Jean-Marc Lelong Carmen Cru – Vie & Mœurs (Bitte Urheberrechte beachten)

Carmen Cru [] ist eine abgeschlossene Comic-Serie des französischen Cartoonisten und Szenaristen Lelong (Jean-Marc Lelong, 1949–2004), die erstmals 1981 in der Ausgabe Nr. 67 des Comic-Magazins Fluide Glacial erschien und bis heute in acht Comic-Alben bei Audie-Fluide Glacial veröffentlicht wird; auf Deutsch sind die Bände 1–5 erschienen.

Die Protagonistin, Carmen Cru (in der deutschen Übersetzung Carmen Krusch), ist eine sehr eigensinnige alte Frau, die allein und selbstversorgend in einem kleinen Haus lebt, das ringsum von hohen Wohnblocks umgeben ist. Sie zeigt keinerlei Empathie beim Umgang mit ihren Mitmenschen, bestenfalls versucht sie diese zu ignorieren. Geben diese aber weiterhin keine Ruhe, stößt sie die alte Cru mit unverblümten Worten rücksichtslos vor den Kopf oder manövriert sie durch ihr stures Verhalten – bewusst oder unbewusst – in ein „Chaos“, aus dem sie selbst aber unberührt und heil hervorgeht.

Genre und Präsentation In einem kleinen, typisch französischen Provinzort, in einem Hof, der auf allen Seiten von großen Nachbargebäuden umgeben ist und der nur über eine Treppe erreicht werden kann, steht ein mit einer zusätzlichen Mauer umgebenes, giebelgeschmücktes Häuschen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. In dieser selbst gewählten Zurückgezogenheit lebt die alte Carmen CruNomen est omen; das französische Wort cru kann je nach Zusammenhang verschiedene Bedeutungen haben: brutal, derb, grell, hart, roh, rüde, schonungslos, ungeschminkt, oder unverblümt. in fast völliger Autonomie. Zu ihrem Missfallen wird sie aber immer wieder von ihren Nachbarn, ihrem schnorrenden Urgroßneffen und von weiteren Personen gestört, wogegen sie sich in sehr eigentümlicher Weise wehrt.

Carmen Cru zeigt in überspitzt karikierender Weise das unzeitgemäße, unbelehrbare, oft verschrobene oder sogar latent aggressive Verhalten eines alten Menschen, der ohne Interesse auf Veränderungen alleine und fast ganz ohne Rücksicht auf Mitmenschen nur nach eigenen Wertvorstellungen lebt.

Die abgeschlossene Serie umfasst 75 Episoden auf 333 Seiten. Dazu kommen weitere drei Seiten Text, auf denen der Autor den Charakter und die Psychologie der Carmen Cru, und dazu ihre Familiengeschichte und ihr Umfeld kommentiert; dem angeschlossen ist ein Plan mit der Lage ihres Hauses.La "bible" de Carmen Cru, de la main de Lelong (dt. Die Carmen-Cru-Bibel, handschriftlich von Lelong); Lelong beschreibt seine Sicht von Carmen Cru: Ihren Charakter, wie sich ihre Persönlichkeit äußert, wie er sie aus psychologischer Sicht sieht, ihre Familienangehörigen und wie sie ihr Leben führt. Im Anschluss folgen Beschreibungen der Nachbarn und einiger anderer Akteure. Den Abschluss bildet ein Plan mit der Lage ihres Hauses im Hof der Wohnanlage. Diese Ausarbeitungen wurden in Lelongs Nachlass gefunden und waren vorher noch nie publiziert worden. Es liegt nahe, dass er als Szenarist auf diese Weise die Persönlichkeit Carmen Cru und ihr ganzes Umfeld sorgfältig durchgeplant hat (Band 8, S. 43–46). Durch diese Beschreibung und die Inhalte der Episoden hat Lelong mit Carmen Cru eine Persönlichkeit geschaffen, die in Frankreich außerhalb der Comic-Szene wahrgenommen worden ist.

Die Zeichnungen sind sehr detailliert in Schwarzweiß ausgeführt, die Titelseiten der Comic-Alben sind koloriert. Abgesehen von der Überzeichnung der Physiognomie der handelnden Personen sind die Darstellungen in den Zeichnungen als „fast realistisch“ zu bezeichnen.Visages et paysages du livre de jeunesse, Université Paris-Nord, Institut international Charles Perrault, Harmattan (1996), S. 116. Lelong gibt an, dass er sich zu seinen Zeichnungen durch die Schwarzweißfotografien von Robert Doisneau aus den 1940er und 1950er Jahren hat inspirieren lassen.

