mini|Sadiq al-Azm (2006) Sadik Dschalal al-Asm (; gebräuchlichere englische Transkription: Sadiq Jalal al-Azm; * November 1934 in Damaskus; † 11. Dezember 2016 in BerlinProminent Syrian philosopher Sadiq al-Azm died. Associated-Press-Artikel in der Salt Lake Tribune, 12. Dezember 2016, abgerufen am 13. Dezember 2016 (englisch).) war ein syrischer Philosoph, Universitätsprofessor und Menschenrechtsaktivist.
Leben Al-Azm wuchs als Sohn einer wohlhabenden und traditionsreichen sunnitischen Familie in Damaskus auf. An der Amerikanischen Universität von Beirut (AUB) studierte er Philosophie bis zum B. A. 1957, bevor er sein Studium an der Yale University fortsetzte. Dort erwarb er 1959 einen M. A. und 1961 mit einer Dissertation zum französischen Philosophen Henri Bergson abschließend den Doktorgrad (Ph. D.).Jean-Pierre Rondas: Islam’s Satanic Tragedy, as Described in Sadik al-Azm’s Exegesis. In: Ludo Abicht (Hrsg.): Islam & Europe: Challenges and Opportunities. Leuven University Press, Leuven 2008, S. 129 f.
Akademische Laufbahn 1963 kehrte er als Dozent für Philosophie nach Beirut an die AUB zurück. 1968 entließ ihn die Hochschule, nachdem er eine Reihe kontroverser Standpunkte vertreten hatte. Gegen seine Entlassung protestierten Studenten mit einem mehrtägigen Streik.Sami Moubayed: Steel and Silk - Men and Women who Shaped Syria 1900 - 2000. Seattle, 2006, S. 429 Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am von der PLO in Beirut unterhaltenen Zentrum für Palästina-Studien, bis er dort 1970 ebenfalls aufgrund kritischer Meinungsäußerungen entlassen wurde.Ghada Talhami, Sadik al-Azm: An Interview with Sadik al-Azm. In: Arab Studies Quarterly Band 19, Nr. 3 (Sommer 1997), S. 113–126, hier S. 122 (englisch). In der Folge betätigte er sich als freier Autor für verschiedene Zeitschriften, teilweise unter Pseudonym. Von 1977 bis zu seiner Emeritierung 1999 war er Professor für moderne europäische Philosophie an der Universität Damaskus. Er hat an vielen Universitäten der Welt als Gastprofessor gelehrt, darunter 1988–1992 und 2005–2008 in Princeton, im deutschsprachigen Raum unter anderem in Berlin, Bonn, Hamburg, Lüneburg und Oldenburg. 2011/2012 war er Fellow am Käte-Hamburger-Kolleg für Rechtskultur in Bonn,Ehemalige Fellows. Webseite des Käte-Hamburger-Kollegs, abgerufen am 28. August 2015. 1990/1991 sowie 2012/2013 am Wissenschaftskolleg zu Berlin.Preisträger: Sadik Al-Azm. Porträt auf der Website des Goethe-Instituts, 28. August 2015, abgerufen am 13. Dezember 2016 (pdf; 140 kB).
