Der BGM-109 Tomahawk ist ein Marschflugkörper aus den Vereinigten Staaten, der primär von Schiffen und U-Booten, aber auch von Flugzeugen gestartet wird. Ursprünglich wurde der Marschflugkörper BGM-109 genannt. Die Bezeichnung wurde 1986 geändert in RGM-109 (für den Start von Schiffen) und UGM-109 (für den Start von U-Booten).E. R. Hooton: Jane’s Naval Weapon Systems 1997. Vereinigtes Königreich, 1997. S. 354–359.
Entwicklung Im Jahr 1971 startete die United States Navy ein Programm zur Entwicklung von Marschflugkörpern und Seezielflugkörpern. Dabei griffen sie auf die Konzepte des Submarine Tactical Antiship Weapons System (STAWS) sowie Strategic Cruise Missile (SCM) zurück, welche das Naval Air Systems Command in den späten 1960er-Jahren entwickelt hatte. Im Juni 1972 fiel die Wahl auf einen Flugkörper, der aus den 533-mm-Standardtorpedorohren von U-Booten gestartet werden konnte. Im Zuge des START-Abrüstungsabkommen zeigten auch das Verteidigungsministerium und der Kongress Interesse an dem Programm. Das Abrüstungsabkommen beschränkte die Anzahl der nuklearen Ballistischen Raketen auf U-Booten, nicht aber die der Marschflugkörper, welche als bedeutungslos angesehen wurden. Daraufhin wurde dem Programm vom Kabinett Nixon eine hohe Priorität sowie mehr Finanzmittel zugesprochen. Danach startete die United States Navy im November 1972 eine Ausschreibung für die Entwicklung eines U-Boot-gestützten Marschflugkörpers mit Nukleargefechtskopf sowie für einen Seezielflugkörper. Da der Marschflugkörper auch von Schiffen aus gestartet werden sollte, bekam das Programm nun die Bezeichnung Sea-launched cruise missile (SLCM). Insgesamt gaben zehn Rüstungsunternehmen ihre Entwürfe ab, von deren zwei ab 1974 evaluiert und getestet wurden. Im Februar 1976 wurde das Modell ZBGM-109 von General Dynamics zum Sieger des Wettbewerbs erklärt.
Der erste Testflug eines Tomahawks fand am 28. März 1976 und der erste gelenkte Flug am 6. Juni 1976 statt. Ab 1977 wurde die fahrzeuggebundene Ausführung BGM-109G Gryphon für die United States Air Force entwickelt, die 1984 einsatzbereit war. Weiter wurde 1977 die luftgestützte Ausführung AGM-109 Tomahawk für eine Ausschreibung des Strategic Air Command entwickelt. Diese wurde aber zu Gunsten der AGM-86 ALCM gestrichen. Der erste erfolgreiche Start eines Tomahawks von einem getauchten U-Boot aus gelang am 21. Februar 1978. Der erste Start eines Tomahawks auf einem Schiff gelang am 19. März 1980. Die Integrationstests sowie die Truppenerprobung begannen 1981 und im März 1983 war der BGM-109 Tomahawk operationell. Danach wurden die Tomahawks weiterentwickelt und es entstand eine ganze Familie von Marschflugkörpern.
Die zweite Tomahawk-Serie wurde zwischen 1992 und 1994 bei McDonnell Douglas produziert. Nachdem die Lenkflugkörper-Sparte von General Dynamics an Hughes Aircraft veräußert worden war, wurden die Tomahawks ab 1994 dort produziert. Im Jahr 1997 wurde Hughes von Raytheon übernommen. Seitdem 2020 Raytheon in die RTX Corporation aufgegangen ist, werden die Tomahawks dort produziert und weiterentwickelt. Bis Ende 2004 wurden über 4.000 Tomahawks produziert.
