Mit indischer Literatur werden zusammenfassend die Literaturen bezeichnet, die auf dem indischen Subkontinent und insbesondere seit der Unabhängigkeit des Staates Indien 1947 in Indien bzw. von indischen Schriftstellern verfasst wurden. Wegen der Vielzahl der Sprachen, die in Indien gesprochen und geschrieben werden, kann von indischer Literatur nur im Plural gesprochen werden.Cornelia Zetzsche, Einleitung zu: Zwischen den Welten. 2006, S. 13. Über 90 Prozent aller Inder gehören den beiden großen Sprachstämmen der indoiranischen und dravidischen Sprachen an, die auch die literarische Tradition prägten; daneben gibt es vor allem im Osten des Subkontinents Angehörige der Gruppen der tibetobirmanischen Sprache und andere kleine Sprachgruppen.

Die indischen Literaturen zählen zu den ältesten der Welt. Sie wurden jedoch jahrhundertelang nur mündlich überliefert. Bei alten Texten sind Datierung und Verfasserfrage daher oft ungeklärt. Hinzu kommt ein schwach entwickelter Sinn für Chronologie aufgrund eines übergeschichtlichen Weltbildes, das auch den Gedanken der zyklischen Wiederkehr der Weltzeitalter und der Einzelwesen enthält. Mit einigen wenigen halbwegs sicheren Datierungen ist erst seit den Eroberungen Alexander des Großen um 330 v. Chr. und ersten chinesischen Berichten seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. zu rechnen.Helmut Hoffmann: Die alt- und mittelindischen Literaturen. 1996, S. 548, 550. Lange Zeit blieben die Grenzen zwischen religiöser und weltlicher, dichterischer und wissenschaftlicher Literatur fließend. Die Verwendung von meist einfachen Metren und komprimierten Sätzen (Sutra) für fast alle Formen der Literatur unterstützte die phänomenale Gedächtnisleistung der Inder bei der mündlichen Weitergabe der frühen Texte.

Die klassische Sanskrit-Dichtung wurde im Mittelalter durch die Literaturen indischer Regionalsprachen wie Hindi oder Tamil abgelöst. In den Mogulreichen im Norden Indiens kam ab dem 16. Jahrhundert die vorwiegend in Urdu verfasste islamische Lyrik hinzu. Durch die britische Kolonisierung Indiens wurde auch Englisch zu einer Literatursprache Indiens. Die weitgehend romantische Literatur der indischen Regionalsprachen erfuhr mit der Unabhängigkeit des Landes eine modernistische Gegenbewegung, mit der neue Themen wie soziale Fragen ins Blickfeld gerieten.

Vielfalt der Sprachen und Schriften Die ältesten indoarischen Schriften können aus semitischen Schriften abgeleitet werden. Die Kharoshthi-Schrift wurde in Nordwestindien und im heutigen Pakistan u. a. zur Zeit des Ashoka genutzt und geriet im 5. Jahrhundert n. Chr. außer Gebrauch. Die Brahmi-Schrift war eine Kombination aus Buchstaben- und Silbenschrift, die wohl aus der nordsemitischen aramäischen Schrift hervorging.von Glasenapp 1961, S. 3 Sie wurde wohl von Kaufleuten eingeführt, zumindest wurde sie meist merkantil genutzt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie in vorchristlicher Zeit zur Aufzeichnung von literarischen Werken gedient hätten. Von ihr stammen jedoch zahlreiche der modernen indischen Schriften ab, so auch die am weitesten verbreitete Devanagari.Helmut Hoffmann: Die alt- und mittelindischen Literaturen. 1996, S. 549. Aus einer südlichen Variante der Brahmi-Schrift leiten sich die Schriften ab, die von den Draviden gebraucht werden, so z. B. die Tamil-Schrift.

Heute gibt es in Indien Literatur in 24 offiziell von der 1954 gegründeten indischen Literaturakademie anerkannten Sprachen, darüber hinaus noch Literatur in zahlreichen Dialekten. Die sogenannten neu-indoarischen (nordindischen) Sprachen stammen vom Sanskrit ab, bei den meisten Sprachen des Südens handelt es sich um drawidische Sprachen.

