The Ambitious Guest ist eine erstmals 1835 erschienene, stark allegorisch getönte Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne. Es liegen zwei Übersetzungen ins Deutsche vor: Der ruhmsüchtige Fremde (Lore Krüger, 1979) und Der ehrsüchtige Gast (Vera Pagin, 1985).

Angelehnt an ein historisches Ereignis – das Schicksal der Familie Willey, die 1826 bei einem Bergsturz ausgelöscht wurde – erzählt sie die Geschichte eines namenlosen jungen Mannes, der nach unsterblichem Ruhm trachtet, aber bei der Naturkatastrophe mitsamt seiner Gastfamilie ums Leben kommt, ohne eine Spur auf Erden zu hinterlassen. Den meisten Kommentatoren illustriert sie die Binsenweisheit, dass Hochmut vor dem Fall kommt, ohne größere gedankliche Komplikationen, wenn auch äußerlich reizvoll gestaltet. Die für Hawthornes berühmteste Werke typischen Zweifel und vieldeutigen Unschärfen lässt diese recht moralistisch anmutende Erzählung kaum erkennen. Sie zählt daher auch zu seinen seltener gelesenen Kurzgeschichten und hat bislang auch nur wenige Literaturwissenschaftler zu einer eingehenderen Analyse angeregt.So der kritische Tenor nach Einschätzung von John F. Sears: Hawthorne’s „The Ambitious Guest“ and the Significance of the Willey Disaster, S. 355. Einige erhellen dabei den literatur- und kulturgeschichtlichen Entstehungskontext der Erzählung und thematisieren vor ihrem Hintergrund etwa die Verklärung der bürgerlichen Familie im 19. Jahrhundert oder das Naturverständnis der Romantik. Andere Deutungen setzen sich mit theologischen Aspekten auseinander, insbesondere mit der Frage, ob und wie das Weltbild und Gottesverständnis des Puritanismus, wie in vielen Werken Hawthornes, auch hier fortwirkt.

Inhalt Die Handlung trägt sich in einer stürmischen Septembernacht in einem kleinen Gasthaus zu, das eine Familie an einer Passstraße in den „Weißen Bergen“ betreibt. Mutter, Vater, die Kinder sowie die Großmutter drängen sich ums wärmende Kaminfeuer. Gelegentlich schrecken sie durch den Krach herabstürzender Felsbrocken auf. Erfreut vernehmen sie schließlich die Schritte eines nahenden Besuchers. Es ist ein junger Mann von „melancholischem Ausdruck,Alle Zitate im folgenden nach der Übersetzung von Vera Pagin.“ dessen Miene sich jedoch aufhellt, als er herzlich willkommen geheißen wird und seinen Platz in der trauten Kaminrunde einnimmt. Offenherzig spricht er bald von seinen innersten Wünschen: Sein Ziel sei es, etwas Großes zu leisten, für das ihn die Nachwelt bewundern wird. Er nimmt in Kauf, zu Lebzeiten vollkommen unbeachtet zu bleiben, doch will er sich endlich selbst ein „Denkmal geschaffen haben.“ Noch ist es jedoch nicht vollbracht: „Sollte ich morgen vom Erdboden verschwinden, so wüßte niemand so viel von mir wie ihr […] Doch ich kann nicht eher sterben, als ich mein Schicksal erfüllt habe. Dann, Tod, magst du kommen!“

Die siebzehnjährige Tochter spürt in Gegenwart des ehrgeizigen jungen Mannes zwar in sich den „Keim der Liebe“ knospen, widerspricht ihm aber leise: „Es ist besser hier an diesem Feuer zu sitzen und es behaglich zu haben, und zufrieden zu sein, auch wenn niemand an uns denkt.“ Doch Ehrgeiz scheint nun auch die sonst so genügsame Familie ergriffen zu haben: Der Vater bekennt, dass er gerne einen Hof an einem wirtlicheren Ort hätte, die Großmutter wünscht sich immerhin noch, dass ihre Leiche dereinst im Sarg hübsch herausgeputzt werden solle, und selbst die kleinen Kinder „überbieten einander mit wirren Wünschen und kindischen Plänen.“ Der Mutter schwant bei all dem nichts Gutes: „Man sagt, dass es ein Vorzeichen von etwas ist, wenn die Gedanken so umherschweifen.“