Technik Die RGM/UGM-109 Tomahawk sind seebasierte Marschflugkörper zur Bekämpfung von stationären Landzielen.Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems – 38th Edition. Jane’s Information Group, 2003, S. 224–227. Weiter wurde die Ausführung BGM-109G Gryphon für den Einsatz von Sattelzügen, die AGM-109 für den Start von Flugzeugen sowie Seezielflugkörper entwickelt. Aktuell existieren primär zwei Varianten des Tomahawk-Marschflugkörpers: die Version RGM-109 für den Start ab Kriegsschiffen und die UGM-109 für den Start ab U-Booten. Der Start der RGM-109 erfolgte anfänglich aus dem Mk 44/143 Armored Box Launcher und später mit dem Mk 41 Vertical Launching System.Wwiiafterwwii.wordpress.com: putting cruise missiles on WWII battleships. Die Ausführung UGM-109 wird aus den 533-mm-Torpedorohren von U-Booten oder aus der Mk 45-Senkrechtstartanlage für Flugkörper der Boote gestartet. Die Tomahawks werden aus dem Herstellerwerk in versiegelten Behältern ausgeliefert. Die Behälter sind mit Stickstoff befüllt, womit der Marschflugkörper für 2½ Jahre einsatzbereit gehalten werden kann. Für die RGM-109 wird ein Behälter aus Glasfaserverstärktem Kunststoff und für die UGM-109 ein solcher aus nichtrostendem Stahl verwendet. Letzterer hat einen Außendurchmesser von 533 mm und wiegt beladen rund 1.900 kg.mini|Start einer Tomahawk von Bord des U-Boots USS Florida|327x327pxDer Tomahawk-Marschflugkörper hat einen 5,56 m langen Rumpf mit einem kreisrunden Querschnitt mit 518 mm Durchmesser. Der Rumpf besteht aus Stahl, Aluminium sowie Kunststoffen und ist in mehrere Sektionen aufgeteilt: hinter der abgerundeten Rumpfspitze befindet sich das Navigationssystem und die Elektronik. Darin ist das Trägheitsnavigationssystem, ein barometrischer Höhenmesser sowie der Radarhöhenmesser für das TERCOM-System verbaut. Bei neueren Versionen kommt ein DSMAC-System, ein Mehrkanal-GPS-Empfänger sowie ein 2-Weg-Datenlink hinzu. Dahinter folgt das Fach für den Gefechtskopf. Dieser kann aus einem Nukleargefechtskopf, Splittergefechtskopf oder Streumunition bestehen. Hinter diesem Fach befindet sich der Haupttreibstofftank für den Kraftstoff. Anfänglich wurde Kraftstoff vom Typ JP-4 verwendet, der später durch JP-10 ersetzt wurde. In dem Tank ist ein Fach für die Tragflächen eingelassen. Sie entfalteten sich erst nach dem Start und haben dann eine Pfeilung von rund 8°. Im hinteren Rumpfdrittel ist der ausklappbare Lufteinlass platziert. Im Heck ist das Turbofantriebwerk verbaut. Anfänglich wurde ein F107-WR-400-Triebwerk von Williams International verwendet. Bei neueren Ausführungen wird ein F107-WR-402 bzw. ein F415-WR-402-Triebwerk verwendet. Weiter sind im Heck eine Thermalbatterie, die Aktuatoren sowie das Steuersystem für die Steuerflächen untergebracht. Daneben befinden sich am Heck vier trapezförmige Steuerflächen, welche nach dem Start ausgeklappt werden. Am Flugkörperheck ist bei der Ausführung RGM-109 ein MK 106-Feststoffbooster angesetzt. Bei der Ausführung UGM-109 kommt der MK 111-Feststoffbooster zur Anwendung. Beide Booster verfügen über eine Schubvektorsteuerung, haben eine Länge von 69 cm und wiegen rund 270 kg.Thomas B. Cochran: Nuclear Weapons Databook 1984, Volume I, U.S. Nuclear Forces and Capabilities. Natural Resources Defense Council, 1984, S. 184–187.Edward L. Korb: The World’s Missile Systems. Seventh Edition. Vereinigte Staaten, 1982. S. 323–324.Christopher Chant: A Compendium of Armaments and Military Hardware. 2014, S. 497.
