Psychic TV war eine von 1981 bis 2020 bestehende britisch-amerikanische Techno- und Rockband, die zu den Hauptvertretern der Post-Industrial-Szene zählt. Einige Alben der Band wurden unter den Namen Psychick TV, PTV3 und Splinter Test veröffentlicht, von 1999 an gab es auch das personell teilweise identische Projekt Thee Majesty. Die einzige Konstante der Gruppe ist ihr Mastermind Genesis P-Orridge. In Abhängigkeit von den jeweils beteiligten Musikern bzw. Komponisten kann das Gesamtwerk der Band in verschiedene Epochen gegliedert werden. Der Ruf der Band gründet vor allem auf die 1980er Jahre, als sich die Band ein sektenähnliches gab, mit Themen wie Okkultismus und Intimpiercings kokettierte und sich unter anderem auf Charles Manson, Jim Jones, William S. Burroughs, Brion Gysin und Austin Osman Spare bezog. Ab etwa 1987 wandte sich die Band Techno und Acid House zu, in den 1990er Jahren dann verstärkt Ambient und Spoken Word. Ab 2003 bis zum Tod Genesis P-Orridges tourte die Band wieder mit einer Rock-Besetzung.
Geschichte Die Jahre mit Alex Fergusson 1981–1987 Psychic TV wurde 1981 von Genesis P-Orridge (* 1950 als Neil Andrew Megson) und Peter „Sleazy“ Christopherson (1955–2010) – beide zuvor bei Throbbing Gristle, Mitbegründer des Industrial – gegründet. Drittes Gründungsmitglied war Alex Fergusson (* 1952), der in unmittelbarer Nachbarschaft P-Orridges lebte und zuvor Gitarrist bei Alternative TV war, denen P-Orridge Mitte der 1970er Jahre als Schlagzeuger und Produzent verbunden war. Mit dem Ende von Throbbing Gristle sollte ein neues Projekt entstehen, das nach einer gemeinsamen Idee von P-Orridge und Monte Cazazza um 1975 als zentrales Medium ihres Schaffens auch unterschwellige Manipulation durch Filme benutzen sollte,„retinal stimulation“, vgl. und Liner Notes wie z. B. auf Live in Tokyo, Temple Records TOPY 015 (1986). und so auf radikale Art die Intention heutiger Videoclips vorwegnahm. Außerdem wollte man sich der Cut-up-Techniken im Stile von Brion Gysin und William S. Burroughs und der Dekonstruktion der Sprache bedienen und sich von Okkultismus und erweiterten Bewusstseinszuständen leiten lassen, um damit neue Klangstrukturen innerhalb von improvisierter, psychedelischer Rockmusik zu schaffen. Das so erzeugte Klangbild nannte die Band später hyperdelic. Der Gruppenname sollte die Ideologie zum Ausdruck bringen. Weil der Begriff magic zu negativ besetzt erschien, wählte man stattdessen psychic und ergänzte es um den Zusatz TV, gleichermaßen als Reminiszenz an Fergussons vorige Band Alternative TV wie auch als Hinweis auf den audiovisuellen Ansatz der neuen Band. Gestalterische Kenntnisse zur Umsetzung des optischen Erscheinungsbildes des Projekts brachte Peter Christopherson mit, der zuvor bereits als Fotograf und Designer für Hipgnosis gearbeitet hatte, einer Design-Agentur, die zahlreiche bekannte Plattencovers gestaltet hat.
Das Trio spielte mit Marc Almond (Soft Cell und andere), dem spanischen Performance-Künstler Jordi Valls (alias Vagina Dentata Organ) und dem Orchester-Arrangeur Andrew Poppy das Debütalbum Force the hand of chance ein, das im November 1982 beim Major-Label WEA Records veröffentlicht wurde. Die LP enthält neben Pop-Balladen wie Just drifting oder New-Wave-beeinflussten Titeln wie Ov Power auch Songs in klassischer Industrial-Tradition. Der ersten Auflage lag eine Bonus-LP (Themes) mit Ritualaufnahmen bei, die mit Menschenknochen, Kopfjägerflöten, Tempelglocken und ähnlichem eingespielt waren.http://www.discogs.com/Psychic-TV-Force-The-Hand-Of-Chance/release/188301 Am 2. Oktober 1982 trat die Band dann erstmals öffentlich aufDokumentiert ist der Auftritt in einem kurzen Ausschnitt auf Mission Is Terminated / Nice Tracks, Nice Label, EX 29 LY2, Italien 1983, siehe auch die Liner Notes ebenda. – im Rahmen der von P-Orridge in London organisierten Veranstaltungsreihe The Final Academy mit William S. Burroughs.http://www.beatdom.com/?p=2022
1983 erschien dann das zweite, erneut mit Hilfe zahlreicher klassisch ausgebildeter Musiker eingespielte, Album Dreams Less Sweet bei CBS, das im Zuccarelli Holophonic-Aufnahmeverfahren,http://www.discogs.com/Psychic-TV-Dreams-Less-Sweet/release/186371 einer Art 3D-Stereo, eingespielt worden war. Als Gastmusiker wirkten David Tibet (Current 93) und Monte Cazazza mit, zur festen Besetzung zählten bei dieser Veröffentlichung auch erstmals P-Orridges Ehefrau Paula (Perkussion) und Geoff Rushton (Bass). Wie sein Vorgänger ist auch dieses Album stilistisch facettenreich, von pseudo-gregorianischem Gesang über getragene Klavierstücke und klassische Industrial-Nummern bis zu Klangcollagen aus Wolfsgeheul und Maschinengewehrfeuer. Auch dieser LP lag in erster Auflage eine Bonus-Platte (The Full Pack) bei.
