Nordrach ist eine Gemeinde im Schwarzwald in Baden-Württemberg und gehört zum Ortenaukreis.
Geographie mini|links|Ortsmitte von Nordrach Geographische Lage Die Gemeinde Nordrach zieht sich über nahezu sechs Kilometer Länge im engen Tal des gleichnamigen Flüsschens entlang. In diesem Tal verläuft auch die Straße von Zell am Harmersbach (6 km) nach Bad Peterstal-Griesbach (12 km); allerdings ist die Strecke durch das Harmersbachtal über den Löcherberg kürzer. Die Entfernung zur Kreisstadt Offenburg beträgt 28 km. Das Gemeindegebiet liegt auf Höhen von bis .
Nachbargemeinden Die Gemeinde grenzt im Norden an die Städte Oberkirch und Oppenau, im Osten an Oberharmersbach, im Süden an die Stadt Zell am Harmersbach und im Westen an die Stadt Gengenbach.
Gemeindegliederung Der Siedlungsschwerpunkt liegt im Dorf Nordrach, sechs Kilometer von Zell am Harmersbach entfernt. Ein kleinerer Ortsteil liegt sechs Kilometer weiter, die Kolonie, früher auch Nordrach-Fabrik genannt. Weitere Ortsteile und Gewanne sind Allmend, Bärhag, Bäumlisberg, Buchbühl, Denninger, Ernsbach, Flacken, Grafenberg, Hasenberg, Helgenbühl, Heugraben, Hirzenberg, Hutmacherdobel, Kohlberg, Kühlmorgen, Kuttelrain, Lichtersgrund, Lindach, Merkenbach, Michelbach, Moosmatt, Moosbach, Mühlstein, Rautsch, Reutegut, Ruhlsbach, Schönwald, Schottenhöfen, Schrofen (Hinter und Vorder), Sodlach, Stollenberg, Stollengrund, Untertal und Vor Ernsbach. Zum Nordracher Gemeindegebiet gehören auch die Ortsteile Mühlstein und Schottenhöfen, die geographisch im Harmersbachtal liegen.
Flächennutzung 79 % der Gemarkungsfläche sind bewaldet, 17 % werden landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist Siedlungs- und Verkehrsfläche.
Geschichte mini|links|Der Jüdische Friedhof in Nordrach mini|links|Ehemalige Rothschild-Klinik Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1139 als Norderaha, was so viel wie „nördliches Wasser“ bedeutet. Der hintere Teil des Tals gehörte ebenso wie der Mühlstein zum Kloster Gengenbach, während das übrige Gebiet der Reichsstadt Zell zugehörig war. Im Jahr 1803 wurde Nordrach von Zell abgetrennt und 1929 erfolgte die Vereinigung von Nordrach-Dorf und Kolonie zu Nordrach. Nordrach gehörte früher zum Landkreis Wolfach, mit dessen Auflösung kam der Ort 1973 zum Ortenaukreis. Im heute staatlich anerkannten Luftkurort Nordrach wurden bereits seit 1891 in mehreren Sanatorien Lungenkranke behandelt, da sich das Tal dazu bestens eignete. Nordrach hatte bis 1975 vier Tuberkulose-Kliniken.
Die Volksheilstätte in Nordrach-Kolonie gründeten 1884 der Sozialist und Arzt Otto Walther und seine Frau Hope Adams. Sie war die erste Frau, die im Kaiserreich eine Approbation als Ärztin erlangte. Bis zur Scheidung leiteten die beiden gemeinsam die Volksheilstätte, in der neben armen Bevölkerungsschichten auch Clara Zetkin und August Bebel als Patienten aufgenommen wurden.
Eine der weiteren Heilstätten war die orthodox-jüdische Rothschild-Klinik mit koscherer Küche und einer Synagoge. Ein kleiner jüdischer Friedhof existiert noch. Am 29. September 1942 wurde das Rothschild-Sanatorium aufgelöst und die letzten neun Angestellten und 18 Patientinnen deportiert. In welchem nationalsozialistischen Lager die Deportierten umgebracht wurden, lässt sich nicht sicher belegen. Die Ermordung in einem der drei deutschen Vernichtungslager im Generalgouvernement (Bełżec, Sobibór, Treblinka) gilt jedoch als wahrscheinlich.
Die Klinik wurde ab November 1942 bis April 1945 von der SS als Lebensbornheim Schwarzwald genutzt. Ab 1947 nutzte Frankreich im Rahmen eines Adoptionsprogramms die Klinik als Kinderheim für Besatzungskinder französischer Soldaten, deren deutsche Mütter das Kind bald nach der Geburt zur Adoption nach Frankreich freigegeben hatten.