Wissenschaftliches Werk Al-Azm beschäftigte sich intensiv mit der Philosophie Immanuel Kants, zu dem er zwei Bücher in englischer Sprache verfasste und dessen Beitrag zur ideengeschichtlichen Aufklärung ihn maßgeblich beeinflusste.Nachwort von Kai-Henning Gerlach und Walter Saller zu al-Azm: Unbehagen in der Moderne: Aufklärung im Islam. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1993, S. 139. In der Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Bedingungen in der arabischen Welt hatten zu Beginn der 1960er Jahre insbesondere die Schriften des syrischen Marxisten Yassin al-Hafiz prägenden Einfluss auf ihn.Ghada Talhami, Sadik al-Azm: An Interview with Sadik al-Azm. In: Arab Studies Quarterly Band 19, Nr. 3 (Sommer 1997), S. 113–126, hier S. 115 (englisch). Große Bekanntheit erlangte al-Azm durch seine 1968 und 1969 erschienenen Werke Selbstkritik nach der Niederlage und Kritik des religiösen Denkens, mit denen er jeweils zentrale Dogmen des politischen und des religiös-kulturellen Diskurses innerhalb der arabischen Gesellschaft radikal angriff. Selbstkritik nach der Niederlage ist eine Zustandsanalyse der arabischen Welt anlässlich des historischen Einschnitts, den der Sechstagekrieg von 1967 darstellte. Das Werk wurde unter anderem als „eine der eindrucksvollsten und kontroversesten Schriften des arabischen politischen Denkens“Fouad Ajami: The Arab Predicament: Arab Political Thought and Practice Since 1967. Cambridge University Press, Cambridge 1981, durchgesehene zweite Auflage 1992, ISBN 0-521-43243-X, S. 37. und „die schärfste aller Anklagen der arabischen Gesellschaft und Kultur“Malcolm Kerr: The Arab Cold War: Gamal ʿAbd al-Nasir and his rivals, 1958–1970. Oxford University Press, London, 3. Auflage 1971, ISBN 0-19-501475-8, S. 135. bezeichnet. Al-Azm beklagte darin die Rückständigkeit seiner Region und ihrer politischen Führer und forderte eine grundsätzliche Modernisierung, die einen Bruch mit überkommenen Traditionen bedinge. Wichtiger Bestandteil müsse dabei die Säkularisierung der arabischen Gesellschaft sein. Philosophische Unzulänglichkeiten dominanter Religionsauslegungen und ihren hemmenden Einfluss auf die Entwicklung der arabischen Kultur der Gegenwart arbeitete er in seiner Kritik des religiösen Denkens detaillierter heraus. Während der von marxistischen Ideen revolutionärer Befreiung geprägten Phase zwischen den israelisch-arabischen Kriegen von 1967 und 1973 warnte er bereits vor dem Erstarken religiös-konservativer Kräfte in der Politik. Seit dieser Zeit sind viele seiner Schriften in mehreren arabischen Ländern verboten, erfahren jedoch weiterhin eine starke Nachfrage ihrer Leserschaft.
Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb das Verhältnis der islamisch geprägten Kultur zu gesellschaftlicher Aufklärung und Moderne zentrales Thema seines philosophischen Werkes. Dabei beteiligte er sich aktiv an den wichtigsten Debatten, die um die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen geführt wurden und bei denen al-Azm stets gegen die Vorstellung einer Trennung in zwei Welten argumentierte.Nachwort von Kai-Henning Gerlach und Walter Saller zu al-Azm: Unbehagen in der Moderne: Aufklärung im Islam. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1993, S. 144. Ein prominentes Beispiel ist seine Kritik an Edward Saids These zum westlichen Orientalismus: Nach al-Azm stellt Said den Westen ebenso eingeengt und reduziert dar wie das aus dem Imperialismus abgeleitete Orientalismuskonzept, das Said in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt hatte. Zur Veranschaulichung stellte Al-Azm dem ein orientalisch geprägtes Okzidentalismusbild gegenüber. Auch in die Diskussion um die vom iranischen Revolutionsführer Ruhollah Chomeini mit islamischen Religionsvorschriften begründeten Todesdrohungen gegen den britisch-indischen Autor des Romans Die Satanischen Verse, Salman Rushdie, schaltete sich al-Azm mit zahlreichen Beiträgen ein. Als einer von sehr wenigen arabischen Intellektuellen verteidigte er Rushdie dabei vehement.
