mini|hochkant=1.2|Francis Danby, 1837–1839, Tate Gallery mini|hochkant=1.2|Antonio Marziale Carracci, 1616–1618, Louvre
Die Sintflut wird in den mythologischen Erzählungen verschiedener Kulturen der orientalischen Antike als eine gottgesandte Flutkatastrophe beschrieben, die die Vernichtung der gesamten Menschheit und der Landtiere zum Ziel hatte. Einzig wenige besonders gottesfürchtige Personen entkommen der Katastrophe. Als Gründe für die Sintflut nennen die Sintflut-Erzählungen meist den Zorn Gottes oder der Götter über die Verfehlungen der Menschheit. Die bekanntesten Berichte sind überliefert: sumerisch vom König Ziusudra der Stadt Šuruppak im Atraḫasis-Epos babylonisch über Utnapischtim im Gilgamesch-Epos und im Atraḫasis-Epos, griechisch über Deukalion und seine Frau Pyrrha und über Noah sowie seine Familie im 1. Buch Mose der Bibel. In frühchristlichen Schriften und im Koran wird ebenfalls auf die Geschichte Bezug genommen bzw. davon erzählt.
Etymologisches Das deutsche Wort „Sintflut“ ging aus mittelhochdeutsch sin(t)vluot, althochdeutsch sin(t)fluot hervor, das so viel wie „umfassende Überschwemmung“ bedeutet. Es hat also nichts mit dem Wort „Sünde“ zu tun. Die germanische Vorsilbe sin- bedeutet „immerwährend, andauernd, umfassend, groß“ und wurde seit dem 13. Jahrhundert volksetymologisch zu „Sünd-“ umgedeutet. So wurde die Schreibweise Sündflut resp. Sündfluth in einer Reihe von Publikationen bis ins 19. Jahrhundert verwendet,Heinrich Lüken: Die Traditionen des Menschengeschlechts oder die Uroffenbarung unter den Heiden. Aschendorff, Münster 1869, S. III (Vorwort). später wurde sie als Titel oder Thema belletristischer und dramatischer Werke benutzt.Sintflut. In: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen M-Z. Akademie-Verlag, Berlin 1993. Erwähnenswert ist hier auch das mittelhochdeutsche Adjektiv sinwel, das sowohl mit der Bedeutung rund als auch kugelförmig verwendet wird – unter anderem mit Bezug auf die Weltkugel.
Im Englischen heißt die Sintflut great flood oder deluge nach dem französischen Wort déluge. Spanisch heißt sie diluvio universal und Italienisch diluvio universale. Das hebräische Wort für Sintflut, מַבּוּל mabūl, bezeichnet die himmlischen Wasserkrüge (vgl. נֵבֶל nēvel „Vorratskrug“, auch „Saiteninstrument“). Es ist von der hebräischen Verbwurzel בלל bll mit der Bedeutung „anfeuchten, vermengen, verwirren“ abgeleitet, das sich hier auf das „Schwitzen“ eines porösen Kruges bezieht. Die Verbwurzel tritt ebenfalls als Wortspiel mit dem Namen der Stadt Babel (bāb īlim „Tor Gottes“) und der dortigen Sprachverwirrung auf.
Altorientalische Sintflutberichte mini|hochkant|11. Tafel des Gilgamesch-Epos, British Museum mini|hochkant|Karte von Sumer
Eine sehr alte Erwähnung der Sintflut findet sich in der sumerischen Königsliste, die die Könige in Sumer vor und nach der Flut aufzählt. Der Beginn der Herrschaft des ersten Königs nach der Flut und damit auch die Flut selbst war demnach um 2800 v. Chr. Als älteste zusammenhängende schriftliche Überlieferung der Sintflutsage gilt das Atraḫasis-Epos aus dem 19. Jahrhundert v. Chr. Teile dieser Erzählung wurden im Gilgamesch-Epos übernommen.
