mini|Joachim Neander (1650–1680); Lithographie des 19. Jahrhunderts, nach einem verschollenen Gemälde
Joachim Neander (* 1650 in Bremen; † 31. Mai 1680 ebenda) war ein deutscher reformierter Geistlicher, Kirchenliederdichter und Komponist. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der Choral Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Er vertonte auch Texte anderer Dichter. Manche der Melodien wurden nach seinem Tod bei Liedern nachgeborener Autoren verwendet, z. B. in Gerhard Tersteegens Lied Gott ist gegenwärtig. Neben Ernstem verfasste er Humorvolles für bestimmte Gelegenheiten.
Nach Joachim Neander ist das Neandertal benannt. Sein Name findet sich zudem in dem des Neandertalers, weil letzterer wiederum nach seinem Fundort im Neandertal benannt wurde.
Leben Joachim Neander war ein Sohn Johann Joachim Neanders (* 1614 in Lengerich; † 1666 in Bremen) und dessen zweiter Ehefrau Catharina, geborene Knipping. Sein Vater war Lehrer am Bremer Paedagogeum und Gymnasium illustre, dem heutigen Alten Gymnasium; seine Mutter (geboren um 1621Rheinische Geschichte.lvr.de: Joachim Neander; eingesehen am 26. August 2022.) war Tochter Christoph Knippings, d. Ä. (1596–1654), der als Pädagoge und Kantor an der Bremer Liebfrauenkirche wirkte,Ulrich Kaiser: Spektakuläres aus dem Archiv: Gründung des Knabenchores hat bereit 1528 stattgefunden. In: Mitteilungen Nr. 2 (Hrsg. Evangelische Kirchengemeinde Unser lieben Frauen). Februar 7. März 2022. S. 10–11, hier S. 11. sowie eine Enkelin des Predigers Johann Duischen aus Zutphen/Niederlande.Thomas Diecks: Neander, Joachim. In: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 11 online.
Joachim Neander wuchs mit drei jüngeren Geschwistern auf: mit Christoph (* um 1652), Johann (* um 1654) und Anna Christina (* um 1657).Die angegebenen Daten beziehen sich auf die Taufen der drei Geschwister. Im Kirchbuch der Bremer Liebfrauenkirche finden sich nur diese; siehe Johann Friederich Iken: Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder. Auf Veranlassung seines 200. Todesjahres nach bekannten und neuentdeckten Quellen. C. Ed. Müllers Verlagsbuchhandlung: Bremen, 1880. S. 44 f.
Herkunft Joachim Neander entstammte väterlicherseits einer norddeutschen Pastorenfamilie, deren Wurzeln sich bis in die Zeit der Reformation zurückverfolgen lassen. Sein Ururgroßvater Joachim Nigemann stammte aus Wismar und wurde von Philipp Melanchthon in einem Schreiben vom 1. Mai 1551 zum Prediger in Stade empfohlen. Dort avancierte er zum zweiten „Superattendent“ in der Geschichte Stades. In dieser Funktion spielte er eine nicht unwesentliche Rolle bei der Einführung der Reformation im Gebiet des Erzbistums Bremen.Artikel Neander. In: Allgemeine deutsche Biographie. Band 23 (Hrsg. v. Münchhausen, v. Noorden). Leipzig, 1886. S. 326.
Der ursprüngliche Name des Pastorengeschlechts lautete Neumann, plattdeutsch auch Niemann oder Ni(e)gemann. Johann Joachim Neander († 1651 in Lochem bei Zutphen), der Großvater Neanders, hatte – der damaligen Mode folgend – den ursprünglichen Familiennamen ins Griechische übertragen und sich in Neander umbenannt.Jörg Erb: Die Wolke der Zeugen. Lesebuch zu einem evangelischen Namenkalender. Dritter Band. Johannes Stauda-Verlag: Kassel, 1958. S. 278. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich die Zeitgenossen an diesen neuen Namen gewöhnten. Auch Joachim Neander wurde in seiner Umgebung noch Neiander oder Neuander genannt.Artikel Neander. In: Allgemeine deutsche Biographie. Band 23 (Hrsg. v. Münchhausen, v. Noorden). Leipzig, 1886. S. 326.
