Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME; , TBE, veraltet auch Schneider’sche Krankheit) ist eine durch das FSME-Virus ausgelöste Erkrankung, die mit grippeähnlichen Symptomen, Fieber und bei einem Teil der Patienten mit einer Meningoenzephalitis, der Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten, verläuft. Beim Großteil der infizierten Personen treten jedoch keine Krankheitsanzeichen auf.
Übertragen wird die Krankheit durch den Stich einer infizierten Zecke, hauptsächlich durch den Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus); seltener durch den Konsum von Rohmilch eines infizierten Nutztiers. Eine ursächliche Behandlung der FSME ist nicht möglich. Neben allgemeinen Schutzmaßnahmen wie körperbedeckender Kleidung und dem Absuchen des Körpers nach einem Waldbesuch kommt die FSME-Impfung als vorbeugende Maßnahme in Frage. National etwas unterschiedlich wird sie von verschiedenen Behörden für alle Personen empfohlen, die sich in „Risiko-“ oder Endemiegebieten aufhalten, arbeiten oder dorthin verreisen.
Abzugrenzen ist FSME von der ebenfalls von Zecken viel häufiger übertragenen, bakteriellen Lyme-Borreliose.
Erreger und Übertragung mini|Zecke Der Verursacher der Frühsommer-Meningoenzephalitis ist das FSME-Virus, ein humanpathogenes Virus aus der Familie der Flaviviridae und Gattung Flavivirus. Dieses Virus ist ein behülltes Einzelstrang-RNA-Virus [ss(+)RNA], von dem drei relevante Subtypen mit hoher phylogenetischer und antigener Ähnlichkeit bekannt sind. Diese werden aufgrund ihres sich teilweise überlappenden geographischen Vorkommens als europäischer, fernöstlicher und sibirischer Subtyp bezeichnet. Hierbei verursacht der europäische Subtyp die im deutschsprachigen Raum bezeichnete Erkrankung „FSME“, während im englischsprachigen Raum allgemein der Überbegriff tick-borne encephalitis (TBE) für die von allen Virussubtypen verursachte Erkrankung ist. Die Virussubtypen werden dabei abgekürzt: TBEV-Eu (bzw. Eu-TBEV) für den europäischen, TBEV-FE (bzw. FE-TBEV) für den fernöstlichen und TBEV-Sib (bzw. Sib-TBEV) für den sibirischen Subtyp. Zudem wurde ein himalajanischer (TBEV-Him) sowie ein baikalischer (TBEV-Bkl) Subtyp identifiziert. Der fernöstliche Subtyp ist mit der höchsten Rate an Langzeitschäden und tödlichen Verläufen assoziiert.
Der in Europa hauptsächlich vorkommende europäische Subtyp des FSME-Virus wird durch den Stich einer infizierten Zecke übertragen. Die Hauptkrankheitsüberträger in Mitteleuropa sind die Arten der Gattung Ixodes mit der häufigsten einheimischen Art, dem Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus), sowie die Taigazecke (Ixodes persulcatus), darüber hinaus die Wiesenzecke (Dermacentor reticulatus),Neue FSME-Infektionsquellen. In: Dt. TÄBl., 2017 Band 65, Heft 5, S. 592. seltener auch andere Vertreter der Gattung Rhipicephalus sowie Vertreter der Gattungen Dermacentor, Haemaphysalis, Amblyomma und aus der Familie der Lederzecken die Gattungen Argas und Ornithodorus.
Das FSME-Virus wird beim Einstich aus der Speicheldrüse der Zecke innerhalb der ersten Stunden übertragen. Im Gebüsch, an Waldrändern oder in hohem Gras auf Wiesen besteht das größte Risiko eines Zeckenstiches, weil dort Kleinsäugetiere (Mäuse), Vögel und Wild als Hauptwirte (primäres Erregerreservoir) der Zecken leben. In Höhen oberhalb von 1000 Metern kommen keine mit FSME infizierten Zecken vor, obwohl der Gemeine Holzbock in den Alpen mittlerweile in Höhen bis 2000 m. ü. M. vorgestoßen ist. Diese Differenz hängt mit den spezifischen Überlebensbedingungen des Virus zusammen. In Risikogebieten liegt der Anteil der FSME-infizierten Zecken bei etwa 0,1 % bis 5 %. Die Zecke kann auch selbst ihr eigener Überträger werden, da die Viren innerhalb der Zeckenpopulation über die Entwicklungsstadien der Zecke hinaus (transstadial) oder an die nächste Zeckengeneration (transovariell) weitergegeben werden können.
