Die Gothaer Waggonfabrik war ein bedeutendes Metallbauunternehmen für den Fahrgeschäfte-, Flugzeug- und Straßenbahnwagenbau in Gotha. Es bestand seit 1883 und wechselte mehrfach den Eigentümer, das Sortiment wandelte sich von Karussellbau über Flugzeugherstellung bis hin zur Produktion von Fahrzeugteilen und Zulieferungen.

1883–1918 Fahrgeschäfte und Waggons mini|Werbung der Gothaer Waggonfabrik (1913) Die Wurzeln der Gothaer Waggonfabrik lagen in der 1883 gegründeten Schlosser- und Maschinenbauerei Fritz Bothmann & Comp, dort entstand bereits im Sommer des Gründungsjahres das erste dampfbetriebene Schiffskarussel. Das rasch expandierende Unternehmen benötigte für größere Aufträge bald neue Maschinen und mehr Angestellte, doch die Werkstatt in der Großen Fahnenstraße 11 war dafür zu klein. Daher verlegte Schlossermeister Bothmann seinen Betrieb 1885 in die Langensalzaer Straße 24, in dem neben Karussells und Vergnügungsbuden verschiedenster Art auch Wohn- und Packwagen für Schausteller entstanden. In das ständig wachsende Unternehmen brachte der Naumburger Kaufmann Louis Glück 1892 weiteres Kapital ein, das nun als Fritz Bothmann & Glück Caroussellfabrik auftrat und drei Jahre später auch die Produktion von Güter- und Personenwaggons aufnahm.Louis Glück (1868–1951) Mit der Herstellung von Straßenbahnwagen wurde 1897 begonnen. Seite 417 ff.

Am 23. Juni 1898 änderten Bothmann und Glück die Unternehmensform in eine Aktiengesellschaft mit dem Namen Gothaer Waggonfabrik vormals Fritz Bothmann & Glück AG, zu der 17 Beamte und 166 Mitarbeiter gehörten. Im selben Jahr erwarb die Aktiengesellschaft ein unbebautes Grundstück von 60.000 m² in der Kindleber Straße am Gothaer Ostbahnhof und errichtete dort neue Produktionshallen mit eigenem Gleisanschluss. Wegen finanzieller Differenzen verließ Louis Glück das Unternehmen im Sommer 1900, Firmengründer Bothmann schied Anfang 1903 nach Streitigkeiten mit dem Vorstand aus. Albert Kandt wurde in die Direktion berufen und stieg aufgrund seines erfolgreichen Wirkens bald in den Vorstand auf.Albert Kandt (1866–1926) wurde 1909 zum Kommerzienrat und 1917 zum Geheimen Kommerzienrat ernannt. Er war langjähriger Vorsitzender der Gothaer Handelskammer und Mitglied des Deutschen Eisenbahnrates. Seit 1900 wohnte Kandt in der vom Gothaer Architekten Julius Krusewitz entworfenen Villa in der Ernststraße 14.Margit Ramus: Karussellbau Fritz Bothmann 1910 wurde die Aktiengesellschaft in Gothaer Waggonfabrik AG (GWF) umbenannt.

Luftschiffhafen Gotha Die Geschichte des Luftschiffhafens ist eng mit Direktor Albert Kandt verbunden. Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha war ein begeisterter Förderer der Luftfahrt und unterstützte Kandt bei den Planungen für einen Luftschiffhafen am Stadtrand von Gotha. Am 7. Juni 1909 wurde der Gothaer Luftfahrtverein gegründet, dieser organisierte den Aufbau des Flugplatzes in der Töpflebener Flur. Noch vor der Fertigstellung des Flugplatzes fand dort am Abend des 14. November 1909 der erste Besuch eines Luftschiffes in Gotha statt. Doch ein aufziehender Schneesturm zwang die Besatzung der Parseval P III zur Notlandung und nachfolgenden Demontage des Prallluftschiffs. Der Luftschiffhafen eröffnete am 9. Juli 1910 mit der feierlichen Einweihung der Carl-Eduard-Luftschiffhalle, in den Folgejahren besuchten zahlreiche Luftschiffe den Gothaer Flugplatz. Auf der ersten Thüringer Flugwoche im Frühjahr 1911 erschienen mehrere Flugpioniere mit ihren Flugzeugen in Gotha und zeigten ihr Können. Der Herzog veranlasste daraufhin in Absprache mit dem preußischen Kriegsministerium die Gründung einer Fliegerschule in Gotha. Am 1. April 1912 eröffnete auf dem Luftschiffhafen die Herzog Carl Eduard Herren-Fliegerschule (kurz: Fliegerschule Gotha). Im März 1914 befahl die Heeresverwaltung, auf einem Grundstück neben der Waggonfabrik eine Militärfliegerkaserne Gotha mit eigenem Flugplatz zu errichten, dort wurde am 18. Februar 1915 der Betrieb aufgenommen.

