mini|Jürgen Trittin (2022) rahmenlos|rechts|klasse=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift von Jürgen Trittin mini|thumbtime=0:05|Video-Vorstellung (2014) Jürgen Trittin (* 25. Juli 1954 in Bremen-Vegesack) ist ein ehemaliger deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Er war von 1998 bis 2024 Mitglied des Deutschen Bundestages.
Von Juni 1990 bis Juni 1994 war Trittin niedersächsischer Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten und von Oktober 1998 bis November 2005 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Von 2005 bis 2009 war er einer der stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Grünen; von 2009 bis 2013 war er neben Renate Künast deren Vorsitzender. Von 2014 bis 2023 war er Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Bei der Bundestagswahl 2013 war er zusammen mit Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat seiner Partei.
Familie Jürgen Trittin wurde als Sohn des Prokuristen Klaus Trittin (1923–1998) und dessen Frau Helene Anna, geb. Schröder (1930–2024), in Bremen-Vegesack geboren und wuchs zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern in bürgerlichen Verhältnissen aufKlaus Trittin, dnb.de; sein Großvater war Bankdirektor in Delmenhorst. Trittins Vater war Mitglied der Waffen-SSGrünen-Spitzenkandidat Trittins Vater war bei Waffen-SS. stern.de, 14. Dezember 2012. und später Leiter des Rechnungswesens und Prokurist in der Bremer Tauwerk-Fabrik F. Tecklenborg und Co. in Bremen-Vegesack. Zudem war er bis 1991 Prokurist der Kleine Wolke Textilgesellschaft und der Classic Haushaltsgeräte GmbH.companyhouse.de Während des Zweiten Weltkriegs diente er ab 1941 als Freiwilliger in der Waffen-SS im Fronteinsatz,Jens König: Die Wandlung. Linksradikaler, Rüpel, Ökostalinist – das war gestern. Heute gibt der grüne Spitzenkandidat den Staatsmann. Der lange Marsch des Jürgen Trittin. In: Stern. 47/2012, S. 53–59. zuletzt als Zweiundzwanzigjähriger im Rang eines SS-Obersturmführers. Er kämpfte bis zur bedingungslosen Kapitulation im Osten auf der Halbinsel Hela in der Danziger Bucht, von der laufend Verwundeten- und Flüchtlingstransporte über die Ostsee nach Westen erfolgten. Bis 1950 war Klaus Trittin in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Seine Vergangenheit ließ ihn – nach Aussagen des Sohnes – nicht mehr los. Er redete, anders als viele seiner Zeitgenossen, offen darüber, auch gegenüber seinen Kindern. In einem Interview berichtete Jürgen Trittin von einem Besuch des KZ Bergen-Belsen, zu dem er als 15-Jähriger gemeinsam mit seinem Bruder vom Vater mitgenommen worden war. Dabei habe Klaus Trittin seinen Söhnen gesagt: „Guckt euch das an, das haben wir verbrochen. So etwas dürft ihr nie wieder zulassen.“Trittins Vater war bei Waffen-SS. auf: stern.de, 14. November 2012.
Bildungsweg, Beruf Trittin wurde konfirmiert und war bei den Pfadfindern. Wegen des Schweigens der Kirche zum Massaker von My Lai trat er als Gymnasiast aus der Kirche aus. Trittin absolvierte 1973 das Abitur am Gerhard-Rohlfs-Gymnasium in Bremen-Vegesack und begann im April 1974 mit der Ableistung von sechs der fünfzehn Monate seines Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr in Bremen; seine Kriegsdienstverweigerung (KDV) war zunächst nicht anerkannt worden, weil sie politisch und nicht mit dem Gewissen begründet worden war. Nachdem er erfolgreich beim Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung geklagt hatte, leistete er ab Januar 1975 Zivildienst in einem Heim für schwer erziehbare Jungen bei Bremen.Christoph Schult: Zivildienst. Hat sich Joschka Fischer gedrückt? Spiegel Online, 17. April 2001.
Er absolvierte von 1973 bis 1981 ein Studium der Sozialwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen, das er als Diplom-Sozialwirt abschloss. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen.