Politisches Engagement Nach dem Sechstagekrieg von 1967 und unter dem Eindruck des internationalen kulturellen Aufbruchs der Studentenrevolten von 1968 engagierte sich al-Azm in der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und gehörte 1969 als einer von mehreren Syrern zu den Gründern der als Abspaltung der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) gebildeten Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP). Unter der Führung Nayef Hawatmehs vertrat die marxistisch orientierte DFLP im Unterschied zu den übrigen PLO-Parteien die Idee einer Lösung des Nahostkonflikts durch Verhandlungen mit Israel und die Einrichtung eines eigenen Staates in den von Israel seit 1967 besetzt gehaltenen palästinensischen Gebieten. In den folgenden Jahren verfasste er zwei Bücher und zahlreiche Artikel, die sich kritisch mit den Ideologien der palästinensischen Befreiungsbewegung auseinandersetzten.Franck Mermier: Sadik Jalal al-Azm ou la pensée en bataille. Vorwort zu al-Azm: Ces interdits qui nous hantent: islam, censure, orientalisme. Éditions Parenthèses, Marseilles 2008, S. 10, abgerufen am 29. August 2015 (pdf; 459 kB; französisch). Im Jahre 1975 gehörte al-Azm zu den Mitbegründern der Zeitschrift „Khamsin. Revue des socialistes révolutionnaires du Proche-Orient“. Die Zeitschrift, die von Angehörigen der Israelischen Sozialistischen Organisation (Matzpen) und Vertretern einer neuen arabischen Linken herausgegeben wurde, propagierte eine sozialistische Revolution im Nahen Osten. Diese meinte zum einen die Überwindung des historischen Palästinakonflikts: Israel als jüdischer Staat sollte sich in ein Gemeinwesen verwandeln, in dem israelische Juden und palästinensische Araber gemeinsam auf Grundlage von individueller und kollektiver Gleichheit und gegenseitiger Anerkennung leben würden. Zum anderen setzte sich Khamsin für eine Säkularisierung und Modernisierung des gesamten Nahen Ostens ein, um eine Trennung von Staat und Religion herbeizuführen, ethnischen und religiösen Minderheiten Anerkennung und Sicherheit zu garantieren, ebenso wie die Gleichheit der Geschlechter zu gewährleisten.
Kurz nach dem Tod des langjährigen syrischen Diktators Hafiz al-Assad im Juni 2000 schloss sich al-Azm mit führenden Intellektuellen des Landes zusammen, die gemeinsam das „Manifest der 99“ veröffentlichten: einen Aufruf zur Aufhebung des Kriegsrechts, zur Amnestie aller politischen Gefangenen und zur Einrichtung von Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten.Statement by 99 Syrian Intellectuals. al-Hayat, 27. September 2000, via Middle East Bulletin, 5. Oktober 2000, abgerufen am 29. August 2015 (englisch). 2001 war er einer der Erstunterzeichner der in ihren Forderungen noch etwas weiter gehenden „Erklärung der Tausend“.Streitlustiger Aufklärer. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. August 2011, abgerufen am 13. Dezember 2016. 2006 schloss er sich der „Beirut-Damaskus-Deklaration“ an, einem offenen Aufruf zur Beendigung der syrischen Kontrolle über den Libanon.
Nachdem ihn der Ausbruch der in den aktuellen Bürgerkrieg mündenden revolutionären Unruhen in Syrien im Januar 2011 zunächst überrascht hatte,Sadik J. al-Azm: Syria in Revolt: Understanding the Unthinkable War. Boston Review, 18. August 2014, abgerufen am 13. Dezember 2016 (englisch). betätigte er sich aktiv in der demokratischen Opposition gegen Diktator Baschar al-Assad und die erstarkten dschihadistischen Gruppierungen. Er sah den Aufstand gegen das Regime als vom Volk getragene Revolution, die er als sich der politischen Linken zurechnender Intellektueller unterstützte. Nach der Eskalation der kriegerischen Gewalt erhielt al-Azm 2012 mit seiner Frau politisches Asyl in Deutschland. Als Repräsentant des syrischen Schriftstellerverbands war er Mitglied der 60-köpfigen Nationalkoalition syrischer Revolutions- und Oppositionskräfte („Syrische Nationalkoalition“), dem im November 2012 gebildeten Oppositionsbündnis, das seitdem von mehreren westlichen und arabischen Staaten als legitime politische Vertretung des syrischen Volks anerkannt wurde.USA erkennen syrische Opposition an: „Verantwortung übernehmen“. dapd-/dpa-Artikel auf taz.de, 12. Dezember 2012, abgerufen am 13. Dezember 2016.
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