Religionen Die Gemeinde ist römisch-katholisch geprägt. Die katholische Kirche im Ort ist dem Heiligen Ulrich geweiht. Die wenigen evangelischen Gläubigen werden von Zell am Harmersbach aus betreut. Seit der Dekanatsreform am 1. Januar 2008 gehört Nordrach und die St. Ulrich-Kirche zum Dekanat Offenburg-Kinzigtal und gehört zudem zur Seelsorgeeinheit Haslach.
Demographie mini|500px|Nordrach Bevölkerungsentwicklung Einwohnerzahlen nach dem jeweiligen Gebietsstand
Jahr Einwohnerzahl1804 7781814 1141 1836 16931864 1589 1913 16491939 16926. Juni 1961 184627. Mai 1970 1870 1989 1940 31. Dezember 1999 1980 30. Juni 2003 2030 31. Dezember 2004 2050 31. Dezember 2005 2043 31. Dezember 2006 2049 31. Dezember 2007 2031 31. Dezember 2009 1993 31. Dezember 2012 2008 31. Dezember 2013 1924 31. Dezember 2020 182231. Dezember 2021 1847
Politik
Die Gemeinde gehört der Vereinbarten Verwaltungsgemeinschaft der Stadt Zell am Harmersbach an.
Gemeinderat Die Gemeinderatswahl vom 9. Juni 2024 brachte bei einer Wahlbeteiligung von 62,18 % folgendes Ergebnis:
Wappen Das Nordracher Wappen (seit 1901 Hoheitszeichen der Gemeinde) zeigt vor silbernem Hintergrund den rotgekleideten Bischof St. Ulrich auf grünem Schildfuß. Als Zeichen seiner Bischofswürde trägt der Nordracher Kirchenpatron eine goldene Mitra und hält in der Linken einen Bischofsstab mit schwarzem Schaft und goldener Krümme. In der rechten Hand erkennt man einen silbernen Fisch. Dieses frühere Christussymbol könnte ihn lediglich als Heiligen ausweisen. Da aber Künstler die Heiligen oft mit Gegenständen als Hinweise auf ihr Leben darstellten, wird dieser Fisch wohl auch auf eine Legende des ersten von einem Papst offiziell heiliggesprochenen Heiligen hinweisen. Bischof Ulrich soll nämlich einem herzoglichen Boten versehentlich ein Stück Fleisch am Freitag geschenkt haben. Dieser wollte dann den Bischof wegen des Übertretens des Kirchengebots verleumden und hielt zum Beweis das Stück Fleisch in der Hand. Mit dem Fisch wird die Lauterkeit des Bischofs unterstrichen und zudem auch das „Wasser- und Quellenpatronat“ des Heiligen veranschaulicht.
Vögte und Bürgermeister 1803: Anton Feger (Vogt) 1805: Georg Öhler (Vogt) 1810: Josef Diller (Vogt) 1811–1816: Anton Herrmann (Vogt) 1816–1819: Johannes Spitzmüller (Vogt) 1819–1825: Josef Diller (Vogt) 1825–1830: Johannes Spitzmüller (Vogt) 1830–1832: Georg Stubenwirt (Vogt) 1832–1837: Josef Oehler (Vogt bis zum 14. April 1832, danach Bürgermeister) 1837–1837: Spitzmüller (Bürgermeister) 1837–1839: Bernhard Benz 1840–1846: Johann Spitzmüller 1846–1848: Andreas Huber (bis 10. April 1848, Revolutionsbeteiligung) 1848–1849: Johann Erdrich (28. April 1848–1849, Revolutionsende) 1849–1861: Paul Spitzmüller 1861–1882: Lorenz Spitzmüller 1882–1902: Mathias Gißler (durch Tod ausgeschieden) 1903–1921: Wilhelm Erdrich 1921–1923: August Lehmann (1923 verzichtet August Lehmann auf das Amt) 1923–1924: Wilhelm Erdrich (durch Tod ausgeschieden) 1924–1933: Johann Evangelist Spitzmüller 1933–1945: Ludwig Spitzmüller (durch das Bezirksamt ernannt, seit 1931 Mitglied der NSDAPNSDAP-Mitgliedsnummer 438.527. Entnazifizierungsunterlagen Ludwig Spitzmüller, Staatsarchiv Freiburg D 180/18 Nr. 11634) 1945–1946: Jakob Spitzmüller (kommissarisch, eingesetzt durch die französische Besatzungsmacht) 1946–1948: Josef Spitzmüller (kommissarisch, eingesetzt durch die französische Besatzungsmacht) 1948–1957: Jakob Oehler 1957–1977: Wilhelm Benz 1977–1983: Bernhard Apfel 1983–2007: Herbert Vollmer (parteilos) Seit 2007: Carsten Erhardt (FDP)
Erhardt wurde 2015 und 2023 wiedergewählt.