Flugzeugbau Als der Bedarf des Deutschen Heeres an Flugzeugen zunahm, begann die Gothaer Waggonfabrik 1912 versuchsweise mit dem Flugzeugbau.Werner Schwipps: Schwerer als Luft. Die Frühzeit der Flugtechnik in Deutschland (= Die deutsche Luftfahrt, Band 8). Bernard & Graefe, Koblenz 1984, ISBN 3-7637-5280-3, S. 235ff. Zuerst unterstützte die Waggonfabrik noch unter strenger Geheimhaltung die erfolgversprechende Eigenkonstruktion des Thüringer Ingenieurs Karl Willing. Während einer Flugveranstaltung im August 1912 stellten Willing und Direktor Kandt das Flugzeug dem Militär vor, doch die anwesenden Offiziere lehnten die Maschine ab. Der bekannte Flieger Bruno Büchner ließ Anfang 1913 in der Waggonfabrik einen Doppeldecker nach seinen Plänen anfertigen; für Karl Caspar entstanden zwei Nachbauten der Etrich Taube, die im Rohbau und ohne Motor an ihn geliefert wurden. Acht weitere Nachbauten, nun mit einem wassergekühlten Motor von 70 PS Leistung ausgestattet, lieferte die Waggonfabrik unter der Bezeichnung LE 1 an die Fliegerschule Gotha. Am 20. April 1913 absolvierte die erste „Gotha-Taube“ mit der Werksbezeichnung LE 2 ihren Probeflug über dem Krahnberg. In der Entwicklungsabteilung entstanden in rascher Folge eigene Flugzeugkonstruktionen und das Werk begann mit dem serienmäßigen Bau von Flugzeugen.Manfred Jurleit: Die Gothas. Geschichte eines Konzerns. In: Aerosport, Nr. 3/1969. Deutscher Militärverlag, Berlin, S. 116–119. Zur Produktpalette gehörten Ein- und Doppeldecker sowie Wasserflugzeuge. Für die Erprobung der Wasserflugzeuge wurde eine eigene Abteilung in Rostock-Warnemünde aufgebaut. In der angeschlossenen Fliegerschule Gotha erhielten neben einigen Zivilpersonen hauptsächlich Offiziere eine Ausbildung zum Flugzeugführer, finanziert durch die National-Flugspende. mini|Doppeldecker Gotha LD-5 Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Flugzeugbau zum wichtigsten Produktionszweig. Die Anzahl der Mitarbeiter stieg von etwa 60 Personen (1913) auf 130 Beschäftigte im ersten Kriegsjahr 1914 an. Leutnant der Reserve Karl Caspar und sein Beobachter Oberleutnant Werner Roos flogen am 25. Oktober 1914 in einer Gotha-Taube über den Ärmelkanal und warfen bei Dover eine 10-kg-Bombe ab. Offenbar war das die erste Bombe, die im Krieg auf Großbritannien fiel, was den Piloten und dem Flugzeug aus der Gothaer Waggonfabrik einige mediale Aufmerksamkeit einbrachte.Vgl. Jörg Mückler: Deutsche Bomber im Ersten Weltkrieg; Motorbuch, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-613-03952-0, Seite 16. mini|Aktie über 1000 Mark der Gothaer Waggonfabrik AG vom 29. November 1916 Ab 1915 wurden die Großflugzeuge Gotha G.I gebaut. Der von den Halberstädter Flugzeugwerken kommende Ingenieur Hans Burkhard konstruierte die Typen Gotha G.II bis G.V. Die Gotha G.IV konnte 500 kg Bomben bei einer Reichweite von 800 km tragen und als erster Bomber Angriffe über den Ärmelkanal hinweg auf London durchführen. Das Bombenflugzeug Gotha G.V hatte mit einer Bombenlast von 1000 kg bereits eine Reichweite von 840 km. Von den leistungsfähigeren Weiterentwicklungen Gotha G.VII und Gotha G.VIII (als Lizenzbau bei Siemens-Schuckert gefertigt) entstanden bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 355 Stück. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs suchte die Firma nach einem neuen Standort für die Flugzeugfertigung. Die Stadt Fürth stellte ein Gelände auf der heutigen Hardhöhe zur Verfügung. mini|Langstreckenbomber Gotha G IV Von 1914 bis 1918 stieg die Zahl der Beschäftigten in der Abteilung Flugzeugbau der Gothaer Waggonfabrik von 130 auf 1250 Mitarbeiter, die Werksfläche vergrößerte sich von 6.580 m² auf 21.790 m². Die Flugzeuge der Waggonfabrik erlangten im Ersten Weltkrieg als „Die Gothas“ den zweifelhaften Ruhm, der „Schrecken der Feinde“ zu sein. Die zweimotorigen Bomber aus der Residenzstadt des Herzogs Carl Eduard waren der Legende nach ein Grund, warum sich das in Großbritannien regierende Königsgeschlecht Coburg und Gotha 1917 in Haus Windsor umbenannte.Die eigentlichen Gründe für die Umbenennung des britischen Königshauses lagen jedoch viel tiefer und weiter zurück. Vgl. Bruch mit dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha.