Die indischen Sprachen werden mit etwa einem Dutzend verschiedener Schriften des indischen Schriftenkreises geschrieben, die sämtlich zwischen Silben- und Alphabetschriften stehen. Dabei wird beispielsweise das kurze a nach Konsonant nicht geschrieben. Auch das in arabisch-persischer Schrift geschriebene Urdu hat keine eigenen Vokalbuchstaben; die Vokale werden durch eine Kombination von Digraphen und diakritischen Zeichen angezeigt. Die in literarischen Werken oft verwendete Nastaʿlīq-Schrift ist in satztechnischer Hinsicht kompliziert und erfordert einen im Verhältnis zur Zahl der in Urdu existierenden Phoneme einen weitaus größeren Zeichenvorrat. Diese Diversität ist die Ursache für die begrenzte wechselseitige Kenntnisnahme der indischen Literaturen über die internen Sprachgrenzen hinweg und verstärkt die Tendenz zur Nutzung des Englischen.

Indische Literatur in klassischen altindischen Sprachen Die ältesten Texte der indischen Literatur wurden in vedischer Sprache mündlich durch die Brahmanen überliefert, die ihr heiliges Wissen vor allem wiederum an Brahmanen weitergaben. Die Angehörigen der untersten Kaste, die Shudra, waren durch abschreckende Strafen vom Zugang zu diesem Wissen ausgeschlossen. Wegen des feuchtheißen Klimas sind viele der alten landestypischen Schriftmaterialien wie Palmblätter oder Baumrinde nicht erhalten. Papier wurde erst im 13. Jahrhundert eingeführt. Daher gilt die mündliche Überlieferung im Vergleich zur schriftlichen, welche abgesehen von Hartmaterialien wie Steininschriften erst etwa mit dem 11. Jahrhundert einsetzt, meist als sicherer. Ein Gebildeter ist in Indien jemand, „der viel gehört hat“ (ein bahushruta). Im Unterschied zu den religiösen Texten wurden die epischen Erzählungen von den Barden, die sie vortrugen, immer wieder variiert. Diese Barden gehörten der Kshatriya, also der Kaste des Adels und der Krieger an; ihre Sprache war volkstümlicher als die der Brahmanen.Helmut Hoffmann: Die alt- und mittelindischen Literaturen. 1996, S. 549, 551.

Älteste Schriften des Hinduismus mit religiöser Funktion

mini|Episode aus der Mahabharata: Krishna (mit vier Armen) entlässt ein Pferd für ein Jahr in die Freiheit, wo es von einem Heroen begleitet wird, bevor es geopfert wird. Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Die Werke in vedischer Sprache, der direkten Vorläuferin der Dardischen Sprachen und des Sanskrit, bilden die wichtigsten heiligen Texte des Hinduismus. Sie wurden anonym von vielen Gelehrten und Priestern des sesshaften gewordenen, aus dem Norden zugewanderten Hirtenvolks erstellt. Die wichtigste Textsammlung ist der Veda („Wissen“), eine Sammlung von Götterhymnen, religiösen Formeln und Vorschriften, Zaubersprüchen sowie theologischen Texten, die zwischen dem zweiten Jahrtausend v. Chr. und 500 v. Chr. im Stromgebiet des Indus entstanden sind. Er besteht aus vier, von gläubigen Hindus noch heute als unantastbar angesehenen Teilen: Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda. Der früheste und literarische bedeutsamste Teil der Veda ist die Rigveda (um 1500–1200 v. Chr.?), eine Sammlung von über 1000 Hymnen an die Götter, vor allem an Indra, den kriegerischen Götterkönig und Eroberer. In ihnen spiegelt sich die Eroberung des Subkontinents durch die indoarischen Einwanderer aus dem Norden und deren Glaube an einen älteren gemeinsamen indoiranischen Götterhimmel, der letztlich aus übersteigerten menschlichen Gestalten besteht, mit denen man auch feilscht und kämpft.Helmut Hoffmann: Die alt- und mittelindischen Literaturen. 1996, S. 548.

Während die Dichter der Rigveda sich selbst nur als göttlich inspirierte Übermittler und Verfestiger der Tradition betrachteten, wurde der Veda in der Folgezeit als direkter Ausfluss göttlicher Offenbarung angesehen. Da die Lehre von seiner Unverändlichkeit als Dogma galt, wurde großer Scharfsinn darauf verwendet, seine Ewigkeit zu begründen und Widersprüche hinwegzuinterpretieren. Nur wenige Skeptiker und Materialisten leugneten dieses Dogma. Dennoch wurde der Veda nie zum Allgemeingut des Volkes und trat seit etwa 500 v. Chr.in den Hintergrund.von Glasenapp, 1961, S. 41 ff.

