mini|hochkant=1.25|Jack Dann Jack Mayo Dann (* 15. Februar 1945 in Johnson City, New York) ist ein in Australien lebender US-amerikanischer Science-Fiction-Autor und Herausgeber zahlreicher Anthologien. Er veröffentlichte über zehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten, Essays und Gedichte. Seine Werke wurden bisher in 13 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Leben Jack Danns Vater war der Anwalt und Richter Murray I. Dann, seine Mutter Edith, geborene Nash. Dann selbst beschrieb sich als „schwieriges Kind in einer sehr kleinen Stadt“. Als Heranwachsender war er Mitglied einer örtlichen Jugendbande. Als bei einem Vorfall mit Abbrennen von Feuerwerk Menschen verletzt wurden, wurde er vor die Wahl zwischen Militärakademie und Besserungsanstalt gestellt. Er entschied sich für das Militär und blieb dort zwei Jahre.
Im Anschluss begann er ein Theaterstudium in New York City. Während des Studiums erkrankte er 1965 an einer Bauchfellentzündung als Folge einer schlecht durchgeführten Blinddarmoperation. Er überlebte und verbrachte vier Monate Rekonvaleszenz auf einer Krankenstation, auf der sich mehrere Mafiosi von einer Schießerei erholten.
Nach seiner Genesung zog er nach Binghamton, New York, setzte sein Studium fort und schloss 1968 mit dem Bachelor in Sozial- und Politikwissenschaften ab. Die meiste Zeit der nächsten 30 Jahre lebte er in Binghamton, immer wieder unterbrochen durch Auslandsaufenthalte, der längste drei Jahre in Malaysia.
Ersten Kontakt mit Science Fiction hatte er bereits in früher Jugend durch die Bibliothek seines Vaters. In den späten 1960ern lernte er eine Anzahl namhafter Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller kennen, unter anderem George Zebrowski, Pamela Sargent, Gardner Dozois, Jack C. Haldeman II und Joe Haldeman. Zebrowski und Sargent hatten gemeinsam mit Jack Dann an der Binghamton University studiert. Kurze Zeit später kam es zu ersten gemeinsamen Arbeiten mit Zebrowski, von denen 1970 die beiden Kurzgeschichten Dark, Dark the Dead Star und Traps im Magazin Worlds of If erschienenen. Zebrowski war es auch, der ihn in die Welt der Science-Fiction-Conventions und Fantreffen einführte. Dann ist seitdem ein fester Teil des SF-Fandom und dort auch sehr engagiert.
1974 veröffentlichte er seine erste Anthologie Wandering Stars, 1977 folgte sein erster Roman Starhiker. Er hatte zuvor eine Zeit lang als Reisevertreter arbeiten müssen, da ein Verlag zunächst Interesse am Exposé des Romans bekundet, er daraufhin den Roman geschrieben und derweil Schulden gemacht hatte und als der Verlag den Roman dann doch nicht kaufte, Dann sich in finanziellen Schwierigkeiten befand.
1994 zog Dann nach Melbourne und dort mit Janeen Webb zusammen, einer Science-Fiction-Schriftstellerin und -Kritikerin, die er in San Francisco kennengelernt hatte und 1995 in zweiter Ehe heiratete. Seit dieser Zeit arbeiteten die Eheleute gemeinsam an vielen Projekten rund um Science-Fiction und sind sehr bekannt im australischen Fandom.
Von 1970 bis 1975 arbeitete Dann als Redakteur für das Bulletin der Science Fiction and Fantasy Writers of America, von 1970 bis 1972 als Redaktionsassistent, danach bis 1975 war er Chefredakteur. Seit 1994 ist er beratender Redakteur für Tor Books.
Gegenwärtig lebt Jack Dann auf einer Farm in Victoria, verbringt aber auch regelmäßig Zeit in Los Angeles und New York.
Werk
Überblick
Dann ist vor allem bekannt als Herausgeber von Anthologien in den Genres Science Fiction, Fantasy und Horror.
Seine erste Anthologie Wandering Stars: An Anthology of Jewish Fantasy and Science Fiction (1974) enthält Geschichten von jüdischen Autoren und Geschichten, die sich mit dem Thema Judentum befassen und war in den 1970er Jahren sehr erfolgreich. 1981 folgte mit More Wandering Stars: Outstanding Stories of Jewish Fantasy and Science Fiction eine weitere Sammlung jüdischer Geschichten. 2000 gab er zusammen mit Grania Davidson Davis Everybody Has Somebody in Heaven: Essential Jewish Tales of the Spirit, eine Sammlung von Erzählungen Avram Davidsons. Trotz seiner jüdischen Wurzeln und einer Affinität zu den kulturellen Themen des Judentums beschreibt Dann sich selbst als Atheisten oder „bestenfalls“ einen Agnostiker.