Privates Trittin hat eine Tochter, die er adoptiert hat, als er Mitte zwanzig war, und eine Enkeltochter.Christoph Hickmann: Ich und ich. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 96, 25. April 2013, S. 3. Trittin erlitt 2010 einen Herzinfarkt, der keine bleibenden gesundheitlichen Schäden hinterließ und den er einer genetischen Prädisposition zuschrieb.Grünen-Fraktionschef Trittin: Schockiert vom Herzinfarkt. Spiegel Online, 21. März 2010; abgerufen am 17. Juni 2013. Seit Dezember 2013 ist er verheiratet., Hamburger Morgenpost vom 21. Dezember 2013
Politik Kommunistischer Bund und Gründung der Grünen Im Alter von fünfzehn Jahren nahm er an Demonstrationen in Bremen teil. Während seines Studiums (1977) war Trittin für die Sozialistische Bündnisliste (SBL), einen Zusammenschluss aus maoistischem Kommunistischem Bund (KB), Mitgliedern der trotzkistischen Gruppe Internationale Marxisten (GIM) und weiteren linksradikalen Studenten, Mitglied im Fachschaftsrat Sozialwissenschaften. Die SBL koalierte mit der Sponti-Gruppe Bewegung undogmatischer Frühling (BUF) und stellte 1977/78 den Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Universität Göttingen, der wiederum die Studentenzeitung Göttinger Nachrichten herausgab, die im April 1977 den Buback-Nachruf und damit eine Auseinandersetzung mit den Sympathien für den Mord am damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback veröffentlichte. Die Süddeutsche Zeitung (SZ), die tz und die Abendzeitung stellten 2001 klar, Trittin sei nie Mitglied der Redaktion gewesen. Auch der damalige AStA-Vorsitzende Jürgen Ahrens bestritt eine Beteiligung Trittins, wie es die Bildzeitung behauptet hatte. Trittin verteidigte in den 1970er Jahren den Nachruf, was er später als „schweren Fehler“ bezeichnete. 1978 kandidierte er zum ersten Mal auf der Liste demokratischer Kampf (LDK) des Kommunistischen Bundes für den AStA. Von 1979 bis 1980 war Trittin dann in einer Funktion im AStA, zuständig für das Außenreferat. Zeitgleich war er von 1979 bis 1980 Präsident des Studentenparlaments (StuPa). Dort lernte er auch den Sozialdemokraten Thomas Oppermann kennen. In dieser Funktion organisierte er Demonstrationen unter anderem gegen Rekrutengelöbnisse der Bundeswehr und war als Hausbesetzer in Göttingen aktiv. Trittin bewegte sich im breiten Umfeld der Göttinger K-Gruppen und war aktives Mitglied (bis 1980) des vom Verfassungsschutz beobachteten Kommunistischen Bundes. Nach Aussagen ehemaliger Kommilitonen wurde er jedoch nie militant oder gewalttätig aktiv. Trittin bezeichnete später einzelne Aktionen seines „links-maoistischen“ Aktivismus als „illegal“.
Trittin gehörte dann Anfang der 1980er Jahre – wie auch die Politiker Thomas Ebermann und Rainer Trampert – der Gruppe Z an, einer Abspaltung des Kommunistischen Bundes, die sich aus linksökologischer Sicht bei den Grünen engagieren wollte. Seine spätere Frau, Gründungsmitglied der grünen Partei in Göttingen, holte ihn 1980 zu den Grünen. Seit diesem Jahr ist Trittin offiziell Parteimitglied. 1981 wurde er wissenschaftlicher Assistent der Stadtratsfraktion der linken Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) in Göttingen. Von 1982 bis 1984 war Trittin Geschäftsführer der AGIL-Stadtratsfraktion. 1984 wählte der Kreisverband der Grünen in Göttingen ihn in einer Kampfabstimmung gegen Sonja Schreiner als Kandidat für den Niedersächsischen Landtag auf die Landesliste.
Landtagsabgeordneter und Minister in Niedersachsen (1984–1994) Nachdem Trittin von 1984 bis 1985 Pressesprecher der Grünen-Landtagsfraktion Niedersachsen war, rückte er 1985 aufgrund des damals bei den Grünen praktizierten Rotationsprinzips in den Niedersächsischen Landtag nach und wurde noch im selben Jahr zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Das Amt hatte er bis 1986 und erneut von 1988 bis 1990 inne.
Von Juni 1990 bis Juni 1994 war er im Kabinett Schröder I Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Niedersachsen. Wegen des bei den Grünen damals herrschenden Prinzips der Trennung von Amt und Mandat schied Trittin aus dem Landtag aus. Nach dem Ende der rot-grünen Koalition kehrte er 1994 in den Landtag zurück und wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender.
