Als Netzwerkökonomik (auch Netz(werk)ökonomie; ) wird eine interdisziplinäre Wissenschaft bezeichnet, die sich mit wirtschaftlichen Aspekten von Netzwerken befasst.
Allgemeines Netzwerke beruhen auf der Graphentheorie als Teilgebiet der diskreten Mathematik und der theoretischen Informatik; nicht zuletzt tragen die Betriebswirtschaftslehre, Industriebetriebslehre und Volkswirtschaftslehre zur Netzwerkökonomik bei.Olaf Stiller, Innovationsdynamik in der zweiten industriellen Revolution, 2005, S. 109 Erkenntnisobjekt sind Netze oder Netzwerke, also Verbindungen (Kanten) zwischen verschiedenen Netzknoten, wobei die Verbindungen als Übertragungswege dienen.
Dabei wird unterschieden zwischen Verteilnetzen und interaktiven Netzen. Erstere dienen der Belieferung von Verbrauchern mit Energie (Energienetzwerke) wie Strom (Stromnetze), Erdgas (Gasnetze), Trinkwasser (Wassernetze) oder Kabelfernsehen (Kabelnetze), zum Austausch von Waren oder Informationen wie Straßen-, Schienen- oder Wasserstraßennetze sowie interaktive Netze (Telekommunikationsnetze) zum Austausch von Nachrichten.Günter Knieps, Netzökonomie: Grundlagen - Strategien – Wettbewerbspolitik, 2007, S. 1 Auch Transportnetzwerke oder Kommunikationsnetzwerke gehören dazu.Anna Nagurney, Network Economics: An Introduction, Isenberg School of Management, University of Massachusetts, 2002
Die zunehmende Digitalisierung hat dazu beigetragen, dass die sich daraus abzeichnende Netzwerk-Ökonomie „durch zunehmende globale Vernetzung von Akteuren, Objekten und Infrastrukturen in einem deregulierten, privatisierten und liberalisierten Umfeld gekennzeichnet“ ist.Ulrich Hofmann, Netzwerk-Ökonomie, 2001, S. 1
Zu den Kernthemen gehören der Einfluss von Netzwerkeffekten auf die Konsumnachfrage, Kompatibilitätsentscheidungen und Standardisierung, technologischer Fortschritt in stark vernetzten Industrien, zweiseitige Märkte, Informationsnetzwerke und geistiges Eigentum sowie die Ökonomik sozialer Netzwerke.Oz Shy, A Short Survey of Network Economics, in: Review of Industrial Organization, Vol. 38, Nr. 2, 2011, S. 119
Geschichte Die Netzwerkökonomik hat eine lange Tradition als Teil des volkswirtschaftlichen Wissenschaftskörpers, begann allerdings erst in den 1990er Jahren eine eigenständige akademische Disziplin innerhalb der Volkswirtschaftslehre zu werden. Die Weiterentwicklung der Disziplin ist stark abhängig von der Entwicklung neuer Technologien und Produkte, die auf der Verwendung von Netzwerkstrukturen basieren, sowie neuer Netzwerkdienstleistungen (z. B. Mobile-Banking).
Der Beginn der Netzwerkökonomik hängt davon ab, ob unter einem Netzwerk auch Verkehrsnetze subsumiert werden oder der Begriff auf Telekommunikationsnetze oder sogar lediglich auf digitale Netzwerke eingeschränkt wird.
Fritz Machlup führte 1962 den Begriff der Informationsökonomie einFritz Machlup, The production and distribution of knowledge in the United States, 1962, S. 96 und legte damit die Grundlage für die ökonomische Betrachtung von Informationen und Wissen. Kevin Kelly ging 1998 davon aus, dass die Vernetzung in der Informationstechnik zu neuen ökonomischen Fragestellungen führeKevin Kelly, New Rules for the New Economy, 1998, S. 65 ff.; doch auch wenn sich die Technologien änderten, bleiben ökonomische Gesetze bestehen.Carl Shapiro/Hal R. Varian, Information Rules, 1999, S. 2 Im Jahre 1999 führten Autoren den Begriff der Internet-Ökonomie ein, um die auf einem digitalen Netz beruhende Wirtschaft zu beschreiben.Axel Zerdick u. a., Die Internet-Ökonomie, 1999, S. 1 ff.