Wegen der aufwändigen Produktion und aufgrund der vielschichtigen Arrangements der ersten beiden LPs konnte das Repertoire nicht adäquat live gespielt werden, so dass die Band in den ersten beiden Jahren kaum auftrat. Als erster regulärer Auftritt als Live-Band gilt das Konzert im Ritz in Manchester am 6. November 1983.http://www.discogs.com/Psychic-TV-Live-At-Thee-Ritz/release/3944340 Erstmals in Deutschland waren Psychic TV am 2. Dezember 1983 in Berlin beim Berlin-Atonal-Festival zu hören. Das Konzert wurde 1984 in Ausschnitten auf zwei LPs (Berlin atonal Vol. 1 und 2) veröffentlicht.
mini|120px|Schema des von Band und Temple gewählten Kreuz-Logos Für WEA und CBS waren die ersten beiden Studioalben kein überragender kommerzieller Erfolg, so dass von Seiten der Plattenfirmen versucht wurde, Einfluss auf die weitere Entwicklung der Band zu nehmen. Um dem zu entgehen, gründeten P-Orridge und seine Mitstreiter 1984 ihr eigenes Plattenlabel Temple Records. Ziel des Labels war außerdem, durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen die Bootlegger-Szene zu unterlaufen.„...a series designed to beat the bootleggers...“, vgl. auch http://www.discogs.com/Psychic-TV-Live-In-Tokyo/release/93097 Dazu wurden neben dem künftigen Vinyl auch rund 100 verschiedene Cassetten vertrieben – zumeist mit Liveaufnahmen, aber auch mit Interviews und Lesungen sowie Anleitungen zum Bau von Gysins Dreamachine. Managerin von Temple Records war Paula P-Orridge, als Vertrieb und Propagandainstrument sollte die Organisation Thee Temple ov Psychick Youth (TOPY) dienen, der man den Anschein einer sektenähnlichen Gruppierung gabEigendarstellung vgl. https://www.ain23.com/topy.net/index.html und die neben oftmals okkult und ideologisch gestalteten Platten- und Kassettenkatalogen (Temple Bulletins) auch rein okkulte Schriften wie das Grey Bookhttps://www.sacred-texts.com/bos/bos626.htm verbreitete. Zur Aufnahme in den Temple wurden verschiedene Initiationsriten eingefordert, zum Beispiel die Einsendung eines sigillenmagischen und mit Körperflüssigkeiten gemalten Bildes.https://www.ain23.com/topy.net/23_sigils.html
Der religiöse Bezug von Psychic TV drückt sich auch im Logo der Gruppe (Psychic Cross) aus, einem senkrechten Balken mit zwei langen und einem kurzen Querbalken in der Mitte, der von Musikern wie Fans als Tätowierung oder als Carving getragen wurde. Das Kreuz wurde von Genesis P-Orridge entworfen. Er sieht darin als Komponenten das christliche Kreuz und das umgekehrt stehende satanische Kreuz, außerdem auch eine Anlehnung an ein ähnliches Kreuz auf der Verpackung des in den Konzentrationslagern verwendeten Giftgases Zyklon B. Darüber hinaus bedienten sich die Gruppen antiquiert anmutender Schreibweisen von Worten (thee für the, ov für of, E für i usw.), um die Kommunikation gewissermaßen zu mystifizieren. Psychic TV und TOPY blieben bis 1986 verbunden, danach ging man getrennte Wege, wobei beide Gruppierungen das Psychic Cross als Logo weiterverwendeten.