Derweil wird der Sturm draußen immer heftiger und nimmt „einen tieferen und trostloseren Ton an,“ ganz „als zöge ein Begräbnis vorbei.“ Schließlich erzittert das ganze Haus, ja „die Grundfesten der Erde schienen zu erbeben,“ und die Familie und der Gast stürzen aus dem Haus, um sich vor dem Felssturz in Sicherheit zu bringen. Die Lawine begräbt sie jedoch unter sich – „ihre Leichen wurden nie gefunden.“ Das Haus aber blieb unversehrt, am nächsten Morgen scheint es, „als seien die Bewohner nur vor die Tür getreten.“ Die Erzählung schließt mit einer Frage: „Wer empfand die Seelenangst im Augenblick des Todes?“

Werkzusammenhang The Ambitious Guest erschien erstmals im Juniheft des Jahres 1835 des New-England Magazine und wie alle Werke Hawthornes vor 1837 zunächst anonym, hier aber mit dem Hinweis, sie sei aus der gleichen Feder wie die zuvor in dem Blatt erschienene Erzählung The Gray Champion. 1842 nahm Hawthorne die Geschichte in den zweiten Band seiner Kurzprosasammlung Twice-Told Tales auf und bekannte sich so auch öffentlich zu seiner Autorschaft.

mini|Nathaniel Hawthorne – Gemälde von Charles Osgood, 1840 Ursprünglich war sie aber mit großer Wahrscheinlichkeit Teil eines größeren Werkes, The Story Teller, das er zwischen 1832 und 1834 schrieb, das aber nie in seiner Gesamtheit erschien. Zuvor hatte Hawthorne bereits die beiden Erzählzyklen Seven Tales of My Native Land (1826–1827) und Provincial Tales (um 1828–1830) verfasst, fand aber letztlich keinen Verleger, so dass daraus schließlich nur einige Einzelerzählungen in verschiedenen Publikationen erschienen. Ähnlich erging es dem Story-Teller – die ersten Teile erschienen zwar wie vorgesehen im November und Dezember 1834 im New-England Magazine, doch nachdem die Zeitschrift den Besitzer gewechselt hatte, wurde die Veröffentlichung nicht wie geplant fortgesetzt. Der neue Herausgeber Park Benjamin druckte in den folgenden Monaten nur einige Einzelerzählungen ohne Rücksicht auf die ursprüngliche Chronologie, einige andere verkaufte Hawthorne schließlich an andere Zeitschriften. Zumindest bei The Ambitious Guest kann der ursprüngliche Werkzusammenhang jedoch in großen Teilen rekonstruiert werden.Zu Publikationsgeschichte und Rekonstruktion des Story Teller siehe Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes, S. 145ff.

Beim Story Teller handelt es sich um eine Reihe von Erzählungen, die in eine übergeordnete Rahmenerzählung eingebettet sind. Diese Rahmenkonstruktion findet sich in der Literatur der Romantik häufig; zu Hawthornes Zeiten wirkte dabei insbesondere Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821/1829) gattungsprägend, in der amerikanischen Literatur zuvor schon Washington Irvings Sketch Book (1819–1820). Ich-Erzähler und zugleich Protagonist der Rahmenerzählung des Story Teller ist ein durch Neuengland wandernder Träumer und Geschichtenerzähler namens „Oberon“ (nach der Figur in Shakespeares Sommernachtstraum). Die Handlungsorte vieler Einzelerzählungen des Story Teller lassen sich dabei schlüssig denjenigen einiger Fragmente des Rahmens zuordnen, die Hawthorne später, deklariert als „Skizzen“ (sketches), doch noch veröffentlichte.Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes, S. 183ff. The Ambitious Guest ist eine der zwei erhaltenen Geschichten, die in den White Mountains angesiedelt sind und wird wahrscheinlich seinen Platz zwischen den Rahmenfragmenten gehabt haben, die Hawthorne als The Notch neben einigen anderen „Skizzen“ im Novemberheft 1835 unter dem Sammeltitel Sketches from Memory veröffentlichte und 1854 als The Notch of the White Mountains auch in die erweiterte Ausgabe seiner Sammlung Mosses from an Old Manse aufnahm.Sketches from Memory einschließlich The Notch of the White Mountains findet sich in der Centenary Edition of the Works of Nathaniel Hawthorne im Band X (Mosses from and Old Manse), Ohio State University Press, Columbus 1974. Die von Roy Harvey Pearce besorgte Edition der Tales and Sketches sortiert hingegen chronologisch nach dem Datum der Erstveröffentlichung, Sketches from Memory findet sich hier auf den Seiten 338–351.

