinere Aktionen. Raubzüge und Überfälle bestimmten zunehmend das Geschehen.
Anfang 1562 drangen im Krieg gegen Litauen russische Heere bis nach Schklou, Orscha, Dubrouna und Witebsk vor und Iwan IV. nahm mit 60.000 Mann die strategisch wichtige litauische Festung Polazk ein. Die Heerführer Iwans IV. brachten nahezu das ganze Polozker Land nördlich der Düna unter ihre Kontrolle.
Erschrocken durch diesen Verlust, schlossen die Litauer einen Waffenstillstand mit dem Zaren, der für die Garantie eines dauerhaften Friedens jedoch die Herrschaft über Polazk und Livland forderte. Als seine Forderung zurückgewiesen wurde, griff der Zar im Januar 1564 erneut das Großfürstentum Litauen an. Doch die 25.000 Mann starke Armee des Fürsten Pjotr Schujski wurde am Fluss Ula bei Polazk am 26. Januar 1564 in der Schlacht an der UllaHenads Sahanowitsch: Der Eintritt des Großfürstentums Litauen in die polnisch-litauische Adelsrepublik: Weißrußland im 16. und 17. Jahrhundert. In: Dietrich Beyrau, Rainer Lindner (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Weißrußlands. 2001, ISBN 978-3-525-36255-6, S. 93–118, hier S. 94. und am 7. Februar in der Schlacht bei Orscha durch ein von Hetman Mikołaj Radziwiłł Rudy herangeführtes litauisches Heer geschlagen. In der Folge kam es zwischen den beiden Parteien nur noch zu kleineren Gefechten, die ab und zu durch Friedensverhandlungen unterbrochen wurden.
Als die litauische Gesandtschaft 1566 versuchte, Polazk und Smolensk auf diplomatischen Wege zurückzuerhalten, verlangte Iwan dafür Riga. Daraufhin beschlossen die regierenden Kreise des Großfürstentums, zur Schaffung einer besseren Verhandlungsposition auf russisches Gebiet vorzudringen. Aber der Angriff 1567/68 bei Maladsetschna, für den mit mehr als 40.000 Mann die stärkste Armee in der Geschichte Litauens aufgestellt worden war, schlug fehl. Die Kriegshandlungen wurden auf kleiner Flamme fortgesetzt. Die russischen Heerführer vermieden offene Kämpfe und verschanzten sich in ihren Festungen, wodurch sich der Krieg in die Länge zog.
Die anwachsende russische Bedrohung war einer der Beweggründe dafür, dass Polen und Litauen, die bisher schon „in Personalunion“ von einem gemeinsamen König regiert worden waren, sich im Jahre 1569 in der Union von Lublin zusammenschlossen. Mit dieser „Realunion“ wurde ein gemeinsames Staatswesen geschaffen. Ein dreijähriger Waffenstillstand ab Juni 1570 bestätigte schließlich den beiderseitigen Besitzstand zwischen Russland und Polen-Litauen.
Bereits 1563 war es auch zu einem offenen Krieg zwischen Schweden und dem traditionellen Widersacher Dänemark und mit Polen gekommen, der als Dreikronenkrieg bzw. Nordischer Siebenjähriger Krieg in die Geschichte eingegangen ist. Dieser wurde jedoch nur zeitweilig in Livland ausgetragen, da sich Schweden und Dänemark vorrangig an der nordischen Front und zur See engagierten, so dass sie außerstande waren, überdies an der baltischen Front starke Kräfte gegeneinander einzusetzen.
Gegenüber dem Zaren suchte König Erik XIV. deshalb Frieden zu halten.Norbert Angermann: Beginn des Livländischen Krieges
Russisches Vasallen-Königreich Livland und Krieg mit Schweden mini|Kriegskarte Livlands zwischen 1570 und 1577.