Mit der Zurschaustellung von Intimpiercings auf der Bühne und in PublikationenAusgiebige Fotostrecken unter anderem bei V. Vale und Andrea Juno: Modern Primitives, Re/Search Publications 1989, im Booklet der Psychic-TV-CD Descending, Sordide Sentimental SSCD001 (1985) oder im Berliner Tempo-Magazin 1986, der Piercing-Ikonografie des Covers von Dreams less sweet und der Zusammenarbeit mit dem Piercing-Aktivisten Alan Oversby (Mr. Sebastian, Sprecher auf Force the hands of chance und Roman P./Neurology)http://www.discogs.com/artist/869093-Mr-Sebastian nahm die Band in den 1980ern schon Themen der Körpermodifikation vorweg, die P-Orridge später noch weiter in den Mittelpunkt rücken würde.
Auf Temple Records und in eigener Regie erschienen 1984 gleich mehrere Veröffentlichungen: die LP N.Y. Scum, die Picture-LP Pagan Day sowie die Maxi-Single Unclean. Auf N.Y. Scum und Unclean war zur Besetzung von 1983 nun noch John Gosling an Tapes und Perkussion dazugestoßen. Die im Vergleich zu den Vorjahren wesentlich einfachere Produktionstechnik schlägt sich auch im wesentlich raueren Klang dieser Veröffentlichungen nieder. Die LP Pagan Day wurde von Genesis P-Orridge und Alex Fergusson an nur einem Tag mit kleinem Instrumentarium eingespielt. Einige Stücke des Albums wurden auf späteren Platten voll orchestriert veröffentlicht.
Die B-Seite von Unclean, das instrumentale Klavierstück Mirrors, entstand als Filmmusik für Derek Jarman, in dessen Auftrag in den Folgejahren noch weitere Titel produziert wurden. Umgekehrt führte Jarman 1984 Regie, als das spanische Fernsehen einen Video zum Psychic-TV-Titel Catalan im katalanischen Cadaqués drehte. Der auf der Bonusplatte zum Album Dreams Less Sweet von 1983 erstmals veröffentlichte Titel thematisiert einen Autounfall von Jordi Valls, der im Videoclip als blutüberströmter Untoter mit seinem tatsächlichen Unfallwagen zu sehen ist. Anschließend waren Psychic TV neben Valls und Jarman in der spanischen Fernsehshow La Edad d’Oro als Interview-Partner und live zu sehen.Charles Neal: Tape Delay: Confessions from the Eighties Underground, Saf Pub 2001. Ebenfalls 1984 wirkten P-Orridge und Burroughs in dem Film Decoder mit, dessen Soundtrack zu weiten Teilen von P-Orridge und Dave Ball von Soft Cell eingespielt wurde.
1984 tourte die Band außerdem auch erstmals ausgedehnt durch Europa. Das Live-Repertoire unterschied sich – bedingt durch wechselnde Musiker und wechselnde Bewusstseinszustände – sehr stark von den Studioaufnahmen, weitgehende Improvisation auf der Bühne war Programm. Die Bühnenshow mühte sich um Entrücktheit und Tabubruch, neben häufiger Nacktheit vor allem durch die Projektion provokativer oder schockierender Videos. Videotapes zählten auch zu den Vertriebsprodukten von Temple Records, darauf waren eigens produzierte Musikclips und Interviews zu sehen und wurden ideologische Schriften verlesen, häufig waren auch gestellte oder echte sadomasochistische Praktiken zu sehen. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte dabei insbesondere der Film Thee First Transmission, der auch die Folterung und Verstümmelung von Kindern zeigt.http://dangerousminds.net/comments/psychic_tvs_infamous_first_transmission_underground_video_very_very_nsfwhttp://www.filmbizarro.com/view_review.php?review=psychictv.php
Ende 1984 verließen Peter Christopherson und Geoff Rushton (der sich nun John Balance nannte) die Band, um sich voll ihrem eigenen Projekt Coil zu widmen. Die Rumpfbesetzung (Genesis und Paula P-Orridge, Alex Fergusson, John Gosling) spielte daraufhin 1985 die LP Themes 2 ein, die an die der ersten LP von 1982 beigelegten Platte mit Ritualaufnahmen anschließt. Themes 2 verwendet Samples aus der Engelssprache nach Enoch sowie Endlosschleifen aus Kompositionen von Alexander Skriabin. Auch Ballettmusik für das Stück Mouth of the Night der Mantis Dance Company, die Genesis P-Orridge gemeinsam mit Monte Cazazza und Roc Standfort eingespielt hatte, wurde unter dem Namen Psychic TV 1985 auf Temple Records veröffentlicht.