Einsatzkonzept mini|Start einer Tactical Tomahawk von der Stethem Während des Kalten Krieges waren die Tomahawk Block I-Marschflugkörper mit Nukleargefechtsköpfen sowohl für einen nuklearen Erstschlag wie auch für einen Zweitschlag vorgesehen. Mit diesen Marschflugkörpern hätten strategische Ziele wie Militärflugplätze, Marinestützpunkte, Raketensilos und unterirdische Kommandoposten wie auch militärische Depots bekämpft werden können. Die modernen Tomahawks mit konventionellen Gefechtsköpfen gehören inzwischen zu jenen US-amerikanischen und britischen Waffensystemen, die in kriegerischen Konflikten mit als erstes eingesetzt werden. Sie übernehmen dabei z. T. die Aufgaben bemannter Bomber ohne das Risiko, Piloten oder Flugzeuge zu gefährden. Die Tomahawks können tief in gegnerisches Territorium eindringen und dabei Bunker, Radaranlagen, Flugplätze sowie Kommandoposten zerstören oder die feindliche Infrastruktur schwächen.
Vor dem Tomahawk-Start wird zuerst die aktuelle Position des Schiffes oder U-Bootes ermittelt und mit dem Waffenkontrollsystem in das Navigationssystem des Marschflugkörpers eingegeben. Weiter werden die Zielkoordinaten sowie die Flugroute in das Navigationssystem einprogrammiert. Ebenso muss auch das nötige digitale Radar-Kartenmaterial gespeichert werden. Für den Start von einem U-Boot wird der Behälter mit dem Marschflugkörper in ein 533-mm-Torpedorohr geschoben oder der Behälter befindet sich in der Mk 45-Senkrechtstartanlage für Flugkörper des U-Bootes. Beim Start wird der Marschflugkörper aus dem Behälter ausgestoßen und bleibt mit einer Reißleine mit diesem verbunden. Nachdem der Marschflugkörper sich 9 m durch das Wasser bewegt hat, ist die Reißleine gespannt und der MK 111-Feststoffbooster zündet. Dieser treibt den Marschflugkörper mit rund 23 m/s, in einem steilen Winkel an die Wasseroberfläche. Nach dem Durchstoßen der Wasseroberfläche wird die Abdeckung zwischen Booster und Rumpf abgeworfen, so dass sich die Steuerflächen entfalten können. Danach wird der Lufteinlass ausgeklappt und die Tragflächen entfalten sich. Die Rumpf-Schlitze für die Tragflächen werden durch Klappen verschlossen. Der Marschflugkörper hat nun eine Höhe von 335–400 m erreicht. Jetzt wird der ausgebrannte Feststoffbooster abgeworfen und das Turbofan-Marschtriebwerk zündet. Der Marschflugkörper sinkt nun auf die Marschflughöhe.James N. Gibson: Nuclear Weapons Of The United States: An Illustrated History. Schiffer Military History, 1997, S. 156–162.
Beim Start ab Kriegsschiffen wird der Marschflugkörper durch die Zündung des MK 106-Feststoffboosters aus dem Behälter gestartet. Der Booster entwickelt eine Schubkraft von 26,7 kN und hat eine Brenndauer von 12 Sekunden. Der Booster befördert den Marschflugkörper auf einer Wurfparabel auf die optimale Höhe für die Marschflugphase. Dabei entfalten sich die Steuer- und Tragflächen und der Lufteinlass wird ausgeklappt. Nach dem Ausbrennen des Boosters wird dieser abgeworfen und das Turbofan-Marschtriebwerk zündet. Der Marschflug erfolgt in der Regel im Tiefflug, in einer Höhe von unter 200 m. Sollen Gebirge überflogen werden, muss die Marschflughöhe aber entsprechend höher liegen. Über flachem Terrain kann die Flughöhe zwischen 30 und 90 m liegen. Hindernissen kann der Flugkörper mit dem Radarhöhenmesser selbständig ausweichen. Die Marschgeschwindigkeit liegt bei rund 878 km/h. Die niedrige Flughöhe, der kleine Radarquerschnitt und die geringe Infrarot-Signatur des Triebwerkes erschweren eine Ortung und Bekämpfung. mini|300x300px|Luftdetonation einer RGM/UGM-109 Tomahawk über einem Testziel, 1986