Adelheid von Saldern unterscheidet bei ihrer historischen Untersuchung am Beispiel der Unternehmerfamilie Schoeller drei Arten von Netzwerken, die sich teilweise überlappten: das Familien- und Verwandtennetzwerk, das lokale und regionale Governance-Netzwerk, das teilweise ebenfalls auf verwandtschaftlichen Bindungen beruhte, und das regionale und überregionale Branchennetzwerk.Adelheid von Saldern, Netzwerkökonomie im frühen 19. Jahrhundert, 2009, S. 14 ff.
Eine andere zukunftsträchtige Forschungsrichtung der Netzwerkökonomik ist die Verbesserung der bisherigen sozialen Netzwerkmodelle, um sie stärker in einem ökonomischen Kontext anwenden zu können, etwa um die Ökonomik virtueller Organisationen zu untersuchen.Oz Shy, A Short Survey of Network Economics, in: Review of Industrial Organization 38 2, 2011, S. 36.
Untersuchungsgebiete Untersuchungsgebiete der Netzwerkökonomie sind insbesondere Netzwerk-MärkteGünter Knieps, Netzökonomie: Grundlagen - Strategien – Wettbewerbspolitik, 2007, S. 6 ff., Personen-, Güterverkehr und Nachrichtenverkehr, PreisstrategienGünter Knieps, Netzökonomie: Grundlagen - Strategien – Wettbewerbspolitik, 2007, S. 8 oder Marktregulierung.Günter Knieps, Netzökonomie: Grundlagen - Strategien – Wettbewerbspolitik, 2007, S. 9 ff. Netzwerk-Märkte sind Märkte, auf denen mit Hilfe eines Netzwerks Wirtschaftsobjekte getauscht oder transportiert werden (etwa der Energiemarkt für Gas- oder Stromnetze). Im Personen- und Güterverkehr untersucht die Netzwerkökonomik etwa die Verfügbarkeit von Absatzketten, Lieferketten oder Transportketten. Schließlich sind auch Netzwerkeffekte oder Feedback-Effekte Gegenstand dieser Wissenschaft.
Konsumnachfrage unter Netzwerkeffekten Konsumentenpräferenzen zeigen positive (negative) Netzwerkeffekte; wenn der Konsumentennutzen steigt (sinkt), desto mehr Konsumenten die gleiche oder eine kompatible Marke verwenden. Ähnliches gilt für Netzwerkeffekte in der Produktion. Netzwerkeffekte spielen insbesondere für die Nachfrage nach Telekommunikationsdienstleistungen eine wichtige Rolle, wo der Anreiz, einem Netz beizutreten, mit der Anzahl an potentiellen Gesprächspartnern steigt, welche die gleiche Entscheidung treffen.Jeffrey Rohlfs, A theory of interdependent demand for a communications service, in: Bell Journal of Economics and Management Science, Vol. 5, 1974, S. 16–37. Ökonomisch äußert sich dies zum einen in einer Vielzahl an Konsumentengleichgewichten, zum anderen in Koordinationsproblemen. Die Netzwerkeffekt-Hypothese wurde seither in verschiedenen Umgebungen empirisch geprüft, unter anderem durch GandalNeil Gandal, Hedonic price indexes for spreadsheets and an empirical test for network externalities, in: Rand Journal of Economics Vol. 25, 1994, S. 160–170., Economides und HimmelbergNicholas Economides/Charles Himmelberg, Critical mass and network size with application to the US fax market, in: NYU Stern School of Business Discussion Paper Nr. EC–95–11, 1995, S. 3 ff. und Brynjolfsson und Kemerer.Erik Brynjolfsson/Chris F. Kemerer, Network externalities in microcomputer software: An econometric analysis of the spreadsheet market, in: Management Science, Vol. 42, 1996, S. 1627–1647.