Im Anschluss an die Veden entstanden die Brahmanas (Ritualtexte), Aranyakas („Waldbücher“) und die 18 Upanishaden (philosophische Lehren), die eine geographisch erweiterte Szenerie und eine Wendung in Spekulative und Meditative erkennen lassen.

Die klassischen altindischen Epen Weitere wichtige literarische Werke der vedischen Zeit sind zwei Epen:Eine Darstellung der Inhalte in kompakter Form findet sich bei von Glasenapp 1961, S. 94–128 das Mahabharata, das wohl einen historischen Kern besitzt und vom Kampf der Nachkommen des blinden Königs Dhritarashtra mit denen seines Halbbruders, des Königs Pandu handelt, der in einer 18-tägigen Schlacht (angeblich bei Kurukshetra) kulminiert, sowie das Ramayana über die Taten des Rama. In diesen von Barden vorgetragenen und immer wieder ausgeschmückten Epen schimmert bereits das Mittelindisch durch. Darin, vor allem im Mahabharata, spiegelt sich wie in anderen spätvedischen Werken das Erstarken der Krieger- und Ritterkaste gegenüber den Brahmanen der vedischen Zeit.

mini|Illustration aus einem Manuskript des Bhagavatapurana, einem Hauptwerk des Vishnuismus Das Mahabharata ist in Shloken verfasst. Das Versmaß geht auf die ältere vedische Literatur zurück: Jeweils zwei Doppelverse mit je zwei Gliedern zu acht Silben bilden ein Shloka. Als Autor oder Redakteur des Werks gilt der mythische Vyasa. Es erzählt von den Heldentaten des Stammes der Bharatas und ihrer katastrophalen Niederlage auf dem Schlachtfeld. Dieses Geschehen mag auf die Einwanderungs- und Eroberungsgeschichte der indoarischen Völker zurückgehen, die über 3000 Jahre zurückliegt. Das Mahabharata umfasst 18 (eine heilige Zahl) parvas (Bücher) unterschiedlicher Länge mit insgesamt ca. 100.000 Versen, die in Strophen mit meist vier Versen gegliedert sind. Es ist uneinheitlicher aufgebaut als das Ramayana und wurde durch phantasievolle und poetische Einschübe nachträglich stark erweitert, bis es vielleicht um 400 v. Chr. seine gegenwärtige Form erhielt. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Aufeinanderfolge von Reden in teils in erzählender, teils belehrender Form. Schauplatz des Mahabharata ist der Westen Indiens. Eine seiner wichtigsten Figuren ist Krishna als Verkörperung Vishnus. Ein wichtiger Bestandteil des Mahabharata (ein Teil des 6. Buchs mit etwa 700 Strophen) ist die Bhagavadgita, eine Selbstoffenbarung Krishnas in Form eines spirituellen Lehrgedichts mit ebenfalls 18 Gesängen. Sie ist heute der vielleicht wichtigste religiöse Text für Hindus, der unzählige Male auswendig gelernt und zitiert wurde und ethische Normen ebenso wie Meditationstechniken (Yoga) enthält.

mini|Episode aus dem Ramayana: Der Affenprinz Angada erschlägt einen Dämon. Folio aus dem Shangri-Ramayana, um 1700 Das Ramayana, das im Osten des indischen Kontinents spielt und in dessen Haupthandlung zahlreiche Episoden und lokale Legenden eingeflochten sind, umfasst etwa 24.000 Doppelverse (Shloken) zu je zwei Gliedern mit je acht Silben. Erzählt wird die Geschichte des Prinzen Rama, der von seinem Vater zu einem 14-jährigen Exil gezwungen wurde. Während die ältesten Teile wohl aus dem 7.-4. Jahrhundert v. Chr. stammen, erhielt es im 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. seine endgültige Form. Es gibt zahlreiche Versionen und Synopsen des Epos, die in verschiedenen Regionalsprachen und auch in ganz Südostasien und in der buddhistischen Welt verbreitet wurden. Das Ramayana findet bis heute seinen Niederschlag in der Populärkultur.John L. Brockington: Righteous Rāma. The Evolution of an Epic. Oxford UP, Delhi 1984.

Erbauliche und belehrende Epen und Legenden: Die Puranas