Typisch für mehrere aufeinanderfolgende Panels ist, dass die Sprechblasen anderer beteiligter Personen – analog zum Off im Film – herüberwehen und thematisch mehr und mehr die Zuspitzung der Situation beschreiben, während Carmen Cru – in Hörweite und im Zentrum des Panels – völlig ungerührt und schweigend weiter ihren eigenen Beschäftigungen nachgeht. Zusätzlich verwendet Lelong mehrere sehr ungewöhnliche grafische Darstellungsweisen, um eine besondere Art der Aussprache oder einen bestimmten physischen Zustand seiner Comic-Charaktere darzustellen.Beispiele sind: „Undeutliches Sprechen ohne Zähne“ (Band 2: L'héritage); „schlechter Stimmung sein“ (Band 2: Voisinage); „Fieber haben“ (Band 5: La fièvre); „aus einem Traum erwachen“ (Band 5: Métamorphose); „sprachloses, mürrisches Abwehren einer Konversation“ (Band 7: Vers les frimas); etc.

Der Tod von Jean-Marc Lelong im Februar 2004 beendete zwar die Fortführung der Serie, aber nicht den Erfolg von Carmen Cru. Die frühen Alben werden seit fast 30 Jahren immer wieder aufgelegt; der abschließende achte und 2008 posthum veröffentlichte Band Thriller besteht aus Episoden, die sich im Nachlass von Lelong fanden.

Personen In den Geschichten um Carmen Cru trifft der Leser auf mehrere Dutzend Akteure, von denen einige nur ein einziges Mal in die Handlung eingreifen (gelegentlich auch nur aus dem Off kommentieren), andere aber mehrfach in Erscheinung treten. Die Personen in der Serie erfüllen typisch französische Klischees. Aussehen und Körpersprache gehen parallel mit Charakter und Intellekt der dargestellten Personen.

Carmen Cru Äußere Erscheinung Carmen Cru ist eine sehr starrköpfige Alte mit stechenden Augen, hohen Wangenknochen und einer Warze auf der mächtigen Nase.Anhand von Fotos aus ihrer Jugend sieht man, dass sie bereits als Baby den gleichen stechenden Blick und mürrischen Gesichtsausdruck hatte. Nicht nur in Bezug auf die Warze sehen sich auf alten Fotos ihre Großmutter, ihre Mutter und Carmen Cru selber zum Verwechseln ähnlich (Band 4: Insomnie). Trotz eines ausgeprägten Rundrückens verfügt sie über eine sehr robuste Gesundheit, gute Sehkraft, starke Hände, ist gut zu Fuß und fährt Fahrrad.Band 1: Le portrait artistique. Band 2: La consultation; Band 5: La fièvre

Außerhalb des Hauses trägt sie über Lagen von Kleidung einen glockenförmigen, bis auf den Boden reichenden Mantel, bei Arbeiten in ihrem Schrebergarten bindet sie noch eine Schürze darüber. Ihre Schuhe sind groß und klobig, ihr Kopf verschwindet fast ganz unter einem helmartigen Hut. Im Haus trägt sie altmodische, weite Gewänder, gelegentlich einen schultertuchartigen Umhang, Hausschuhe (CharentaisesCharentaises sind ein typisch französisches Produkt, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand. Es handelt sich um meist gelbbräunliche Hausschuhe aus Filz mit verschiedenen Mustern, die an schottische Tartans erinnern.) und eine Art Nachthaube.

Durch die Kompaktheit ihrer Erscheinung ist Carmen Crus Körpersprache sehr begrenzt. Sie agiert nur aus ihrer gebeugten Haltung und mit unverändert mürrisch-ernsten Gesichtsausdruck – wobei sie auch regelmäßig und bedrohlich in Richtung des Lesers starrt.Als Beispiel kann die Titelseite von Thriller dienen.