Atraḫasis-Epos Im Atraḫasis-Epos baute Ziusudra (griechisch bei Berossus: Xisouthros, im Gilgamesch-Epos als Uta-napišti benannt) ein Boot, mit dem er und seine Angehörigen sowie ausgewählte Tiere die Flutkatastrophe überlebten. In dieser Urform des Mythos waren verschiedene Details wie die Vorwarnung an Ziusudra durch den Erdgott Enki und das Dankopfer für die Errettung vorhanden, die später in der Bibel ähnlich überliefert sind. Im Atraḫasis-Epos findet sich auch die Erzählung der Aussendung von Vögeln am Ende der Flut. Wegen fehlender Zeilen auf der dritten Tafel des Epos konnte der Name des Berges, an dem das Boot strandete, nur aus dem Gilgamesch-Epos erschlossen werden. Dort ist er mit ‚Nisir‘ (Berg Nimuš) benannt.Irving L. Finkel: The Ark Before Noah: Decoding the Story of the Flood. Hodder & Stoughton, London 2014, ISBN 978-1-4447-5705-7. Ein gewichtiger Unterschied zur biblischen Erzählung besteht in der Begründung der Sintflut: Die konträren Welterfahrungen sind im Atraḫasis-Epos auf zwei unterschiedliche Götter aufgeteilt. Die Sintflut wird mit dem launischen Windgott Enlil verknüpft, während die Rettung des Helden Atraḫasis vom weisen Enki ausgeht. Da die Bibel nur einen Gott anerkennt, muss dieser das Ringen zwischen dem Willen zur Vernichtung und dem Willen zur Erhaltung des Menschen in sich selbst austragen: Am Ende beschließt er, den Menschen nicht nochmals mit der Sintflut zu bestrafen, obwohl die Sünde fortbesteht.
Bibel mini|hochkant|Gustave Doré – Sintflut
Gemäß dem biblischen Bericht im Alten Testament wurde der gottesfürchtige Noah (auch Noe, hebräisch: Noach) von Gott vor einer großen Flut gewarnt und beauftragt, ein großes kastenförmiges Schiff, eine Arche, zu bauen, um damit sich und seine Familie sowie die Landtiere zu retten. Die Sintflut dauerte ein Kalenderjahr und 10 Tage. Selbst die Bergspitzen waren mit Wasser bedeckt ( und ). Die Flut wird in mehreren Phasen beschrieben:
In Noahs 600. Lebensjahr begann die Flut am 17. Tage des zweiten Monats. 40 Tage dauerte die Flut auf der Erde. Nach insgesamt 150 Tagen des Anschwellens nahm das Wasser ab. Am 17. Tag des siebenten Monats setzte die Arche im Gebirge „Ararat“ auf. Am 1. Tag des zehnten Monats wurden die ersten Berggipfel sichtbar. Am 11. Tag des elften Monats öffnete Noah das Fenster und ließ einen Raben fliegen: Der flog aus und ein, bis das Wasser auf der Erde vertrocknet war. In Noahs 601. Lebensjahr hatte sich das Wasser am 1. Tag des ersten Monats verlaufen. Noah verließ am 27. Tag des zweiten Monats die Arche.
mini|hochkant|Steintafel mit Taube und Olivenzweig , Domitilla-Katakomben, Rom
Nach dem masoretischen Text und dem samaritanischen Pentateuch gelang es nur Noah mit seiner Familie (seiner Frau, seinen drei Söhnen Sem, Ham und Jafet sowie deren Ehefrauen) und vielen Tieren zu überleben. Die Arche landete schließlich „auf den Bergen Ararat“. Die Taube spielt in der biblischen Sintflut-Erzählung die Rolle des frohen Botschafters: Eine von Noah ausgelassene Taube kehrt mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zur Arche zurück . Vom Gebirge Ararat aus verbreitete sich das Leben wieder über die Erde. Der biblische Bericht erzählt davon, dass Gott im Anschluss einen neuen Bund mit den Menschen und Tieren schloss, in dem er gelobte, nie wieder eine Flut solchen Ausmaßes über die Erde zu bringen. Das Zeichen dieses Bundes ist der Regenbogen.
Die biblische Version stimmt in wesentlichen Erzählzügen mit dem Atraḫasis-Epos überein, könnte also die (literarisch älter belegte) sumerisch-akkadische Tradition aufgenommen haben.
Eusebius von Caesarea führte in seiner Chronik sogar einen Beweis für die Existenz einer globalen, die höchsten Berge bedeckenden Flut an. Zu seiner Zeit fand man beim Brechen von Steinblöcken in den Höhenlagen des Libanongebirges verschiedene Fische, die förmlich mit dem Gestein verwachsen waren. Das Vorhandensein dieser Fossilien in höheren Lagen konnte er sich nur durch eine Flut erklären, da die Gebirgsbildung zu dieser Zeit noch unbekannt war.Josef Karst: Eusebius Werke fünfter Band. Die Chronik aus dem Armenischen übersetzt mit textkritischem Commentar (= Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte. Band 20) Hinrichs, Leipzig 1911, S. 41 (Digitalisat).