Kompatibilitätsentscheidungen und Standardisierung Konkurrierende Marken werden als kompatibel bezeichnet, falls beide über einen gemeinsamen Standard betrieben werden können. Für die Analyse von Kompatibilität und deren Auswirkungen auf den Konsumentennutzen existieren drei Ansätze: der Netzwerkexternalitäten-Ansatz, der Komponenten-Ansatz und der Software-Ansatz. Der netzwerkökonomische Ansatz untersucht insbesondere die Kompatibilität und Inkompatibilität von Produkten unter Einfluss von Netzwerkeffekten. Bemerkenswert ist hierbei, dass im Falle von inkompatiblen Produkten das Unternehmen mit der größeren Nutzerbasis einen höheren Produktpreis verlangt und einen höheren Gewinn als Konkurrenten erwirtschaftet, dass die Unterschiede zwischen den Gleichgewichtspreisen und Gewinnen der jeweiligen Produkte mit der Präferenz der Konsumenten für größere Netzwerke zunehmen sowie dass Preiswettbewerb verstärkt wird, wenn Konsumenten mehr Wert auf die Größe des Netzwerks legen, da dies Unternehmen dazu bringt, ihre Preise zu senken, um ihr Kundennetzwerk zu vergrößern.Michael L. Katz/Carl Shapiro, Network externalities, competition, and compatibility, in: American Economic Review, Vol. 75, 1985, S. 424–440.
Technologischer Fortschritt in vernetzten Industrien In Hinblick auf technologischen Fortschritt ist eine vorrangige Frage, ob die neue Technologie durch die Konsumenten oder die Industrie tatsächlich angenommen werden wird, da bereits viele Nutzer die bestehende Technologie verwenden. Diese Frage entspricht letztlich einer Frage nach der Stärke der jeweiligen technologischen Netzwerkeffekte. In diesem Kontext beschäftigt sich die Netzwerkökonomik mit diversen Themen, darunter die spieltheoretische Modellierung strategischen Technologiewandels,Joseph Farrell/Garth Saloner, Standardization, compatibility, and innovation., in: Rand Journal of Economics, Vol. 16, 1985, S. 70–83. der Bedeutung des Zeitpunkts von technologischem Übergang und Standardisierung, der Sponsorisierung neuer Technologien sowie internationaler Standardisierung. Eine Sonderrolle kommt hierbei dem Fall, dass eine verbesserte Technologie mit einer älteren Technologie inkompatibel ist, und dessen ökonomischen Konsequenzen zu. Ein weiterer Sonderfall der Netzwerkökonomik ist der Versuch einer netzwerkökonomischen Interpretation von Schumpeters Innovationstheorie, in welcher technologischem Fortschritt in Unternehmen eine Schlüsselrolle zukommt.Luis Cabral, On the adoption of innovations with ‘network’ externalities, in: Mathematical Social Sciences, Vol. 19, Nr. 3, 1990, S. 299–308.
Zweiseitige Märkte Die Theorie zweiseitiger Märkte analysiert Nachfrage- und Angebotsüberschüsse zwischen zwei Märkten für Komplementärgüter und beschreibt selbst verstärkende Netzwerkeffekte. Derartige Netzwerkeffekte im Zusammenhang mit zweiseitigen Märkten wurden für die Gelben Seiten,Marc Rysman, Competition between networks: A study of the market for yellow pages, in: Review of Economic Studies, Vol. 71, 2004, S. 483–512. Werbung in MagazinenUlrich Kaiser/Julian Wright, Price structure in two-sided markets: Evidence from the magazine industry, in: International Journal of Industrial Organization, Vol. 24, Nr. 1, 2006, S. 1–28. sowie bei KreditkartenverbündenMarc Rysman, An empirical analysis of payment card usage, in: Journal of Industrial Economics, Vol. 55, Nr. 1, 2007, S. 1–36. empirisch nachgewiesen. Rysman (2009) weist allerdings darauf hin, dass die Literatur zu zweiseitigen Märkten mit ihrem Fokus auf Preisstrukturen von der Literatur zu Netzwerkeffekten thematisch getrennt ist.Marc Rysman, The economics of two-sided markets, in: Journal of Economic Perspectives, Vol. 23, Nr. 3, 2009, S. 125–143.
Informationsnetzwerke und geistiges Eigentum