Jugend mini|Theodor Undereyck
Neander besuchte zunächst das Bremer Paedagogeum, an dem sein Vater Latein unterrichtete. Nachdem dieser 1666 verstorben war, wechselte er auf das sogenannte Gymnasium illustre, eine „akademische Bildungsanstalt mit vier Fakultäten“, jedoch „ohne Universitätsrang“.Rheinische Geschichte.lvr.: Joachim Neander; eingesehen am 26. August 2022. Das Institut, das zur Vorgeschichte der erst 1971 errichteten Bremer Universität gehört, war durch die evangelisch-reformierte Theologie geprägt und bot vier Studienfächer an: Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Philosophie.Eine ausführliche Geschichte der Bremer Universität findet sich unter anderem hier: Rektor des Gymnasiums illustre, bei dessen Theologischer Fakultät sich Neander einschrieb, war zu dieser Zeit der Universalgelehrte Professor Gerhard Meier. Mehr als dieser und andere Lehrer der akademischen Bildungsanstalt beeinflusste jedoch Theodor Undereyck (1635–1693) den jungen Theologiestudenten. Undereyck, ein Schüler unter anderem des lutherischen Pietisten Philipp Jacob Spener (1635–1705) und des Föderaltheologen Johannes Coccejus (1603–1669), hatte im Juli 1670 in der Martinikirche die Stelle des pastor primarius angetreten.Artikel Neander. In: Allgemeine deutsche Biographie. Band 23 (Hrsg. v. Münchhausen, v. Noorden). Leipzig, 1886. S. 327. Neander stand wie die meisten seiner Kommilitonen dem neuen Pastor zunächst kritisch gegenüber, besuchte aber dennoch einen Gottesdienst des als strenger Bußprediger bekannten Theologen.Jörg Erb: Die Wolke der Zeugen. Lesebuch zu einem evangelischen Namenkalender. Dritter Band. Johannes Stauda-Verlag: Kassel, 1958. S. 279. Neanders Freund und späterer Biograph Johann Henrich ReitzJohann Henrich Reitz verfasste die erste Biographie Joachim Neanders und veröffentlichte sie in seiner Historie Der Wiedergebohrnen / Oder Exempel gottseliger / so bekannt- und benannt- als unbekannt- und unbenannter Christen […]. Johann Jacob Haug: Berlenburg/Idstein, 1717–1730. Nachdruck: Historie der Wiedergebohrnen. Vollständige Ausgabe des Erstdrucks aller 7 Teile der pietistischen Sammelbiographie (1698–1745) mit einem werkgeschichtlichen Anhang der Varianten und Ergänzungen aus den späteren Auflagen (Hrsg. von Hans-Jürgen Schrader) Niemeyer Verlag: Tübingen, 1982 (Deutsche Neudrucke: Reihe: Barock; 29), ISBN 3-484-16029-2. berichtete, hinter dem Gottesdienstbesuch hätten keine guten Absichten gesteckt, sondern „das Absehen, was zu hören, so man hernach übel ausdeuten und austragen möchte“.Zitiert nach Johann Friederich Iken: Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder. Auf Veranlassung seines 200. Todesjahres nach bekannten und neuentdeckten Quellen. C. Ed. Müllers Verlagsbuchhandlung: Bremen, 1880. S. 77. Anders als erwartet wurde der Zwanzigjährige von der Predigt Undereycks und dessen Gebet innerlich berührt, sodass er gleich im Anschluss an den Gottesdienst um Seelsorge bat. Iken vermutete, dass diese Begegnung, die für Neander zu einer Lebenswende wurde, frühestens im Herbst 1670, vielleicht auch in dem folgenden Winter 1670/71 stattgefunden hat.Johann Friederich Iken: Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder. Auf Veranlassung seines 200. Todesjahres nach bekannten und neuentdeckten Quellen. C. Ed. Müllers Verlagsbuchhandlung: Bremen, 1880. S. 81.
Zwischen Undereyck und seinem „geistlichen Ziehsohn“ entwickelte sich eine enge Beziehung, die bis an dessen frühes Lebensende bestehen bleiben sollte. Dass Neander im Anschluss an sein Theologiestudium nach Heidelberg und anschließend nach Frankfurt wechselte, ging auch auf die Vermittlung Undereycks zurück.Gedichte.xbib.de: Neander – Biografie & Lebenslauf; eingesehen am 30. August 2022.