Lebensweise Die alte Cru ist Rentnerin und lebt ein sehr einfaches Leben. Man erfährt nicht, ob sie je berufstätig war, doch sie erhält eine kleine Pension. Sie ist keine alte Jungfer, denn sie war in ihrer Jugend kurz mit einem „aufgeblasenen Angeber namens Stanislas Cru“ verheiratet. Während Carmens Großmutter erst im hohen Alter von ihrem Ehemann verlassen wurde und ihr Vater ihre Mutter nach Carmens Geburt verließ, wurde Carmens Ehe mit Stanislas Cru bereits nach sehr kurzer Dauer geschieden. Über den Grund lässt Lelong keinen Zweifel: Carmens Charakter.Man kann aus ihrer Sicht mitverfolgen, wie sie in ihrem Familienalbum blättert, in dem sich Bilder von ihr selber und von Mitgliedern ihrer Familie finden (Band 4: Insomnie). Da sie folglich auch nie Mutter war, ist ihr Verhalten Kindern gegenüber als eher ungewöhnlich zu bezeichnen: Wenn sie ihnen – um sie ruhigzustellen – Kautabak und Glühwein verabreicht, so hat dies sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern zur Folge, dass weitere Gerüchte um ihre Person entstehen.Band 1: L'amie des bêtes; Band 2: Le quatre-heures; Band 7: Rumeurs; Band 8: Graffiti

Carmen Cru lebt in dem Haus, in dem sie auch geboren wurde und in dem sich seit den 1940er Jahren praktisch nichts verändert hat.Das Haus hat sie von ihrer Mutter übernommen, als diese sich im Alter in ein noch kleineres, noch älteres Haus nach Südfrankreich zurückzog. Die genauen Umstände der Übergabe und der Trennung sind nicht bekannt, aber nach Lelong ging man im Streit auseinander. Trotzdem hegt Carmen Cru noch großen Respekt vor ihrer Mutter. Auch Carmen Cru ist in dieser Zeit stehengeblieben, das moderne Leben oder aktuelle Politik interessieren sie nicht. Ohne Kontakt nach außenSie hat kein Telefon und kein TV, aber sie besitzt ein altes Radio, das einem Volksempfänger ähnelt. Nachdem sie es eines Tages vom Speicher holt, anstellt und eine Weile zuhört, kommt sie zu dem Schluss: „Seit der Front populaire habe ich nicht mehr Radio gehört. Man würde annehmen, dass sich die Nachrichten mit der Zeit verbessern, aber das stimmt nicht. Es sind immer die gleichen Eseleien. Das Gegenteil hätte mich auch überrascht.“, worauf sie das Radio abstellt und wieder auf den Speicher bringt. (franz. J'avais pas écouté de radio depuis le front populaire. On s'imagine que les nouvelles s'améliorent avec le temps, mais c'est pas le cas. C'est toujours les mêmes âneries. Le contraire aurait été étonnant. Band 8: Flash news). und ohne sanitäre Einrichtungen versorgt sie sich selber "1000 %" und führt auch kleinere Reparaturen aus.Band 7: Travail manuel

Als Transportmittel dient ihr ein altes Fahrrad aus den 1920er Jahren mit Anhänger und SperrholzkisteIn Französisch werden diese altertümlichen Verpackungskisten cageot genannt; Carmen Cru hat hinter ihrem Haus einen ganzen Schuppen voller cageots. auf dem Gepäckträger, mit dem sie rücksichtslos durch den Verkehr kurvt.Band 1: Le cageot cassé. Band 1: La collision Ihre Fahrradfahrten sind immer zielgerichtet. Sie besucht z. B. nacheinander die Bistros im Ort, wo sie sich mehrere (unbezahlte) Fernet-Branca gönnt – zuhause bereitet sie sich eher vin chaud (Glühwein) zu oder trinkt ein paar Gläser RotweinBand 1: Chips & cacahuètes. Band 4: Routine; Band 5: Le »Joyeux Bar«Die Art und Weise der Trinkgewohnheiten von Carmen Cru wurden 2001 von Corinne Six im Rahmen ihrer Dissertation La représentation des conduites d'alcoolisation de la femme dans la bande dessinée à propos de 3 cas: Carmen Cru, Soeœur Marie-Thérèse et Jessica Blandy an der Université du droit et de la santé (Lille) untersucht. – oder sie benötigt gerade wieder irgendetwas, wobei sie ohne Hemmungen und sehr unsentimental vorgeht und nur ihren eigenen Rechtsvorstellungen folgt. Wenn sie in die Kirche geht, tut sie das nur aus dem Grund, sich dort mit Kerzen oder wegen Umbauten dort abgestellten Werkzeugen einzudecken; den Friedhof besucht sie nur, wenn sie mehr Mutterboden für ihren Schrebergarten benötigt, und in der Nähe des kleinen Bahnhofs holt sie sich vom Lager Bahnschwellen zum Verheizen.Band 2: Le terreau. Band 3: La traverse de virage; Band 5: Le calvaire; Band 6: La convocation