Die Übertragung durch virusinfizierte Milchprodukte („biphasisches Milchfieber“) tritt in Deutschland, Österreich und der Schweiz selten auf,Heidemarie Holzmann, Franz X. Heinz: FSME-Ausbruch durch Konsum von Frischkäse aus nichtpasteurisierter Ziegenmilch. In: ImpfDialog, 3/2008; da diese nur durch Rohmilch von Ziegen, Schafen oder Kühen möglich ist. In baltischen Ländern wird eine höhere Prävalenz von Antikörpern gegen das FSME-Virus mit dem häufigen Genuss von Ziegenmilch in Verbindung gebracht. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Das Virus wird durch Pasteurisierung der Milch zuverlässig inaktiviert.
Zecken können auch Borreliose übertragen. Die Borreliose wird durch Borrelien verursacht und ist wesentlich häufiger als die FSME (pro 100.000 Einwohnern werden in Bundesländern mit Meldepflicht zwischen 20 und 90 Borreliosefälle pro Jahr gemeldet,Epidemiologisches Bulletin. Robert Koch-Institut, Nr. 38, 21. September 2007, S. 351–355; rki.de (PDF; 1,4 MB). bei FSME beträgt diese Zahl nur 1,3; s. u.Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass grippeähnliche Symptome nach einem Zeckenstich (welche als FSME-Fall gemeldet werden müssen) ebenso durch eine Borrelieninfektion (bei der eine Wanderröte nur in ca. 50 % der Fälle auftritt) ausgelöst werden können!). Dies liegt daran, da ca. 10–35 % der Zecken mit Borrelien infiziert sind. Gegen Borreliose existiert keine Impfung, allerdings kann die Infektion im Gegensatz zur FSME mit Antibiotika behandelt werden. FSME tritt in Deutschland bisher in bestimmten Risikogebieten auf, Tendenz wegen des Klimawandels steigend, so Experten. Die Infektionsgefährdung bei Borreliose betrifft alle Landesteile.
Häufigkeit
Deutschland
In Deutschland ist die Frühsommer-Meningoenzephalitis seit 2001 nach § 7 Abs. 1 Infektionsschutzgesetz durch den Leiter des diagnostizierenden Labors meldepflichtig. Von 2012 bis 2025 schwankte die Anzahl der gemeldeten Fälle, nahm insgesamt jedoch von 195 auf 692 Fälle zu:
+ FSME-Fälle in Deutschland 2012-2025 Jahr gemeldete Fälle 2012 195 2013 420 2014 260 2015 223 2016 344 2017 486 2018 584 2019 445 2020 712 2021 420 2022 562 2023 475 2024 695 2025 692
Als „Fall“ wird hierbei bezeichnet, wenn bei einer Person, die: grippeähnliche Beschwerden oder Symptome des zentralen Nervensystems hat, ein labordiagnostischer Nachweis (Serologie oder PCR) einer zugrundeliegenden FSME gelingt.Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2012. RKI; rki.de (PDF; 5,9 MB) abgerufen am 25. Februar 2014.Epidemiologisches Bulletin des RKI (PDF; 307 kB) 19. Januar 2015. Während der Sommermonate, insbesondere nach Freizeitaktivitäten, werden die meisten Fälle gemeldet.
Österreich
+Statistik für Österreich Jahr Erkrankungsfälle Todesfälle 2024 163 0 2023 109 0 2022 206 3 2021 135 0 2020 250 4 2019 106 2 2018 171 5 2017 123 0 2016 95 1 2015 79 0 2014 81 1 2013 100 2 2012 49 2 2011 103 3 2010 67 2 2009 60 2 2008 65 3 2007 33 0 2006 53 0 2005 62 3 2004 32 0 2003 52 1 2002 36 0 2001 23 1 2000 12 0 1999 6 0 1998 10 0 1997 17 0 1996 29 0 Laut Medienberichten wurde im Jahr 2020 ein neuer Höchststand von Erkrankungen verzeichnet. Grund dafür sollen „Impffaulheit“, Angst vor einer COVID-19-Erkrankung sowie Reisebeschränkungen und die damit verbundenen Urlaube innerhalb Österreichs gewesen sein.
Aufgrund der grippeähnlichen, oft unspezifischen Symptomatik ist eine hohe Dunkelziffer von Erkrankungen möglich (die dann aber harmlos verlaufen).
Schweiz
In der Schweiz erkranken pro Jahr etwa 100 Personen an FSME, wobei 2005 (204 Fälle) und 2006 (249 Fälle) ein starker Anstieg zu verzeichnen war. In der Folge lag die Zahl bis 2013 bei 100 bis 170 Fälle pro Jahr. Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) / Zeckenenzephalitis, Stand April 2017, abgerufen am 9. Juni 2017.