1987 gab er gemeinsam mit seiner ersten Ehefrau, Jeanne Van Buren In the Field of Fire heraus, eine Sammlung von SF- und Fantasy-Geschichten, deren Thema die Verarbeitung des Vietnamkriegs war, und die 1988 für den World Fantasy und den Locus Award nominiert wurde. Zusammen mit Ramsey Campbell und Dennis Etchison gab er die Horror-Anthologie Gathering the Bones heraus, die vom Library Journal in die Liste der Best Genre Fiction of 2003 und in die engere Wahl zum World Fantasy Award kam.
Als Herausgeber von Anthologien ist Dann aber vor allem bekannt durch eine zusammen mit Gardner Dozois herausgegebene Serie von Themen-Anthologien. Die meisten Titel der Serie erschienen bei Ace Books. Da die ersten Bände verschiedene Arten magischer Wesen wie Einhörner und Meerjungfrauen zum Thema hatten, ist die Serie auch als Magic Tales Series bekannt, aber auch als Exclamatory Series wegen der Ausrufezeichen () im Titel, zum Beispiel Aliens!, Unicorns!, Magicats! etc. Die Anthologien decken ein breites Themenspektrum von klassischer SF bis Fantasy ab. Sowohl die Bände als auch die einzelnen Storys haben jeweils ein Vorwort der Herausgeber.
Die ersten vier Romane von Dann waren Science-Fiction. Erst mit Memory Cathedral 1995 wandte er sich Erzählungen alternativer Geschichte und Formen des magischen Realismus zu. Mehrere seiner Romane basieren auf Kurzgeschichten.
Neben den von ihm herausgegebenen Anthologien und seinen Romanen schrieb Dann über 100 Kurzgeschichten, Novellen und Erzählungen. Sie erschienen unter anderem im Omni, dem Playboy und vielen anderen Zeitschriften und Anthologien. Eine erste Sammlung erschien 1980 mit Timetipping, weitere Sammlungen folgten.
Danns Gedichte wurden in vielen verschiedenen Magazinen und Sammlungen abgedruckt. Er schrieb 1978 ein eigenes Lesebuch Christs and Other Poems. Ein Großteil ist in The Anthology of Speculative Poetry und Rod Serling Presents The Twilight Zone Magazine erschienen.
Seit seinen ersten Zusammenarbeiten mit George Zebrowski hat Jack Dann mit vielen anderen Autoren zusammengearbeitet, unter anderem mit Susan Caspar, Gardner Dozois, Jack C. Haldeman II, Michael Swanwick und seiner Frau, Janeen Webb. Dann und Webbs Kurzgeschichte Niagara Falling gewann den Aurealis und den Ditmar Award. Die meisten Zusammenarbeiten mit anderen Autoren waren Kurzgeschichten, von denen Dann mit The Fiction Factory 2005 eine Auswahl herausbrachte.
Seine Geschichten erinnern vom Stil her manchmal an Kafka oder Borges, können sehr komplex und anspruchsvoll und oft auch geheimnisvoll und nicht vorhersehbar sein. Dann verwendet gerne surreale, traumhafte oder halluzinatorische Elemente und spielt mit verschiedenen Realitätsebenen, verwischt den Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Wahrnehmung und es entsteht das Gefühl, das nichts so ist, wie es scheint. Sprache und die Bilder haben eine poetische Qualität, dennoch ist seine Ausdrucksweise präzise und er kann sowohl dem Dunklen und Düsteren als auch dem Hellen und Heiteren zugleich Raum geben.Roger Zelazny: Introduction. (Einleitung) In: Jack Dann: Timetipping. Doubleday and Company, 1980, ISBN 0-385-14338-9, S. xii-xiii.
Jack Dann ist bekannt für akribische Vorbereitung und umfangreiche Recherche. Besonders in seinen alternativgeschichtlichen Romanen ist das deutlich spürbar. Im Fall von The Rebel: an Imagined Life of James Dean las er über 100 Bücher, um sich in den Zeitgeist und die Mentalität der 1950er Jahre einzufühlen. Wie ein Historiker geht er so weit wie möglich zurück zu den Quellen. Er ist der Auffassung, dass eine Schreibblockade nicht zwangsläufig eine negative Erfahrung ist und meint, es sei eine Aufforderung des Unterbewusstseins an den Autor, mehr Nachforschungen zu einem Thema zu betreiben und über Studien und die Verarbeitung von Erfahrenem den Materialvorrat des Unterbewusstseins wieder aufzufüllen und so später aus diesem neuen Material neue Ideen für kreatives Schreiben entstehen zu lassen.