Gemäß Versailler Vertrag musste die Flugzeugfertigung 1920 eingestellt und die vorhandenen Maschinen demontiert werden. Der Produktionsstandort in Fürth wurde 1938 an das neu gegründete Unternehmen Bachmann, von Blumenthal & Co. Flugzeugbau (BBF) verkauft und bestand bis 1953 als „Industrieflughafen“.

+ Flugzeuge der Gothaer Waggonfabrik Flugzeugtyp Verwendung gebaut Konstrukteur LE 1 Schulflugzeug 10 I. Etrich, E. Rumpler LE 2 Aufklärer 31 Franz Böhnisch; H. Bartl LE 3 58 Karl Grulich; H. Bartl LE 4 1 Karl Rösner LD 4 20 H. Schmieder LD 5 Kavallerieflugzeug 13 Hans Burkhard LD 7 Aufklärer 18 G I Fernaufklärer 18 O. Ursinus; Hans Burkhard G II Fernaufklärer und Bomber 13 Hans Burkhard G III Bomber 25 G IV 52 G V/G Va Langstreckenbomber 145 G V/G Vb 80 WD 1 Aufklärer 6 Karl Rösner WD 2 Fernaufklärer 27 WD 7 Torpedo-Übungsflugzeug 8 Karl Rösner; A. Klaube WD 9 Fernkampfflugzeug (Marine) 9 WD 11 Torpedoflugzeug 17 WD 13 Aufklärer 18 Karl Rösner; Hartwig WD 14 Fernaufklärer; Minenleger; Torpedoflugzeug 66 Karl Rösner; A. Klaube WD 15 Fernaufklärer 2 Karl RösnerLegende: LE – Landeindecker, LD – Landdoppeldecker, G – Großflugzeug, WD – Wasserdoppeldecker.

Zeppelin-Versuchsbau-GmbH Gotha-Ost (VGO)

Die Betriebsleitung des Zeppelin-Werkes Friedrichshafen sah sich während des Ersten Weltkrieges gezwungen, aus Platzgründen Bereiche ihrer Entwicklungsabteilung auszulagern. Die Wahl fiel auf die Gothaer Waggonfabrik, bei der erfahrene Flugzeugbauer und Handwerker vorhanden waren und Maschinen, Werkhallen und der Flugplatz genutzt werden konnten. Unter der Leitung von Alexander Baumann entstanden zunächst die Großflugzeuge VGO I–III, die dann ab 1917 in Staaken zum Langstreckenbomber Zeppelin-Staaken R VI weiterentwickelt wurden. Später übernahm der Ingenieur Adolf Rohrbach die Leitung der Außenstellen.

1919–1945 Waggon- und Fahrzeugbau mini|Traditionszug (56/82/101) Typ T1 der Gothaer Waggonfabrik (Baujahr 1929) im Januar 2006 mini|Gothaer Waggonfabrik, Werk Fürth in Bayern um 1926 Schon 1894 begann Bothmann mit dem Straßenbahnwagenbau und lieferte 1904 die ersten drei elektrischen Straßenbahnen für die Stadt Gotha. In der Waggonfabrik AG entstanden vor 1914 moderne Güter- und Personenwaggons aller Art, darunter Speise- und Salonwagen, die weltweit verkauft wurden. Während des Ersten Weltkriegs stand die Flugzeugproduktion im Vordergrund, zusätzlich wurde militärische Ausrüstung wie Bagagewagen und Feldküchen hergestellt. Ab 1916 entstand in Fürth/Bayern ein Zweigwerk mit Werksflugplatz, doch in der Bayerischen Waggon- und Flugzeugfabrik konnte erst 1921 produziert werden.

Nach dem Kriegsende musste der Flugzeugbau wegen des Versailler Vertrags eingestellt werden. Die Produktion wurde auf den Bau von Lokomotivkesseln, Triebwagen und Lastwagenanhängern umgestellt. 1923 beschäftigte die Waggonfabrik 260 Beamte und 2000 Arbeiter.

Die Produktion der 1920er Jahre bestand wieder aus Güterwagen, Straßenbahnwagen (zwischen 1923 und 1944 insgesamt 152 Stück), Triebwagen sowie Lastwagenanhängern. 1921 wurde das Unternehmen durch Ankauf der Fahrzeugwerke Eisenach auch zum Autoproduzenten. In diesen Jahren entstanden große finanzielle Verluste. In: Vossische Zeitung vom 20. Oktober 1928. Am 24. Juli 1926 starb Generaldirektor Albert Kandt während einer Dienstreise im Alter von 60 Jahren.