Christliche Geschichtsschreiber datierten die Sintflut auf Grundlage der alttestamentlichen Angaben sehr unterschiedlich, meist zwischen 2578 v. Chr. und 2282 v. Chr. Es gibt aber auch ältere Datierungen, wie beispielsweise auf das Jahr 2242 Annus mundi (3268 v. Chr.), wie in der pseudo-manethonischen Überlieferung „Buch der Sothis“.Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho, introduced and translated. Native traditions in ancient Mesopotamia and Egypt. University of Michigan Press, Ann Arbor (Michigan) 2000, ISBN 0-472-08687-1, S. 125. Der irische Theologe James Ussher berechnete im 17. Jahrhundert in seinen Annales veteris testamenti, a prima mundi origine deducti (Annalen des Alten Testaments, hergeleitet von den frühesten Anfängen der Welt) anhand von Bibelstellen den Zeitpunkt, zu dem die Sintflut stattgefunden haben soll. Er kam auf das Jahr 2501 v. Chr.
Apokryphen Im äthiopischen Henochbuch, auf das im Judasbrief des Neuen Testamentes Bezug genommen wird, das auch in den Rollen von Qumran gefunden wurde und das heute noch zum kanonischen Schrifttum der (christlichen) äthiopischen Kirche gehört, wird diese Geschichte näher erläutert. Die Sintflut wird als göttliche Reaktion auf die unentschuldbare Rebellion der „Wächterengel“ unter Führung von Azazel verstanden. Diese gaben sich mit ihrer Nähe zu Gott nicht zufrieden, sondern lehrten die Menschen verschiedene Künste (vgl. Prometheus im griechischen Mythos) und vermischten sich schließlich mit diesen sogar sexuell. Während Azazel mit seinen Mitverschwörern zur Strafe für seinen Hochmut auf die Erde geworfen und gebunden wird bis zum endgültigen Gericht, muss der durch den Samen der abgefallenen Gottessöhne unrettbar verdorbene Teil der Menschheit flächendeckend ausgetilgt werden.
Eine jüngere christliche apokryphe Tradition widerspricht dieser Legende. Sie ist im Orientalischen Adamsbuch und in der Syrischen Schatzhöhle niedergeschrieben worden. Demnach lebten die Nachkommen Kains zunehmend sündhaft, und auch die meisten Nachkommen Seths ließen sich darauf ein. Die Sintflut erscheint als Säuberung von dieser Sünde.
Sintflutsagen in anderen Kulturen Eine der ältesten Mythen zur Sintflut findet sich im babylonischen Gilgamesch-Epos aus dem 3. Jahrtausend vor Christus. Der sagenhafte sumerische König Gilgamesch gelangt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in die Unterwelt, wo ihm sein Vorfahr Utnapischtim (der dem biblischen Noah entspricht) von diesem weltbewegenden Ereignis berichtet. Die griechische Mythologie kennt eine ähnliche Erzählung im Deukalion-Mythos. Entsprechende Überlieferungen sind auch der indischen Mythologie bekannt. Beide könnten aufgrund der geografischen Nähe leicht dem gleichen Überlieferungsstrang aus dem Zweistromland entspringen. Ähnliche Erzählungen finden sich aber auch in der Sagenwelt von Völkern, die keinen Kontakt mit der sumerischen Kultur hatten: Die Inder kennen die Vishnu-Inkarnation des Fisches Matsya, der Manu, den ersten Menschen, zum Bau einer Arche aufforderte, in der er die sieben Rishis rettete. Auch die Schöpfungsgeschichte der alt-isländischen Prosa-Edda kennt die Geschichte einer weltweiten Flut, die nur der Riese Bergelmir und seine Frau überlebten. In der Schöpfungsgeschichte der australischen Aborigines, der Traumzeit, gibt es den Mythos des Großen Kängurus, das einst mit anderen „animal people“ (engl. Tierleuten) die „Große Flut“ zurückhielt. Aus dem chinesischen Altertum der Zeit Kaiser Yaos gibt es Sagen, dass sich „Fluten bis zum Himmel türmen“, oder von „Überschwemmungen, die mit ihren Fluten den Himmel bedrohen“.James Legge: Shoo King, the Canon of Yaou. 1879; Chrétien-Louis-Joseph de Guignes: Le Chou-king. 1770; J. Moryniac: Histoire générale de la Chine. 1877. Diese Sagen werden meist mit der „Flut des Ogyges“ gleichgesetzt. Als chinesische Entsprechung der biblischen Sintflutsage mit Noah wird oft Fu Xi gesehen, der als einziger im ganzen Land gerettet wurde. Auch altamerikanische Indianer kannten Geschichten von einer Flut, die die gesamte Erdoberfläche überspült haben soll,Hartley Burr Alexander: North American Mythology. 1916 und Latin American Mytholog. 1920. so z. B. die Tlingit in der Erzählung Der Rabe Jelk.Nordamerikanische Indianermärchen. Bechtermünz, Augsburg 1998, ISBN 3-8289-0040-2, S. 195.