Risikogebiete mini|Globales Verbreitungsgebiet der durch Zecken übertragenen FSME mini|183 FSME-Risikogebiete in Deutschland nach der Statistik des Robert Koch-Instituts (Stand: 15. Januar 2025, 7867 Fälle in den Jahren 2002 bis 2024). In orange wurden für 2025 der neue Stadtkreis (SK) Augsburg sowie die beiden Landkreise Celle und Elbe-Elster hervorgehoben. In Bayern sind nur noch der SK Schweinfurt und in Baden-Württemberg der SK Heilbronn keine Risikogebiete.
Deutschland In Deutschland galten bis 2006 Land- oder Stadtkreise als FSME-Risikogebiete, in denen in einem Jahr mindestens zwei oder in fünf Jahren mindestens fünf Erkrankungen auftraten – aufgrund einer Ansteckung im selben Gebiet. Als Hochrisikogebiete galten bis 2006 jene Risikogebiete, in denen in fünf Jahren mindestens 25 Krankheitsfälle auftraten. Dies waren der Schwarzwald in Südbaden, der südhessische Odenwald, die Bergstraße sowie die Region um Passau.FSME: Zum aktuellen Vorkommen in Deutschland. Bewertung des örtlichen Erkrankungsrisikos – Karte der Risikogebiete. (PDF; 112 kB) Epidemiologisches Bulletin vom 9. Dezember 2004, Nr. 21, S. 171–172. Dabei ist ein Zecken-Hot-Spot oft nicht größer als ein Fußballfeld oder nur halb so groß – und über Jahre räumlich stabil.Florian Klebs: Zecken: Neue Arten & FSME-Hot-Spots könnten Krankheits-Risiko erhöhen. idw-online.de, 6. März 2018; abgerufen am 10. März 2018.
Gemäß RKI wird ein (Land-)Kreis in Deutschland als Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl übermittelter FSME-Erkrankungen in mindestens einem der zurückliegenden Fünfjahreszeiträume (für 2024 also 2002–2006, 2003–2007, 2004–2008 usw. bis 2020–2024) im Kreis oder in der Kreisregion (im Kreis und allen Nachbarkreisen) signifikant höher liegt als die bei einer Fünfjahresinzidenz von einer Erkrankung pro 100.000 Einwohner erwartete Fallzahl (die deutschlandweite Inzidenz für FSME liegt bei 1,3 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern jährlich). Ein so klassifizierter Kreis behält für 20 Jahre seinen Status als FSME-Risikogebiet. Mit Stand 2025 sind 180 Kreise in Deutschland zum FSME-Risikogebiet erklärt worden. Im Süden und der Mitte Deutschlands (Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen, im südlichen Thüringen und in Sachsen) gibt es große, praktisch zusammenhängende FSME-Naturherde. Hierbei treten fast 90 % der FSME-Fälle in Baden-Württemberg und Bayern auf, die Inzidenz schwankt zwischen 0,7 und 2 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr.
Eine reguläre FSME-Impfung empfiehlt die Ständige Impfkommission nur für die Landkreise der vom Robert Koch-Institut (RKI) erstellten FSME-Karte.
Schweiz Wegen stark gestiegener Fallzahlen in der Schweiz hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Februar 2019 eine Impfempfehlung für die ganze Schweiz mit Ausnahme der Kantone Genf und Tessin ausgesprochen.FSME: Ausweitung der Risikogebiete (PDF; 1,4 MB) FSME-Impfungen werden von den Krankenkassen bezahlt.Vorsicht, Zecken! NZZ.ch, 2. Mai 2019: Oberhalb kommen Zecken nicht vor und oberhalb von ist (Stand 2012) auch in der Schweiz kein FSME-Gebiet bekannt. Beides kann sich aufgrund der zunehmenden globalen Erwärmung ändern.
Österreich Österreich gilt als ein Kernland der FSME-Virusverbreitung in Europa. Das gesamte Bundesgebiet ist Zecken-Endemiegebiet. Aus Höhenlagen über 1000 Meter sind (Stand 2007) keine Fälle von FSME durch Zeckenstiche bekannt.Wie gefährlich sind Zecken wirklich? Der Standard, 12. April 2007. Die meisten Erkrankungen gab es 2005 in der Steiermark, Oberösterreich und Tirol, jedoch gab es in allen Bundesländern FSME-Fälle.F.X. Heinz: Bilanz der FSME 2005: Epidemiologische Situation in Österreich und im internationalen Vergleich. Österreichische Apothekerkammer, 22. Februar 2006. Die Hochrisikogebiete befinden sich entlang der Donau in Wien, in der Wachau, im Gebiet von St. Pölten sowie zwischen Passau und Linz. Auch große Teile des Burgenlandes, Kärntens und der Steiermark sowie das Tiroler Inntal sind Gebiete mit hohem Risiko; auch dazwischen gibt es Risikogebiete. In Österreich erkrankten um 2004 trotz der weiten Verbreitung verhältnismäßig wenige Menschen an FSME, weil rund 90 % von ihnen geimpft waren.Zur FSME in Europa. RKI