In den 1960er Jahren beschäftigte Dann sich mit Method Acting, ursprünglich als Lernmethode für Schauspieler konzipiert. Er fand Parallelen zum Handwerk des Schreibens und nutzte die Methode für die Entwicklung seiner Romanfiguren. So verbrachte er ein Jahr bei den Sioux und nahm an deren traditionellen Riten und Zeremonien teil, um seinen Charakter John Stone aus dem Roman Bad medicine authentischer darstellen zu können.
Dann plädiert dafür, dass mehr etablierte Schriftsteller den jungen, aufstrebenden Künstlern in Form von Workshops Hilfestellung geben sollten, einen eigenen Schreibstil zu entwickeln. Viele heutige Science-Fiction-Autoren haben eine Form der Grundausbildung in solchen Workshops erhalten, so auch Jack Dann, der sagt, dass die Teilnahme an solchen Workshops auch ihn geformt hat. Seit er selbst zu den etablierten Autoren gehört, gibt er selbst regelmäßig Workshops und unterrichtet kreatives Schreiben.
Dann hat sich in vielen Genres betätigt und sagt, dass er deren Vielfalt und die sich so ergebenden literarischen Möglichkeiten schätzt. Er lässt sich daher nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen und vermischt in vielen seiner Werke Elemente aus mehreren Genres. Die Zuordnung seiner Werke zu einem bestimmten Genre sieht er in erster Linie im Dienst der Vermarktung und als Orientierungshilfe für die Leserschaft.
Charisma, Erinnerung, Mythos, Verwandlung und das Zeugnis des Holocaust sind Themen, die er für sich gefunden hat oder die bei ihm von anderen gefunden wurden. Er behandelt sie oft als Teil transzendenter Erfahrungen, spiritueller Reisen oder einschneidender Erlebnisse, durch welche die Psyche der Protagonisten dramatisch verändert wird. Viele Geschichten haben junge Menschen als Hauptfiguren, die sich im Laufe der Erzählung psychisch verändern durch Einflüsse, die von Aliens ausgehen, durch Erlebnis einer Offenbarung, durch Traumata oder anderes.
Dann zufolge haben mehrere Autoren sein Schreiben besonders beeinflusst, darunter Jorge Luis Borges, Gabriel García Márquez, J.D. Salinger und J.G. Ballard, vor allem aber Paris – Ein Fest fürs Leben, die Erinnerungen Hemingways an seine Zeit in Paris in den 1920ern hätten ihn stark beeindruckt. Das Buch las er während seiner schweren Krankheit 1965.
Romane
Starhiker (1977) – Welten-Vagabund 1979 Dann beschreibt die Flucht eines jungen Mannes, der von einer zukünftigen Erde entkommen ist, die von außerirdischen Besatzern beherrscht wird. An Bord eines dieser Alien-Raumschiffe macht er eine Reihe außer- und überweltlicher Erfahrungen, bevor er schließlich zur Erde zurückkehrt.
Junction (1981) – Grenzland der Hölle 1985 Eine frühere, kürzere Version dieses Romans wurde 1974 für den Nebula und den Locus Award nominiert.
The Man Who Melted (1984) – Der schmelzende Mensch 1988 Robert Silverberg schrieb das Vorwort zu diesem Dann-Roman. Er ist im 21. Jahrhundert in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt, in der die „Schreier“ der Menschheit den Tod bringen und das Land verwüsten. Raymond Mantle sucht verzweifelt nach seiner Frau, die er bei einem Angriff der „Schreier“ verlor, eine Begebenheit, an die er kaum eine greifbare Erinnerung hat. Er ist allerdings überzeugt davon, dass sie in irgendeiner Form überlebt hat und begibt sich auf die Suche nach ihr. Die geschilderte Zukunft zeigt ungewöhnliche Formen des Bewusstseins, die Einführung einer neuen telepathischen Realität, verkörpert durch den „Großen Schrei“, und die Veränderung der menschlichen Moral hin zu sehr fragwürdigen Handlungsweisen bis hin zu Spielen mit menschlichen Organen.