Bundessprecher von Bündnis 90/Die Grünen (1994–1998) Im Dezember 1994 wurden Trittin und Krista Sager als Sprecher des Bundesvorstandes von Bündnis 90/Die Grünen gewählt. Trittin erhielt ohne Gegenkandidaten 499 von 584 gültigen Stimmen.Saskia Richter: Führung ohne Macht? Die Sprecher und Vorsitzenden der Grünen. In: Daniela Forkmann, Michael Schlieben (Hrsg.): Die Parteivorsitzenden in der Bundesrepublik Deutschland 1949–2005. Wiesbaden 2005, S. 194 (ISBN 978-3-531-14516-7). Sein Landtagsmandat legte er deshalb erneut nieder.
Ab 1996 bildete er zusammen mit Gunda Röstel das Führungsduo an der Parteispitze. Mit dem Einzug in den Bundestag nach der Bundestagswahl 1998 gab er dieses Amt auf.
Bundesumweltminister (1998–2005) Nach der Bundestagswahl 1998 löste die erste rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder das bisherige schwarz-gelbe Kabinett Kohl V ab. Bündnis 90/Die Grünen besetzten drei Ressorts im Kabinett Schröder I. Joschka Fischer übernahm das Außen-, Andrea Fischer das Gesundheits- und Trittin das Umweltministerium. Am 27. Oktober 1998 wurde Trittin als Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vereidigt; seine Amtsvorgängerin war Angela Merkel.
In der ersten Legislaturperiode der rot-grünen Regierung war Trittin das bevorzugte Angriffsziel der Opposition und der Wirtschaft.Hans-Werner Kuhn: Trittin, Jürgen. In: Udo Kempf, Hans-Georg Merz (Hrsg.): Kanzler und Minister 1998–2005. Wiesbaden 2008, S. 361. Konfliktthemen waren besonders der von Trittin ausgehandelte Atomausstieg und die Ökosteuer. Dabei geriet er wiederholt in Auseinandersetzungen mit dem Bundeskanzler; mehrfach wurde über einen Rücktritt Trittins spekuliert. So wies Gerhard Schröder Trittin nach Intervention der deutschen Autohersteller unter Hinweis auf seine Richtlinienkompetenz an, die Altautorichtlinie der EU im Ministerrat abzulehnen. Diese sah vor, dass Hersteller Altfahrzeuge zurücknehmen müssten. Trittin setzte im Ministerrat einen Kompromiss durch, der auch vom Europäischen Parlament verabschiedet wurde. Deutschland setzte die Richtlinie zum 1. Juli 2002 durch die Altfahrzeug-Verordnung um. Es gilt als wahrscheinlich, dass Gerhard Schröder seinen Umweltminister andernfalls aus dem Kabinett entlassen hätte. Im Januar 2000 musste Trittin auf Druck der Energiewirtschaft und des Bundeskanzlers zudem den Stopp der Atommülltransporte zur Wiederaufarbeitung zurückziehen.spiegel.de: Chronologie („26. Januar : Nach eineinhalb Jahren Stillstand genehmigt das Bundesamt für Strahlenschutz erstmals wieder innerdeutsche Atomtransporte“) Ein Leitgedanke der rot-grünen Politik war die Energiewende. Am 1. April 2000 trat das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Kraft, das als „Herzstück der rot-grünen Energie- und Klimapolitik“ galt. Das Gesetz förderte die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien in Deutschland entscheidend. Am 14. Juni 2000 wurde der Atomkonsens durch einen Vertrag zwischen der Bundesrepublik und den Betreibergesellschaften eingeleitet, der den Atomausstieg innerhalb von 32 Jahren vorsah. Der Vertrag wurde 2002 durch die Novellierung des Atomgesetzes rechtlich abgesichert. Am 14. November 2003 ging als erstes das AKW Stade vom Netz. Der Atomausstieg war ein zentrales und identitätsstiftendes Ziel seit der Gründung der Grünen Partei. Deshalb galt der Atomausstieg einerseits als wichtigster Erfolg der rot-grünen Politik, andererseits wurde dieser gerade von der Parteibasis als viel zu zögerlich kritisiert.Hans-Werner Kuhn: Trittin, Jürgen. In: Udo Kempf, Hans-Georg Merz (Hrsg.): Kanzler und Minister 1998–2005. Wiesbaden 2008, S. 362. Trittin als verantwortlichem Bundesminister wurde die Schuld daran gegeben. Im Herbst 2001 wurde der Reaktor 2 des Kernkraftwerks Philippsburg, für dessen Betrieb die Landesregierung von Baden-Württemberg (Kabinett Teufel IV) zuständig war, auf Druck Trittins mehrere Wochen lang abgeschaltet.