Heidelberg und Frankfurt Neanders Abschied von Bremen erfolgte 1671.Thomas Diecks: Neander, Joachim. In: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 11 online. Mehrere Kaufmannsfamilien, die der Frankfurter Französisch-reformierten Kirche angehörten, hatten für ihre Söhne einen sogenannten Informator gesucht, der sie beim Studium an der Heidelberger Universität als Tutor betreuen sollte. Um welche Familien es sich dabei handelte, ist nicht dokumentiert. Die Forschung geht jedoch davon aus, dass die Väter der jungen Studenten identisch sind mit den Männern, denen Neander sein Liederbuch widmete. Es handelte sich demnach um die Frankfurter und Kölner „Handels-Herren“ Peter d'Orville (1618–1699), Peter (1623–1691) und David de Neufville (1623–1684), Adolph von Püll, Jacob von der Wallen sowie Johann le Brun. Mit seinen fünf „Schutzbefohlenen“ lebte Neander nicht nur in einer Wohngemeinschaft; er bildete mit ihnen auch eine christliche Hausgemeinde. Die Verbindung blieb über die gemeinsamen Jahre hinaus bestehen, wie ein Brief Neanders aus Düsseldorf zeigt. In der Anrede heißt es: „Werthe und in unserem Seligmacher gewünschte Freunde, auch (wann ihr Christi Fußstapfen noch nachfolget, wie ich dann vestiglich hoffe) angenehme Brüder!“ Im Schlussteil seines Schreibens ermahnte er seine ehemaligen Zöglinge: „Studiret in dem Buch der Schrifft, der Natur und in Euch selbst.“Fakten und Zitate dieses Abschnitts, sofern nicht anderes angegeben, bei Helmut Ackermann: Joachim Neander. Sein Leben, seine Lieder, sein Tal. 3., erweiterte Auflage. Grupello Verlag: Düsseldorf, 2005. S. 21 ff.
Neander nutzte die Heidelberger Zeit auch für eigenen Studien. Zu seinen theologischen Lehrern gehörte der aus Schaffhausen stammende Johann Ludwig Fabricius (1632–1696), ein pfälzischer Hoftheologe, reformierter Kirchenrat und zeitweise auch Rektor der Heidelberger Universität. Fabricius’ theologische Anschauungen waren von einem „milden Calvinismus“ geprägt.Zu Fabricius siehe Notker Hammerstein: Frankfurter Personenlexikon.de / Fabricius, Johann Ludwig; eingesehen am 3. September 2022. In Heidelberg begann auch die Freundschaft mit Johann Heinrich Reitz (1655–1720), seinem späteren Biographen.Helmut Ackermann: Joachim Neander. Sein Leben, seine Lieder, sein Tal. 3., erweiterte Auflage. Grupello Verlag: Düsseldorf, 2005. S. 22.
Vermutlich im Herbst 1673 endete die Zeit in Heidelberg. Neander begleitete die Kaufmannssöhne zurück nach Frankfurt und übernahm in der dortigen reformierten Gemeinde für ein halbes Jahr die Stelle eines „Candidaten des Predigtamtes“. Die Leitung der reformierten Gemeinde, die sich in Bockenheim und damit nur vor den Toren der lutherischen Freien Reichsstadt versammeln durfte, stand unter der geistlichen Leitung des Frankfurter Kaufmanns Johann Daniel de Hase, Vater des Bremer Predigers Cornelius de Hase.Johann Friederich Iken: Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder. Auf Veranlassung seines 200. Todesjahres nach bekannten und neuentdeckten Quellen. C. Ed. Müllers Verlagsbuchhandlung: Bremen, 1880. S. 98. Bedeutsam für Neander waren vor allem zwei Persönlichkeiten, die in Frankfurt wirkten: Philipp Jakob Spener (1635–1705), der Begründer des lutherischen Pietismus, und – zu der Zeit noch eng mit Spener verbunden – Johann Jakob Schütz (1640–1690), Jurist und Liederdichter. Von Letzterem stammt der Choral Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut,Evangelisches Kirchengesangbuch, Nr. 326; Feiern und Loben, Nr. 56. der noch heute in vielen Gesangbüchern zu finden ist und der Grundlage für Bachs Kantate gleichen Namens war.Helmut Ackermann: Joachim Neander. Sein Leben, seine Lieder, sein Tal. 3., erweiterte Auflage. Grupello Verlag: Düsseldorf, 2005. S. 23 f.
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