In The Notch passiert Oberon auf seiner Wanderung durch New Hampshire gerade die engste Stelle des „Notch,“ den Ort des nun berühmten Bergsturzes, wie der „ehrgeizige Gast“ ist er im September unterwegs. The Ambitious Guest wird wohl nach dem zweiten Absatz dieser Skizze (also nach dem Wort Omnipotence) begonnen haben; diese Stelle ist in der Erstpublikation 1835 noch mit fünf Asterisken markiert, die auf einen editorischen Eingriff, also wohl eine Auslassung schließen lassen.Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes, S. 193. Ob Teile der ursprünglichen Rahmenerzählung für die Veröffentlichung von The Notch im New-England Magazine redigiert oder ganz weggelassen wurden, wie es Alfred Weber für die Fortsetzung von The Notch vermutet,Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes, S. 194. lässt sich nicht sagen. Von Belang ist dies, weil The Ambitious Guest und die anderen Binnenerzählungen nicht hermetisch in sich abgeschlossen sind, sondern in vielerlei Hinsicht im Dialog mit der Rahmenhandlung und auch untereinander stehen. So zeigt besonders The Great Carbuncle, die wohl nach einem weiteren Rahmeneinschub als nächste folgende Einzelerzählung, auffällige thematische Überschneidungen zur Geschichte des „ehrsüchtigen Gastes“ und stellt gewissermaßen ihr lebensbejahendes Gegenstück dar.Alfred Weber: Die Entwicklung der Rahmenerzählungen Nathaniel Hawthornes, S. 205. Sie handelt von einem jungen Paar, das wie viele andere Schatzsucher in den Weißen Bergen den „großen Karfunkel“ zu finden hofft, einen sagenumwobenen Edelstein von unermesslichem Wert. Als die beiden sein bedrohlich gleißendes Licht schließlich erblicken, beschließen sie aber, mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren und sich in ihr bescheidenes, aber doch glückliches Los zu fügen.

Deutungen Historischer Hintergrund mini|Ansicht des Crawford Notch – Gemälde von Thomas Cole, 1839. Die abgestorbenen Bäume rundum verdeutlichen die prekäre Lage der menschlichen Behausung in der Gebirgsschlucht.Zu Coles verschiedenen Darstellungen des Crawford Notch siehe Ian Marshall: Reading the Willey Disaster, S. 2–4, S. 7ff. Hawthornes Erzählung baut auf einem historisch verbürgten Ereignis auf, dem tragischen Schicksal der Familie Willey, die 1826 bei einem Bergsturz ums Leben kam. Samuel Willey hatte für sich und seine Familie ein Haus am Crawford Notch erbaut, einer Gebirgsschlucht, durch die eine Passstraße der „Weißen Berge“ des Bundesstaats New Hampshire führt. Fernab von Nachbarn betrieben sie etwas Landwirtschaft und verdienten sich ein Zubrot, indem sie Übernachtungsgäste aufnahmen. Gegen die an dieser Stelle häufigen Felsstürze glaubten sie gefeit zu sein und hatten eigens einen Schutzraum gebaut, in dem die ganze Familie im Notfall Unterschlupf finden sollte. Als sie in der Nacht des 28. August 1826, aufgeschreckt vom Lärm eines Felssturzes, diesen sicheren Ort zu erreichen suchten, wurden sie von den Geröllmassen erfasst; Samuel Willey, seine Frau Polly, ihre fünf Kinder sowie zwei bei ihnen weilende Tagelöhner starben bei dem Unglück. Das Gasthaus fanden die Rettungsmannschaften indes völlig unversehrt vor – kurz davor hatte sich die Lawine in zwei Ströme geteilt und das Haus verschont.