Partnerschaften
Nordrach unterhält mit folgender Stadt eine Städtepartnerschaft: Niedernai, Elsass, Frankreich, seit dem 14. Mai 2000
Im Herbst 1997 nahmen die beiden Gemeinden erstmals Kontakt zueinander auf. In den folgenden drei Jahren wurden die Kontakte intensiviert, erste Feste gemeinsam gefeiert und Freundschaften geschlossen.
Wirtschaft und Infrastruktur Traditionell lebten die Nordracher von der Land- und Forstwirtschaft. Infolge der steilen Hanglagen und der damit verbundenen Erosionsgefahr war die Bewirtschaftung der Felder jedoch schwierig und kaum mechanisierbar. Das führte nach dem Zweiten Weltkrieg schnell zu einem drastischen Rückgang der Landwirtschaft. 2003 gab es noch 15 Haupterwerbsbetriebe und etwa 60 Nebenerwerbslandwirte.
Im Jahr 2011 gab es in Nordrach etwa 850 Arbeitsplätze, 57 Prozent davon im produzierenden Gewerbe. Die Pendlerbilanz ist positiv, 390 Nordracher verdienen ihren Lebensunterhalt außerhalb der Gemeinde und 530 Arbeitskräfte kommen aus anderen Gemeinden nach Nordrach.
Verkehr Bedingt durch den Kurbetrieb wurde im Nordrachtal schon früh eine Omnibuslinie für die Strecke Biberach–Zell–Nordrach eingerichtet. So existierte im Jahre 1923 eine private Autoverkehrslinie von der Kolonie zum Bahnhof in Zell, mit der auch die Post befördert wurde. Autoinhaber war damals Bauunternehmer Maurermeister Gottfried Lang. Eine Eisenbahnlinie nach Nordrach gab es nie, dafür wurde die frühere Landstraße 95 (heute Kreisstraße 5354) in den Jahren 1906 bis 1910 ausgebaut. Mit der Verbesserung der Ortsdurchfahrt wurde in den 1980er Jahren nach über 20-jähriger Planungsdauer und Widersprüchen von Anliegern begonnen. Noch heute stellt die private Omnibuslinie des Busunternehmers Schnurr aus Zell am Harmersbach die einzige öffentliche Verkehrsverbindung zum Harmersbachtal her. Über die enge Schäferfeldstrecke ins Renchtal kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht.
Kurbetrieb In Nordrach gibt es zwei Rehabilitationskliniken. Die Eignung des Nordrachtals für Kurzwecke wurde schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannt. Die windgeschützte und nebelfreie Lage begünstigt die Errichtung von Lungenheilstätten. Aus diesem Grund wurde Nordrach auch als „Badisches Davos“ bezeichnet. Mehrere Lungenheilstätten aus der Anfangszeit bestehen jedoch nicht mehr.
Holzverarbeitung Die Holzverarbeitung hat ebenfalls eine Tradition im Nordrachtal. In Nordrach befinden sich fünf Sägewerke sowie eine Reihe von weiterverarbeitenden Betrieben. mini|Grundschule Nordrach
Maschinenbau Aus eher handwerklichen Betrieben entwickelten sich im Laufe der Zeit: die Maschinenfabrik Erwin Junker, Kernunternehmen der Junker Gruppe, Hersteller von Präzisionsschleifmaschinen, Lieferant der Automobilindustrie weltweit; LTA Lufttechnik, industrielle Absaug- und Luftreinigungsanlagen; Sägewerk Echtle.
Bildungseinrichtungen Nordrach verfügt über eine eigene Grundschule. Außerdem gibt es einen Kindergarten.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Nordrach liegt am Kinzigtäler Jakobusweg, der an vielen Sehenswürdigkeiten vorbeiführt.
Pfarrkirche St. Ulrich mini|links|Die Pfarrkirche St. Ulrich von der hinteren Friedhofseite mini|hochkant|Das Käshammersche Kreuz (nach der Restaurierung 2014)